28. Januar 2013

Der kleine Tod: Wie wirkt die Narkose?

Ich bin ein Klumpen, stöhne, versuche mich zu bewegen, meine Beine zittern, im Kopf ist es dunkel und dumpf. Ich kann kaum kucken. Eine Frau spricht zu mir: "Herr Dietrich, atmen Sie!" Ich sage: "Mein Bein, drehen Sie mein Bein gerade! Es ist verdreht." Nichts ist verdreht, ich wache nur aus der Narkose auf. Ich bin der letzte, der diesen Freitag hier aufwachen würde, die Uhr über der Tür zeigte 18:30. "Haben Sie Schmerzen?" Ich stöhne. Kurz danach überkommt mich eine Welle der Leichtigkeit, ich entspanne mich, mein Kopf sackt zur Seite, ich fühle mich leicht wie ein Schmetterling. Irgendwo muss die Ärztin einen kleinen Hahn aufgedreht haben, Opioide kommen durch den kleinen Schlauch in meinem Handrücken und überschwemmen meinen Blutkreislauf. Das sind die kleinen Leckerlis, die eine OP mit sich bringt: legaler und kostenloser Drogenkonsum fast ohne Risiko. Gegen den trockenen Mund sprüht die Ärztin mir ein Spray in den Mund.

Preoxygenation before anesthetic induction
Die letzten Sekunden bei Bewusstsein, aber ohne Erinnerung?  (Quelle: ISAF)

"Atmen Sie tief, Herr Dietrich!" Die Ärztin legt mir einen Schlauch für Sauerstoffzufuhr unter die Nase. Ich konzentrierte mich aufs tiefe und regelmäßige Atmen. Um mich herum wurde alles etwas klarer und kurze Zeit später unterhielt ich mich mit der Ärztin über ihr Fachgebiet: Die Narkose. Ich erzählte ihr, dass ich gerade ein Buch gelesen hatte, "Das Lexikon des Unwissens", in dem ein Kapitel der Anästhesie gewidmet war. Die Ärztin stimmte zu: "Es ist nicht völlig geklärt, warum Narkose funktioniert. Aber es funktioniert und die Zeiten des Beißholzes sind zum Glück vorbei."

Das Wiederkommen aus so einem kleinen Tod hat etwas ungemein entlastendes. Man ist komplett runtergefahren auf die lebenserhaltenden Funktionen des Körpers. Dieser Zustand hält über die ganze Nacht und den nächsten Tag hinweg an. Man ist schwach und unfähig, aber es spielt keine Rolle, weil man keine andere Aufgabe hat, als zu überleben. Nichts wird von einem erwartet. Wenn man kotzen muss - und das ist so gut wie sicher-, dann ist das normal und niemand runzelt die Stirn.

Narkose und
andere Rätsel
Was mich hinterher am meisten faszinierte, war die sogenannte retrograde Amnesie: Schon im Vorbereitungsraum ging ich der Anästhesistin auf den Wecker mit meinen ganzen Frage. Was würde ich erinnern können? Kann es sein, dass ich wach bleibe und doch Schmerzen empfinde? Die Ärztin versicherte mir, dass ich mich an nichts werde erinnern können. Es ist sogar so, dass ich vollen Bewusstseins in den OP-Saal gefahren werde und auch selbst vom Bett auf den OP-Tisch klettern werde, aber erinnern werde ich mich daran sicher nicht. Einige Patienten erinnerten sich nicht einmal an die Gespräche im Vorbereitungsraum. Ich schon. Ich habe sogar noch eine einzige traumatische Erinnerung vom OP-Tisch. Es stimmt zwar, dass meine letzten zusammenhängenden Erinnerungen aus dem engen Vorbereitungsraum mit der Verbindungstür zum OP-Saal und der großen Uhr darüber stammen: Es war gerade 12 Uhr Mittags. An den OP-Saal selbst erinnere ich mich nicht. Nur eine Angsterinnerung ist mir geblieben: Eine Frau steht neben mir und mir versagt die Atmung. Mein Kehlkopf (präzise gesagt: meine Stimmlippen) verkrampfen, ich kriege leichte Panik und dann bin ich weg. Jetzt, nach der OP, will mir niemand bestätigen, dass ich noch bei Bewusstsein war, als die Atmung aussetzte, aber es ist meine Erinnerung, auch wenn es sie normaler Weise nicht geben sollte.

Philosophisch gesehen, ist es eine interessante Frage, welcher ontologische Status so einem Erlebnis zukommt, wenn man sich gar nicht erinnert. Da ich mich an das Angsterlebnis erinnere, scheint es ganz klar zu sein, dass es wirklich ein Erlebnis im Kontinuum meines Lebens ist. Ich messe diesem Erlebnis Qualitäten zu (Angst, Panik) und ich kann es zeitlich ungefähr einordnen. Wie aber, wäre der Status des selben Erlebnisses, wenn ich mich Dank der retrograden Amnesie nicht daran erinnern würde? In so einem Fall würde es zwar dieselben Qualitäten gehabt haben, aber es spielte dann im Kontinuum meines Lebens keine Rolle. Es wäre kein Erlebnis, dass ich zu meinem Leben zählen würde. Das führt weiter zu Fragen, wie: Gibt es ein konstantes Ich? Und wenn ja, was ist nötig, um es zu erhalten? Erinnerung zum Beispiel?

Es kommt vor, dass Patienten solche Erinnerungen haben und in der Regel ist das nicht weiter tragisch. Es ist auch normal, dass die Atmung aussetzt, denn eine moderne Vollnarkose greift sicherheitshalber an drei verschiedenen Fronten an: Das Bewusstsein wird ausgeschaltet, das Schmerzempfinden unterbunden und die Muskulatur wird gelähmt. Die dabei eingesetzten Substanzen blockieren die Neurotransmitter verschiedener Rezeptoren.

  1. Die für den Bewusstseinsverlust verantwortlichen Schlafmittel wirken an jenem Rezeptor im Thalamus, der auch für die Einleitung und Aufrechterhaltung des natürlichen Schlafs verantwortlich ist. Schmerzen werden dabei nicht unterbunden. 
  2. Dafür sind die Analgetika verantwortlich, die an den verschiedenen Opioid-Rezeptoren wirken, wo sie wie Morphin die Weiterleitung des Schmerzes verhindern. Sie sind auch für die geringe Merkfähigkeit, also die bereits besprochene Amnesie verantwortlich.
  3. Die Muskelrelaxanzien wirken hemmend an den Synapsen der Muskelzellen und dämpfen die Erregung der Zellen und sorgen somit für eine vorübergehende Lähmung der Muskulatur. Das erleichtert den Ärzten den Umgang mit dem Patienten und ermöglich tiefe Eingriffe in den Körper. Gleichzeitig lähmt es aber auch die Muskulatur, die zum Beispiel für die Atmung wichtig ist und ermöglicht gleichzeitig eine risikoarme künstliche Beatmung. Problematisch wäre diese Wirkung ohne die beiden anderen Narkosekomponenten, denn Muskelrelaxanzien schalten weder das Bewusstsein noch den Schmerz aus. 
Fakt ist, dass diese Kombinationen die gewünschten Effekte erzielen und inzwischen sehr gut steuerbar sind, sodass ein Patient genau für die benötigte Zeit in genau der benötigten Tiefe anästhesiert werden kann. Die lebenswichtigen Funktionen werden dabei stets überwacht, sodass nötige Regulierungen jederzeit vorgenommen werden können. Wie jedoch die Substanzen ganz genau wirken, ist Dank der hohen Komplexität der Wechselwirkungen von Rezeptoren, Neurotransmittern und Blockern noch nicht ganz geklärt. Das heißt auch, dass die Anästhesie ein großes Potenzial der Weiterentwicklung und Vervollkommnung hat, sodass wir eines Tages noch gezielter mit noch viel geringerem Risiko und ganz wenigen Nebenwirkungen "ausgeschaltet" werden können.

Diese anstehenden Fortschritte werden aber nicht das mulmige Gefühl beseitigen können, dass uns überfällt, wenn wir wissen, dass wir gewissermaßen auf Knopfdruck ausgeschaltet werden können und an so verschiedenen Ebenen wie Bewusstsein, Schmerzempfinden, Erinnerung und Lähmung manipuliert werden können. Das Missbrauchspotenzial besonders in der Kombination Lähmung und Erinnerung scheint mir erschreckend. Offen bleiben, werden auch die oben angesprochenen philosophischen Fragen, was es für das Ich bedeutet, wenn wir in diesen todesähnlichen Zustand versetzt und dann wieder zum Leben erweckt werden.

Inzwischen habe ich drei Tage im Krankenhaus gelegen und bin auf dem Weg der vollständigen Wiederherstellung. Von der Anforderung des Überlebens bin ich inzwischen wieder übergegangen zum Erleben und schließlich zum Verstehen der Lebensprozesse. Es ist alles sehr spannend, besonders wenn man es aus erster Hand erfährt.

Kommentare:

  1. Wow, sehr interessant. Tut mir Leid, dass du so ungute Erinnerungen hast! Hoffe, der Gesundheit geht es gut und der Grund für die OP war nicht zu schwerwiegend. Hatte vor ca. zwei Jahren eine OP und war fasziniert, wie schnell man von "on" auf "off" ist. Aus Recherchegründen (Krankenhäuser sind für Schriftsteller immer höchst interessant) versuchte ich alles so bewusst wie möglich aufzunehmen. Geängstigt hat mich der Gedanke interessanterweise gar nicht. Ich war - so wie du - total im Exploriermodus und hab die Schwestern mit Fragen gelöchert, so lange ich konnte. Vielleicht hat das geholfen. Oder mein Mangel an Fantasie ...
    In diesem Sinne beste Besserung und alles Gute!

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  2. Es gibt auch andere, den Körper nicht so belastende Anästhesien und zwar: die Spiralanästhesie (im VM.Kreuzstich), diese kann ich nur jedem empfehlen, man spürt den Stich überhaupt nicht, ist bei Bewußtsein, aber man schlummert selig dahin. Das wäre auf jeden Fall die Alternative für chronisch Kranke und auch der sanftere Weg für Ängstliche.
    Allerdings ist zu beachten, nur bei Operationen bis zur Körpermitte, alles oberhalb würde nicht betäuben.
    Es wäre eine Überlegung wert, wenn du das nächste Mal die Wahl hast.
    Ich wünsche dir gute Besserung! LG.waltraud a.

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    1. Von einer Spiralanästhesie hab ich noch nichts gehört. Aber Spinalanästhesie gibt es und die wird heutzutage auch oft eingesetzt. Das hängt von der OP ab, wie lange sie dauert, wo der Eingriff ist, wie heftig die mechanische Beanspruchung ist usw.

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    2. ok.,verschreiben ist menschlich, oder? Spinalanästhesie wird oft statt einer den Körper belastenden Vollnarkose durchgeführt und wie schon beschrieben, im unteren Bereich des Körpers. Ich hatte schon zwei orthopädische OP's mit dieser Methode (unterschiedlich lange) und ist unkompliziert und schon lange keine Frage mehr der Alternativ-Anästhesie! waltraud a.

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    3. Die OP geräusche hören ist aber auch?? oder?

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  3. Danke, Eva und Waltraud, für die guten Wünsche. Es geht bergauf und so schlimm sind die Erinnerungen nicht, eher interessant. Ich bin da wie du, Eva - alles so bewusst wie möglich mitnehmen :)

    Die verschiedenen Narkosearten wurden mir gut von den Anästhesisten erläutert. Bei meinem Eingriff kam allerdings nur die Vollnarkose infrage. Die sind inzwischen so gut eingestellt, dass sie sehr viel weniger den gesamten Organismus belasten, als noch vor kurzer Zeit. Ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickelt.

    Viele Grüße,

    Gilbert

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