16. Dezember 2012

Strategien narrativer Psychologie als Lebenshilfe

Wie das Erzählen der eigenen Geschichte zum positiven Erleben hilft

"Wenn du etwas nicht magst, dann ändere es.
Wenn du etwas nicht ändern kannst,
dann verändere deine Einstellung."
Maya Angelou
Unsere im sogenannten Big Five Modell beschriebenen, sehr grundlegenden Persönlichkeitsmerkmale (Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus) bestimmen zu einem erheblichen Teil unser alltägliches Erleben der Welt und unser Handeln darin. Während das bei einigen Merkmalen - z.B. Extraversion oder Offenheit - vor allem eine Frage unseres Umgangs mit der Außenwelt ist, birgt das Merkmal des Neurotizismus bei hoher Ausprägung ein erhebliches Leidenspotenzial. Denn ständige Besorgnis und eine vorwiegend negative Einschätzung der Umwelt und des eigenen Lebens haben verständlicher Weise erhebliche und langfristige Auswirkungen auf die Gefühlswelt der betroffenen Person und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Das heißt also auch, dass kein Persönlichkeitsmerkmal so korrekturbedürftig wäre, wie eine hohe Ausprägung des Neurotizismus. Gleichzeitig ist kein Persönlichkeitsmerkmal so selbstbestätigend und damit schwer zu korrigieren wie die hohe Ausprägung des Neurotizismus. Dennoch: Wo manifestieren sich Persönlichkeitsmerkmale und welche Möglichkeiten haben wir, den schweren Nachteilen einer hohen Ausprägung des Neurotizismus zu begegnen?

Married couple
Wir alle haben Deutungshoheit über unsere Geschichten

Wo manifestieren sich Persönlichkeitsmerkmale?
Über Daniel Nettles Buch, Persönlichkeit - Warum du bist, wie du bist (Kapitel 9), bin ich auf den interessanten Ansatz der narrativen Psychologie gekommen. Dieser Ansatz geht der Frage nach, wie sich das Erzählen und die Geschichten von Menschen auf ihr Selbstbild und die Sinnzuschreibungen ihres eigenen Erlebens auswirken. Die persönliche Lebensgeschichte ist nur eine von mehreren Ebenen, auf denen sich Persönlichkeitsmerkmale manifestieren. Es ist jedoch gerade für den Neurotizismus die Ebene, auf der wir selbstbestimmt am vielversprechendsten eingreifen und korrigieren können. Aber der Reihe nach: Daniel Nettle stellt ein Schema von Dan McAdams vor, das drei Ebenen beschreibt, auf denen Persönlichkeitsmerkmale für uns greifbar werden:
  1. Psychologische Ebene der fünf Hauptdimensionen unserer Persönlichkeit (Big Five)
  2. Handlungs- und Verhaltensmuster, die sich aus diesen Hauptdimensionen ableiten
  3. Ebene des Erzählens: Lebensgeschichte und individuelle Selbstinterpretation
1. Psychologische Ebene
Auf so ein Persönlichkeitsmerkmal wie hoher Neurotizismus können wir auf der ersten Ebene nur wenig Einfluss nehmen, denn es ist zu einem erheblichen Teil genetisch vererbt und zum anderen so früh und intensiv geprägt, dass wir es nie abschütteln können. Wir können höchstens Medikamente nehmen, aber die Auswirkungen einer Welt ohne Neurotizismus haben wir im Artikel Wozu ist Neurotizismus gut? schon geschildert. Etwas Hoffnung liegt im Alter: Der Neurotizismus nimmt bei den meisten Menschen im Alter ein wenig ab, genauso wie Extroversion und Offenheit. Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit nehmen dafür etwas zu.

2. Handlungsebene
Auf der zweiten Ebene kann man bereits eine Menge machen, auch wenn es sehr schwer ist. Zum einen, weil die Erlebnisse von Neurotikern durch ihren Charakter der Selbstbestätigung konsistent negativ sein können und sich aus diesem Kreislauf kein Motiv zur Verhaltensveränderung anbietet. Als Beispiel: Wenn ich immer misstrauisch gegenüber meinen Mitmenschen bin, verhalte ich mich ihnen gegenüber entsprechend und bekomme dieses Verhalten von ihnen zurück gespiegelt, wodurch sich mein Misstrauen als gerechtfertigt zu bestätigen scheint. Warum sollte ich mich also beim nächsten Mal anders verhalten?

Zum anderen, so Daniel Nettle, verlange die Veränderung der Verhaltensmuster, dass die bewussten und ausführenden Funktionen unseres Gehirns die sehr mächtigen, tiefen und oft unbewussten Mechanismen und Bedürfnisse überwinden oder gar stoppen. Das müsse ganz bewusst geschehen und verlange eine große Anstrengung, ohne dass es eine Erfolgsgarantie gäbe. Beispiele für Strategien, die Menschen mit starkem Neurotizismus helfen können, sind Achtsamkeitsmeditation oder auch eine Verhaltenstherapie, um mit dem Neurotizismus besser leben zu können und letztlich die eigenen negativen Gedanken so steuern zu lernen, dass sie nicht in die oben geschilderten Kreisläufe führen. Yoga oder Sport können hier über lange Zeit unterstützen. Das setzt jedoch Selbstdisziplin voraus und die ist nach meinen Beobachtungen oft den Schwankungen von Stimmung oder vermeintlich kleiner Zeitkontingente unterworfen. Wer wirklich unter den Folgen eines hohen Neurotizismus' leidet, der sollte sich nicht scheuen, einen Therapeuten aufzusuchen oder tatsächlich und ernsthaft Meditationstechniken erlernen. Und Therapie und Meditation sind selbst unter professioneller Anleitung echt schwer!

3. Die Freiheit des Erzählens
Am mächtigsten sind wir auf der dritten Ebene, dem Erzählen der eigenen Lebensgeschichte. Hier haben wir die Deutungshoheit, hier können wir interpretieren, wer wir sind, was wir machen und wie das zu bewerten ist. Die narrative Psychologie geht davon aus, dass die Konstruktion einer stimmigen Lebensgeschichte aus vergangenen Erlebnissen im Zusammenhang mit der Gegenwart und schließlich der Projektion in die Zukunft die wesentliche Art und Weise ist, wie wir unsere Identität konstruieren und unsere Beziehungen zur Umwelt mit Bedeutung und Sinnhaftigkeit füllen.

Auch eine solche Konstruktion erfordert bewusstes Herangehen und eine positive Anstrengung, wenn man gewöhnt ist, alles in negative Zusammenhänge zu stellen. Aber man hat eben die Wahl zum Beispiel zurückliegenden Begegnungen mit anderen Menschen Positives abzugewinnen, auch wenn es nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist. Im Erzählen und Interpretieren sind wir frei. Hier sind wir weniger an unsere psychologischen Merkmale gebunden als im Handeln. Man könnte sogar sagen, wir sind weniger an die Fakten oder das, was tatsächlich passierte, gebunden, denn wir können eine Geschichte auch immer erfinden. Viele schreckt dieser Gedanke erst ein mal ab, weil sie ja aufrichtig sein wollen und nicht lügen möchten. Fakt ist aber, dass niemand seine Lebensgeschichte, seine Erinnerungen und Persönlichkeitsentwürfe strikt am Faktischen ausrichtet, sondern immer auch am Gewollten. Wir wollen auch eine gute Geschichte erzählen, schmücken sie aus, fügen etwas Drama hinzu und lassen das eine oder andere Schandfleckchen weg. Außerdem ist uns die Konsistenz unserer Geschichte wichtig, das heißt wir biegen die Fakten etwas zurecht, damit sie mit den Auffassungen, die wir von uns selbst haben und einem wünschenswerten Zukunftsentwurf zusammen passen.

Für Neurotiker ist es nicht selbstverständlich, über sich selbst eine positive Geschichte zu erzählen. Aber es ist möglich, nein es ist nötig, alles von mehreren Seiten zu betrachten. Denn gewöhnlicher Weise betrachten wir unser Leben, unsere Handlungen, ja sogar unsere Gedanken und Wünsche aus einer Perspektive, die wir vermittelt bekommen haben. Die eigene Kultur, die Familiengeschichte und die Werte unserer Gesellschaft sind zwar wichtige Sinnzusammenhänge, aber sie dürfen uns nicht die fundamentale Freiheit verstellen, uns als Individuum zu entwerfen. Wir selbst müssen unser Leben für gut befinden, nicht unsere Eltern, unsere Lehrer oder die Nachbarn. Jeden Tag können wir unser Leben ändern und dort, wo wir es nicht ohne Umstände können, dort können wir unsere Einstellung zu uns selbst und unserer Lebensgeschichte ins Positive ändern.

Erzählen Sie Ihre Geschichte! Deuten Sie um, was Ihnen nicht gefällt! Haben Sie Beispiele für uns, wo Sie die erst nicht ganz so glücklichen Erlebnisse in einen positiven Sinnzusammenhang gestellt haben? Sie wissen schon: Die Bewerbung bei der Firma, zu der Sie unbedingt wollten und dann hat es nicht geklappt und jetzt sind sie froh darüber, denn Sie haben etwas viel besseres gefunden? Erzählen Sie es uns hier unten in den Kommentaren!



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Kommentare:

  1. Interessanter Post! Vor allem Ebene 3 erinnert mich an Mandy Aftels "The Story of your Life - Becoming the Author of your Experience". Da geht es vor allem um das Wie des Erzählens: sie identifiziert drei major plots, love, mastery & loss und zeigt, wie verschiedene Menschen die für sich interpretieren und sich erzählen. Sehr zu empfehlen wie überhaupt das ganze Thema Storytelling, das hier ja auch mit reinspielt.

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    1. Hallo Heike, vielen Dank für diesen Tipp! Das passt wirklich gut, muss ich mich rantasten. Liebe Grüße, Gilbert

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  2. Ehrlich gesagt, tue ich mir irgendwie schwer, wenn ich meine (Lebens)Geschichte umdeuten soll, denn dann ist sie ja nicht mehr meine Geschichte.
    Was ich im Nachhinein als positive Wendung in meinem Leben sehen würde, ist eigentlich nicht sehr spannend für andere Menschen.
    Ich habe meine Kindheit in einer privaten Klosterschule (Volksschule Halbinternat,später Ganzinternat)verbracht. Ich habe diese Zeit nicht so toll in Erinnerung und war meiner Mutter und meinem Stiefvater immer böse deswegen. Heute sehe ich das anders, wenn ich in der Presse von Heimkinder höre die gedemütigt und mißhandelt wurden. Ich war zwar nicht glücklich im Internat, aber ich war gut aufgehoben und kein Schlüsselkind oder mir selbst überlassen.
    Später kamen etliche traumatische Erlebnisse mit meiner Mutter und Stiefvater, wo ich, da ich ja schon außer Haus war, keinen Halt mehr fand,und wo ich noch gern Trost gesucht hätte. Mein leiblicher Vater starb als ich 14 Jahre alt war. Wir hatten ein sehr inniges Verhältnis. Aber er hätte mein Opa sein können, was für mich nie wichtig war.
    Um es abzukürzen, es kam die schlimmste Zeit meines Lebens, da ich kein Talent hatte, für mich den richtigen Partner zu suchen,aber trotzdem eine Heirat zugestimmt habe.Es klappte auch beim zweiten Mal nicht und heute weiß ich, das ich nur Geborgenheit brauchte und stieß so wieder auf viele Probleme. Eigentlich passiert das jeden Tag in unserer Gesellschaft, aber wenn ich mir heute meine Tochter anschaue, bin ich doch sehr stolz auf sie. Wahrscheinlich liegt es an der heutigen Zeit, an der offenen Sicht der Dinge, das sie den Richtigen gefunden hat. Im Nachhinein würde ich sagen, das ich so naiv aus der Klosterschule kam, das eben diese Sachen passiert sind. Ich konnte mich erst mit der dritten Ehe so richtig von meiner Mutter lösen und bei diesem Mann fühlte ich mich auch geborgen. Wir waren 23 Jahre verheiratet und haben drei Kinder, aber es war ein bitteres Ende. Heute bin ich dankbar über meine Tiefschläge des Lebens, denn das Leben ist der allerbeste Lehrmeister und wenn man daraus die richtigen Lehren zieht und lernt zu verstehen, dann war doch das Leben "lebenswert".

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    1. Hallo Traude, ich finde in deinem Bericht viele positive Dinge! und sie sind "nicht bloß Kleinigkeiten". Z.B.das, was du mit dem Kloster verbindest und mit deiner Tochter. Vielleicht können wir alle lernen, noch genauer hinzuschauen und immer mehr Ressourcen und gute Dinge in unser aller Leben zu entdecken. Wenn wir die entsprechende Brille aufsetzen, sehen wir auch anders...

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  3. Es gibt noch ein spannendes Buch zu dem Thema von Ben Furman, Psychiater und Psychotherapeut aus Finnland: "Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben." Letzten Endes geht es m.E. darum, beim Erzählen nicht absichtlich wie Münchhausen zu lügen oder umzudichten, sondern die Ressourcen zu sehen und zu würdigen, die aus den Schwierigkeiten erwachsen sind oder die man irgendwie schon mitbrachte, um die Situation zu bewältigen. Es geht vielleicht auch darum, Dinge in einen größeren Zusammenhang zu stellen, die missliche Situationen im Nachhinein den fortwährenden Schrecken nimmt, weil sie nur einen Teil der gesamten Wegstrecke darstellen. Diese positiven Ressourcen/Stärken/Fähigkeiten/Talente zu sehen und würdigen sind m.E. ein Schlüsselfaktor. Sie ermöglichen, Fakten im Nachhinein den Schrecken zu nehmen (wird u.a. auch in der Traumatherapie eingesetzt). Der andere Faktor ist der "größere Sinn": Schon Viktor Frankl stellt bei der Reflexion seiner Zeit als inhaftierter jüdischer Psychologe fest, dass die Fähigkeit, einen größere Zusammenhang, d.h. einen "Sinn des Lebens", herzustellen, die Überlebenschance eines Menschen unter schrecklichsten Bedingungen erhöht. ("…trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager")

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    1. Danke, Claudia! Das ist eine wichtige Ergänzung. Es geht eben nicht ums Lügen, sondern ums hilfreiche Interpretieren einer Geschichte, die man so oder so erzählen kann, ohne dass es ein Richtig oder Falsch gibt. Das Beispiel aus dem KZ ist sicher extrem, aber zeigt gerade daran, wie wichtig eine eigene, langfristig sinnhafte Geschichte ist.

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  4. Hallo,
    sehr guter Artikel, echt interessant. Und ich stimme dir auch mit dem Beispiel aus dem KZ zu, es ist extrem aber zeigt wichtige Aspekte einer eigenen Geschichte.
    Freundliche Grüße

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  5. Hallo, ich habe grad Wirtschaftspsychologie gelernt da ich bald eine Klausur schreibe und habe den Begriff Neurotizismus gegooglet um ihn besser zu verstehen. Und jetzt lese ich mich seit zwei Stunden durch Ihren Blog. Ich habe nie ein Wort oder eine Zuordnung für das gefundeb was ich habe konnte mich aber komplett in allen Ihren Artikeln nun darin wieder finden und mich und meine Art vielleicht nun nicht immer nur als negative Last ansehen. Ein sehr sehr toller Blog! Dankeschön! Liebe Grüße, Kathi

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  6. Ich recherchiere gerade für eine Konferenz: http://centerforstorytelling.org Das Thema dieses Jahr "Storytelling und Identität". Den Artikel über "Narrative Psychologie" finde ich sehr spannend. Wir suchen noch Redner. Kennst Du vielleicht jemanden aus dem Bereich "Narrative Psychologie" oder würde es Dich evtl. interessieren, aus Deiner Perspektive etwas dazu zu erzählen? Wenn ja, dann kontaktiere mich doch via Twitter: AxelVogelsang Danke und Gruss, Axel

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  7. Als Medienpädagoge begegne ich ich der narrativen Psychologie im Kontext der Selbstinszenierung auf Videoplattformen wie Youtube. Der (junge) Mensch inszeniert sich selbst als Video ,beobachtet sich und baut diese Erfahrung, sich selbst zu beobachten in seine Selbstnarration ein. Er inszeniert sich im Spiegel seiner selbst.Ich hoffe ich habe mich verständlich gemacht.Was daraus wird ? ...unter Umständen neue Aufgabenstellungen für die Psychotherapie.

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  8. Jetzt wird mir auch klar, warum unsere Kids unsere Familien-Fotojahrbücher so lieben.
    Es hilft ihnen, sich ihre Geschichte zu erzählen (und mir übrigens auch).

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    1. Klasse Idee... fühlt sich sicher schön an, in einer Geschichte zu den Hauptdarstellern zu gehören.

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