13. Mai 2011

Architektur: gemütlich oder sachlich?

Klare Formen, Platz und Licht
Über die letzten paar Wochen bin ich von Dublin in Irland nach Leipzig in Deutschland gezogen. Eine der interessanten Beobachtungen für mich war dabei, wie sehr Architektur unser Leben beeinflusst. Dublin wirkt auf mich immer wie eine sehr alte und ländliche Stadt. Seine Geschichte geht bis ins erste Jahrtausend zurück, ohne dass zwischendurch mal ein Bombenhagel Platz für Neues geschaffen hätte, wie es in den meisten deutschen Städten der Fall war. Dadurch ist in Dublin alles sehr eng, die Häuser sind klein, stehen eng beieinander, auf die Bürgersteige passen kaum zwei Leute nebeneinander, durch die kleinen Gassen zwängen sich die Busse. Ganz anders etwa in Berlin oder Leipzig. Die Städte sind auch alt, aber hier haben ein paar mörderische Kriege aufgeräumt und schon davor mussten die Alleen und Plätze weit gebaut werden, damit die preußischen und sächsischen (später die sozialistischen) Truppen aufmarschieren konnten. In Deutschland hat man Platz, da kommt die Sonne auch Zwischen die Häuser, es gibt weite Plätze und Parks, alles ist einfach ein paar Nummern größer als in Irland.

Höhlen oder Hallen
Das gilt auch für die Wohnungen. Ich habe mir in Leipzig einige Wohnungen von Maklern zeigen lassen und ich war bei fast jeder Wohnung erstaunt vom Platzangebot. Das war ich einfach nicht mehr gewohnt. Außerdem ist mir aufgefallen, dass alle Wohnungen entweder in die Kategorie "Höhle" (gemütlich, warm, etwas verwinkelt und manchmal dunkel) oder in die Kategorie "Halle" (groß, rechteckig, hell, klar und etwas steril anmutend) fielen. Ganz deutlich war ich immer von der zweiten Kategorie angezogen, ich ziehe die Klarheit, das Kühle eindeutig der erdigen Wärme und Gemütlichkeit vor.

Architektur ist idealisisch
Ich lese gerade dss Buch "The Architecture of Happiness" von Alain de Botton. Der behauptet, dass es in der Architektur wie in der Kunst die zwei Gegensätze von Naturalismus und Abstraktion gibt. Ich glaube, das entspricht in etwa meiner Beobachtung von gemütlicher Höhle vs. schlichter Halle. Im Grunde ist die Halle ein abstrakt geplantes Kulturkonstrukt, während die Höhle eine gewachsene Unterkunft ist, in die man einzieht, ohne sie vorher geplant zu haben.

De Botton meint, dass wir in Kunst und Architektur das suchen, was wir vermissen oder anstreben. Architektur, die wir mögen, verkörpert unsere Ideale. Da ist etwas dran: Ich benötige kühle Klarheit in meinem Leben, das Dumpfe und Gemütliche, das Warme verschafft mir ein beengendes Gefühl. Ich benötige klare Formen und Regeln, um mich zu orientieren. Wenn ich in eine gemütliche kleine Hütte komme, dann kann ich das Gefühl der Geborgenheit für ein paar Minuten genießen, dann muss ich aber raus an die frische Luft. Wenn ich in eine der großen und hellen modernen Wohnungen komme, dann merke ich, wie ich tief atme, wie ich mich auch körperlich aufrichte und wie mein Geist frei wird im Anblick der klaren und großzügigen Formen.

Artgerecht leben in Ästhetik und Praxis
Architektur ist zum einen ästhetisch zugänglich, zum anderen muss sie sich aber auch in der Praxis bewähren, schließlich lebt man in ihr und möchte produktiv sein. Aus dieser Komplexität heraus hat sie solch einen enormen Einfluss auf unser Leben und Wohlbefinden. Als Tourist durch ein mittelalterliches Städtchen mit seinen romantischen Gassen und Häuschen mit Miniaturfenstern zu schlendern, ist die eine Sache. In einer modernen Stadt mit Platz, Licht, Grün, Fahrradwegen und freundlichen Quartieren zu leben und arbeiten, ist eine andere Sache. Tourist will ich nur drei Wochen im Jahr sein, die restliche Zeit möchte ich "artgerecht" leben.

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