6. Dezember 2009

Philosophischer Bezug zum Coaching

Tempel des Apollo in Delphi - Foto von Patar Knight


In welchem Bezug stehen das Coaching und die Philosophie und ist das Coaching die philosophische Praxis? Coaching arbeitet immerhin mit der ältesten Methode der praktischen Philosopie: dem Fragen stellen. Sokrates lief durch die Straßen und stellte den Bürgern unaufgefordert Fragen zu Moral und Erkenntnis. Sokrates war nicht bei jedem seiner Mitbürger beliebt, er ging ihnen buchstäblich auf den Geist. Der Coach ist in der bedeutend angenehmeren Lage, dass der Klient zu ihm kommt und um seine Fragen bittet. Was geblieben ist, ist die Methode des Fragen stellens. Der Coach so wie der praktische Philosoph leisten nicht die Erkenntnisproduktion, sondern stellen nur die richtigen Fragen. Letztlich laufen diese Fragen auf die Selbsterkenntnis der Klienten hinaus. Das altbekannte gnothi seauton (erkenne dich slebst) war das Motto der Priesterinnen, die im Tempel von Delphi den Ratsuchenden weissagten.

Nun sollen Coach und Philosoph keinesfalls kryptisch sprechende Priester oder Esoteriker im Trance-Zustand sein, aber die Selbsterkenntnis ist die Grundlage der Antworten auf existentielle Fragen geblieben und die Voraussetzung zum Erreichen der eigenen Ziele. Das Gelingen des eigenen Lebens hängt ab von unserer Reflexionsfähigkeit, sie ist Voraussetzung der Lebenskunst.

Oswald Schwemmer - einer meiner Professoren an der Humboldt Universität - sagte immer: "Wir leben nicht nur, sondern wir führen ein Leben." Damit kommt die Wahl ins Leben und die Aufforderung, das Richtige zu tun. Wählen und entscheiden wir nicht, dann treiben wir durchs Leben und sind den Zufällen und Umständen unterworfen. Im ungünstigen Fall sind wir auch den nicht immer wohlmeinenden Interessen anderer unterworfen, wenn mir uns treiben lassen. Bekräftigt durch Hintergrundinformationen, die wir uns aktiv erarbeiten, wählen wir, was wir als nächstes tun.

Der Philosoph und der Coach sind "Nicht-Spzialisten" oder Spezialisten für's Allgemeine. Sie müssen und sollen gar keine Antworten für das "Was?" haben, können aber sehr wohl Hilfe und Unterstützung beim "Wie?" geben. Philosophen können helfen, dass im Alltag übersehene wiederzuentdecken, das ungewöhnliche nutzbar zu machen und die Denkroutinen und Redensarten zu durchbrechen, die uns oft den Weg verstellen.

Der Begründer der Philosophischen Praxis Gerd B. Achenbach stellt den Bezug zum Coaching noch in einer anderen Dimension her: Es ginge darum "den Gast der Philosophischen Praxis [...] auf seinem Weg weiterzuhelfen. Auf der Seite des Philosophen setzt das übrigens die Haltung voraus, die den andern „ohne Billigung und Tadel" (Goethe) zu würdigen weiß, ohne ihm zustimmen zu müssen." (Was ist Philosophische Praxis?) Mit anderen Worten: Das Urteil zurückstellen und den anderen erst einmal vorurteilsfrei seine eigenen Denkräume erschließen zu lassen. Das ist sehr philosophisch und der perfekte Ansatz auch für den Coach.

Bereits während des Philosophie-Studiums interessierte mich das praktische der Philosophie, die Anwendbarkeit im Lebensalltag. Und ich entdeckte in Gesprächen mit Freunden, dass Philosophie mich auf eine sehr unspezifische Weise dazu instand versetzte, ihnen "auf die Sprünge zu helfen". Zum Beispiel, indem man Redensarten (mein schlimmster Lieblingskandidat: "Hat nicht sollen sein") als solche entlarvt oder die als "wahr-genommenen" Werte und Urteile unserer Eltern und Lehrer (Geld verdienen, Kinder haben, Fleißig sein) hinterfragt. Selbst so trockene Gebiete wie die Logik können einem helfen, Fehlschlüsse zu vermeiden, z.B.:

(A −−> B) −∕−> (¬ A −−> ¬ B)

Oder übersetzt in ein damals relevantes lebensweltliches Beispiel: "Nur weil es stimmt, dass sie etwas für dich empfindet, wenn sie dich küsst, heißt das noch lange nicht, dass sie nichts mehr für dich empfindet, wenn sie dich nicht küsst."

Kommentare:

  1. da bin ich von XING mal hierher gerutscht - spannender blog. Ich hätte kaum zu hoffen gewagt, dass es auch andere gibt, die über Philosophie und Coaching nachdenken....
    Aber nun mein Kommentar:
    Ich denke, dass das Thema "Fragen stellen" der erste, wichtige Schritt durch das Eingangstor einer helfenden Beziehung ist. Wer das aber als Profession ausprägen will, der muss als Coach bewusst im Auge/Kopf und der Zunge haben, woher die Fragen kommen....

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  2. Lesen Sie einen interessanten meinung nach bezüglich der "¨E¨ von Delphi" und "Erkenne dich selbst":

    https://skydrive.live.com/?cid=E39B50D7D9EA3235&id=E39B50D7D9EA3235!120#!/view.aspx?cid=E39B50D7D9EA3235&resid=E39B50D7D9EA3235!121&app=WordPdf

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