24. Dezember 2017

Erinnerungen und was sonst von der Kindheit bleibt

Acht Kindheitserinnerungen von acht Autoren

Vor zwei Wochen schrieb ich einen kleinen Text über das Erinnern, die Nostalgie und die Kindheit. Seitdem haben mich viele Zuschriften von Freunden, Autoren und Bekannten erreicht, in denen sie von ihren Erinnerungen berichten, ein paar spontane Erinnerungen kann man auch in den Kommentaren unter dem ursprünglichen Artikel lesen. Ohne weitere Worte will ich einige der mir zugesandten Erinnerungen einfach hier wiedergenben. Viel Spaß beim Lesen und Erinnern und vielen Dank an die Autoren!

Io und Beat, Foto von Elisabeth Göhring

Erinnerungen ans Backen mit Oma von Sylvia

Meine Schwester und ich sind im Grundschulalter. Unsere Oma Edith hat uns wie in jedem Jahr zum Weihnachtsplätzchenbacken eingeladen. Mit feuerroten Backen und Riesenvergnügen rollen wir am Küchentisch Teig aus, formen Fantasiefiguren aus Mürbeteig, drücken Ausstechformen viel zu fest in den Teig. Es sind immer vier verschiedene Teige - Rezepte von Generationen vor uns, die unsere Oma bewahrt und weitergeführt hat: Pariser Plätzchen, Spritzgebäck, Haselnussmakronen und Nussstangen.

Oma Edith starb 1989. Ihre vier Rezepte haben meine Schwester und ich bei uns, wo auch immer wir leben. Und in jedem Jahr lassen wir die alte Backtradition aufleben. Ich backe zum ersten Advent nach den alten Rezepten - ob in meinen Studentenbuden, inmitten von Tokio (wo es mit den Zutaten etwas herausfordernd war) oder in unserem Haus am Wald. Mit meinem Sohn habe ich gebacken, als er klein war, und auch mit anderen Kindern - und auch in diesem Jahr. Das jährliche Ritual erinnert mich: Wir geben weiter, von Generation zu Generation. Wir sind Teile einer langen Kette. Und froh macht mich diese Zeit auch: Manchmal ist Geborgenheit, in einen noch warmen Keks zu beißen, der so schmeckt wie früher. (Dr. Sylvia Löhken ist Speaker und Coach für Intro- und Extrovertierte)

Weihnachtliche Erinnerung von Oliver

Der heilige Abend steht vor der Tür. Reges Treiben schon am Nachmittag in der Küche. Die Vorbereitungen laufen: Kartoffelsalat, Fischfilets, Pflaumenkompott, Walnüsse, Apfelstrudel, Weihnachtsstollen wollen hergerichtet werden für den besonderen Abend. Besonders in vielerlei Hinsicht. Um 17 Uhr ist es dann soweit. Der Abendmahltisch ist gedeckt. Genau 13 verschiedene Speisen stehen auf dem Tisch: vom Pangasiusfilet bis zum Walnusskern. Die Zahl ist kein Zufall. Nein, nicht an diesem Abend. Die 13 steht für Jesus und seine 12 Apostel. Wir Kinder werden angehalten vor dem Platznehmen, noch einmal zur Toilette zu gehen. Weil während des „heiligen Abendmahls“ nicht aufgestanden werden darf. Wir nehmen alle Platz: Eltern, Großeltern, zwei Kinder. Eine bedächtige, aber auch angespannte Stille. Dann falten wir die Hände zum Gebet. Der Großvater spricht das Vater-Unser, dann das Ave Maria. Anschließend beginnt das Festmahl. Gesprochen wird nur das Nötigste, im Grunde genommen ist es unerwünscht an diesem Abend. Bedächtig und schweigend wird gegessen. Die Tradition verlangt es, dass von jedem der 13 Speisen zumindest ein wenig probiert werden muss. Vor dem Pflaumenkompott sträuben mein Bruder und ich uns am meisten. Nach gut einer Stunde ist das Mahl zu Ende. Natürlich wird gewartet, bis jeder fertig ist, dass Besteck niedergelegt hat. Ein kurzes Abschlussgebet am Ende. Erst dann darf aufgestanden werden. Zusammen wird abgeräumt, die Stimmung ist merkbar gelöster. Insbesondere für uns Kinder. Weil wir wissen, gleich ist es soweit. Gleich wird es bimmeln. Dann ertönt tatsächlich die Glocke im Treppenhaus. Das Christkind war da. Nun stürmen wir voller Vorfreude ins Wohnzimmer, auf die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Und staunen mit leuchtenden Augen, was das Christkind uns dieses Jahr alles mitgebracht hat.

Kommentar: Mein Heiligabend als Kind. Mit einer Mischung aus Erstarrung und Erstaunen erinnere ich mich heute daran. Starre wegen den Regeln, der Tradition, der gekünstelten Frömmigkeit, der Anspannung am Abendtisch. Andererseits hatten die traditionellen Abläufe etwas Verbindendes in unserer Familie. Erstaunen darüber, dass sie über Jahre so praktiziert wurden. Für mich als Kind hatte der Heiligabend bis zu einem bestimmten Alter etwas Magisches, sobald die Glocke läutete, und ich fest daran glaubte, dass Christkind war da. Vielleicht ist dieses verkrampfte Abendessen einer der Gründe, warum ich später das katholische Christentum mit Dogmen, Schuld, Buße in Verbindung brachte, und mich deshalb von seiner institutionalisierten Form abgewandt habe. Meine Heiligabende sind heute von mehr Freude, Lachen, Reden, Offenheit, Begegnung und Herzlichkeit geprägt. (Oliver ist in den 80er Jahren in Mittelhessen aufgewachsen, Autor von Der sanfte Krieger und simplyfeelit.de)

Erinnerung an eine Ohrfeige von Lily

"Einmal kamen die Jungs im Kindergarten zu mir, damit ich einem Jungen ihrer Gruppe eine Ohrfeige gebe, weil er Krieg spielen wollte. Das tat ich dann auch und sagte, dass Krieg spielen böse sei. Er stand dann mit knallroter Wange vor mir und schaute mich nur bedröppelt an. Leider hat mich das schlechte Gewissen deswegen bis ins Erwachsenenalter verfolgt und mir wurde schnell klar, dass man 'Frieden' nicht durch Gewalt erreichen kann. Sogar den Namen des Jungen weiss ich noch ..." (Lily von www.simple-ways.de, aufgewachsen in den 70er und 80er Jahren in Zeuthen bei Berlin)

Erinnerungen an die Gemeinschafts-Grundschule von Daniel

"Eine Kindheitserinnerung? Ich hatte Glück und habe viele schöne. Die besten habe ich, neben meiner Familie, an meine erste Schule, die so genannte Gemeinschafts-Grundschule. GGS - Schule ohne Stress. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen und es gab dort so eine Art Migrantenghetto. Die GGS war eine nicht-christliche Schule und darum waren auch die Gastarbeiterkinder dort, 50/50. Sonst hatte man ja keinen Kontakt, allenfalls Angst. Andere Eltern hatten Angst um die Performance ihrer Kinder. Zu unrecht. Ich habe diese Schule als eine echte Gemeinschaft erlebt, man zog die Schwächeren mit. Überhaupt ging es weniger um Leistung als um Morgenkreise, Kunstunterricht (großartig bei Frau Welke, der Mutter eines heutigen Fernsehmoderators), um Sportteams und internationale Feste. Lahmacun wurde unterm Tisch gegen Milchschnitte gehandelt, meine Eltern nervte ich mit selbstgekaufter Knoblauchwurst. Vielleicht ist alles rückwirkend verblendet, eine Utopie? Sicherlich sah ich die sozialen Probleme nicht in ihrer Gänze. Aber das muss man als Kind ja auch nicht. Fest steht, ich habe dort, neben dem Sachwissen, sehr viel gelernt. Über andere. Das meiste habe ich dort gelernt. Und zuhause. Die Depression begann erst auf dem Gymnasium. Davon erhole ich mich aber gerade. Als Psychiater am Kottbusser Tor." (Daniel Ketteler, Autor und Arzt in Berlin, aufgewachsenen in den 80er Jahren in Ostwestfalen)

Ländliche Erinnerung von Erich

"In den 60ern am Land großgeworden, gab es nicht diese überspannte Sicherheitsdiskussionen. Deshalb war es möglich im Alter ab ca. 5 Jahren auf Feldwegen Auto fahren zu üben, z.T. mit Unterstützung des Vaters. Wir hatten eine BMW Isetta, und hatten u.a. auch durch das geöffnete Schiebedach während der Fahrt (selbstgebaute) Drachen steigen lassen. Das war richtig cool und toll! (Erich Feldmeier)

Erinnerung der ersten Selbsterfahrung von Claudia

... angenehme Wärme, unterschiedlich intensiv: von unten eine Decke, blau-orange karriert, von oben Sonnenstrahlen, im Gesicht, an den Händen. Die sanfte Brise weht süße Düfte herüber ... hmmmmm! Fester Grund, sonnenwarme Mauer, Mutter ganz nah - liege bäuchlings auf dem Mäuerchen, auch gegenüber setzt sich diese Mauer fort. Ich hebe den Kopf, stütze mich auf die Arme, schaue umher - viel mehr kann ich noch nicht, kenne ich nicht. Alles ist warm, und schön und bunt und blühend, alles bewegt sich, zeigt sich in wechselnden Details: die Steine, der Duft, die Wolldecke, die warme Helligkeit ... Doch PLÖTZLICH: jetzt STEHT die ganze Szene, ergibt ein ganzes, komplettes Bild. Ich bin entzückt! Freude, ein euphorischer Schub, Herzklopfen: Ich bewege den Kopf und erkenne, wie sich DADURCH die Szenerie verändert. ICH bin da! ICH sehe, ICH bewege mich - ich bin begeistert, ergriffen, jauchze vor Freude, denn: ICH BIN!

Kommentar: Natürlich hatte ich noch keine Worte, als ich das erlebte: Das erste Erwachen des ICH-Bewusstseins zu einer Zeit, als ich noch nicht sitzen konnte. Ich bin dankbar, dass ich mich daran erinnern kann, an diese wortlose, aber heftige Freude. Die Erinnerung ist eine bleibende Tür, durch die ich gehen kann, wenn mir die Welt allzu stressig und nervig vorkommt. Zurück zu den Wurzeln, zur reinen Wahrnehmung, zur Dankbarkeit für jede sinnliche Erfahrung, die nicht schmerzt. Zur ursprünglichen Freude am Dasein. Denn DAS ist doch schon für sich das allergrößte Wunder! (Claudia Klinger bloggt seit 1996 und schreibt seit 18 jahren im Digital Diary)

Erinnerungen an Muma von Christof

"Als Kind verbrachte ich viel Zeit bei meiner Oma mütterlicherseits, die wir alle nur Muma nannten. Ein Besuch bei Muma war gespickt mit Highlights. Eines davon war Grapefruitsaft, den es in meinem Elternhaus nie gab. Die Flaschen musste ich allerdings im gruseligen Keller holen, was mir Angst einjagte. Die Lust auf den säuerlich-süßen Saft war jedesmal größer als die Angst vor den Kellergespenstern. Muma starb 1989. Die Erinnerung an sie blieb - wie auch meine Leidenschaft für Grapefruitsaft. Nur die Angst vor den Kellergespenstern habe ich mittlerweile abgelegt." (Christof, www.einfachbewusst.de)

Erinnerung an den Balkon von Elisabeth

Gemeinsam auf dem Balkon sitzen, unter einer Decke. Jemand hatte uns ausgesperrt. Es ist warm. Du bist da. Die Zeit hört auf. Der Loppi schmeckt gut. (Elisabeth Göhring)



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Seltsam, dass hier niemand was kommentiert! Danke für die schöne Zusammenstellung und die Anfrage. Vielleicht ist "Erinnern" bzw. drüber schreiben für viele keine interessante Beschäftigung - na, und um diese Jahresendzeit herrscht vermutlich auch das "keine Zeit!" vor.

    Ich wünsch dir ein schönes, gesundes und erfolgreiches Jahr 2018! Und hoffe auch viele weitere Texte hier auf Geist & Gegenwart!

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    1. Danke, liebe Claudia. So seltsam ist es nicht, ich bin gerade nicht in Höchstform, was die eigene Werbung angeht. D.h. nicht sehr viele lesen gerade meine Artikel und daher kommentiert niemand.

      Schade in der Tat, denn ich finde das auch eine magische Zusammenstellung von so unterschiedlichen Ideen.

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