18. Juli 2011

Die vermeintliche Arroganz der Einzelgänger

Eine Leserin fragte mich, ob ich ein paar Worte zu folgender Feststellung sagen möchte:

Immer wieder stelle ich fest, dass man als introvertierter Mensch als arrogant wahrgenommen wird. Im privaten Bereich ist mir das relativ egal. Dann sollen die Menschen eben mal Ihre Antennen ausfahren [...] In der Arbeitswelt kann das aber zu Problemen führen - diese Fremdwahrnehmung kann die Ausgrenzung verstärken und sogar zu Anfeindungen führen, wie ich leidvoll feststellen musste.

The Poor Lonesome Cowboy
Die Sozialbatterien wieder aufladen

Ich glaube, die Erfahrung, für arrogant gehalten zu werden, hat jeder introvertierte Mensch bereits gemacht. Wenn wir verstehen wollen, warum eher extrovertierte Menschen uns zuweilen für arrogant halten, müssen wir uns zuerst in ihre Lage versetzen: Sie sehen einen Menschen, der insofern anders ist, als sie selbst, als dass er mit seiner Meinung zurückhält, vielleicht sogar etwas verbirgt und der, wenn er etwas sagt, nur sehr durchdachte und irgendwie kluge Sachen sagt.

Klugscheißer
Das kann schon so aussehen, als wenn man es da mit einem Klugscheißer zu tun hat, der sich nicht auf das Niveau des allgemeinen Geredes hinab lassen möchte. Extrovertierte denken eher während des Redens, was eventuell zu einer anderen Quote von Gehalt und Wörtern führt. Dabei ist der Introvertierte gar nicht klüger, sondern zieht es nur vor, sich erst dann zu äußern, wenn er sich abgesichert hat, dass sein Beitrag fundiert ist.

Einzelgänger
Wir sollten auch nicht vergessen, dass uns introvertierten, im Gegensatz zu extrovertierten Menschen, die Auseinandersetzung mit anderen Leuten viel Energie kostet. Wir haben also schnell genug von diesen Menschenansammlungen und müssen unsere Sozialbatterien wieder aufladen. Und wir zeigen das auch. Selbst wenn wir uns nicht entziehen, sprechen unsere Gesichter Bände von der Erschöpfung, die wir im Umgang mit anderen erfahren. Wie sollen die anderen das bewerten, wenn sie die psychologischen Grundkenntnisse nicht haben? Sie denken, dass wir uns für etwas Besseres halten und uns lieber von der Gruppe absondern. Dabei ist es keine Entscheidung, die wir haben, sondern ein energetisches Bedürfnis wie essen oder schlafen. Es geht uns in der Regel weniger darum, uns von den anderen abzugrenzen, als einfach unsere eigene Integrität zu erhalten. Aber woher sollen das die anderen wissen?

Verständliche Vorurteile
Andere können diese internen psychischen Prozesse natürlich nicht sehen und kennen uns vielleicht nicht gut genug. Sie verstehen also das Verhalten nicht als ein Ergebnis psychischer Prägung, sondern sind auf reine Interpretation angewiesen, um sich zu erklären, mit wem sie es zu tun haben. Da ist es nahe liegend, ein Stereotyp wie "arrogant" zur Hilfe zu nehmen. Niemand kann sich ständig damit auseinandersetzen, welche psychische Disposition jemand anders haben könnte. "Arrogant" ist also einfach ein klassisches und verständliches Vorurteil. Halten wir die extrovertierten nicht auch öfter mal für oberflächliche Plappertaschen?

Extrovertiertes Verhalten ist generell besser zu verstehen und leichter zu erklären, als introvertiertes Verhalten. Denn es entspricht eher der gesellschaftlichen Norm und ist per Definition "offen" und "nach außen gerichtet", dem Verstehen also zugänglicher. Introvertiertes Verhalten bietet viel mehr Schatten, viel Verborgenes und Unzugängliches - lädt daher also stärker zu Vorurteilen ein.

Wo kriegst du deine Energie her und wo geht sie hin?

Aufklären und die Präferenzen entdecken
Ich gebe der Leserin Recht: Im privaten Umfeld ist das kaum ein Problem, weil einen die Leute, die man schätzt in der Regel gut kennen und eben wissen, dass man nicht arrogant ist, sondern einfach etwas anders tickt. Im Arbeitsumfeld kann es zu einem Problem werden, wenn bei fehlendem Bewusstsein keine Zeit und Mühe für angemessenes "Team Building" investiert wird. Ich habe bereits einige meiner Teams mit Trainings (z.B. MBTI) bewusst an dieses Thema herangeführt. Die Kollegen haben sich gegenseitig entdeckt, sich erklärt und so erst von den Bedürfnissen und Präferenzen der anderen erfahren. Es gab richtige Aha-Momente, wo Kollegen Dinge gesagt haben wie: "Jetzt verstehe ich dich erst!" Vorurteile hörten damit schlagartig auf. Statt dessen kam es manchmal zu nett gemeinten Neckereien ("Ich weiß, du bist eben so!") und generell zu mehr Verständnis und Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der jeweils anderen.

Wenn der Arbeitgeber solche Sachen nicht anbietet, kann man auch die etwas riskantere eigenverantwortliche Strategie fahren und einfach mal den anderen erklären, wie man tickt. Vielleicht kann man seinen Kollegen auch einen Link zu einem einfachen Persönlichkeitstest schicken, um Verständnis zu entwickeln. Auf diese Art dämmert es vielleicht, das es ganz normal ist, dass nicht alle Menschen gleich sind.

Meine Leserin sagte auch: Eine Idee von mir ist, dass der moderne Mensch nur noch auf die starken Affekte reagiert - auf alles was laut, hell, irgendwie schrill ist - und Schwierigkeiten mit den feinen Tönen hat. In einer anderen Welt wären wir die Weisen. Da ist sicher etwas dran, aber ich denke auch, dass es die Leute, die sich aus der Gruppe und Gesellschaft eher zurückgezogen haben, schon immer etwas schwerer hatten. Nicht jeder in der Gruppe kann ein Schamane sein. Für jetzt und die Zukunft hilft nur Aufklärung über diese psychologische Disposition. Die Weisen der Gesellschaft sind wir introvertierte Menschen aber sowieso. Auch in dieser Welt!


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Kommentare:

  1. "Die Weisen sind wir Introvertierte aber sowieso, auch in dieser Welt!"

    Kaum auszuhalten, diese Arroganz. :D

    Im Ernst: Sehr schöner Artikel! Hätte vor einigen Jahren nicht gedacht, dass es Leute gibt, die genauso denken wie ich und das auch noch öffentlich kommunizieren. Ein Traum.

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  2. Nachtrag: Der verlinkte Persönlichkeitstest taugt meiner Meinung nach nicht viel, denn zufällig habe ich den gestern gemacht und mich bei den beiden Auswahlmöglichkeiten jeweils in beiden Hälften wiedererkannt, wusste also oft gar nicht, wofür ich mich entscheiden soll und was denn nun das Richtige für mich ist.

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  3. Meine Frage -
    Wie kommt man zu einer Definition seiner eigenen Person und damit zu einer Zustandsform dieser (hier introvertiert)? Wie kommt man zu dieser festen Definition?

    Meine Annahme - jeder Mensch besitzt eine Ego - Identität, die sich im Verlauf des Lebens entwickelt. Diese beinhaltet das Selbstbild ( Reflexion) und die dazu gehörige Selbstdarstellung (wie wir jeweils in verschiedenen Kontexten gesehen werden, gesehen werden möchten und in der Lage sind zu interagieren).

    Die "Selbstdarstellung" klingt oft nach Manipulation, im Gegensatz zur Interprtation seiner selbst. Feilen wir aber nicht alle an unseren Persönlichkeitsbildern? Wir lassen uns auf andere Menschen ein, wir stellen dann fest, wie uns das bekommt.
    Bekommt uns etwas schlecht, werden wir eingreifen! Oder uns anpassen! Vielleicht finden wir sogar einen Konsens ( in einer ehrlichen Auseinandersetzung - das ist ein komplizierter Grad. Die Erscheinung der Entlarvung ist noch nicht so fortgeschritten, sie macht dem Menschen jedoch mehr und mehr Problemfelder auf.
    Informationen tragen, aber sie tragen noch nicht sensibel genug.

    Mein Fazit - eine von Vorurteilen befreite Steuerung der Eindrücke, im Sinne der Akzeptanz einer jeden Zuschreibung (EXTRO/INTRO, für mich nicht wahr) - wenn man so will. (S.Z.)

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  4. Schöner Blog, in dem ich mich an einem herrlich regnerischen Tag vertiefe.
    Herzliche Grüße von einer introvertierten, melancholischen Schreiberin, die auch dem Minimalismus nicht abgeneigt ist! :-)

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  5. Vielen Dank, werte Regenfrau! Ich sehe, Sie "bloggen" auch übers Leben. Wunderbar! Mit Bewusstsein gelingt das Leben.

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  6. Den verlinkten Persönlichkeitstest gibt es unter http://www.typentest.de auch in einer ausführlicheren Version, bei der nicht nur zwischen zwei Seiten entschieden werden muss.

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  7. Kommt ganz gut hin: http://goo.gl/XRW0d (Einzige Ausnahme: Ich halte Termine auf die Minute genau ein, auch wenn ich mich gezwungen sah, auf "Ich verpasse Termine oft" zu klicken, weil ich Termine prinzipiell eher nicht so mag.)

    Weiß jemand, welchem MBTI-Typ das entspricht?

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  8. Ja, M. J. wurde auf der anderen Seite auch genannt.

    Muss ich jetzt den Moonwalk lernen?

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  9. Irgendwie stimmen die genannten Berühmtheiten nicht überein, jedenfalls sollte ich wohl INFP (goo.gl/HBGKV) sein. Zum einen habe ich die Tabelle (goo.gl/T831z) mit den englischen Entsprechungen gefunden, zum anderen kam dieses Ergebnis schon mal, als ich vor einiger Zeit den englischen Test gemacht habe.

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  10. Der Beitrag klingt für mich logisch und deckt sich mit meiner Erfahrung mit verschiedenen Menschentypen. Die Dinge werden als Bilder so verpackt, dass ich es sehr gut verstehen und nachvollziehen kann. Finde ich echt gut. Es ist auch nicht so, dass eine Seite verherrlicht wird, was ja bei Gegensätzen oft der Fall ist, um die eigene Seite zu stärken. Nur die Ambivalenz, die dabei (manchmal) empfunden wird, wird nicht angesprochen.

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