18. August 2015

Wo Leistungsträger sich Scheiße fühlen

Nicht das Amazon, das wir kennen?

In der New York Times erschien nun gerade der Artikel, auf den doch schon alle gewartet haben: Amazon als großer feuchter Traum des Konsumbürgers ist ein Alptraum (Stern.de) für alle anderen, insbesondere für die, die dort arbeiten müssen. Vom Verheizen und von Ausbeutung (Süddeutsche) ist die Rede. Und dabei geht es mal nicht "nur" um die Logistik-Angestellten, sondern um die sogenannten Wissensarbeiter in der IT, im Marketing und Vertrieb.

Arbeitgeber-Image und Realität sind verschiedene Dinge (Quelle: Amazon)

Immenser Druck käme von ständigem internen Feedback und vom gegenseitigen Anschwärzen. Kranke Mitarbeiter würden mangelnder Leistung bezichtigt, man müsse ständig erreichbar sein und die Nacht durcharbeiten. Väter und Mütter müssten zwanzigjährigen Singles Platz machen, weil die rund um die Uhr arbeiten können. Der Artikel, der vor allem ehemalige Mitarbeiter zitiert und ansonsten sehr gängige und erwiesenermaßen funktionierende Management-Tools und -methoden aufzählt (zu wenig Feedback wäre schlimmer), beschreibt eine recht einseitige Sicht der Dinge und ich glaube dem CEO von Amazon, Jeff Bezos, wenn er seinen Mitarbeitern sagt, das sei nicht die Firma, die er kenne und in solch einer Firma würde er selbst und sonst auch kein vernünftiger Mensch arbeiten.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Amazon nach innen einen strategischen Verschleißkrieg gegen seine Mitarbeiter führt, das kann sich kein Unternehmen leisten, gerade nicht in dieser Branche und gegen die eigenen teuer akquirierten und von anderen hart umworbenen "Wissensarbeiter". Was man Firmen wie Amazon vorwerfen könnte, ist ein mangelnder Schutz gegen internen Verschleiß, man lässt die Leute einfach machen: "Amazon ist der Ort, wo Leistungsträger hingehen, um sich Scheiße zu fühlen." Das liegt völlig auf der Linie des heutigen Mainstreams und die meisten von uns machen doch mit: Wie kann ich noch produktiver sein? Welche To-Do-Liste ist am besten für mich? Meditation, Power-Nap und Yoga am Abend, damit morgen wieder alles gegeben werden kann.

Ich selbst war zu Vorstellungsgesprächen bei Amazon, um dort eine Support-Abteilung zu leiten. Das erste Gespräch auf Manager-Level war sehr professionell, geradezu nett und von gegenseitiger Neugierde geprägt. Keine Spur von Burn-Out oder Paranoia. Das Gespräch mit dem höheren Management war dann schon ungewöhnlich für eine Technologie-Firma: Ein sogenanntes Stress-Interview, das mir vor allen Dingen lächerlich vorkam, weil mich solche imaginären, an den Haaren herbeigezogenen Probleme nicht stressen. Vielmehr keimte bei mir der Zweifel, ob das ein Ort sei, zu dem ich jeden Morgen gerne wieder hingehen würde. Ganz vorbei war es mit der gegenseitigen Neugierde, als ich begriff, dass die Firma zu geizig war, seinen Mitarbeitern die nötigen Arbeitsmittel zur Verfügung zu stellen, wie beispielsweise Geräte für Videokonferenzen, um die täglichen "Calls" mit den Teams in den USA zu ermöglichen. Ich glaube mein Hinweis darauf, wie wichtig es ist, bei internationalen Teams den Stimmen die entsprechenden Gesichter zuzuordnen, hat auch meine Gesprächspartner davon überzeugt, dass ich nicht der Richtige für Amazon war.

Ich glaube also sehr wohl, dass Amazon kein guter Arbeitsplatz für jeden ist. Welcher Arbeitgeber ist das schon? Aber zeichnen sie sich als besonders krasse "Ausbeuter" und "Verheizer" aus? Ich wage es zu bezweifeln. Es ist wie mit den Produkten, die Amazon verkauft: Wir sind doch mündig und müssen den ganzen Müll nicht kaufen. Ich kaufe dort gern Bücher, aber ich würde dort nie Nahrungsmittel oder Kleidung kaufen. Man hört, dass Amazon alle anderen Händler vernichten würde... Es ist doch unsere Entscheidung! Hört doch auf, dort zu kaufen, wenn ihr Angst habt.

So ist es eben auch mit der Arbeit: Keiner der "Leistungsträger" muss dort arbeiten. Get a Life! Such dir was anderes und hör auf, immer alles auf "die Firma" zu schieben. Du selbst entscheidest.



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