11. Dezember 2012

Stadtkarawane - mit dem Rollstuhl durch Leipzig

Sind Sie schon mal im Rollstuhl durch die Stadt gefahren? Tobias Große gibt uns einen Einblick in eine außergewöhnliche Erfahrung, die uns viel über uns selbst lehrt. Tobias ist Mitinitiator der Stadt Karawane, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ungewöhnliche Begegnungen mit Menschen zu ermöglichen, die im Alltag sonst nicht stattfinden würden. Aber lesen Sie selbst...

Im Rollstuhl: Cordula, Tobias und Maria - alle noch im Gleichgewicht

Morgens beim Frühstück hätte ich mir das nicht träumen lassen, aber jetzt saß ich in einem Rollstuhl und fuhr durch die Flure des Hauses der Demokratie. Ein Glück ist es keine körperliche Notwendigkeit für mich, sondern eine Freizeitbeschäftigung die der ehrenamtliche Verein Stadt Karawane e.V. ermöglicht. Cordula, die erste der drei GastgeberInnen die wir an diesem Tag besuchten, ist seit Kindesbeinen an ihren Rollstuhl gebunden und engagiert sich in unterschiedlichsten Zusammenhängen für mehr Verständnis und Toleranz gegenüber Behinderten. Wir bekamen an diesem Tag die Chance die Perspektive zu wechseln und selbst alltägliche Situationen im Rollstuhl zu erleben.

"Wer hat Lust mit mir eine Runde durch die Leipziger Vorstadt zu drehen.?" Das ließ ich mir nicht entgehen und fuhr Cordula in einem der beiden Rollstühle, die der Behindertenverband Leipzig e.V. zur Verfügung stellte, hinterher. Die erste spielerische Aufgabe bestand darin, sich ohne fremde Hilfe durch eine schwere Glastür zu bewegen. Bei meinem ersten Versuch kam ich mir vor wie der Ochse vorm Berg, denn ich hatte nicht gesehen, dass sich die Tür nur nach innen öffnen lies. Nach einigen Versuchen und ausgelassener Schadenfreude bei meinen Mitreisenden, hatte ich jedoch den Dreh raus. Ich platzierte mich zunächst neben der Tür. Zog sie dann mit viel Schwung auf - so viel Schwung, dass ich beinahe umgekippt wäre. Hatte dann aber Zeit gemächlich in den Hauptkorridor zu rollen, während die Tür nur langsam wieder ins Schloss fiel. Nachdem auch Maria, Testpilotin Nummer zwei, das erste Hindernis gemeistert hatten, ging es mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss und über eine rollstuhlgerechte Rampe nach Draußen.

Wir sind mehr als nur unsere Fortbewegungsapparate
Ich fühlte mich plötzlich seltsam. Nur wo kam das her? Es dauerte nicht lange bis ich merkte, dass es die Blicke der Passanten waren, welche mich irritierten. Neben den ganz alltäglichen Begegnungen trafen mich auch beschämt ausweichende und mitleidige Blicke. Blicke die mir das Gefühl gaben, dass es schwer sein musste echten Kontakt zu diesen Menschen herzustellen. Würden sie mehr in mir sehen können als den Rollstuhlfahrer?

Ehrlich gesagt wäre ich in diesem Moment am liebsten aufgestanden, um das Experiment zu beenden und meinen Platz im Rollstuhl jemand anderem anzubieten. Jetzt bin ich aber froh, dass ich die Geduld aufbrachte, denn es war sehr interessant am eigenen Leib zu spüren, wie abhängig man von den Reaktionen seiner Mitmenschen ist, mit welcher Qualität diese Reaktionen die eigenen Gefühle beeinflussen und wie sich die Fremdwahrnehmung durch eine solche Erfahrung weiterentwickelt.

Die Bordsteinkante
Unser Ziel war das Café Südbrause, drei Straßenecken weiter. Schon nach wenigen hundert Metern war meine Handmuskulatur überanstrengt. Der stinkende Mülleimer der mir gerade von der Seite ins Gesicht atmete, machte es auch nicht besser. Jetzt hieß es: Durchhalten. Kurz vor dem Ziel mussten wir noch eine größere Kreuzung überqueren. Cordula forderte mittels versteckt platziertem Rufknopf eine extra lange Ampelphase für uns an. Bestimmt auch nicht schlecht, so ein Knopf, wenn man einen Kinderwagen und die Einkäufe für die Woche mit sich führt. Ich war fasziniert von diesen Zeichen einer Subkultur der Blinden und behinderten Menschen in Deutschland. Gleich war es soweit: Meine erste Straßenüberquerung im Rollstuhl. Zwei Bordsteinkanten die ich rauf musste und zwei Straßenbahngleise inklusive Weichenanlage galt es zu überqueren.

Die Ampel wurde grün und los ging es. Sämtliche Hindernisse meisterte ich problemlos, bis auf die letzte Bordsteinkante. Beim mehr oder weniger kontrolliert schwungvollen in die Luft Heben der kleinen Vorderräder des Rollis, hätte ich beinahe das Gleichgewicht verloren und wäre nach hinten umgekippt. Während ich gerade noch mit dem Schrecken davon kam, verlor Maria komplett das Gleichgewicht und landete rücklings auf der Straße. Da lag sie. Vor dem Kühlergrill eines blauen VW Golf, hilflos wie ein Käfer.

Wir unterschätzen regelmäßig die Vertrauenswürdigkeit unserer Mitmenschen
Nach diesem Schock saßen wir zehn Minuten später alle wohlerhalten auf der Terrasse des Cafés und genossen Sonne und Getränke. Cordula erzählte uns, dass ihre Behinderung sie gelehrt habe, fremden Menschen mehr Vertrauen entgegenzubringen. Das erinnerte mich an meine Forschungsarbeit, in der ich zeigen konnte, dass wir die Vertrauenswürdigkeit unserer Mitmenschen im Durchschnitt um 20-25% unterschätzen und nur unter bestimmten Bedingungen lernen können, diese Fehleinstellung zu korrigieren. Cordula erzählte uns, dass sie in ihrem Leben immer wieder gezwungen war, fremde Menschen um Hilfe zu bitten. Zum Beispiel beim Einsteigen in die Straßenbahn oder auf dem Weg in ein Gebäude mit Treppenaufgang. Klar, dass das nicht immer Menschen waren die sie sympathisch fand, oder von denen sie sicher war, dass sie ihr helfen würden. Nein auch solche, die sie am liebsten gar nicht gefragt hätte. Indem Sie ihre Vorurteile immer wieder hinterfragte und mit der Realität abglich hat sie sukzessive gelernt, ihre Mitmenschen realistischer, positiver einzuschätzen.

Ohne Ausprobieren bestätigen wir unsere Vorurteile
Was geschieht nun aber mit den Vorurteilen der gesunden Menschen die solche Situationen viel seltener erleben dürften? Nicht sehr viel, wie meine Arbeitsgruppe unter der Zuhilfenahme von sequenziellen Vertrauensspielen herausfand. Wenn wir uns dazu entscheiden nicht mit unserem Gegenüber zu interagieren und daher auch kein Feedback zur Vertrauenswürdigkeit der Person bekommen, tendieren wir dazu, uns in unserer Vorurteil zu bestärken: "Gut, dass ich dem nicht vertraut hab, das wäre niemals gut gegangen." 

"Das macht bei Ihnen dann 3,50 € für den großen Milchkaffee." Die Bedienung hatte mich aus meinen Gedanken gerissen - aber es war sowieso Zeit zu gehen. Ich packte meinen Geldbeutel aus und beglich die Rechnung.

Zum Schluss unseres Cafébesuches gab es noch ein kleines Schmankerl, nämlich die Blicke der Leute vom Nebentisch als wir die Rollstühle tauschten: Völlig entgeisterte Gesichter die sich nach wenigen Sekunden jedoch in ein verstehendes Grinsen auflösten. Wir machten uns auf den Rückweg, verabschiedeten uns am Haus der Demokratie von Cordula und fuhren mit dem öffentlichen Nahverkehr weiter zur muslimischen DITIB Moschee, wo uns der nächste Gastgeber, Familie Kokal erwartete.

Das war wieder einer von vielen echt schönen Ausflüge mit der Stadt Karawane zu Menschen, die etwas ungewöhnliches zu sagen haben oder einem spannende Erfahrungen ermöglichen, uns eine andere Welt zeigen. Die alternativen Sichtweisen und Lebenskonzepte der über 50 Gastgeber aus Leipzig sollen inspirieren, neue Perspektiven bieten und im besten Fall dazu anstiften, das eigene Leben neu zu entdecken. Begegnungen die im Alltag sonst nicht stattfinden würden. Mitmachen, nachmachen, helfen? Unter www.stadtkarawane.de steht, wie es funktioniert!

Kommentare:

  1. Eine schöne Erfahrung - meinen Respekt! Es ruft in mir das Gefühl der Dankbarkeit und Demut aus.
    Liebe Grüße aus Wien

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  2. Sehr schöner Beitrag.
    Gerade den Alltag mit Hilfe einer anderen Perspektive zu erleben,
    kann so bereichernd sein.

    Gruß aus Hamburg
    Joachim

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  3. Hallo,
    meine Frau und ich sind beide im Rolli. Meine Frau seit Anfang 2013. Wir sind mit manuellen und elektrischen Rollis versorgt. Für mich ist das kippen des Rollis die normalste Sache, meine Frau hat erst mal die "Schildkröte" gemacht, d.h. einfach umfallen. Durch die Stadt, das ist so eine Sache, der E-Rolli kommt oft des Untergrundes wegen (Kopfsteinpflaster und Straßen der Geburtseinleitung) an Grenzen. Warum Gehwege nicht glatt teeren, sondern mit Platten und Kopfsteinpflaster belegen und dann noch Dachschräg?
    Was uns Rollifahrern entgegenkommt, hilft auch anderen, wie Kinderwagen, Rolli und trittunsicheren Fußgängern.
    liebe Grüße
    Fam. Wikart

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  4. Sehr schöne Aktion!
    Gibt bestimmt vielen etwas kraft im Rollstuhl.
    Bitte mehr davon!

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