14. Juni 2011

Mein unfreiwilliger Minimalismus

"Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armut!"

Ich bin eigentlich kein Minimalist und kriege jetzt erst durch verschiedene Blogger mit, dass Minimalismus offenbar ein Trend ist. Das mag auch daran liegen, dass ich keinen Fernseher habe und so die meisten Trends verpasse. Fernseher kosten Zeit und damit bin ich geizig. Inzwischen werden Minimalisten ja schon in Welt der Wunder beim Privatfernsehen gezeigt! Das überrascht mich dann doch. Spätestens jetzt ist also Skepsis angesagt...

Als ich aber Alex Rubenbauers Artikel Minimalismus als Weg zum erfüllten Leben las, wurde mir klar, dass ich im Herzen doch ein Minimalist bin. Bisher meistens unfreiwillig. Das lag daran, dass ich beruflich viel in der Gegend rumzog. Von Berlin nach Rhode Island, dann zurück nach Berlin, dann nach Dublin, jetzt nach Leipzig. Jeder Umzug, besonders der zwischen verschiedenen Ländern, steht dem Anhäufen von Besitz entgegen. Nichts ist furchtbarer, als tagelanges Kisten packen. Schon am angesammelten Staub auf Büchern und CDs sieht man, wie selten man sie in die Hand genommen hat. Wenn man dann nach Jahren irgendwas auf dem Dachboden des elterlichen Hauses findet, von dem man sich damals nicht trennen konnte, merkt man auch wieder, dass einem der Plunder nicht gefehlt hat.

Mir machte es zunehmend Freude, die Dinge loszuwerden. Ich merkte, wie leicht ich mich fühlte, wie frei und mobil. Und wie sehr es mein Gehirn und Geist von Plunder befreite, an den ich nun nicht mehr denken musste. Nietzsche legt nahe, dass der, der viel besitzt auch viel besessen wird. Das ist ein schöner Gedanke, den ich jetzt verstand.


Die letzten sieben Monate lebte ich in Dublin in einem kleinen Verschlag. Ich hatte wirklich fast gar nichts. Ich empfand das erst einmal als prekär und war doch irgenwie stolz, dass ich nur acht Dinge wirklich benutzte. Meine Klamotten passten in einen Koffer, hinzu kamen Hygiene-Artikel, mein Laptop, ein Taschenmesser plus Besteck, ein Reise-Adapter, ein Buch und meine Teetasse. Das war alles. Es ist ein unglaublich befreiendes Gefühl, wenn man weiß, dass man das Leben einfach hinter sich lassen und wo anders hinziehen kann. Aus meiner Bude auszuziehen, dauerte am Ende keine Stunde. Alles was nicht in den Koffer passte, also sich in den sieben Monaten angesammelt hatte, wurde weggeschmissen oder da gelassen. Ich brauchte es sowieso nicht.

Jetzt in Leipzig, seit langem wieder in einer richtigen und permanenten Wohnung, kommt doch wieder einiges zusammen. Fahrrad, Stereoanlage, Küchenkrempel, die Lieblingsbücher. Es ist viel einfacher, Minimalist zu sein, wenn man nicht mit einem Partner zusammenlebt. Denn da kann man einfach keine Filme auf dem Laptop mit Kopfhörer sehen, also "braucht" man einen Verstärker und Lautsprecher. Auch in der Küche kann man nicht wie ein Junggeselle leben, wenn man eine Partnerin hat, mit der man auch mal was Leckeres kochen will. Der Minimalismus passt nicht zum Wurzeln schlagen und das ist, was zwei Leute meist gemeinsam tun. Er arbeitet auch gegen das Erinnern. Denn wenn immer gleich alles wegkommt, was man kurz im Besitz hatte (Fotos, Bücher, Videos, Souvenirs), dann wird es irgendwann schwer, sich zu erinnern. Das kann natürlich auch gut sein.

Trotz alledem: Ich bin jetzt vorsichtig geworden mit neuen Anschaffungen. Sie machen mich nicht glücklich, sie sind Ballast an meinem Bein und auch an meinem Geist, der ja eigentlich hoch soll.

Kommentare:

  1. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass meine Erinnerungen, seitdem ich die meisten Fotos gelöscht habe (mehrere 10.000 davon), nicht weniger wurden. Im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, wenn das Hirn darauf angewiesen ist, liefert es einem die Informationen, von denen man annahm, dass sie längst fort seien, und die man dann im Äußeren suchen würde (indem man Fotos anschaut).

    Alleine in den letzten Tagen war ich überrascht über die Menge der Erinnerungen und wie klar - klarer denn je - sie vor meinem geistigen Auge auftauchten, wenn ich (mal mehr und mal weniger aktiv) danach "fragte". Man entkommt ihnen also im Prinzip nicht. Umso wichtiger ist es also, seine Zeit mit positiven Erlebnissen zu füllen.

    Und: Ich besitze auch Lautsprecher - die ich ebenfalls nicht "brauche", denn mein Computer hat welche eingebaut. Ich kann sie außerdem genauso wenig in einem Rucksack mitnehmen wie mein Schlagzeug, aber solange ich über Dauer hier wohne, habe ich damit kein Problem. Im Gegenteil: Genau wie der Computer und das Schlagzeug gehören die Lautsprecher zu den Dingen, die mir Freude machen.

    Es geht nicht darum, mit Nichts zu leben, sondern mit den Dingen, die einem Freude machen und/oder von großem Nutzen sind.

    PS: Schöner Artikel! :-)

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  2. So habe ich auch einmal gedacht; ich hatte und habe ein gutes Gedächtnis und glaubte beispielsweise, auf die besten Stücke meiner Bibliothek verzichten zu können. Das war ein Irrtum. 20 Jahre später habe ich begonnen, diese Bücher antiquarisch wiederzuerwerben.

    Allerdings habe ich im Laufe meines Lebens auf die eine oder andere Weise sehr viel meines Besitzes verloren und könnte auch heute jederzeit wieder von vorne anfangen; das meiste ist wirklich entbehrlich und an vieles erinnere ich mich überhaupt nicht mehr. Manche Dinge aber gehören irgendwie doch zu mir.

    So habe ich einmal einen großen Teil meiner Dias weggegeben und das später sehr bereut. Der Empfänger war so freundlich, mir Kopien machen zu lassen. Die habe ich in all den Jahrzehnten nicht angeschaut, aber ich möchte sie nicht missen. Eines Tages werde ich sie mir anschauen und vielleicht etwas daraus machen.

    Diese Bilder sind ein Teil von mir, sie erzählen von dem, was ich erlebt habe, wie ich war, bevor ich der geworden bin, der ich gerade jetzt bin.

    Mein Vater hat eine Menge handschriftlicher Bücher hinterlassen. Eines Tages wollte ich etwas damit anfangen. Vor ein paar Tagen habe ich damit begonnen. Das ist eine sehr interessante Erfahrung. Ich publiziere Sprüche, die er geschrieben hat. Das ist ihm wichtig gewesen. Ich lerne ihn auf eine neue Art kennen.

    Minimalismus per se ist wenig hilfreich. Man muss wissen, worauf es ankommt.

    Alex hat das Glück genannt, aber was ist das Glück? Was ist es, dem unsere Sehnsucht gilt, und das wir Glück nennen?

    Gegenstände, das neueste Muss-man-haben, sind es sicher nicht, das ist richtig. Durch Aussonderung unbrauchbarer Konzepte und Gegenstände wird man sich aber dem, was man sucht, nicht unbedingt nähern können. Wenn ich weiß, was ich nicht will, weiß ich immer noch nicht, was ich will.

    Der Minimalismus ist also in dieser Hinsicht überhaupt nicht zielführend und kann es auch gar nicht sein.

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  3. "Wenn ich weiß, was ich nicht will, weiß ich immer noch nicht, was ich will. Der Minimalismus ist also in dieser Hinsicht überhaupt nicht zielführend und kann es auch gar nicht sein."

    Das sehe ich etwas anders. Zum einen ist ja nicht gesagt, dass man (noch) nicht weiß, was man will. Zum anderen kann es sehr hilfreich sein, sich zumindest darüber klar zu werden, was man nicht will, auch wenn man noch nicht weiß, was man will.

    Wer mithilfe des Minimalismus seinen Kopf ein Stück weit frei bekommt und durch die Reduktion von Ablenkungen seine Konzentration auf sein Inneres richtet, der wird bald rausfinden, was ihm wichtig ist und was er wirklich will.

    Meditation wäre für diesen Prozess der Sinnfindung oder Selbsterkenntnis wohl das Mittel der Wahl. Und Minimalismus ist eine gute Vorbereitung auf die Meditation, da er Ablenkungen reduziert und uns "leichter" in die Meditation gehen lässt.

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  4. Ich kann beide hier vertretenen Positionen wunderbar nachvollziehen. Sicher ist es auch so, dass Erinnerung bei jedem anders funktioniert und ich bin jemand der sich sehr gerne visuell unterstützt erinnert. Bei Musik ist das z.B. anders - die Erinnerungen schätze ich meistens nicht und außerdem kann ich mir Musik im Unterschied zu meinen eigenen Fotos auch immer wieder besorgen. Noch krasser ist es mit dem Geruch, der wohl bei jedem eine erhebliche Rolle spielt. Hier ist man meistens auf den Zufall angewiesen, der einen Duft herüberweht, der einen plötzlich erinnern lässt.

    Ich glaube, es hilft, wenn man eine nicht-zwanghafte Einstellung zu Verlust hat. Wenn alles abbrennen würde, finge man eben wieder von vorne an. Der Minimalismus greift dieser Urangst etwas voraus und befreit deswegen von der Sorge.

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  5. Im Studium besuchte ich mal eine Kommilitonin, deren WG-Zimmer in einer Harburger Altbauwohnung sehr licht und leicht eingerichtet war und sich dadurch wohltuend von den üblichen Ivar-unterm-Hochbett-Studenten-Konstruktionen abhob. “Mensch, schön,” sagte ich bewundernd, “du hast so wenig Zeug rumstehen, find ich toll!” “Ja kein Wunder”, sagte sie dröge, “ist ja alles abgebrannt”. Die Arme hatte in ihrer Lüneburger Dachwohnung ein Geschirrtuch auf dem Herd liegen lassen und musste nun ohne die Fotos und anderen Erinnerungen der Schul- und Kinderzeit auskommen.

    Will sagen: so lange es eine Frage der bewussten Wahl ist, ist Minimalismus sicher ungemein befreiend. Aber man muss sich eben auch kennen und darf nicht alle “Sachen” pauschal als erstickenden Ballast verurteilen:

    “Diese Bilder sind ein Teil von mir, sie erzählen von dem, was ich erlebt habe, wie ich war, bevorich der geworden bin, der ich gerade jetzt bin.”

    Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Schmeißt/gibt man solche Sachen weg, geht damit deshalb auchdas Gefühl einher, sich was „aus dem Herzen zu reißen“ – das ist eben eine Manifestation der eigenen Identität. Nun könnte man natürlich sagen: Kann man ja alles digitalisieren, wenn man das noch mal angucken will (ich habe eine Freundin, die das so macht). Aber weiß Gott, wie lange die Speichermedien wirklich halten, und die haptischen Qualitäten sind bei manchen Dingen einfach entscheidend.

    Darum ist das auch ein gutes Motto:

    „Minimalismus per se ist wenig hilfreich. Man muss wissen, worauf es ankommt.“

    Stimmt. Und die Dinge, die man behalten will, kann man ja auch räumlich so verteilen, dass sich im wahrsten Sinne des Wortes „Freiräume“ ergeben, die man dann nutzen kann, wenn es mehr um die Hinwendung zum Inneren geht:

    „Meditation wäre für diesen Prozess der Sinnfindung oder Selbsterkenntnis wohl das Mittel der Wahl.Und Minimalismus ist eine gute Vorbereitung auf die Meditation, da er Ablenkungen reduziert und uns "leichter" in die Meditation gehen lässt.“

    Dass Minimalismus dabei hilft, den Kopf frei zu kriegen, kann ich nur unterschreiben. Mir fällt Meditation in meinem bewusst minimalistisch eingerichteten Zimmer jedenfalls ungleich leichter als neben der Bücherwand in unserem Wohnzimmer.

    Gerade jetzt nach Weihnachten haben die “Dinge” natürlich wieder Hochkonjunktur. Trotzdem kann man sich für´s neue Jahr ja mal vornehmen, regelmäßig auszumisten. Aber vorher löse ich noch meinen 200 € Amazon-Gutschein von der Firma ein :)

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  6. Danke für den Kommentar. Ich glaube, die Geschichte von "die Katze" bringt es auf den Punkt: Es ist immer der individuelle Umgang mit den Sachen, der zählt. Einen generellen Minimalismus gibt es nicht, man muss seinen eigenen finden, wenn man denn will. Und das beginnt im Kopf und nicht bei den Dingen.

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