26. Juni 2016

Entgrenzte Horizonte: Ein Leben ohne Normalität

Unerwartete Phantomschmerzen des technischen Fortschritts

Die Erde ist ein Powerhaus. Das wissen wir, seitdem wir entdeckt haben, dass sich ihre Eingeweide wie Kohle, Gas und Öl verbrennen und in titanische Kräfte umwandeln lassen, von denen wir vor zweihundert Jahren noch nicht einmal zu träumen wagten.

Verschieben Horizonte: US-Ölfelder (Original von Arne Hückelheim CC BY-SA 3.0)

In früheren Zeiten mussten wir unsere körpereigene Kraft auf dem Feld oder bei der Jagd ausbeuten, dann folgte die Ausbeutung der Kraft der Tiere und die anderer Menschen. Das ist zum Glück vorbei, das Powerhaus Erde hat uns und zu einem großen Teil auch unsere Haustiere von diesen sklavischen Formen der Energieerbringung entlastet. (Inzwischen kommen wir mit dieser Entlastung so weit, dass nicht nur die körperlichen Kräfte nicht mehr aufgebracht werden müssen, sondern auch die geistigen schon ersetzt werden.) Wenn wir zwar feststellen können, dass sklavische Tierkraft entbehrlich geworden ist, so müssen wir doch festhalten, dass Energiegewinnung als Nahrung aus den Tieren durch technischen Fortschritt erst Recht zu einem mörderischen Höhepunkt gelangt ist, der genau derselben Umkehrdynamik von Ausnahme und Normalität unterliegt wie alle modernen Verschwendungsphänomene.

Was diese Entlastung der Menschheit uns als heute lebende Individuen in der Masse an Annehmlichkeiten bringt, wäre vor wenigen Jahrhunderten noch unfassbar. Ihre primitiven Formen waren einer kleinen Gruppe wie Kaisern und Königen vorbehalten: Die tägliche Verschwendung von Energie, Nahrung und andern Gütern zum einen und die freie Beweglichkeit im Individualverkehr der Kutsche. Das nun beinahe allen Menschen zukommende Recht auf Verschwendung und Beweglichkeit ist das, was wir heute Freiheit nennen.

Denken wir einfach einmal daran, wenn wir uns abends ein heißes Bad einlassen oder mit dem Bier in der Hand und dem Fußball auf der Leinwand ein Steak im Garten grillen oder in unserer vollklimatisierten Kutsche im wohlverdienten Urlaubsstau stehen und dabei Musik hören. Das ist alles nicht normal, das kostet alles ungehörig viel Energie und unser Recht zu dieser Verschwendung leitet sich lediglich aus der gekonnten Umwandlung von Rohstoffen in Energie her. Im Grunde sind wir innerhalb nur einiger Jahrzehnte aus dem Mühsal des Ackerbaus in einem Paradies angekommen und würdigen es nicht. Selbst verdient haben wir das nicht, wir wurden in diese Freiheit hinein geboren. Was ergibt sich daraus für diese Menschen einer neuen Freiheit?

"Sie dürfen und müssen zur Kenntnis nehmen, daß ihr Leben in eine Zeit ohne Normalität gefallen ist. Die Geworfenheit in die Welt des Zuviel wird mit dem Gefühl bezahlt, daß der Horizont gleitet." (Sloterdijk, S. 122)

Die Konsumgesellschaft ist die zur Normalität gewordene Ausnahmesituation der Verschwendung. Ausnahmen werden dadurch zur Normalität, dass sie demokratisiert und dauerhaft werden, also allen immer zur Verfügung stehen. Der Überfluss ist in menschheitsgeschichtlich kürzester Zeit zum Prinzip unseres Seins geworden. Dieses Prinzip entgrenzt uns in all den Hinsichten, die wir Globalisierung nennen, aber es führt auch in individueller Hinsicht dazu, dass unsere eigenen Horizonte nicht mehr die Grenzen unserer Welt bedeuten, sondern sich ständig verschieben. Wir sind nicht mehr in eine Behausung des Dorfes oder eines Landkreises geboren, sondern in eine offene Welt. Lokale Geborgenheiten sind uns abhanden gekommen. Das ist Freiheit, aber es ist auch eine gewisse Form der Obdachlosigkeit.

Lokale Bräuche, Religionen, Sitten und Zusammenkünfte waren das Herz in einer schon immer herzlosen Welt. Dass wir uns danach zurücksehnen zeigen völkische Rückwärtsbewegungen wie der Brexit. Das sind jedoch nur hilflose und sinnlose Reaktionen auf Phantomschmerzen, die nichts Gutes bringen werden. Was wir wirklich benötigen, sind neue Prothesen für unsere amputierten Herzen. Die müssen wir im Vorwärts bauen, wir werden sie nicht im Rückwärts finden.



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Kommentare:

  1. Der Brexit ist für den konsequent richtig, der verstanden hat, wem das Konstrukt EU unterm Strich am meisten nutzt. Dass dabei auch ein paar Krumen für die Untertanen der neuen Feudalherren abfällt, war schon immer Mittel zum Zweck akzeptierter Ausbeutung. Daher würde ich auch jederzeit füreinander Neustart einer europäischen Gemeinschaft auf Basis echten demokratsicher Prinzipien stimmen. Nur fehlt es in D auch daran ...

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  2. Sorry: "für einen" sollte es heißen.

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    1. Naja, ich glaube die Hilflosigkeit und Uneinigkeit, die wir gerade in den UK sehen, sprechen für sich. Wer meint, dass die Brexit-Vorantreiber wie Johnson oder Farage irgend etwas Gutes oder Demokratisches für "die Untertanen" im Schilde führen, muss schon ziemlich naiv sein. Aber das ist ja nicht Gegenstand des Artikels, sondern die Frage, wie können wir den Fortschritt der Menschheit mit Herz für alles Leben weiter betreiben. Ein (Br)Exit aus der EU ist dabei nur ein kleiner Schluckauf.

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    2. Für mich ist das heutige EU-Konstrukt Sinnbild einer Diktatur. Genauer Hinschauen lässt das sofort erkennen ...

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    3. An dem Artikel gefällt mir, dass der Mensch im größeren Zusammenhang mit seiner eigenen Geschichtlichkeit gesehen wird. Technischer Fortschritt begleitet den Menschen, seit er Mensch geworden ist, d.h. Menschsein ohne Technik und technischen Fortschritt ist gar nicht vorstellbar.

      Wenn ich Mensch und Technik als unauflösbare Einheit sehe, dann sehe ich zwei Dinge: zum einen verändert der Mensch die Natur in einem Ausmaß, wie es sonst keinem Lebewesen möglich ist und dabei zerstört er sehr vieles: den halben Planeten, das Klima, die Vielfalt der Arten. Zum anderen verändert sich in diesem Prozess aber auch der Mensch. Geschützt von seiner Technik scheint heute offenbar eine viel größere Sensibilität und Verletzlichkeit durch, als man dies in der Vergangenheit vom Menschen kannte. Im Mittelalter war es bspw. gang und gäbe, dass man aus Hinrichtungen ein Volksfest gemacht hat, zu dem auch kleine Kinder mitgenommen wurden. Im alten Rom hatte man die "Spiele", bei denen man zugeguckt hat, wie Menschen live von Löwen zerrissen wurden. Es gab brutale und Opferriten, auch bei den Naturvölkern. Diese dem Menschen innewohnende Grausamkeit wird heute größtenteils über Bücher, Filme, Videospiele ausgelebt, dh. es kommen in der Realität weniger Menschen zu Schaden.

      Wenn man Mensch und Technik als unauflösbar Einheit sieht, scheint es darauf hinauszulaufen, dass sich ein globaler Superkomplex herausbildet. Durch seine Geschichte hindurch hat sich der Mensch zu immer größeren Organisationseinheiten zusammengeschlossen: Vom Clan zu Städten, zu ethnischen Gruppen, zu Völkern, Staaten, Staatenbünden. Das dürfte früher oder später zu einer Weltregierung führen, was auch der aussichtsreichste Weg ist, einen Atomkrieg zu vermeiden.

      Was mir an der jetzigen Entwicklung nicht gefällt, ist die Rolle, die das Finanzsystem spielt. Das führt zu einer Feudalherrschaft auf höherem Niveau. Die Regierungen samt der EU sind willfährige Diener der Banken, das wurde in der Finanzkrise von 2008 mehr als deutlich.
      Hier sollte es unbedingt zu einer Entflechtung kommen. Autarke regionale Einheiten könnten sich auch frei und ohne Zwang "von oben" zu umfassenderen Strukturen organisieren, so wie sich Organellen in einer Zelle organisieren. Im Moment ist es so, dass der Bürger "von oben" mit immer mehr Gesetzen überflutet wird, die mehr und mehr das Leben des Einzelnen ersticken.

      Der Brexit könnte auch eine Chance zur Umstrukturierung sein, dahingehend, dass kleinere Einheiten wie Länder für sich selber sorgen und beliebig Handelsbeziehungen mit anderen eingehen, wie es für dieses Land passt. Eine Weltregierung wäre dann nur dafür da, übergeordnete Probleme zu lösen, wie den Frieden zu sichern und dafür zu sorgen, dass große Länder die kleineren nicht erwürgen oder aufkaufen. Ich finde es schade, dass die Rückbesinnung auf kleinere Einheiten wie Region oder Land immer mit Nationalismus und Hass gleichgesetzt wird. Man kann das auch einfach mit Diversität in Verbindung bringen.

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    4. Sehr gute Argumente vom fingerphilosoph! Danke dafür. Zum globalen Superkomplex der vernetzten Menschen und Nichtmenschen empfehle ich noch einmal Bruno Latour, aber das kennst du ja schon: Das Verschwinden von Natur und Kultur in der Hybridisierung.

      Im Brexit wie in allen Krisen liegt immer auch eine Chance, das sehe ich auch so. Ich empfinde den Nachschritt auch nicht in der Diversifizierung und Rückbesinnung auf kleinere Einheiten (wenn es denn je jemand so ehrlich und kulturell einordnen würde), sondern in der schamlosen Demagogie, dem romantisch-provinziellen Denken und der reflexhaften Ausgrenzung von anders aussehenden, sprechenden, -gläubigen etc. Der Weg muss weg von der Spaltung hin zu einer Fusion.

      Zum Finanzkapital und seinem Lobbyismus kann man es nicht besser sagen. Solche sind auch die Gründe, die den Ruf von Europa (oder auch dem US-Amerikanischen Establishment) ruiniert. Die Anreize sind zu groß.

      Vielen Dank noch einmal für diesen Beitrag und ich empfehle den fingerphilosophen.

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  3. Ich habe das schon verstanden.
    Ganz persönlich bedauere ich das Schwinden dee Vereine. Ich als fast-Rentner habe nicht mehr die möglichkeit, einen adäquaten schachverein in der Nähe zu finden. Ein solcher war einst ein angenehmer ort, zu dem ich einmal die Woche pilgern konnte. Jetzt kann ich zwar im netz spielen, gegen Leute aus aller Welt, aber es fehlt etwas!
    Eigentlich müsste doch deutlich zu spüren sein, das was fehlt in der Gesellschaft und Alternative müssten spriesen, doch nichts geschieht.
    Was ich persönlich mache, ist in abstaenden einen cd-shop aufzusuchen, wo man über Musik diskutieren kann und etwas "absitzen" kann. Dass die cds teurer als im netz sind macht mir nichts, denn ich "kaufe" ja zugleich etwas, was mir in dieser Landschaft fehlen würde. So manche denken wie ich und frequentieren den laden regelmäßig.
    Gerhard

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    1. Ich habe keinen Zweifel, dass sich mittelfristig neue Strukturen herausbilden werden. Ich kann mir vorstellen, dass zukünftige Alte die Techniken nutzen werden, mit denen sie aufgewachsen sind, um Gemeinschaft herzustellen. Tinder für Bingo oder so. Aber reichen Vereine? Was ist mit Familien, was ist mit spirituellen Gemeinschaften?

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    2. Die Natur geht statt Universität (siehe das Konzept der EU) den Weg der Diversität. So ist es nicht verwunderlich, dass schon in einer Studie 1999 festgestellt wurde, dass etwa 35 bis 40 % der Menschen, so genannte Kulturell-Kreative den Weg der Anarchie gehen. Es geht dabei um Organisationsformen ohne Herrscher, ohne Boss. Siehe etwa Sociocracy oder Holocracy ...

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  4. Hier möchte ich einen Roman der ANDEREN Art empfehlen, der genau diese Symptome des technologischen Fortschritts darlegt und im Kontext des Lebens aller Lebensformen eingehend ANDERS betrachtet. Der Roman nennt sich 'Ich LIEBE meinen Tumor' ... ein Tumor, der Ausdruck der Liebe zum Fortschritt einer Spezies ist, der Spezies Mensch.

    Näheres unter https://ichliebemeinentumor.wordpress.com/

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  5. Im Rückwärtsgang ist Fortschritt leider nur sehr begrenzt oder gar nicht möglich, doch ist Freiheit Fortschritt?
    Ich denke eine offene Welt die vorallem Technisch vorwärtsgerichtet agiert sieht im ersten moment nach Freiheit aus,
    doch je grösser der Bund/Unternehmen (z.b. die EU oder Exxon) desto grösser die Kompromisse und desto kleiner die reelle Freiheit
    des einzelnen. Nur sind wir bereits so an diese Strukturen gebunden das wir gar nicht mehr merken.

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    1. Da ist auf jeden Fall etwas dran! Und das ist auch ein eingebautes "Feature" des Menschen, dass ihm die Kultur und mithin die Institutionen zur zweiten Natur wird und ihm so als unmerkbare Strukturen umgeben.

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  6. Das Spirituelle, Gilbert, ging man in Zeiten meiner Großeltern so an, daß man in die Kirche ging. Meine Großmutter tat das jeden früh und jeden Abend.
    Das heutige spirituelle Angebot liegt nicht mehr um die Ecke. Es ist ein Meditationszentrum, zu dem man hinfahren muß.
    Familiäre Gemeinschaften waren früher auch das Brot der Gesellschaft und boten starke, verlässliche Bindung, auch wenn man weiter auseinander wohnte. Jetzt fehlt auch das, es sei denn, man erkennt unbewusst, das es sich lohnt, solche netze wieder zu ziehen!
    Gerhard

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    1. Das ist so ein persönliches Thema von mir, mit dem ich kämpfe: Wie kann ich solche Netze wieder aufziehen? Die Familien sind zu klein, die Meditationszentren sind voll von esoterischen Spinnern und die Kirche steht vor dem Dilemma, dass sie die Dogmen um den Preis der Beliebigkeit nicht aufgeben dürfen, aber durch dieselben Dogmen moderne Menschen nur noch zum Schmunzeln bringen.

      Wer also Ideen hat, bitte hier patentieren.

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    2. "Die Familien sind zu klein" - das stimmt auffallend. Familien in den Jahren vor dem 2ten Weltkrieg waren oft sehr groß - man hatte so Verwandte fast überall. Und zu allen hatte man eigentlich positiven Kontakt - es gab da m.E. kaum Entzweiendes. Man war den anderen Mitgliedern der Großfamilie gut gesinnt. Ich denke, solch eine Haltung hat etwas Gutes. Man blickte nicht so sehr auf das Trennende, wenn es das überhaupt so gab. Individualität wurde ja nicht so groß geschrieben.
      Heute ist man natürlich anspruchsvoller, geht etwa dem schlichteren oder problematischen Familienmitglied aus dem Weg.
      Ich habe das Schachspiel in der Mannschaft vor vielen Jahren auch aufgegeben, weil ich nicht mehr bereit war, das strenge Fokussiertsein auf die Spielmaterie mitzutragen. So wichtig mir auch das Spiel als Wissenschaft war,: Ich brauchte einen umfassenden Austausch in allen möglichen Wissensgebieten und der war eben überhaupt nicht gegeben.

      Spirituelle Zentren von heute kenne ich nur bedingt, aber ein Philosoph wie Du, der das kritische Denken über alles liebt, kann sich sicher nicht mit Ihnen per se anfreunden. Es sei denn, er freundet sich explizit mit den kritischen Geistern an, die es in jedem Zentrum geben muß!
      Ich habe viele Jahre eine spirituelle Zeitschrift abonniert und solche leute dort auch gefunden!
      Gerhard

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    3. Ich selbst kann das nicht beurteilen, aber wenn man der Literatur der letzten Jahrhunderte trauen kann, dann war der Zwist eher die Normalität in der Großfamilie. Was aber nicht heißt, dass sie nicht zusammen hielt, wenn sie von außen bedroht war. Aber egal, dieser Zersetzungsprozess ist unumkehrbar.

      Es ist unfair von mir, alle "Spirituellen" über einen Kamm zu scheren, das ist mir klar.

      Ich sehe das ähnlich wie Claudia unten: Die Technik kann tatsächlich auch Menschen zusammenführen und ich bin gespannt, was da noch so kommt. Ich denke z.B. an so eine Art Airbnb für zeitlich begrenztes Zusammenwohnen von alten Menschen oder irgendwelche heute noch unvorstellbaren Apps für gemeinsames Sinnerleben. Alain de Botton hat dazu mal auf einer Samsung-Konferenz dargelegt, was die Technik abzubilden hat, damit sie relevant wird: Wir müssen die Technologien mit der Weisheit fusionieren.

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    4. Ich kann die Trendbeobachtung des Artikels durchaus nachvollziehen, auch als relativ junge Generation (Anfang neunziger). Jedoch denke ich, dass die Beliebigkeit in der Zugehörigkeit ein Spannungsfeld aufbringt, dass hauptsächlich durch die Eigeninitiative und individuelle Selbstbehauptung bewältigt werden kann. Die Trends, die ich wahrnehmen kann, zeigen mir, wie "man" sich neuerdings selbst versteht - aber wie steht es um mein Leben? Bin ich dazu in der Lage, verlässliche Freundschaften zu pflegen, meinen Familienmitgliedern Zusammenhalt zu zeigen, etc.? Vielleicht war es damals einfacher, sich auf gegebene Sozialstrukturen zu verlassen, aber heute können wir die Situation vielleicht als Möglichkeit zum kreativen Schaffen in der Zukunft begreifen, wie Gilbert ja auch abschließt.

      Und mich stößt tatsächlich die Romantisierung der kirchlichen Gemeinschaft/Sangha etc. Es hat schon immer dogmenblinde und manipulierte, aber auch manipulierende Mitglieder dieser Gruppen gegeben. Der Einzelne wird durch die soziale Makroebene bestimmt, verändert sie aber auch gleichzeitig durch sein VErhalten. Dem "Erleben von Gott", dem spirituellen Erleben stand schon immer die Menschwerdung gegenüber, mal in der heiligen, mal in der missbrauchend-verfälschten malignen Form.
      Ich kann mir also die Frage stellen: Was kann ich tun, um meinen Geist, meine Augen und mein Herz und die der anderen zu öffnen?


      Das als Gedanken zum lebenspragmatischen Verständnis des Artikels, das anthropologische wirft ja glaube ich noch viel viel mehr Disskusionsraum auf.

      Julian

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    5. Danke, Julian, für diese Frage: Was kann ich tun, um meinen Geist, meine Augen und mein Herz und die der anderen zu öffnen? Würden wir uns das öfter fragen und dazu auch im Alltag hier und da schnelle, kleine und auch mal große praktische Antworten finden, wäre diese Gesellschaft ein Stück besser. Gute Fragen stellen, ist aber nicht einfach und gerade unter den täglichen "Sorgen" und "Besorgungen" schnell begraben.

      Nur zu, wenn du auch Gedanken zur anthropologischen Diskussion beisteuern möchtest!

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  7. Um neue "Prothesen für unsere amputierten Herzen" zu bauen, wäre ein bisschen mehr Selbsterkenntnis angebracht. Dass wir "herzlos" sind, ist in dieser Hinsicht, denke ich, schon mal ein Schritt auf dem richtigen Weg. Man kann sich auch fragen, ob die Natur ein Herz für ihre Geschöpfe hat, das würde ich ebenfalls verneinen. Stattdessen würde ich im Zentrum aller Dinge einen unvereinbaren Widerspruch vermuten, um den herum sich das SEIN, das Leben entfaltet. Wenn alle Entwicklung im polaren Zusammenspiel gegensätzlicher Kräfte geschieht, besteht die Aufgabe darin, sich zwischen den Polen aufzuspannen und den Spagat zu wagen. Ich denke, mit so einer Sicht auf die Welt, könnte die Entwicklung weitergehen. Sie ist blockiert, weil wir uns in die Idee der Einheit(lichkeit) verrannt haben. Diese Idee lähmt. Denn aus dieser Idee der Einheit heraus akzeptiert man den Anderen nicht als Anderen, sondern will ihn ins Eigene verwandeln. Das können die meisten Anderen nicht sonderlich gut vertragen und deshalb zerfallen Bindungen.

    Die Gnosis mit der Idee vom vollkommenen und allumfassenden Gott, von dem mindere Kräfte abgefallen sind und die Welt erschaffen haben, hat uns im Westen schweren Schaden zugefügt. Im Grunde zehren wir geistesgeschichtlich ja immer noch von den alten Griechen mit ihrem polytheistischen Götterhimmel, was sich auf das Wohl einer Gesellschaft offenbar positiver auswirkt als die Einheit, die zudem oft als Gleichmacherei endet.

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    1. Gar keine Frage, dieser Monismus aus einer simplifizierten Mystik ist dumm, manifestiert sich im besten Fall im westlichen Missverständnis des Mode-Buddhismus' oder schlimmer noch im Entweder/Oder des Assimilieren oder Auslöschen.

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  8. Wenn man diese "alten Netze" wie Familie, Religion, selbst Vereine näher betrachtet, stellt man fest, dass es sich in aller Regel um Notwendigkeiten handelte, um selbst zu überleben oder zumindest besser zu leben. Diese traditionellen Verbindungen waren notwendig, weil es keine Sozialversicherung und keinen fürsorglichen Staat gab. Große Familien, die zusammenhielten, Fromme und Vereinsmeier hatten Vorteile, weil sie einander "Pöstchen" zuschieben konnten. In Ländern, wo Familienclans immer noch die tragende Rolle spielen, ist Korruption weit verbreitet. Wenn die Notwendigkeiten wegfallen, zerfallen auch die Netze. Es war also nicht das "Herz", das die Leute zusammenhielt, sondern durchaus schnödes, vielleicht unbewusstes Vorteilsdenken. Der Sozialstaat und die technischen Möglichkeiten bringen in dieser Hinsicht eine Wahrheit über uns selber an den Tag.

    Mal angenommen, es würden für alle meine Bedürfnisse tragfähige technische Lösungen gefunden: den Pflegeroboter, der die polnische Pflegekraft ersetzt, den Kommunikations-Bot für Ansprache und Diskussionen, den elektronischen Hund zum Streicheln (der wird in der Pflege in Japan übrigens schon eingesetzt) - ich frage mich ernsthaft, ob meine Hilfsbereitschaft nicht zumindest teilweise daher rührt, dass ich insgeheim glaube, früher oder später selber in eine missliebige Situation kommen zu können, in der ich andere brauche. Ist mein Mitgefühl also von magischem Denken geprägt? Und dann stelle ich fest, dass mein sogenanntes "Herz" in Sentimentalität, Kitsch und eben esoterische Spinnereien abdriftet, sobald die Notwendigkeiten wegfallen.

    Was für ein menschliches Anliegen gibt es, das Bots nicht erfüllen können, sondern ausschließlich andere Menschen? Mein Versuch einer Antwort: Einander aushalten, ohne einander verändern zu wollen. Es ist meistens nicht so einfach, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Gerade dieses Aushalten aber gibt dem Leben Intensität und Tiefe. Technisierung führt dazu, dass ich nicht mehr durch Notwendigkeiten gezwungen werde, den Anderen auszuhalten. Ein Bot hält zwar mich aus, aber er selber ist ja so, wie ich ihn haben will und wenn nicht, programmiere ich ihn um. Die neue Prothese könnte also etwas mit einer "Kultur des Aushaltens" zu tun haben. Das ist aber keine Sache des "Herzens". Diejenigen, die angeblich "viel Herz haben" halten meist überhaupt nichts aus.

    Es wäre eine eigenartige neue menschliche Qualität, Andere freiwillig auszuhalten, ohne dass eine Notwendigkeit dahintersteckt. Diese Qualität würde überhaupt erst durch Technik ermöglicht.

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    1. Sorry, ich hab erst im Nachhinein gesehen, dass Du das "Aushalten" in dem von Dir angegebenen Link bereits thematisiert hast. Und dann bin ich auch noch dreimal rausgeflogen, bevor es mit dem Kommentar geklappt hat.

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    2. Wir sind immer noch Primaten und als solche Hordentiere: sozial bedürftig, keine Einzelgänger, sondern erpicht darauf, von Anderen gesehen, respektiert und bestenfalls geliebt zu werden. Deshalb wird die technisch rundum versorgte Person niemals wirklich glücklich sein (gläubige Eremiten bestätigen als Ausnahme die Regel).

      Für das schwindende Gefühl von Gemeinschaft erzeugt der Plattformkapitalismus ja gerade neue Formate für "Gemeinschaft on demand". Z.B. Portale für Menschen, die sich verabreden, um einander zu bekochen. Dass sich so dauerhaftere Bindungen ergeben ist vermutlich so wahrscheinlich wie die "große Liebe" beim Speed Dating zu finden. Aber seis drum... besser als Nichts.

      Dann gibt es ja immer noch all die Usergruppen, Interessengruppen, Hobbyisten, die durch gemeinsame Vorlieben und/oder Ziele verbunden sind. Nicht alle Schachclubs sind verschwunden und übers Netz formieren sich viele Communities, die auch Offline-Treffen veranstalten.

      Neuerdings versuchen diverse "StartUps" auch, in hyperlokalen Nachbarschaften Teilnehmende zu gewinnen, gemeinsame Aktivitäten und Kennen lernen im direkten Umfeld zu ermöglichen. In meiner Umgebung haben sich hunderte Leute angemeldet, aber es passiert eher wenig. Man möchte eben doch nicht die städtische Anonymität total aufgeben und womöglich beim Bäcker auf den Tweet oder Blogpost von gestern angesprochen zu werden.

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    3. Ja, das sind sehr interessante Gedanken. Ich denke, dass mich eine tiefe Traurigkeit aus Entfremdung befallen würde, wenn "perfekte Bots" sich um mich kümmern würden. So ähnlich wie in Sartres Ekel, wo sich das Unpersönliche des Helden bemächtigt. Dieses Gefühl, dass die Welt nichts mit mir zu tun hat, die große Gleichgültigkeit. Vielleicht steckt auch so etwas auch hinter dem neuen Begriff der Resonanz, den Hartmut Rosa geprägt hat. Damit etwas in einem anklingt, benötigt man Resonanzkörper und es ist durchaus wichtig, ob die aus Fleisch und Blut sind oder aus Silizium und Kupfer. So wie eine Violine aus Stein nicht klingen würde, sondern den Holzkörper benötigt. Das ist jetzt alles sehr vage und spekulativ und man könnte einwänden, dass die Bots, Roboter oder Humanoiden eben nur "perfekt genug" simulieren müssen. Und vielleicht stimmt das, aber sobald mich ein Zweifel überfällt, dass es sich nicht um andere Menschen handelt, denen ich wirklich "im Herzen" oder "in der Seele" (Philosophen würden sagen "als Qualia") wichtig bin, setzt der Ekel wieder ein.

      Übrigens haben Resonanz und Religion da einen gemeinsamen Nenner in ihrer Wurzel: Die Religion ist das, was den Menschen "rückbindet" an die Welt, die Menschen, das Leben, die Götter. Resonanz und Religion sind somit sehr körperliche Konzepte, in denen unsere Seelen nicht auf wirkliche Körper verzichten können.

      Heute beim Bäcker in der Schlange habe ich dann aber doch meine Kopfhörer auf (damit mich niemand anquatscht) und ich frage mich, wann der Bäcker endlich von Amazon gekauft wird und die Brötchen per Drohne bei mir abgeliefert werden ;)

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    4. Religion lässt den Menschen das Transzendente (Gott, das Jenseitige, das Ewige) suchen und reißt ihn damit aus der Welt (Natur) heraus, bindet ihn also gerade nicht an die Welt zurück. Religion und der Geist-Materie-Dualismus gehören zusammen. Die allermeisten Religionen haben für die Welt doch nur Verachtung übrig. Die Welt ist ihnen bloß ein vorläufiger Ort, den es zu überwinden gilt. Dass der Mensch die Natur rücksichtslos zerstört, hat auch damit zu tun, dass die Religionen über Jahrtausende gelehrt haben, sie gründlich zu missachten.

      Es gibt außer "religare" (Rückbindung) noch eine andere Ableitung, die von "relegere". Cicero bezieht das Wort auf den Tempelkult, den es sorgfältig zu beachten gilt, also auf die gewissenhafte Einhaltung überlieferter Regeln, dies in Abgrenzung zu "superstitio" (Aberglauben). Galilei wurde übrigens wegen Verletzung der Kultpraxis um die Bibel verurteilt, nicht weil er das kopernikanische Weltbild vertreten hat.

      Für mich ist der Mensch das Tier, das gelernt hat, mit Feuer umzugehen. Religion hat m.E. ihren Ursprung im Umgang mit dem Feuer und hier treffen beide Ableitungen zusammen.
      Für die Frühmenschen war einerseits ein Kult (Rituale) notwendig, um das Feuer zu bewahren. Stichwort: Transport der Glühkohle. Die Kunst, Feuer zu bewahren und es sogar selber zu machen, war im Empfinden der Frühmenschen ein durch und durch religiöser Akt.
      Andererseits war die Entstehung von Feuer mit gewaltigen, übernatürlich erscheinenden Kräften verbunden (Gewitter, Blitz, Vulkanausbruch) und es konnte schlagartig ganze Waldstriche vernichten. Der Waldaffenmensch, der vom Feuer fasziniert war, machte zudem die Erfahrung, dass nicht nur ein einzelnes Mitglied, sondern gleich die ganze Horde vom Feuer vernichtet werden konnte. Und dann hat Feuer mit den tanzenden Flammen ja was durchaus "Geisterhaftes" und konnte zudem an einer Stelle erlöschen und an anderer Stelle wiederauferstehen. Das hat dem Frühmenschen die Idee des Transzendenten, Übernatürlichen und das Todesbewusstsein eingegeben und den Geist-Materie-Bruch verursacht, aus dem sich zuerst die animistischen, später die Götterreligionen herausgebildet haben.

      Der Mensch ist eigentlich eine tragische Gestalt. Wir könnten diese Tragik begreifen, anstatt uns in immer neue esoterische oder auch wissenschaftliche Spinnereien zu flüchten. Die Tragik besteht darin, dass Feuer und bios unvereinbar sind, weil Feuer das Lebendige vernichtet, der Mensch ohne Feuer aber nicht überleben kann. So sind wir Hin- und Hergeworfene, die unter Entfremdung leiden und sich gleichzeitig Kopfhörer aufsetzen, damit sie nicht angequatscht werden :-) .
      Das ist das Problem, dass wir als Menschheit lösen muss und das verlangt uns eben schon einiges, wenn nicht alles ab.

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    5. Deine Religionskritik ist sehr treffend, besonders der Aspekt der Weltverachtung und Naturzerstörung ist bedenkenswert. Aber auch hier wieder finden wir dieses Seil, das zwischen zwei Polen aufgespannt ist und das wir entlangtanzen können: Natürlich haben die Religionen neben dieser Weltnegierung eben auch ganz weltliche Funktionen der Rückbindung immer gehabt. Vielleicht kommen wir doch mit diesem Begriff des "Aushaltens" nicht nur der anderen, sondern der Spannung insgesamt der Zumutung der modernen Existenz näher. In diesem Sinne würde ich sagen, dieses Hin- und Hergeworfensein ist eben nicht das Problem, das wir als Menschheit lösen müssen, sondern das wir aushalten müssen, mit dem wir umgehen müssen und das wir wo möglich ins Positive wenden können.

      Deine Feuer-Anthropologie ist übrigens Spitze!

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  9. Berlin, Claudia, ist ein anderes Pflaster! Da kommt das Schach in der BRD her, da war es einst groß, megagroß.
    Diese Portale, die Du ansprichst: Ich hatte mal eine Zeit, in der ich VHS-Kurse besuchte und sich nie etwas Weiterführendes daraus ergab. Das war ein Modell, das nicht zog. Portale, um mal hip für ein Treffen zusammenzukommen, was soll das?
    Der Leidensdruck ist einfach noch nicht goß genug, daß solche Startups ziehen. Jeder fragt sich: Soll ich da wirklich tiefer einsteigen? Was bringt mir das auf Dauer?
    Gerhard

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  10. Was unsere "Menschwerdung" angeht, wird die Rolle des Feuers unterschätzt. Das ist ein blinder Fleck in unserer Selbstwahrnehmung als Spezies. Würde man das Feuer als Ursprung von Religion ernsthaft in Betracht ziehen, würde es nach Kopernikus, Freud und Darwin zu einer weiteren "Entthronung" kommen, dahingehend, dass unser Bewusstsein (Geist) doch kein allmächtig-göttliches ist, sondern sich "nur" als der große Überlebensvorteil unserer Spezies entpuppt, der sich im Umgang mit dem Feuer entwickelt hat. "Nur" ist hier bewusst in Anführungszeichen gesetzt.

    Die "Feuer-Anthropologie", wie Du es nennst, ist für mich die rote Linie, anhand derer ich die Geschichte der Menschheit viel besser verstehen kann und auch besser verstehe, wo ich selber stehe.

    Meines Erachtens lassen sich drei große Phasen unserer Menschwerdung, die im weitesten Sinne gleichzeitig eine Art "Vercyborgisierung" ist, unterscheiden:

    1. Phase: der Frühmensch lernt, Feuer zu machen, und entwickelt Sprachformen, die über bloße Laute hinausgehen, um das Leben der Horde rund ums Feuer und Kochen zu organisieren. Der Umgang mit Feuer erzwingt den Prozess, den wir als Lernen kennen. Dabei kommt ihm eine Mutation, die zur Auffaltung der Großhirnrinde führt, entgegen.

    2. Phase: der Homo sapiens sapiens lernt Metallverarbeitung und die Herstellung von Keramik mittels Feuer. Die Folgen dieser beiden Techniken sind Agrarisierung, Sesshaftwerdung, Städtegründung. Ohne Metallwerkzeuge wäre die Bearbeitung des Bodens unmöglich, ohne Keramikgefäße keine Vorratshaltung, für die Sesshaftwerdung ein sine qua non. Um Agarisierung und Sesshaftwerdung zu managen, entwickelt der Mensch der Bronze- und Eisenzeit die Schrift und vereinheitlicht Maße, Gewichte und Kalender.

    3. Phase: der nachmittelalterliche Mensch erfindet den Verbrennungsmotor und die Dampfmaschine. Erfindungen, die ihm erlauben, Energie aus Technik (statt aus Sklaven, Tieren oder Wind und Wasser) zu gewinnen. Ohne diese Erfindungen wäre die Industrielle Revolution nicht möglich gewesen. Um das industriell gewordene Leben zu organisieren und managen, ist nach Sprache und Schrift auch eine neue Kommunikationsform notwendig: die Digitalisierung. In diesem Prozess befinden wir uns gerade.

    Zwischen dem Frühmenschen (Homo erectus) und den Primaten wie Schimpansen gibt es bereits erhebliche, auch körperlich ausgeprägte Unterschiede. Ebenso unterscheiden sich Bauern von Jägern und Sammlern. Es ist anzunehmen, dass der künftige Mensch sich ebenfalls von uns Heutigen unterscheidet. Der künftige Mensch dürfte m.E. körperlich schwächer und anfälliger sein als der heutige, was aber durch Technik und verstärkte Fürsorge ausgeglichen wird, vielleicht sogar mehr als ausgeglichen wird.

    Ich halte es für einen gravierenden Irrtum, den Menschen von seiner Technik (die sich im Wesentlichen aus dem Umgang mit dem Feuer entwickelt hat) getrennt zu denken. Wir sind keine Tiere mehr, sondern "Kinder des Feuers". Deshalb ist es auch nicht angebracht, unser Bewusstsein auf Tiere, Pflanzen oder gar den Kosmos zu übertragen.

    Ich habe gerade Deinen neuesten Beitrag gelesen, dahingehend, dass Du die Fackel an ein neugeborenes Feuerkind weitergibst :-)
    Gib ihm Flügel und Wurzeln, damit es neue Horizonte entdecken kann, ohne jedoch die Orientierung zu verlieren.

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    1. Danke für deine "brennenden Wünsche", Flügel und Wurzeln, sehr schönes Bild!

      Zu der Feuer-Anthropologie fällt einem natürlich sogleich der Mythos vom Prometheus ein, der dazu wie die Faust aufs Auge passt. Im zweiten Schritt natürlich auch der des Phoenix.

      Übrigens interessant, dass wir den Verbrennungsmotor (nach der Dampfmaschine) erfunden haben und es nun wieder einen Schritt zurück vom selbstgemachten Feuer geben wird: "Mit dem Solarsystem ist unvermeidlich eine Umwertung der Umwertung aller Werte gesetzt - und da die Zuwendung zur aktuellen Sonnenenergie dem Rausch des Konsums vergangener Sonnenenergie ein Ende bereitet, könnte man von einer bedingten Rückkehr zu den alten Werten sprechen... (lies hier weiter)

      Feuer auf der Erde ist immer die Entzündung von fossil gespeicherter Sonnenenergie. Wenn wir jetzt zur Solartechnik kommen, kann man also sagen, das Spiel mit dem Feuer war nur vorübergehend und wir schreiten voran, indem wir uns wieder auf das aktuell verfügbare und unbegrenzte besinnen. Wir wären dann wieder Bauern, nur dass wir nicht die im Korn gespeicherte Lichtenergie ernten, sondern die "reine" Lichtenergie. Was heißt das für die Feuer-Anthropologie?

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  11. Prometheus, Phoenix, auch der Feuer speiende Drache gehört zu unseren mythologischen Feuer-Bildern. Wir brennen vor Liebe, glühen wahlweise vor Hass oder Begeisterung, lassen Dampf ab, haben zündende Ideen, fangen Feuer, legen für andere die Hand ins Feuer. Wir tragen Fackeln. Am Ende erlöschen wir wie Kerzen. Der Letzte macht dann noch das Licht aus, falls es uns nicht sowieso ewig leuchtet.

    Mit der Sonne steht uns eine schier unbegrenzte Energiequelle zur Verfügung. Der nächste Schritt wird sein, diese Quelle so zu managen, dass die Energiegewinnung keinen jahreszeitlich bedingten Schwankungen unterliegt. Energie-bzw. Holzmangel war vor allem in unserer Frühgeschichte ein Problem, wegen eiszeitlich bedingter Versteppung (=Verschwinden der Wälder). Unser heutiges Problem ist bis dato weniger eines des Energiemangels als vielmehr der Vermüllung, denn wir stecken die gewonnene Energie in Prozesse und Produkte, mit denen die gute alte Erde nicht so ohne Weiteres klar kommt.

    Außer Verbesserungen, was die Ernte von Sonnenenergie angeht, wird die nächste Menschheitsphase m.E. von Fusions- statt wie bisher von Spaltungstechnik geprägt sein. Also Verschmelzung statt Verbrennung. Es sei denn, wir bomben uns vorher wieder in die Steinzeit zurück. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich der Mensch damit begnügen wird, Sonnenenergie nur zu ernten.Er wird lernen (wollen), Sonnenfeuer selber zu machen. Da ist er schon eifrig dran.

    Licht und Wärme sind Eigenschaften des Feuers. Um über solche Eigenschaften reflektieren zu können, braucht es ein höheres Abstraktionsvermögen als im Umgang mit einem Holzfeuer. Die geistige Fähigkeit, Eigenschaften aus konkreten Erscheinungen (wie Feuer) zu abstrahieren, hat sich der Mensch in den letzten 10.000 Jahren erarbeitet. Das ist nämlich nicht so selbstverständlich, wie uns das heute vorkommt. Das Abstraktionsvermögen zu erweitern war in der Vergangenheit eine wesentliche Aufgabe der Religionen plus immer ausgefeilterer Techniken wie Metallverarbeitung. Eine der größten menschlichen Denkleistungen besteht darin, anhand der Eigenschaften Licht und Wärme die Sonne als Feuer zu identifizieren. Entsprechend bestand die erste Welle von Hochkulturen aus Sonnenanbetern. Auch die Verehrung von Gold gehört in diesen Kontext.

    Unsere heutige Kultur ist geprägt von einer Strömung, die direkt von der Feuer- zur Lichtanbetung überging. Noch um 2200 v. Chr. wurden meines Wissens im Gebiet zwischen Ägypten und Ur (beides Sonnenanbeterkulturen), also im heutigen Israel, die erstgeborenen Kinder im Feuer geopfert. Davon erzählt die Geschichte von Abraham und Isaak, der ja zum Brandopfer bestimmt war. In Jahwe (brennender Dornbusch, Feuersäule) zeigt sich, wie der Feuerkult allmählich verblasst. Christus ist schon ganz Lichtgott, vor allem da, wo er von der Gnosis übermalt ist wie im Johannes-Evangelium. In der Bibel wird also u.a. der Wandel von der Feuer- zur Lichtgottheit erzählt.

    In der griechischen Mythologie ist Hephaistos der Feuergott, Apollo der Lichtgott. Beide existieren nebeneinander, wenn auch Apollo schon mehr Verehrung zuteil wird als Hephaistos. Das ist eine andere Form des Übergangs. Die Menschheit hat also die letzten paar tausend Jahre darauf verwendet, das Lichtzeitalter vorzubereiten. Unsere Kultur ist wesentlich von den alten Griechen und der Bibel geprägt.

    Ja, es gäbe noch viel zu sagen - ich forsche seit ein paar Jahren privat auf diesem Gebiet. Da Du aber vermutlich gerade mit Windel wechseln voll ausgelastet sein dürftest, mache ich für heute mal lieber Schluss. :-)

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    1. Du hast Recht mit dem Windeln, aber nebenher lesen geht ja :) Sehr interessant deine Ausführungen, vielen Dank dafür. Wenn du willst, könntest du hier ja einen Gastartikel zum Thema Feuer und Philosophie oder so veröffentlichen? Lass mich wissen, wenn dich das reizt.

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  12. Ja, ich schreibe gern einen Gastartikel "Feuer und Philosophie" für diese Seite. Umfang vielleicht 3-4 Manuskriptseiten? Was muss ich beachten? Soll ich Dir den Artikel über die Email-Adresse im Kontaktformular schicken oder gibt es da eine Zeichenbegrenzung?

    Ich habe übrigens auch eine Website, auf der ich auf dem Hintergrund meiner feurigen Gedanken rumphilosophiere. Ist bis jetzt noch ungeordnet und wenig stringent, aber falls es Dich interessiert:

    www.fingerphilosoph.net

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    1. Ich kenne natürlich deine Seite, aber es würde mich eben genau dieses Stringente, eher Kozentrierte deiner Feuer-Anthropologie interessieren. Es gibt keine Zeichenbegrenzung, aber mehr als 3 Seiten sollten es vielleicht nicht werden. Du kannst es an gilbert.dietrich@geistundgegenwart.de senden. Wäre schön, wenn du es allgmeinverständlich halten könntest, denn mein Publikum ist nicht zwangsläufig akademisch philosophisch ausgebildet. Ich freue mich auf deinen Text!

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