20. Februar 2016

Glück ist kein Ego-Trip und hat mit Erfolg nichts zu tun

Es gibt sieben Milliarden Wege zum Glücklichsein

Ich rege mich ja immer wieder mal gern über Ratgeber, Esoterik, New Age und anderen Bullshit auf, mit dem man uns das Leben erklären will. Um so begeisterter war ich, als ich im Philosophischen Radio des WDR ein Gespräch mit dem Psychiater, Theologen und Philosophen Manfred Lütz (Autor von Irre! - Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen) hörte, der einen "Anti-Ratgeber" geschrieben haben will. In diesem Buch erklärt er zum einen, warum Ratgeber vor allem eine "Anleitung zum Unglücklichsein" sind und zum anderen erzählt er eine inspirierende Philosophiegeschichte des Glücks, aus der hervorgeht, dass es um ein je individuelles Gelingen des Lebens geht und nicht um Erfolg oder die Suche nach Glück als Ego-Trip.

Warum uns Gurus und Ratgeber unglücklich machen

Noch schlimmer als bloße Ratgeber sind die Leute, die Lütz "Glücksgurus" nennt, also Autoren oder Trainer, die meinen, die allgemeingültige Antwort auf die Frage nach dem Glück gefunden zu haben und die Glück außerdem oft mit Erfolg verwechseln. Die armen Seelen, die solchen oft sehr überzeugenden Gurus aufsitzen, bezweifeln nach und nach, dass das, was sie bisher in ihrem Leben gemacht haben und was sie und andere vielleicht sogar gut fanden, irgend einen Wert hatte, denn es entspricht nicht dem, was der Guru als Glück oder Weg zum Glück "entdeckt" und offenbart hat. Wer solchen Rattenfängern folgt, hat die eigene Suche für das Versprechen einer Instant-Lösung aufgegeben. Dabei - so könnte man mit einem Lieblingssatz der Gurus kontern - ist doch der Weg das Ziel. Wer gleich am Ziel ankommen möchte, der kann sich auch Heroin spritzen, denn das löst sofort Glücksgefühle aus.

Glücksratgeber und Gurus sind zu einer gut laufenden Umsatzmaschine geworden, denn sie produzieren noch mehr Unzufriedenheit und damit noch mehr Bedarf für immer weitere Ratgeber. Dabei müssen wir nur einen klaren Gedanken verstehen: Weder Philosophen noch Psychologen und schon gar nicht Gurus wissen, was dich oder mich glücklich macht. Das lässt uns an einen weiteren Standardsatz aus der Ratgeberwelt denken: Die Wahrheit ist nicht da draußen, die Wahrheit befindet sich bereits in dir. Oder um mit dem Romantiker Novalis beide Sätze zusammenzubringen: "Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg". Manfred Lütz' Maxime ist ganz simpel: Mach mehr von dem, was dich in der Vergangenheit schon mal glücklich gemacht hat:

"Jeder Mensch ist schon mal glücklich gewesen und ich glaube, man wird dann glücklich, wenn man selbstbewusst seine eigenen Wege zum Glück in den Blick nimmt und versucht, davon mehr zu tun, was einen schon mal glücklich gemacht hat und das ist sehr unterschiedlich." (Das Philosophische Radio: Wie geht's? - Wege zum Glück, Minute 4)

Lütz sagt, die "Glücks-Strategie" anderer zu übernehmen, funktioniere nicht, aber man könne sich Anregungen holen, zum Beispiel bei unterschiedlichen Philosophen. Philosophie hat deshalb immer auch das Glück zum Thema, weil man nicht über die Welt nachdenken kann, ohne den Menschen und seine Bedürfnisse zu thematisieren. Der zugegebenermaßen reißerische - Lütz sagt "ironische", man könnte auch sagen verkaufsfördernde - Titel des Buches Wie Sie unvermeidlich glücklich werden verdankt sich der deutschen Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts:

"Der Philosoph Karl Jaspers hat gesagt, die Grenzsituationen menschlicher Existenz seien unvermeidlich, also Leid, Schuld, Kampf und Tod seien unvermeidlich. Wenn man aber zeigen könnte, wie man in diesen unvermeidlichen Situationen glücklich sein kann, dann kann man unvermeidlich glücklich werden, das ist ja logisch." (Glücklich ohne Glücks-Ratgeber?)

Im Gespräch konkretisiert Lütz das noch, indem er sagt, dass man nur dann Hoffnung auf Glück haben könnte, wenn man in solchen Grenzsituationen auch glücklich sein kann. Er bringt ein Beispiel von einem Auschwitz-Überlebenden, der von glücklichen Momenten im KZ erzählt und eine Hörerin berichtet von großen Glücksmomenten inmitten schwerster Krankheiten. In der Auflehnung gegen das Unglück, im Bewältigen dieser unvermeidlichen Grenzsituationen, im Überkommen und schließlich auch im Unterliegen besteht die Lebendigkeit des Lebens und ohne diese können wir kein Glück erleben. Wie das im Einzelnen dann vonstatten geht, ist sehr individuell und kann nicht durch einen Ratgeber vermittelt werden.

Das Ego als Casting Show der Unglücklichen

Die oben bereits angesprochene Verwechslung von Glück mit Erfolg scheint Lütz ein besonders schwerwiegendes Problem der Ratgeber, Erfolgstrainer und Gurus zu sein. Denn hier kommen die Grundrezepte zum Unglücklichsein zum Tragen: Die Casting-Situation, das Sich-Vergleichen mit anderen, der permanente Druck zur Selbstoptimierung und die Anpassung an die Anforderungen der "Jury" oder Gesellschaft. Manfred Lütz stellt klar:

"Ein gelungenes Leben kann man nur leben, wenn man sich der eigenen Fähigkeiten und Unfähigkeiten bewusst ist und versucht, seinen Weg zu finden und nicht dadurch, dass man sich mit anderen Leuten dauernd vergleicht! Die anderen Leute haben andere Fähigkeiten, deswegen heißen sie die anderen." (Das Philosophische Radio: Wie geht's? - Wege zum Glück, Minute 36)

Die gezielte Suche nach Glück dürfte ohnehin aussichtslos sein, vielversprechender ist es ein Zulassen und Annehmen des Lebens mit gleichzeitiger Muße für die Wahrnehmung dessen, was um uns herum passiert. Sören Kierkegaard - so merkte ein Hörer des Philosophischen Radios an - hat das trefflich mit dem Ruderer verglichen, der sein Ziel im Rücken hat und ihm nur so ganz selbstsicher näher kommt. Neben einem Gottvertrauen spielt bei Kierkegaard auch das der Zukunft Zugewandtsein als Inbegriff der Sorge eine Rolle und schon diese Sorge schließt das Glück aus. Und auch die aristotelische Auffassung vom Glück als die nicht geplante Nebenfolge unseres sinnvollen Tuns weist uns darauf hin, dass es beim Glück weder um eine Suche noch um eine egoistische Erfüllung geht.

Noch ein Beispiel? Lütz beschreibt, wie sich das größte Glück zuletzt für die Bewohner seines Dorfes daraus ergeben hat, dass plötzlich Flüchtlinge vor der Tür standen, die Hilfe benötigten. Die völlig ungeplante und gemeinsame Freiwilligkeit im Dorf, die unerwartet zu etwas inhärent Sinnvollem führte, eben der Hilfe für Notleidende, erfüllte das langweilige Dorfleben mit einem neuen Geist, den viele als Glück erlebten. Wenn wir das Glück als Ego-Trip suchen, dann sind Flüchtlinge natürlich beängstigend. Sind wir bereit, unser Glück durch ein gelingendes Leben in Gemeinschaft, Offenheit und Sinnhaftigkeit unseres Miteinanders zu akzeptieren? Das täte jedem einzelnen gut und der Gesellschaft insgesamt sowieso.



Das sollten Sie auch lesen:

Kommentare:

  1. Ich kenne das auch aus Workshops zu Führungskräfteentwicklung und/oder nach 360 Grad Feedbacks. Da hören sie, was sie zu tun haben, um Menschen zufriedener und auch glücklicher am Arbeitsplatz zu machen. Da werden hohe Erwartungen gesetzt. Missionarisch manchmal. Gar nicht cool.
    Wenn diese Menschen dann im Coaching sind, erleichtert es diese meist umgemein, wenn klarer wird, dass es nicht den "Weg" gibt und dass sie wohl kaum direkt für Zufriedenheit und Glück beim Mitarbeiter sorgen können. Grüße, Christoph Schlachte

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Manche wollen geradezu entlastet werden von der Pflicht glücklich zu sein. Kann ich auch einfach mal eine Fresse ziehen? Na klar kannste :(

      Löschen
  2. Gilbert, ich hatte auf meinem Handy einen Kommentar zum Passus "Ein gelungenes Leben kann man nur leben..." verfasst, der aber durch die Schluß-Robot-Abfrage verlorenging.
    Deshalb nochmal zusammengefasst:

    "Gelungenes, gelingendes Leben" ist ein Begriff, der mir etwas aufstösst.
    A) Ist Leben so etwas wie ein Werkstück eines Handwerksgesellen? Oder eine Doktorarbeit?
    B) Ein traumatisches Ereignis kann schnell diese Herangehensweise torpedieren, auf Dauer.
    C) Ich habe keinen Einfluß, wie ich am Schluß auf mein Leben blicken werde, wie ich es bewerte.
    D) Ist es eigentlich von Belang, ob mein Leben ein "Vorzeigeleben" war, wenn ich mich nur noch in Schmerzen winde?
    E) Sicher soll man sein Leben nicht "wegwerfen", also sich bemühen, aber soll es ein Kraftakt werden? Aus Verzweiflung geboren?!

    Das nur einige Punkte.

    Gerhard

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Gerhard,

      danke, dass du es noch mal getippt hast!

      A) Ist Leben so etwas wie ein Werkstück eines Handwerksgesellen? Oder eine Doktorarbeit?

      -Gute Frage, ob es ein passendes Adjektiv ist. Ich glaube, es ist zum einen die Flucht vor anderen Adjektiven wie "gutes Leben", "schönes Leben", "richtiges Leben". Außerdem transportiert es etwas Aktives. D.h., wenn mein Leben gelingen soll, dann muss ich es selbst gestalten, so wie das Werkstück oder eine Doktorarbeit. Aber was ist daran falsch? Vieles, das man gestaltet, kann einem gelingen. Schwierig ist das Gegenteil: Kann man wirklich sagen, einem ist das Leben misslungen?

      B) Ein traumatisches Ereignis kann schnell diese Herangehensweise torpedieren, auf Dauer.

      -Das stimmt sicher. Aber so ist es nun mal, oder? Vieles kann ein schönes, gutes, gelingendes Leben umwerfen und es weniger schön, gut oder gelungen machen. Das mag traurig sein, aber es gehört zur Wahrheit.

      C) Ich habe keinen Einfluß, wie ich am Schluß auf mein Leben blicken werde, wie ich es bewerte.

      -Das verstehe ich nicht, könntest du vielleicht noch mal erklären. Ich denke, dass man sowohl die Wertung am Ende selbst beeinflussen kann, als auch den Weg dahin.

      D) Ist es eigentlich von Belang, ob mein Leben ein "Vorzeigeleben" war, wenn ich mich nur noch in Schmerzen winde?

      -Das weiß ich auch nicht. Man kann etwas gegen die Schmerzen tun und dann hoffentlich am Lebensende die Kraft finden, gütig auf das eigene Leben zurückzublicken. Das wäre meine Hoffnung.

      E) Sicher soll man sein Leben nicht "wegwerfen", also sich bemühen, aber soll es ein Kraftakt werden? Aus Verzweiflung geboren?!

      -Du scheinst hier rhetorisch zu fragen. Natürlich soll das Leben kein aus Verzweiflung geborener Kraftakt werden. Hast du das Gefühl, dass der Text einem solche Qualen nahelegt?

      Danke für die guten Fragen!

      Gilbert

      Löschen
    2. @Gilbert, Vielleicht ist so manches "unausgegoren" gewesen, was ich sagte.

      zu A): "was ist daran falsch?": Vielleicht ist da eine Angst im Hintergrund, darin zu versagen.
      "Kann man wirklich sagen, einem ist das Leben misslungen?" Ich meine ja. So kann es kommen. Nicht gewagt haben, nach falschen Maßstäben gelebt haben...

      C): Wenn ich dahinsieche, habe ich dann die Garantie, objektiv aufs Leben zurückblicken zu können? Und wenn die letzten Jahre furchtbar einsam sind, überschatten diese nicht ein zuvor womöglich reiches Leben?
      Eine Freundin sagte einst zu unserer gemeinsamen Zeit, die nun vorbei war: Ich habe Angst, daß Du im Nachhinein unsere Zeit entwerten könntest, daß all das Wunderbare seinen Glanz verliert, stumpf wird und belanglos.
      Das kann im Kopf passieren.
      E) Ja, ein mich bewegender Punkt. Dieser Kampf um ein gutes Leben macht mir Angst, denn ich könnte ihn auch verlieren. Zumindest theoretisch. Der Text hat sicher nichts mit meinen Überlegunegn zu tun.

      Danke für die Reflektionen.

      Gerhard

      Löschen
  3. In die Wunschliste gepackt. Ist vom Thema sehr stark an Paul Watzlawick und sein Buch "Anleitung zum Unglücklichsein" angelehnt, den ich sehr schätze. Gefällt mir. Solche Bücher mit einem direkten Inhaltsverzeichnis und Unterteilung der Begriffe gefallen mir besonders. Sie lassen sich sehr leicht lesen und kann sie nicht mehr weglegen.

    Grüße.

    AntwortenLöschen