10. November 2009

Der Phlegmatiker im Büro

Illustration: Martin Rathscheck

Wenn er dürfte, käme der Phlegmatiker gern in Jogginghosen, Pantoffeln und weiten Sweatshirts zur Arbeit. Er nimmt immer den Lift in die zweite Etage zu seinem Schreibtisch. Dort angekommen sitzt der Phlegmatiker erst einmal regungslos vor dem Bildschirm. Seine Physiognomie zeugt dabei von totaler Motivationslosigkeit. Der Mund ist leicht geöffnet, der Blick geht glasig durch den Bildschirm hindurch, die Arme hängen herunter und das Rückgrat ist gekrümmt. Zeitweise zeugen nur das Blubbern und ein fauliger Geruch von Restvitalität tief im Innern des Phlegmatikers. Das kann bis zu 50 Minuten so andauern. Plötzlich erhebt sich der Phlegmatiker...


Er geht zum Klo, pendelt dann zum Kühlschrank und füllt sich schließlich wieder in seinen Stuhl. Gegen 16 Uhr wird er seufzen und in einer Art Eruption eine Stunde arbeiten, bevor er dann völlig ermattet in sich zusammenfällt, um Kraft für den Nachhauseweg zu sammeln. Der Phlegmatiker wird in der Regel nichts sagen, es sei denn, man hat ihn an einem seiner guten Tage erwischt (ausschließlich im Sommer). Dann ist er meistens sehr freundlich bis klebrig-kumpelhaft.

Der Phlegmatiker hat es nicht leicht bei seinen Kollegen. Er bewundert den Sanguiniker, dieser verachtet ihn jedoch, denn er repräsentiert Stillstand und Langeweile. Der Phlegmatiker fürchtet seinen cholerischen Chef. Der redet kein Wort mit dem Phlegmatiker. Er geht ihm aus dem Weg und wird sich hüten, dem Phlegmatiker die Hand zu geben. Er fühlt sich erstickt von der sackigen und schläfrig-warmen Aura des Phlegmatikers. Der Phlegmatiker kann sich oft selbst nicht leiden und identifiziert gerne eine äußere Instanz, die ihn zum Misserfolg verdammt. Das geht soweit, dass er den Computer so mit Daten vollmüllt, dass dieser 50 Minuten benötigt, um Windows zu laden. Der Phlegmatiker klumpt oft zusammen mit anderen phlegmatischen Kollegen. Sie stecken frustriert ihre Köpfe zusammen und ziehen sich gegenseitig noch mehr runter, indem sie sich sich über die Unerträglichkeiten des Arbeitslebens beschweren:

»Ich bin heute wieder nicht aus dem Bett gekommen, das Wetter zieht mich so runter!«
»Ich weiß! Furchtbar. Ich musste heute im Bus hierher die ganze Zeit stehen. Jetzt bin ich fix und alle, dabei muss ich noch einen Bericht fertig schreiben.«
»Bei mir kam heute kein heißes Wasser aus der Dusche und der Kaffee war kalt, als ich endlich zum Frühstück kam. Scheiße, noch zwei Stunden bis zur Mittagspause. Weiß nicht, wie ich das durchstehen soll. Ich glaube, ich krieg 'ne Verstopfung.«

In der Regel kommt der Phlegmatiker gut mit dem Melancholiker aus. Dieser duldet ihn, so lange er ihm nicht zu nahe rückt, sich beschwert oder versucht, Freundschaft zu schließen. Durch ihre Interaktionsarmut sind sich die beiden in der gesammelten Kollegenschaft je das kleinere Übel. Dem Phlegmatiker widerfahren mitunter vermeidbare Unfälle.


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