20. April 2012

Blinde Flecken und Kriege des Alltags

Andere kennen ist klug.
Sich selbst kennen ist weise.
Was ist der Keim eines jeden Konfliktes und was die Ursache des Scheiterns unserer Utopien? Urs Weth, Autor des Buches Selbst-Reflexion als soziale Kernkompetenz?, weist uns heute auf alltägliche und ursprünglich ganz menschliche Impulse hin: Vorurteile und Abgrenzung gegenüber den vermeintlich anderen haben uns seit der Steinzeit ermöglicht, den Gruppenzusammenhalt zu bewahren und den Fortbestand des eigenen Stammes zu sichern. In einer modernen und globalisierten Welt wird uns das immer mehr zum Verhängnis, ob im Alltag mit vereitelten Freundschaften oder in Bruder-, Bürger- und Religionskriegen.

Jeder Mensch outet sich in seinem Leben mehr oder weniger für bestimmte Dinge, die er tut, fühlt oder denkt (...und die er sich einhandelt). Der Eine fühlt sich dem Buddhismus zugeneigt, der andere dem Christentum. Einer sympathisiert mit dieser Partei, der andere mit jener und ein dritter wieder mit einer anderen. Manche sind angetan von Eisenbahnen und Flugzeugen, wieder andere interessieren sich für Bewusstseinsfragen oder für Philosophie und Psychologie, sind "Sophen", "Isten", uvm.

Die Zuneigung und Abneigungen, die wir im Laufe unseres Lebens schaffen, werden durch viele Faktoren und Einflüsse gebildet. Zwischenmenschlich entstehen auf diese Weise viele, oft ungewollte und verdeckte Konflikte. Durch die Verschiedenheit der Persönlichkeit zum anderen Mitmenschen, entsteht latent ein grosses Abgrenzungspotential, welches sich in den Vorurteilen jedes Einzelnen abzeichnet. Diesen Vorurteilen ist man alleine dadurch ausgesetzt, dass man bestimmte Neigungen und Anschauungen öffentlich macht.

Beispiel: Zwei Menschen begegnen sich und finden sich eigentlich sehr sympathisch. Sie treten offen und vorurteilslos einander gegenüber. Sie treffen sich öfter und sie erzählen ihre Geschichten und Erlebnisse und lernen sich so immer besser kennen. Eines Tages erfährt der eine vom anderen, dass dieser in exakt jener Partei ist, mit der sich der erste überhaupt nicht verbinden kann. Was passiert jetzt? Zwischen den beiden Menschen wird eine Wand geschoben. Diese Wand ist gebildet mit den Inhalt von eben jener Partei (es könnte natürlich auch ebenso gut eine Religion sein, oder eine bestimmte Weltanschauung) und diese werden nun auf den anderen Menschen appliziert. Von jetzt an kann der erste seinen Partner nicht mehr unabhängig und vorurteilslos gegenübertreten. Er blickt ihn zwar an, wird aber getrennt von ihm durch jene Wand. Seine Augen und seine Sinne verlieren die Unvoreingenommenheit und Reinheit der Begegnung allmählich, mit denen sich die beiden vorher noch gefunden hatten. Und diese Wand ist so stark und so dick, so undurchdringlich, dass eine weitere Freundschaft unmöglich wird. Die Kraft der Vorstellung bildet eine Art trennenden Schleier für die Wahrnehmung. Der Freund wird zum Feind, weil der erste nur noch kategorisch denkt und fühlt: "Die sind doch alle gleich!"

Das Unvermögen der eigenen Selbstbeobachtung
Das ist im Grunde genommen in den meisten Menschen verankert, diese Denkweise: Alle Schwarzen sind so oder alle Amerikaner sind so oder alle Türken sind so oder alle Schweizer sind so usw. Die pauschalisierende Beurteilung verdeckt die Wahrnehmung für Mitmenschen und Gruppen. Die Vernunft sagt zwar oft sehr schnell, man sei ja ein offener Mensch, ABER... und dann kommen die vielen "Abers", die meistens auch selbst verdeckt im Schatten der eigenen Persönlichkeit begraben liegen. Es sind oft Verletzungen, die dahinter stehen, persönliche Niederlagen, die damit verbunden waren, schmerzende Erlebnisse usw. Viele grosse blinde Flecken, die man nicht wahrhaben will, verdecken leider häufig den unbefangenen Blick zum Mitmenschen und bilden die vielen, vielen kleinen Kriege, die Schattenkämpfe und psychologischen Spiele, die unsere Beziehungen verseuchen und die wir nicht zu meistern wissen, weil wir den Blick nur zum Gegenüber lenken und nicht in uns hinein!

Es sind die eigentlichen Keime zu den grossen Kriegen, es ist der Zwiespalt und der Konflikt alles Trennenden. Es sind nicht immer nur die offensichtlichen Gegenspieler, die in dieser Weise agieren, sondern im Gegenteil oft die sogenannten "Gleichgesinnten", die sich in Detailfragen verheddern und spalten. Wie viele grosse Ideen und Projekte sind so zugrunde gegangen, weil man nicht mehr konsensfähig war, weil man das letzte persönliche Teilchen des Idealbildes zur "Rettung der Welt" verloren glaubte!

Die Vehärtung und Fixierung im eigenen Vorstellungskomplex steht letztlich immer am Ende jedes Konfliktes, persönlich oder global. Die Unvereinbarkeit von (scheinbaren) Gegensätzen, die mangelnde Flexibilität und Lebendigkeit – und als zentrales Defizit – das Unvermögen der eigenen Selbstbeobachtung, leiten und führen jeden Konflikt und jeden Krieg: im Kleinen, wie im Großen.



Urs Weth ist Hochbauzeichner, Maurer, Bautechniker, Werklehrer und Kunsttherapeut; heute als Kunstschaffender in vielen Bereichen und auch therapeutisch tätig. Zudem Autor zweier Bücher: Ein Fachbuch für Kunsttherapie: Lebendige Prozesse und ein Fachbuch über Selbst-Reflexion – als soziale Kernkompetenz, Wirkstatt-Verlag Basel. Er betreibt den einen Blog zu Fragen über Lebenssinn und Entwicklung. Zur Zeit arbeitet er mit Herzblut an einem Schiffprojekt; Inhalt: Kauf und Umbau eines alten Frachtschiffes zum Zweck eines Transportschiffs für Kultur- und Bildungsgüter auf dem Rhein und anderen Binnengewässern.

1 Kommentar:

  1. Call it fate or make the unconscious conscious:
    https://plus.google.com/102177944572975797324/posts/HSa4mdCy8qN

    Don't waste your breath...
    http://ed.iiQii.de/gallery/Science-TheOnlyNews/JohnRHibbing_unl_edu

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