31. Mai 2011

Wie wir Melancholiker ticken

Ich bin ein Melancholiker. Bei verschiedenen Persönlichkeitstests, die ich über die letzten Jahre gemacht habe, traten die mit dem Melancholiker verbundenen Aspekte immer deutlich hervor. Der Melancholiker/die Melancholikerin sind keine psychologisch aussagekräftigen Begriffe mehr. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts beschrieb der Begriff Melancholie unter anderem die Krankheit, die wir heute Depression nennen (siehe Melancholie und Depression als Begriffe). So wie wir Melancholie heute umgangssprachlich verwenden, meinen wir so etwas wie Traurigkeit, Trübsinn und Nachdenklichkeit. Diese Verwendung kommt aus der Temperamentenlehre der Hippokratiker, die die Menschen in vier Temperamente einordnete:
  1. Zäher Schleim (Phlegmatiker)
  2. Aufbrausende gelbe Galle (Choleriker)
  3. Spielerisches Blut (Sanguiniker)
  4. Schwarze Galle (Melancholiker)
Schubladen und Vorurteile
Auch wenn man sich davor hüten muss, Menschen in Schubladen zu stecken, können uns solche Typologisierungen zu verstehen helfen, wie verschieden wir alle ticken. Es handelt sich dabei weniger um psychologische Merkmale, als um ein Konstrukt, das Verhalten von Menschen zu interpretieren. Niemand ist nur ein Melancholiker oder nur ein Sanguiniker, wir haben immer alle Temperamente zu verschiedenen Anteilen in uns. Insbesondere muss man sich vor Kurzschlüssen hüten. Wir Melancholiker sind nicht ständig deprimiert, niedergeschlagen und pessimistisch. Ich glaube sogar, dass die Melancholie zu meinem ausbalancierten psychischen Haushalt gehört. Ohne sie würde mir etwas ganz essentielles fehlen. Wer als typischer Melancholiker klassifiziert wird, hat ganz spezielle Stärken und Schwierigkeiten. Beim Lesen der folgenden Beschreibungen, muss immer daran gedacht werden, dass solche Typologisierungen künstliche Interpretationen sind und die Gefahr bergen, Charaktere oder Temperamente zu überzeichnen und in ein Cliché zu verwandeln...


Stärken eines Melancholikers
Wir Melancholiker sind oft etwas introvertiert und wahren gerne die Position des Beobachters. Schon als Kind war mein Lieblingstagtraum, unsichtbar zu sein und alles ungestört beobachten zu können. Wir möchten die Welt verstehen und erst dann handeln oder unsere Meinung sagen, wenn wir genug Informationen haben. Wir schätzen die Unabhängigkeit und den Intellekt und sind in der Regel verbindlich und freundlich, ohne aufdringlich zu sein. Auf der Arbeit tendieren wir dazu, sehr organisiert und strukturiert vorzugehen. Wir konzentrieren uns auf die zu lösende Aufgabe und die Einhaltung der richtigen Prozesse. Wir Melancholiker mögen die Ordnung und Genauigkeit. Wir werden uns stets bemühen, vorbereitet zu sein, das in uns gesetzte Vertrauen einzulösen und glaubwürdig zu bleiben. Als Freunde und Lebenspartner sind wir beständig und verlässlich. Wir schätzen die Harmonie und würden Streit immer zugunsten eines klärenden Gesprächs vermeiden.

Schwierigkeiten eines Melancholikers
Wir Melancholiker fürchten, bloßgestellt zu werden. Wenn uns die Tarnkappe vom Gesicht gezogen wird, stehen wir plötzlich im Rampenlicht und das mögen wir überhaupt nicht. Wenn der Druck zu groß wird, ziehen wir uns zurück. Wir haben es mitunter schwer, mit Überraschungen umzugehen und erscheinen daher als wenig spontan. Da wir strukturiert und auf alles vorbereitet sein wollen, haben wir das Bedürfnis, alles zu verstehen und zu hinterfragen. Das kann dazu führen, dass eigentliche Problemlösungen blockiert werrden ("paralysis by analysis"). Weiterhin haben wir als typische Melancholiker die Tendenz, Konflikten auszuweichen. Wir halten die Konfrontation für nicht der Mühe wert, scheuen die Aufregung und möchten weder bloßgestellt werden, noch jemanden bloß stellen. Das kann dazu führen, dass nötige Konflikte nicht ausgetragen werden, sondern vor sich hinschwelen. Da wir oft sach- und erfolgsorientiert arbeiten, können wir kühl und unpersönlich wirken. Als Melancholiker sollten wir darauf achten, nicht zu viel von uns selbst zu erwarten und auch einfach mal unsere Meinung zu sagen. Die Angst vor der Bloßstellung ist in der Regel größer, als das Risiko es rechtfertigt. Außerdem kann es nicht schaden, wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass wir von anderen oft als wenig emotional erlebt wird. Je nach Temperament des Partners kann das als Gleichgültigkeit oder emotionale Kälte interpretiert werden. Das mag für uns selbst kein Problem sein, führt aber zu Missverständnissen mit Partnern, die Empathie oder sichtbare Zuneigung erwarten.

Mit Verständnis und Toleranz zum Lebensglück
Wenn Sie auch ein Melancholiker sind oder das Glück haben, mit einem Melancholiker zu leben oder zu arbeiten, dann wissen Sie jetzt ein bisschen besser, wie wir Melancholiker ticken und warum wir auf die eine oder andere Art handeln oder zögern. Wir alle kommen unserem Lebensglück sehr viel näher, wenn wir uns selbst und unsere Mitmenschen verstehen und dadurch so tolerieren wie wir oder sie sind. Das ist ein Wunsch, den besonders jeder Melancholiker gut heißen würde.

Kommentare:

  1. Hast du denn auch einen hohen Wert bei Neurotizismus bei solchen Tests?

    Der Persönlichkeitstest auf www.typentest.de sagt ich bin eine Denkerin, die Beschreibung davon (kritisch, nachdenklich, etc.) hört sich auch etwas nach Melancholie an.

    AntwortenLöschen
  2. Ja, es gibt viele Überschneidungen in diesen Tests. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich eine Wichtigkeit darüber hinaus haben, zu verstehen, welche eigenen Situationen einem liegen und welche nicht. Auf keinen Fall sind solche Tests in psychologischer Hinsicht besonders relevant.

    An der Melancholie interessieren mich vor allem auch die philosophischen, historischen und ästhetischen Dimensionen.

    AntwortenLöschen
  3. In Kürze werde ich mit einem Melancholiker zusammenarbeiten. Sehr aufmerksam habe ich Ihren Artikel gelesen. Für mich ergibt sich die Frage, ist es richtig, wenn sich ein Melancholiker in einer Phase der Traurigkeit befindet, ihn gut zu zureden. Oftmals habe ich es getan, aber ich bin mir nicht sicher, ob er das durch seine Traurigkeit auch so sieht. Er macht wundervolle elektronische Musik und wir erarbeiten uns ein gemeinsames Stück. Während er am Synthesizer spielt, leite ich die Gruppe an den Barockinstrumenten. Ihn nicht zu verletzen ist mein Ziel. Aber manchmal fühlt er sich verletzt und ich weiß nicht warum und er sagt es mir auch nicht, welche Aspekte es sind. Ich weiß mir keinen Rat und erbitte diesen von Ihnen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich kann auf die Entfernung nur begrenzt Rat geben und muss an Ihr Gespür appelieren. Im Extremfall, holen Sie Hilfe. Ansonsten würde ich Gelassenheit empfehlen:

      Ehrlich - ich denke, Sie sollten ihn einfach für seine Leistung achten und ehren, für seine Musik und seine Ideen. Machen Sie sich keinen zu großen Kopf über seine vermeintliche Traurigkeit. Eventuell wäre es das Schlimmste, ihm aus dieser Traurigkeit heraus helfen zu wollen, denn vielleicht braucht er sie, um gut zu sein, ja - so paradox es klingt - um glücklich zu sein.

      Entwickeln Sie ein Gespür dafür, was ihn verletzt und vermeiden sie diese Situationen vorerst. Vielleicht muss er sich auch erst sicher und vertraut fühlen, um sich weiter zu öffnen. Sollte er wirklich Hilfe benötigen, dann können Sie ihm seine Eigenverantwortung nicht abnehmen, er muss und wird diese Hilfe selbst einholen.

      Behandeln Sie ihn aber nicht wie ein rohes Ei, sondern wie jeden anderen Menschen. Konzentrieren Sie sich auf seine wundervolle Musik. Das ist es, was erst ein mal zählt. Alles weitere kommt dann schon.

      Löschen
  4. Guter Text. Trifft alles so ziemlich auf mich zu.
    Ich lebe damit super. Ich liebe die Melancholie - sie gehört zu mir. Schwierig wird es dann, wenn der Partner so total das Gegenteil ist und meine Introvertiertheit (wenn sie denn mal da ist - meistens Anfangs Wochenende, wenn ich aus dem Grossraumbüro raus bin und einfach mal ein zwei Stunden meine Ruhe geniessen will - mir am liebsten einen Wassergraben um die Wohnung wünsche, so dass mich für ein paar Momentedie Aussenwelt nicht erreichen kann) nicht versteht und mir Dinge an den Kopf wirft wie: Du wirst irgendwann einmal einsam und alleine sterben... Ja, es ist schwierig und dieses Missverstehen seiner Seits verstärkt meine Introvertiertheit leider nur noch mehr.
    Trotzdem bin ich jemand der ganz Bestimmt seine Meinung vertreten kann und auch offen sagt, was sie denkt wenn es denn so weit kommt. Ohne wenn und aber!
    Vor dem Blosstellen ahbe ich keine Angst - mehr Angst macht mir, dass alle immer ein falsches Bild von mir haben, weil sie nicht wissen, was Melancholie bedeutet.

    AntwortenLöschen
  5. Sehr schön beschrieben. Ich selbst habe für mich noch nicht den richtigen Weg gefunden damit richtig umzugehen. Meist verfalle ich tagelang bestimmter Musik. Kann stundenlang das gleiche Lied hören. Mittlerweile habe ich fast keine sozialen Kontakte mehr ausserhalb der Familie. Ich gälte als hart gefühlskalt und pessimistisch. Aber so ist das garnicht. Ich bin sehr emotional und weine schnell auch bei schönen Dingen. Aber ich unterdrücke meine Gefühle wenn andere dabei sind. Mir sind meine Ausfälle unangenehm zu zeigen. Mag vielleicht daran liegen dass man nicht den richtigen Partner hat und nicht die richtigen Menschen um sich hat. Mich versteht glaube ich niemand. Ich würde mich übrigens nicht als depressiv bezeichnen. Ich bin nicht traurig sondern ich bin viel an grübeln und bin irgendwie viel an träumen. Ich spiele Situationen im Gedanken durch auch absurdes. Ausserdem bin ich sehr kreativ . Ich male und zeichne sehr gut. Meine Bilder sind fröhliche Bilder . Mein GrundGefühl : einfach geliebt werden zu wollen. So wie ich bin.
    Ich bin eher einzelgänger aber ich will nicht immer allein sein. Ich denke was fehlt ist Verständnis in Unserem Umfeld wie be so vielen Dingen im Leben.
    Bei mir kommt noch dazu. Dass ich sehr sensibel bin und neu überforder mit Gefühlen oder Ereignisse. Wenn ich Besuch hatte oder irgendwo was bin ich danach völlig erschöpft.
    Und ich bin sehr misstrauisch. Vertraue niemanden ganz.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Krass, der Text hier könnte genauso von mir stammen...

      Löschen
    2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

      Löschen
  6. Also, ich bin ebenfalls ein Melancholikertyp und gehe mit dem Statement oben nicht mit...ich bevorzuge andere Quellen, auch bei den anderen Tempermenten stimmen meine Erfahrungen mit denen von Sokrates überein.

    AntwortenLöschen
  7. http://www.amazon.de/gp/aw/d/3894372788/ref=mp_s_a_1_2?qid=1428304367&sr=8-2&keywords=die+vier+temperamente&pi=AC_SY200_QL40&dpPl=1&dpID=51RQTMERN3L&ref=plSrch

    AntwortenLöschen

Top 3 der meist gelesenen Artikel dieser Woche