1. Juni 2017

Ist die Liebe der Sinn des Lebens?

Alain Badiou über Liebe, Wahrheit und Abenteuer

Was ist die Liebe, fragt der französische Philosoph Alain Badiou und Autor des Buches Lob der Liebe im letzten Philosophie Magazin und gibt auch gleich folgende Antwort:

"Sie ist eine bestimmte Beziehung zum anderen, von Individuum zu Individuum, die impliziert, die Bedeutung des Lebens des anderen für mich anzuerkennen. [...] Die Liebe ist die intensivste Beziehung der Anerkennung und der Abhängigkeit vom anderen, die wir in unserer gewöhnlichen Existenz kennen." (Badiou, Philosophie Magazin Nr. 04/2017, S. 45.)

Alain Badiou mit Studenten in der École Normale Supérieure (Jean-François Gornet, CC BY-SA 2.0)

Liebe als Wahrheitsverfahren

So weit so nüchtern und diesseitig. Es ist unschwer zu erkennen, dass der marxistische Philosoph hier eine ganz atheistische Position der Liebe skizziert, denn viele Christen beispielsweise würden die intensivste Beziehung der Anerkennung und Abhängigkeit sicher nicht zwischen Individuum und Individuum verorten, siehe der diesjährige Slogan auf dem Kirchentag: "'Du siehst mich' ist ein Satz, der über den biblischen Kontext hinaus auch heute Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung aussagt", so Ellen Ueberschär vom Kirchentag. Aus Badious Perspektive jedoch haben die Religionen die Liebe gewissermaßen pervertiert, indem sie die Liebe unter zwei Menschen umlenkten auf die Liebe zu nur dem einen ganz anderen, nicht menschlichen Objekt, dem man sich bloß und ohne jegliche Gleichberechtigung unterwirft. Insofern und auch in unserem individualistischen Zeitgeist ist die Liebe von zweien immer der Bedrohung des nur einen ausgesetzt. Bleiben wir im Diesseits:

"Die Liebe ist die einzige Lösung für die radikale Einsamkeit. Es geht nicht nur darum, Arbeitskollegen zu haben, sondern mit jemandem mein intimes Leben zu teilen. Und wenn man damit experimentiert, kommt man davon nicht mehr los! Wie jedes Wahrheitsverfahren ist die Liebe eine Droge." (Badiou, Philosophie Magazin Nr. 04/2017, S. 46.)

Was meint Badiou, wenn er von der Liebe als Wahrheitsverfahren und somit von Liebe als einer Wurzel der Philosophie spricht? Es ist die Differenz zum anderen in der Liebe, die uns ermöglicht, eine Wahrheit zu entdecken, die uns aus unserer einseitigen, vereinzelten Perspektive so nicht zugänglich war. Insofern ist die Liebe ein Verfahren, uns neue Wahrheiten zu erschließen. Und in diesem Verständnis ist die Liebe am ehesten das, was uns einen Sinn im Leben verleihen kann und zwar, wie Badiou meint, durch die Ausnahme, die die Liebe im Leben des Menschen sei:

"Der Sinn muss vom Subjekt als jene Ausnahme erfahren werden, die seinem Leben eine andere Richtung gibt als das bloße Überleben. Das nenne ich das wahre Leben: Die einzigartige Fähigkeit des Menschen, sein Leben an ein Wahrheitsverfahren zu binden, das ihm Orientierung bietet. Nicht als ein von außen vorgegebener Sinn, wie im Christentum, sondern als ein immanenter Sinn." (Badiou, ebd.)

Die Differenz und das Wagnis der Unberechenbarkeit

Selbst wenn ich jede Religiosität für mich persönlich ablehne, muss ich auch sagen, dass es diesen Gegensatz zwischen "außen" und "immanent" in Hinsicht auf Sinnerfahrungen gar nicht gibt. Je nach Perspektive würde jeder religöse Mensch zurecht von sich und seiner Bindung zu Gott behaupten, dass diese durchaus immanent sei und überhaupt nicht vorgegeben. Man kann auch die entgegengesetzte Perspektive einnehmen und sagen: Jede Sinngebung ist immer notwendigerweise "von außen vorgegeben". Es gibt kein rein immanentes Erleben. Das gilt auch und besonders für die Liebe, die ja nicht nur ein privates Gefühl ist, sondern komplett überformt von diversen gesellschaftlichen und interpersonalen Zuschreibungen, Erwartungen und Interpretationen. Das weiß Badiou natürlich, weshalb es ihm darum zu gehen scheint, die zwischenmenschliche Liebe im Kern und ohne die zahlreichen gesellschaftlichen Zuschreibungen zu verstehen. Nur wir als die Subjekte solcher "Lieben" tun das ja gerade nicht. Wir sind nicht zu zweit allein in der Welt und unterwerfen uns nicht nur dem eigenen Gefühl oder den Gefühlen und Erwartungen des anderen, sondern treten in diese Beziehung schon immer ein mit diesem Ballast an Interpretationen, Erfahrungen, Regeln, Erwartungen etc. Sollten wir also die Liebe in einer gewissen Reinheit erkennen können, was philosophisch ohne Frage interessant ist, so können wir doch diese Reinheit nicht leben.

Badiou ist darin unromantisch heroisch, wie er auf der einen Seite die platonische Idee der Verschmelzung von zwei Personen ablehnt, denn in der Liebe geht es ihm gerade um den Unterschied, der durch den anderen mein Leben bereichert und nicht um die Verschmelzung. Auf der anderen Seite lehnt er auch die kühle biologische oder institutionelle Sicht auf die Zweierbeziehung als Erfolgsrezept ab und damit auch solche modern-technischen Phänomene wie Dating Portale. Eigenartig, denn warum sollen wir uns ewig unseren zum Teil tragischen Fehlurteilen unterwerfen, wenn wir in Partnerschaften eintreten? Die Algorithmen der Dating Portale können doch helfen, das Risiko zu minimieren.

Das Abenteuer Liebe

Badiou würde sagen, dass gerade erst das Risiko, dieses Wagnis der Unberechenbarkeit wirkliche Liebe ermöglicht, denn sie ist ein Abenteuer, das auf den Zufall angewiesen sei und sie lebe durch ihre Herausforderungen. Man könnte einwenden, dass es sicher richtig sei, dass es immer ein Risiko gibt und für die Liebe geben muss, aber wir binden uns ja auch ohne Algorithmen nicht ohne weiteres für ein Leben lang an einen anderen Menschen. Wir prüfen auf die eine oder andere Art immer, ob wir dieses Risiko eingehen sollten. Und auch ein Dating Portal macht immer nur eine Vorauswahl und wird die fundamentale Unberechenbarkeit in den Dynamiken einer Zweierbeziehung nicht eliminieren können.

Insofern ist Badiou also doch irgendwie romantisch oder zumindest heroisch in seiner Liebesauffassung, wenn er das Abenteuerhafte an der Liebe beschwört. Anders, als beispielsweise Alain de Botton, der bei aller Leidenschaft zwischen zwei Menschen doch eher die Weisheit der Partnerschaft als die eigentlich bedeutsame Komponente der Liebe versteht. Das ist gewissermaßen eine pragmatische Annäherung an die Liebe, die Alain Badiou viel zu artig und gezähmt wäre.

Ganz generell stellt sich die Frage, was Badiou mit diesem prekären Konzept der Liebe will: Ist es ein ganz persönliches oder hat es Allgemeingültigkeit? Wohl kaum, denn es gibt die Liebe nicht als irgend etwas substantielles da draußen in der Welt. Liebe ist im besten Fall das, was wir aus einer Beziehung machen und ich halte es für unwahrscheinlich, dass auch nur zwei Menschen auf dieselbe Art lieben – die eine mag das Risiko und Abenteuer der Liebe und der andere mag die Sicherheit, die Routine, die Weisheit der Partnerschaft schätzen. Können wir wirklich so jemandem die Liebe absprechen?

Badiou kann offenbar nicht alle Formen der Liebe erklären, denn sie ist schon mal nicht an (nur) zwei Menschen gebunden, sie kann Gattungen überspringen (Wer liebt nicht sein Haustier?) oder Objekte betreffen (Menschen lieben Lokomotiven), sie kann religiös sein oder sich auf mehrere Partner gleichzeitig beziehen. Diese Formen der Liebe kann Badiou auf seine abenteuerlich-heroische Art nicht fassen. Und dennoch: Dass die Liebe die Differenz zum anderen braucht, ist unstrittig. Eine Verschmelzung, ein Eliminieren des anderen, würde die Liebe mit eliminieren. Diese Grundregel scheint mir für alle Formen der Liebe zutreffend und daher ist jedes Liebesverhältnis auch ein Wahrheitsverfahen und somit immer auch philosophisch.



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Leider beschränkt sich Alain Badiou in seiner philosophischen Betrachtung auf die Liebe einer Lebenspartnerschaft. Für mich ist Liebe aber eine innere Einstellung, ein Bewusstseinszustand, der nicht auf eine Zweierbeziehung reduziert bleibt. Liebe entsteht aus dem Gefühl eines inneren Reichtums, der Zufriedenheit und dem Wunsch, anderen etwas davon abzugeben, ohne die Erwartung etwas zurückzubekommen.
    Aus dieser zugegeben idealistischen Definition von Liebe ergiebt sich eben kein Rückzug in die Zweisamkeit, keine Isolation, sondern ein bereicherndes Miteinander, echte Solidarität und Gemeinschaftssinn. Diese Form von Liebe gibt mir über das profane Alltägliche hinaus einen höheren Sinn. Nur bekommen wir das nicht geschenkt. Wir müssen es uns erst durch ein hohes Maß persönlicher Reife und Bewusstheit erarbeiten. Dazu braucht es Selbstreflexion und Selbsterfahrung, Vertrauen, Demut, Dankbarkeit und Selbstbewusstsein.
    Alles Themen, denen wir uns bei den SinnStiftern widmen wollen. http://www.sinnstifter-ev.de

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    1. Danke Mr. MB ;) Das deckt sich mit vielem, das mich bei der Lektüre gedanklich umtrieb.

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  2. Naja, die Liebe ist sicher ein wichtiger Sinnfaktor, aber fehlt dann nicht das Berufliche (wie das z.B. P. Jedlicka in seinem Konzept des "Sinnquadrats" analysiert) ...

    Johanna

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    1. Ja, der Ansatz hat seine Grenzen. Badiou sagt ja ganz klar, dass Arbeit und Kollegen nicht dafür infrage kommen, weil man dort nicht sein inntimstes Leben mit anderen teilt. Ich bin auch der Meinung, dass es gar keine klaren Grenzen für so etwas fluides wie Sinnerleben gibt. Es ist ein Zusammenströmen aus den unterschiedlichsten Richtungen und wenn wir Resonanz haben, wenn wir Einfluss haben, ganz wir selbst sein dürfen und unsere Präferenzen im Leben berücksichtigen können, dann stellt sich so etwas wie ein Erleben von Sinnhaftigkeit ein. Partnerschaft (aber auch wieder nicht unbedingt nur der Lebenspartner, sondern auch Kinder oder Freunde) tragen dazu ganz erheblich bei.

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  3. Sinn - so es sich um sich fortpflanzend entwickelndes Leben handelt, was Leben ja meistens ist - ist Fortpflanzung & Entwicklung.

    In der Tat kommt es dann, auf die Art & Weise an - ob Liebe im Spiel ist‽

    Sex+Spiel in Liebe, im gegenseitigen Einverständnis, in Frieden+Freiheit..

    oder

    Sex+Kampf durch Krieg und Vergewaltigung.

    Eine einfachere Beschreibung hab ich nicht gefunden ;-)

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  4. Und doch seh ich das heroische im Einlassen auf das Gegenüber, die Bereitschaft die eigenen Gedanken, Gefühle, Erwartungen (mit)teilen.

    Ich sehe mich in Dir

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