2. April 2011

Eros und Kosmos - vom Reichtum in der Anschauung

Flammarions Holzstich, Paris 1888: Die Mechanik des Kosmos
Heute hörte ich einen Podcast Sternstunde Pilosophie vom Schweizer Fernsehen. Zu Gast war Peter Sloterdijk und es ging um Stolz und Behauptung in der Gesellschaft. Ich möchte jetzt nur einen Gedanken behandeln, der mich in dem insgesamt ungeheuer interessanten Gespräch interessiert hat. Sloterdijk sprach über die zwei Pole Eros und Kosmos. Eros versteht er dabei nicht im populären Sinne auf Liebe und Sex beschränkt, sondern als das Verlangen, immer mehr haben zu wollen. Dieses Verlangen kommt aus einem gefühlten Defizit und auch einem defizitären Selbstverständnis, das sich natürlich auch ganz besonders in der Liebe zeigt.

Wer sieht, ist reich
Im Sinne der griechischen Lebenskunst richtig verstanden, heiße Mensch sein reich sein, reich als Teil des Ganzen, das der Kosmos ist. "Die Tatsache des In-der-Welt-Seins bedeutet von vornherein ein Mitbesitz am Reichtum des Seins", formuliert Sloterdijk. Der eine sei ontologisch arm, weil er immer nur haben will, der andere sei ontologisch reich, weil er in seinem Selbstverständnis durch die Tatsache seiner Zugehörigkeit zum Kosmos Mitbesitzer von allem sei. Dieses Mitbesitzen von allem läge vor allem im Modus der Anschauung vor. Wir könnten also sagen, es sei ein virtuelles Mitbesitzen, denn das stoffliche Besitzen, von dem wir meistens reden, wäre ja eines, das mit der Möglichkeit des Verfügens und Veräußerns einher ginge. Und Veräußern kann man - ohne einen faustischen Pakt mit dem Teufel zu schließen - seinen Mitbesitz am Kosmos nun einmal nicht. Der virtuelle Mitbesitz ist aber keineswegs weniger real, als der stoffliche Mitbesitz. Interessanterweise missverstehen wir nur im Deutschen "virtuell" als "unreal". Im Englischen z.B. heißt "virtual" vielmehr "tatsächlich".

Die Schönheit des Ganzen
Was heißt nun dieser virtuelle Mitbesitz praktisch für uns? Ich denke, man kann es ganz gut anlehnen an das bekannte "Vom haben zum sein". In der Verbindung mit der griechischen Tradition der Anschauung und des Sehens, mahnt es uns aber auch zum Innehalten und zum Bewusstsein dessen, was um uns ist. Das hat auch ästhetische Komponenten, die wir zum Beispiel dann spüren, wenn wir einen Spaziergang in der Natur machen. Damit können wir uns dem Geschenk des Geborenseins - wenn wir nicht den eher pessimistischen Ideen der Existenzialisten nahestehen - im Angesicht der wertvollen Schönheit des Ganzen gewiss werden. Kosmos steht im Griechischen für das Universum, aber auch für den Juwel.

Interessanterweise trifft das ja auch Methoden von Meditation bis Coaching: Das Gewahrwerden, dessen was ist, ohne Urteil. Das kann uns erden und zu uns kommen lassen. Das Mehren unseres Besitzes hingegen ist dafür schlecht geeignet.

Kommentare:

  1. Das Gewahrwerden, dessen was ist, ohne Urteil. Das kann uns erden und zu uns kommen lassen. Das Mehren unseres Besitzes hingegen ist dafür schlecht geeignet.

    Kommentar von Franz Fischli:
    Ist insgesamt eine gute Zusammenfassung. Anzufügen wären ein paar Gedanken zu
    Besitz und Eigentum.

    Eigentlich sind das zwei Begriffe mit unterschiedlicher Bedeutung - und Folgen.
    Der Begriff Eigentum - Privateigentum - im Sinne von absoluter Verfügungsgewalt mit juristischer Garantie ist verhältnismässig neu. Er wurde in der Zeit der Aufklärung geprägt und in die damals neu entstehenden nationalstaatlichen Verfassungen (z.B. USA) als Grundrecht jedes Bürgers aufgenommen. Der Artikel garantierte den Schutz des vom Individuum Erworbenen als sein unbestreitbares Eigentum - ein Recht, das davor nur einer kleinen (Ober-)Schicht vorbehalten gewesen war. (Insbesondere galt das für Land.)

    Besitz dagegen war viel weiter gefasst. Land zu besitzen bedeutete nicht zwangsläufig Eigentum im obigen Sinne. Man konnte auch ein Stück Land "be-sitzen" mit dem (von er Obrigkeit verliehenen) Recht es zu bebauen. (Kein Einzelner - mit Ausnahme eines Königs - konnte früher Land als sein Eigentum besitzen.)

    J.J. Rousseau wetterte damals sinngemäss: "Hätte man den ersten, der Pfähle auf seinem Boden einschlug und diesen Boden als sein privates Eigentum reklamierte, ausgelacht, hätte uns das viel Leid und Kriege erspart."

    ...eine Anmerkung zu obigen Ausführungen: Ist alles sehr verkürzt und wäre in den juristischen Definitionen sowie den gesellschaftlichen Zusammenhängen sehr viel komplexer. Aber die sind ja nicht das Thema hier.

    Heute sind die Begriffe weitgehend ineinander verschmolzen und gleichgesetzt. Der Planet ist so gut wie vollständig in Parzellen mit eingetragenen Eigentümern aufgeteilt. Wie der Einzelne diese Tatsache bewertet, sei ihm überlassen. Ich sehe es als eine Anmassung. Und als grosses Hindernis - sowohl für ein friedliches Miteinander wie letztlich auch für das Individuum selbst.

    Das Kapitel Privateigentum in seiner derzeitigen Auslegung ist ein Irrtum in der Kulturgeschichte und bedarf dringend einer Überarbeitung. Im anderen Fall wird über kurz oder lang die Situation eintreten, in der Nichteigentümern das Recht auf eine Existenz verwehrt werden darf. Dieser Planet gehört all seinen Bewohnern.

    Daraus ergibt sich ein praktischer Faden zu dem, was Peter Sloterdijk postuliert: Das masslose Streben nach Eigentum verstellt uns den Blick auf unsere Chancen zum persönlichen Glück. Zum anderen steigt damit die Gefahr, die Grundlagen unserer Existenz nachhaltig und vielleicht irreversibel zu zerstören - will Homo sapiens noch einige Generationen überleben, ist ein Paradigmenwechsel unumgänglich. Aber das haben Propheten ja schon vor über 2 Jahrtausenden verkündet. Apocalypse is still waiting for you ...

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  2. Der virtuelle Mitbesitz als realer Zustand durch die einfache Tatsache des Seins und der damit verbundene Reichtum, scheint mir eine eingenebelte Vorstellung von den zu lebenden Möglichkeiten. Ich kann mich sicher auch an den Blick in das offene Meer, in den klaren Himmel und auch an den in das weite Land erfreuen - letztlich bleibt doch alles ein Zusammenhängendes, denkt man in seiner romantischen Naivität.
    In meiner Realität jedoch bin ich in massenweise Abhängigkeiten verstrickt. Das beginnt mit der Nahrungskette und endet mit meinem Begräbnis. Durch Machtverhältnisse und Grundbesitz ist die Mehrzahl der Menschen gezwungen, sich der wichtigsten Sache als Sklaven auszuliefern - der Nahrungsaufnahme, der Lebensmittelindustrie. Wenn ich allein Jagen möchte, muss ich der Forst oder dem Besitzer von Land und Wald etwas dafür zahlen, genauso verhält sich das mit unseren Meeren. Ich habe noch keinen sagen hören, komm nimm ruhig von mir, von mir auch alles! - Es ist eben nicht JEDEM ALLES und es ist daran ganz besonders ein Empfinden im Leben zu stehen gebunden. Ob das nun in Kategorien wie Reichtum und Armut einzuteilen ist, das weiß ich nicht.
    Ich stimme dem Hirngespinst Sloterdijks "vernebelt" zu, nur macht das reine Wissen über etwas wie es sein könnte und sollte oder die Betrachtungsweise niemanden satt. Das ist eine Luxusvariante der Betrachtungsweise für die reiche westliche Gesellschaft. Ich glaube, wer Hunger hat ist arm, dem nützt die Anschauung, dass er mitbesitzt und Reichtümer ihn umgeben rein gar nichts! S.Z.

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  3. Es ist doch nicht entweder materieller Mitbesitz oder metaphysischer Mitbesitz. Wir müssen beides berücksichtigen.

    Es wäre zynisch, wenn jemand behaupten wollte, dass der a priori Mitbesitz am Kosmos den Hunger irgend eines Menschen stillen würde oder unsere materiellen Abhängigkeiten und Machtverhältnisse generell relativierte. Der gemeinte Mitbesitz liegt - wie oben gesagt - im Modus der Anschauung vor (nicht im Haben-Modus) und betrifft das Selbstverständnis eines jeden. In einem so aufgefassten Selbstverständnis liegt eine generelle Berechtigung zur Teilhabe, es liegt ein Stolz in ihr, ein unveräußerliches Recht. Unser westliches Verständnis von Menschenrechten kommt aus dieser alten Idee. Sie bedeutet jedoch keine Reduzierung der Ansprüche irgend eines Menschen auf den Mitbesitz im Modus der Anschauung. Man kann diesen Besitz also nicht mit materiellem Besitz verrechnen oder als Vorwand nehmen und zu irgend jemand sagen: "Hör auf nach deinem Anteil zu fragen, du Besitzt doch schon alles, weil du Teil des Kosmos bist!" Das wäre zynisch, wie gesagt. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass diese Idee der antiken Philosophie auch als zynisches Herrschaftsinstrument missbraucht wurde oder wird.

    Nichts in dieser Idee setzt voraus, dass jemand zu dir sagt: "Nimm ruhig von mir!" Denn das betrifft die Ebene der veräußerlichen Besitzes. Das wäre natürlich trotzdem wünschenswert. Und vielleicht würde es auch häufiger passieren, wenn wir nicht alle zu sehr vom veräußerlichen Besitz "besessen" wären. Kurzer klärender Ausschnitt aus dem Gespräch (http://www.podcast.sf.tv/Podcasts/Sternstunde-Philosophie):

    Peter Sloterdijk: "Die Tatsache des In-der-Welt-Seins heißt ja von vornherein sozusagen ein Mitbesitz am Reichtum des Seins."
    Katja Gentinetta: "Aber jetzt nicht arm und reich im rein materiellen Sinn?"
    Peter Sloterdijk: "Nein, das sind alles jetzt metaphorische oder ontologische Predikate."

    Ich glaube die These, die sich daraus zumindest für die mir bekannte Gesellschaft ableitet und die ich unterschreiben würde, ist folgende: Wer sich selbst nicht vor allem durch persönlichen materiellen Besitz wertschätzt, sondern sich auch als verantwortliches und mitbesitzendes Teil des Kosmos versteht, der kann ein reicheres, selbstloseres und erfüllteres Leben haben. Schon die Anschauung und Wahrnehmung dessen was ist (Kosmos), bereichert uns. Ein bloßer Modus des Haben-Wollens (Eros) hingegen, lässt uns zielgerichtet streben mit der Tendenz alles nicht in der Zielrichtung liegende zu übersehen. Dieses Übersehen als ontologische Armut führt ebenso zu einem defizitären Leben wie materielle Armut. Idealerweise könnten wir beides ausschließen.

    Noch kurz zur Klärung, falls ich das im Text oben nicht deutlich gemacht habe: Diese Idee (oder "vernebeltes Hirngespinst" wenn man will) ist nicht von Sloterdijk, sondern aus der antiken griechischen Philsophie und nur von Sloterdijk in der erwähnten Sendung referiert worden.

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  4. Ich habe mich nie und ich kenne auch niemanden, der sich "vor allem durch persönlichen materiellen Besitz wertschätzt". Ein "selbstloseres, erfüllteres Leben" als vor dem Sprung in einen "Modus des Haben-Wollens". Muss man sich also erst auf der einen Seite befunden haben um die andere wahrzunehmen? Das schein mir sehr zielstrebig, zielgerichtet von der einen reichen Seite auf die nun so späktakulär erkannte immaterielle Seite herübergeschwappt. Das kann nicht reich sein, nicht in meiner Bedeutung. Wer was vom Leben hält, und nicht nur von dem eigenen, der wird in der Lage sein, einigermaßen ausgerichtet auch quer und im zickzack oder auch geradeaus in Tendenzen nicht allumfassend, aber mit reinem Gewissen in eine Richtung zu gehen die niemanden schadet. Dies wäre mehr wert als die normalste Sache der Welt, die natürlich schetzenswert ist, dass Leben ist.
    In meiner Betrachtung liegt keineswegs ein entwerder oder vor. Ich meinte die Gabe oder das Geben nicht als Voraussetzung oder Anmaßung, nein - als natürlichste Sache der Welt. Trotzdem fügt sich kaum mehr jemand in diese Lage ein. Und natürlich wäre es möglich gewesen durch "Mitbesitz am Ganzen" das ein oder andere zu relativieren. Dazu ist es aber zu spät - so wie F.Fischli schon zum Privateigentum schrieb. Da ist es aber nun mal.
    Geld, Besitz, veräußerlicher Besitz sind erfundene Dinge,die dazu dienen, Kategorien und Stufen zu schaffen. Wenn man sich darüber im klaren ist, ist das Leben o.k. - und trotzdem bleibt das erfülltere Leben nicht gleichbleibend erfüllt. Das bleibt es für den Mönch, den Asket, der hat es sein Leben lang trainiert, sich in Balance zu halten.
    S.Z.

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  5. Was meinst du mit "die nun so spektakulär erkannte immaterielle Seite"? Und: "Muss man sich also erst auf der einen Seite befunden haben um die andere wahrzunehmen?"

    Ich denke weder, dass es sich um eine plötzliche und spektakuläre Erkenntnis handelt, sondern um eine vielleicht in unserer Gesellschaft unterbelichtete Dimension, die es aber schon in antiken Kulturen gab. Noch denke ich, dass man sich zuvor oder danach auf irgendeiner Seite befinden muss. Genauer gesagt: Ich weiß gar nicht, was das heißen soll. Es ist ja nicht so, dass man sich zwischen Seiten entscheiden muss, es ist kein Entweder, sondern ein Und. Es sind einige unter zahllosen (essentiellen und optionalen) Aspekten eines möglichen geglückten Lebens.

    Ich verstehe auch nicht so recht, wieso die von mir angesprochene Idee dem Gedanken "einigermaßen ausgerichtet auch quer und im Zickzack oder auch geradeaus in Tendenzen nicht allumfassend, aber mit reinem Gewissen in eine Richtung zu gehen die niemanden schadet" zuwider läuft oder ausschließen könnte. Ich hoffe, sie schließt das ein und befördert es sogar!

    Was ich mit den Blog-Einträgen hoffe zu tun, ist die Möglichkeit zu ergreifen, auf Aspekte zu verweisen, die in unserem Alltag oft vernachlässigt werden. Vielleicht sind sie nicht in jedermanns Alltag vernachlässigt, das ist schon mal gut zu wissen. Aber in meinem sind sie das manchmal und das möchte ich ansprechen, vor allem um mich selbst zu verpflichten und andere - wenn sie wollen - daran Teil haben zu lassen.

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  6. Ein generelle Problematik eröffnet mir die Aussage "Reichtum in der Anschauung". Das hört sich sehr subjektiv, sehr anpassungsfähig an. Das Thema zerteilt in seiner Aussage schon lebensweltliche Aspekte die zusammengehören.

    Ich finde eben doch, dass viele Menschen eben erst nach bestimmten materiellen Erfolgen auf der Suche nach dem sind, was sie für "erstrebenswerter" halten, auf der Suche nach sich im Ganzen. Ich frage mich, warum haben sie es nicht andersherum getan, wenn der zweite Schritt doch der "erstrebenswertere" ist.
    Also hier das Leben und hier die Anschauung, die mein Denken in eine glücklichere Bahn befördert. So als würde man da und dort seinen Nutzen saugen um an anderer Stelle sein schlechtes Gewissen durch eine Anschauung zu relativieren. Das kann jeder halten wie er es möchte. Ich finde schon, dass sich Dinge und gerade Sachen die man tut des öffteren ausschließen, nicht zusammenpassen. Das müsste nicht sein, wenn sich Individuen an sich ernst nehmen und in ihrer Erziehung an den Bewusstseinsgedanken geführt werden.
    Und gerade dieser Eintrag zeigt ja, dass Leben anscheinend nicht im Zusammenhang gedacht ist.
    Ein Hoch auf die Teilhabe!

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  7. Stimmt, eine Zerteilung findet notwendig statt, schon beim Kleiden von Zusammenhängen in trennende Begriffe.

    Ansonsten halte ich es wie du und strebe ein Leben im Einklang an. Das klappt nicht immer und da muss man sich manchmal verzeihen. Oder auch wieder einen Schritt zurück gehen.

    Ein Hoch auf die Teilhabe und auf das Leben als Zusammenhang!

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