8. Oktober 2013

Atme es weg!

Auf der Website The School of Life meines Lieblingsphilosophen Alain de Botton habe ich einen wirklich inspirierenden kleinen Text gefunden. Der kurze Auszug ist aus Cheryl Strayeds Buch Tiny Beautiful Things, das es leider bisher nicht auf Deutsch gibt. Ich habe den Auszug deswegen unten übersetzt. Ich denke, von ihm können wir einiges lernen. Er geht von der Erkenntnis aus, dass viele negative Gefühle wie Angst, Wut, Verzagtheit und Kummer mit einer gewissen Atemnot einhergehen. Man sieht das schon am Wort Angst, das vom lateinischen angustia kommt, was so viel wie "Enge, Beengung, Bedrängnis" heißt und von angor für "Würgen". Es ist ein bekanntes Phänomen, dass man diese negativen Gefühle nährt, wenn man nicht ausreichend atmet. Beobachten Sie das mal! Und umgekehrt können diese Gefühle beim bewussten und tiefen Atmen nicht fortbestehen. Das können Sie beim nächsten Mal versuchen. Aber jetzt lassen Sie sich erst mal von Cheryl Strayeds Gedanken inspirieren...


Mit jedem Atemzug spürst du, wie es besser wird...


Scared Girl
Scared Girl (von Victor Bezrukov via Wikipedia)

...buchstäblich! Und das ist genau der Anfang, zu dem ich dir rate. Jedesmal wenn du denkst "Ich hasse diesen verdammten Mist", kannst du diesen Gedanken mit einem Atemzug neutralisieren. Beruhige deine Seele. Atme tief und ganz bewusst ein und dann atme aus. Denke nicht "Ich hasse diesen verdammten Mist", wenn du atmest. Gönne dir diese Pause. Puste diesen Mist aus deinen Lungen in den Wind. Und dann mach mit etwas anderem weiter.

Ich habe mich durch so viele Leute geatmet, von denen ich mich unfair behandelt fühlte. Und ich habe mich durch so viele Situationen geatmet, die ich nicht ändern konnte. Manchmal habe ich in völliger Akzeptanz geatmet und was ich ausatmete, war Liebe. Manchmal habe ich in Dankbarkeit geatmet und was ich ausatmete, war Vergebung. Manchmal konnte ich nichts weiter, als einfach nur atmen, zu keinem anderen Gedanken und keinem anderen Gefühl fähig, als dem Verlangen, ohne Kummer und Wut zu sein.

Es funktioniert. Und es funktioniert, weil die Medizin direkt auf die Wunde aufgetragen wird. Es ist kein Zufall, dass du spürst, wie der Schmerz in deiner Brust festsitzt. Wenn du ruhig und bestimmt atmest, dann triffst du das weiße Monster genau dort, wo es wohnt. Du nimmst ihm die Luft und gibst dir selbst neue Gedanken, die dich nähren, anstatt dich zu quälen. Das ist mentale Selbstdisziplin. Ich rate dir nicht, deine negativen Gefühle runterzuschlucken, sondern sie zu akzeptieren und sie mit eigener Kraft zu überwinden, anstatt einen Sog entstehen zu lassen, der dich mitreißt und nur runterzieht.

Das ist natürlich harte Arbeit. Und das ist wichtige Arbeit. Ich glaube, dass so etwas wie Versöhnung auf dieser anderen Seite ist. Versuchs nur!

Herzlichst,

Sugar

1 Kommentar:

  1. Sehr schön! Vom Grundsatz her war mir das nicht mehr neu, aber es noch einmal *so* zu präsentieren/präsentiert zu bekommen, ist hilfreich! Und solche Momente bringen mich immer zum Staunen. Solche, wo so sehr deutlich wird, welche Machtmittel wir alle in uns tragen. Machtmittel, die wir nirgends kaufen müssen! :-)

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