Philosophische Praxis
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22. August 2011

Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt

Eine Rezension von Erich Feldmeier zu Susan Cains Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt, Riemann-Verlag 2011.

Das Grandiose an diesem Buch ist, dass es Susan Cain geschafft hat, eine überwältigende Fülle an neuesten Forschungserkenntnissen und wissenschaftlichen Argumenten in Alltagssprache und -Szenarien zu übertragen. Wer dieses triviale, 'amerikanische' nicht mag, sollte sich trotzdem nicht irritieren lassen. Das Buch ist eine Meisterleistung mit weitreichender Bedeutung.

Das Buch beginnt mit einem Zitat von Allen Shawn: "Ich denke daher, dass die Erde Sportler, Philosophen, Sexsymbole, Maler und Wissenschaftler braucht... Sie braucht Menschen, die ihr Leben der Fragestellung widmen, wie viele Wassertröpfchen die Speicheldrüsen von Hunden unter bestimmten Umständen absondern, und sie braucht Menschen, die die flüchtige Impression von Kirschblüten in einem 17-silbigen Gedicht einfangen... Wenn jemand außergewöhnliche Talente besitzt, setzt das voraus, dass die für andere Gebiete benötigte Energie von diesen abgezogen wurde."

Wer kennt Rosa Parks?
Susan Cain schreibt: "Während Extrovertierte oft eine soziale Führungsrolle erreichen [und anstreben, 126, 269, 396, (sic!)], erlangen Introvertierte eher eine Führungsrolle auf theoretischem und ästhetischem Gebiet... Weder E=mc² noch 'Das Verlorene Paradies' wurde von einem Partylöwen ersonnen.“ Und mit Adam Grant: "Beharrlichkeit ist nicht sehr glamourös. Wenn man, um ein Genie zu werden, 1 % Inspiration und 99 % Schweiß braucht, dann tendieren wir als Kultur dazu, dies eine Prozent zu vergöttern. Wir lieben sein Funkeln und Glitzern. Aber die eigentliche Stärke liegt in den 99 %" (S. 18, 126, 262).

Rosa Parks, eine scheue und schüchterne Frau, weigert sich 1955 in Alabama im Bus aufzustehen und lässt sich trotz Morddrohungen nicht beirren. Als die Rassentrennung nach einjährigem Busboykott aufgehoben wurde, brachte die New York Times einen zweiseitigen Aufmacher über den charismatischen M.L. King. Rosa Parks wurde nicht einmal erwähnt (S. 11, 100). So ähnlich gehen alle Geschichten im Buch. Wer kennt Rosa Parks, Craig Newmark, Steve Wozniak oder Jerry Kagan?

Repressive Konformität von der Schule bis an die Börse
Tipp: Lesen Sie auch diese Rezension
"Wir leben in einem Wertesystem, das vom Ideal der Extraversion geprägt ist, wie ich es nenne - dem allgegenwärtigen Glauben, der IDEALMENSCH sei gesellig, ein Alphatier und fühle sich im Rampenlicht wohl." Das ist keinesfalls nur eine leichtfertige Behauptung. Untersuchungen belegen, dass die große Mehrzahl der Lehrer glaubt, der 'Idealschüler' sei extravertiert. Darüberhinaus glauben sogar 91 % der hochrangigen Manager, dass Teams der Schlüssel zum Erfolg sind (S. 123). Folglich geht jede Arbeitsorganisation in Richtung Großraumbüro, obwohl ein Drittel bis die Hälfte der Menschen signifikant schlechter arbeiten. Zudem solle sich ausnahmslos jeder Mensch für soziale Angelegenheiten und Führungsrollen prädisponieren - trotz mangelndem Interesse und angeblicher Arbeitsteilung. Aus der schier unschlagbaren Logik, dass die Kulturleistung von Menschheit durch die Weisheit der vielen [verschiedenen] entsteht, ist das genaue Gegenteil geworden: "Das heißt, man muss sichergehen, dass man den gleichen Single Malt Scotch trinkt wie der Geschäftsführer und im richtigen Fitnessstudio trainiert."

Das Phänomen, das Cain das 'Neue Gruppendenken' nennt, hat sich zu einer 'repressiven Norm' entwickelt (S. 116-150) . Am Anfang der Persönlichkeitskultur (1902, Dale Carnegie) wurde uns "aus aus rein egoistischen Gründen empfohlen, eine extravertierte Persönlichkeitskultur zu entwickeln... Heutzutage aber glauben wir, extravertiert zu werden mache uns nicht nur erfolgreicher - es mache uns auch zu besseren Menschen" (S. 71). "Um Karriere zu machen wird von uns erwartet, dass wir uns selbst ungeniert anpreisen" (S. 18). "Introvertierte, die unter dem Ideal der Extraversion leben, sind wie Frauen in einer Männerwelt" (16, siehe Anm. 1).

Cain rechnet schonungslos und unerbittlich-sachlich mit dem Brainstorming- und TEAM-Wahn ab, der sich trotz besserem Wissen hält, obwohl er zur Entstehungs-Zeit bereits widerlegt wurde. Diese Abrechnung mit der (neurobiologischen) Sehnsucht nach Konformität (siehe Anm. 2) ist ein absolutes Highlight des Buches. Eine Kostprobe: "Bis auf den heutigen Tag ist es an der Tagesordnung, dass jemand, der eine Zeitlang in einer amerikanischen Firma tätig ist, sich gelegentlich in einem Raum mit weißen Wandtafeln und Filzstiften und einem außerordentlich schwungvollen Moderator wiederfindet, der alle Mitarbeiter zur freien Assoziation ermuntert" (S. 140). Ironischerweise scheint der sog. Team-Spirit durch Linux, Wikipedia und Sozialen Netzwerken belegt, in Wirklichkeit arbeiten alle (NERDS) lieber (zusammen) allein.

Der Gruppendruck ist derart stark, weil die gefühlte soziale Ausgrenzung unsere Wahrnehmung und unser Verhalten in Gruppen verändern kann. Dies hat drastische Konsequenzen, u.a. an der Börse. Dazu eine weitere Episode:

"Die Geschichte der Finanzwelt strotzt [...] von Akteuren, die Gas geben, wenn sie bremsen sollten", schreibt Cain. Die Folgen des hasardeurhaften Herdentriebs und Konformismus sind bekannt. Trotzdem beherrscht ein Grundtenor, was gut und schlecht ist, die öffentliche Aufmerksamkeit. "Verachtung für (FUD, Fear, Uncertainty, Doubt), Furcht, Unsicherheit und Bedenken und für die Art Menschen, die dazu neigen - ist es was den Crash verursachte, sagt Boykin Curry, leitender Direktor der Investmentfirma Eagle Capital... Menschen eines bestimmten Charaktertyps bekamen Kontrolle über Kapital, Institutionen und Macht. Und Menschen, die von der Veranlagung her vorsichtiger, introvertierter und mathematischer denken, wurden diskreditiert und beiseitegeschoben... Curry ist Absolvent der HBS und gehört zum festen Inventar der New Yorker High Society... Aber er vertritt ganz offen die These, dass es hemdsärmelige Extravertierte waren, die die globale Finanzkrise verursachten... Die vorsichtigen Typen wurden zusehends eingeschüchtert und bei Beförderungen übergangen... bis wir am Schluss *eine sehr spezielle Art von Menschen* hatten, die die Dinge lenkten.“

Dies belegt sie natürlich mit einer überwältigenden Argumentationskette zum neurobiologischen Belohnungssystem mit einem Experiment von Joseph Newman, in dem die Reaktionen bei einem Zahlenspiel getestet wurden: "Aber der noch interessantere Aspekt dieses rätselhaften Verhaltens ist nicht, was die Extravertierten tun, bevor sie bei einer falschen Zahl den Knopf drücken, sondern was sie danach tun. Wenn Introvertierte feststellen, dass sie einen Punkt verloren haben, drosseln sie das Tempo... Aber Extravertierte vergessen nicht nur, das Tempo zu drosseln - sie werden sogar noch schneller... Wenn man Extravertierte zwingt zu pausieren, sagt Newman, schneiden sie beim Zahlenspiel genauso gut wie Introvertierte ab."

Immer wieder werden also bestimmte Sichtweisen und Einstellungen systemisch durch die dominante Mehrheit diskriminiert und ausgemerzt, ein wichtiger Hinweis auf die Notwendigkeit von (pro-)aktivem Gender- und Diversity-Management. "Wir sollten sichergehen, dass beide Herangehensweisen Eingang in wichtige Firmenbeschlüsse finden", schreibt Cain und schlägt einen grandiosen Bogen zur Bio-Diversity und Evolutions-Theorie. Denn auch im Tierreich gehören etwa je 20 % der Typen zu den eher bedächtigen Charakteren, bei Fruchtfliegen, Hauskatzen, Bergziegen, Mondfischen und Meisen (S. 228). "Bedächtige Tiere ... setzen sich nicht durch. Sie sind die Schriftsteller und Künstler, die ausserhalb der Hörweite der Draufgänger interessante Gespräche führen. Sie sind die Erfinder, die sich neue Verhaltensweisen ausdenken, während die Draufgänger ihnen die Patente klauen, indem sie ihr Verhalten kopieren."

Die Frustration fürs Erfinden und für Erfinder ist sozusagen vorprogrammiert, wie folgende Aussage zeigt: "Es reicht nicht aus [...] am Computer eine großartige statistische Regressionsanalyse durchführen zu können, wenn man zu zaghaft ist, die Ergebnisse vor einem Team von Führungskräften zu präsentieren... (Augenscheinlich ist es in Ordnung, sich bei einer Regressionsanalyse zaghaft anzustellen, solange man großartige Reden schwingt)." Genau diese Sichtweise ist immer noch auf breiter Front vorherrschend, die Logik und die Konsequenzen muss man sich immer wieder vor Augen führen. Tabellen, Grafiken und warme Worte, ohne was zu sagen zu haben? Eine Beleidigung des Gesunden Menschenverstands (vgl. Anm. 3).

Entwicklungspsychologische Grundlagen
Ein weiteres Highlight, auf das wir jetzt aus Platzgründen nicht umfassend eingehen können, sind Cains Darstellung der Forschungsergebnisse von Jerry Kagan. Cain geht auf die Durchbrüche in der physiologischen Persönlichkeitsforschung ein, die auf Kagan und viele andere wie Carl Schwartz, Elaine Aron, Richard Lucas, Ed Diener, Daniel Nettle, Richard Depue zurückgehen. Besondere Bedeutung und Brisanz erhalten diese Kapitel (S. 152 ff), wenn man sie mit denen von anderen Neurobiologen vergleicht (Anm. 4). Eigentlich ist es fast müßig, an dieser Stelle auf Persönlichkeits-Typen a la C.G. Jung (MBTI etc.) einzugehen, weil man davon ausgehen müsste, dass diese inzwischen allgemein bekannt sind. Dem ist jedoch keineswegs so, wie man an der Autorin selbst sieht. Nach eigenen Angaben hat Cain seit Jahrzehnten am Inhalt des Buches gegrübelt und v.a. an der Frage, warum sie 'anders' ist: "Ich brauchte Jahrzehnte, um herauszufinden warum... Es hätte mir wahrscheinlich geholfen, wenn ich mich damals schon besser gekannt hätte." Die entscheidenden Passagen zur Berufsfindung und Lebensführung haben deshalb eine hohe Priorität für die eigene Persönlichkeitsentwicklung (155ff, 167, 179 ff, 399).

Laute und leise Ideen
Meine Lieblingsstelle hat nicht weniger, als mit dem Überleben der Menschheit zu tun. Es beschreibt das Rollenspiel 'Überleben in der Subpolarregion' an der Harvard Business School, deren Absolventen und Geist einen weltweiten, überragenden Einfluss haben: "Ein Kommilitone hatte das Glück in einer Gruppe zu sein, in der ein junger Mann über ausgiebige Erfahrungen mit den abgelegenen Regionen des Nordens verfügte. Er hatte viele gute Ideen... Nur hörte die Gruppe nicht auf ihn, weil er seine Ansichten nicht mit genug Nachdruck vertrat... Unser Aktionsplan basierte auf den Vorschlägen der redefreudigsten Leute, erinnert sich ein Student... Wenn Sie an Konferenzen denken... bei denen sich die Ansicht der dynamischsten oder redefreudigsten Person durchsetzte und das zum allgemeinen Schaden. Wenn wir davon ausgehen, dass stille und laute Menschen in etwa die selbe Anzahl an guten (oder schlechten) Ideen haben, dann sollte der Gedanke, dass nur die lauteren und energischeren Menschen sich durchsetzen, uns besorgt aufhorchen lassen. Das würde bedeuten, das ein ganzer Haufen schlechter Ideen siegt, während viele gute untergehen. Studien in Gruppendynamik belegen, dass genau das passiert... Redefreudige Menschen erscheinen uns klüger als stille“ (vgl. S. 16, 84 ff). Dazu passt, was Philipp Tetlock von der Uni Berkeley mit seinen Forschungen belegte: "Es stellte sich heraus, das Fernsehgrößen [...] politische und wirtschaftliche Trends schlechter vorhersagen, als würde man die Prognose würfeln! Die allerschlechtesten sind überdies meistens auch noch die bekanntesten und selbstsichersten."

Fazit und Zusammenfassung
"Erwarten Sie nicht von ihnen [ihren Kindern], der Herde zu folgen... Wenn Sie Lehrer sind, genießen Sie die Schüler, die gesellig sind und sich am Unterricht beteiligen. Aber vergessen Sie nicht die scheuen, sanften und autonomen zu fördern... Das sind die Künstler, Ingenieure und Denker von morgen... Verwechseln Sie nicht Durchsetzungsfähigkeit oder Beredsamkeit mit guten Ideen... vergessen Sie nicht, dass Schein nicht Sein ist", schreibt sie in ihrem Schlusswort. Ein sensationelles Buch, ein MUSS als Karriereführer für die MINT-Berufe!


Anmerkungen
  1. Anm. 1:  Es ist hinreichend bekannt, dass (Seminar-)Transfers von F- zu T-Typen im Alltag überwältigend zu 80-90 % scheitern. Zur Wahrnehmung der F- und T-Persönlichkeits-Typen: Gunter DueckSabine Seufert und Richard Gris.
  2. Anm. 2: vergleiche auch Dan Ariely, Marvin Dunnette, Solomon Asch, Gregory Berns.
  3. Anm. 3: Erich Feldmeier: Sonntags Reden, Montags Meeting, Alert-Verlag, S. 93 ff. und Besonders Privilegiert und Weltfremd.
  4. Anm. 4: edge.org hat eine Reihe zur Physiologie des Entscheidungsverhaltens publiziert: Ethik als komplexe Entscheidung in Alltagssituationen. Diese Serie gehört zu den spektakulärsten Veröffentlichungen, die bei edge.org je erschienen sind, vgl. Manual Mode.

Kommentare:

  1. Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen! Werde es im Herbst nochmal lesen, wenn es auch draussen wieder ruhiger ist. Denn das erste mal überflog ich es fast nur, vor lauter freudiger Erregung: JA!JA!, der Selbsterkenntnis :-)

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  2. Dazu passend ein Interview mit der Autorin: http://gesundundmunter.wordpress.com/2011/06/15/buch-warum-wir-die-introvertierten-brauchen

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  3. Nachtrag aus aktuellem Anlass:
    Die SZ schreibt heute, 15.09.11: "In den USA leben so viele Menschen in Armut wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr. 15,1 Prozent aller Amerikaner müssen mit einem Jahreseinkommen von umgerechnet 16 290 Euro oder weniger auskommen. Sie fallen damit unter die Armutsgrenze. Das ist der höchste Wert seit 1993"

    ! Eigentlich doch keine Überraschung !:
    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gespraech-mit-richard-sennett-amerika-im-niedergang-1.703926
    Zitat: Die durchschnittliche US-Firma ist nicht innovativ und ziemlich unbeweglich im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden...
    Die Elite-Universitäten sind in der Tat hervorragend, aber das sind nur ungefähr hundert. Wenn Sie eine Stufe niedriger gehen, gibt es nichts mehr zu beneiden. Das ist überall so: Oben ist Amerika spitze, aber die große Masse der Gesellschaft droht zu scheitern..
    Susan Cain schreibt dazu: Wir bewundern die 1 %

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  4. Ich bin sehr begeistert von dem Buch mich hat es sehr überrascht dass wir Introvertierte auch in wenigstens manchen Situationen Vorteile gegenüber Extrovertierte haben. Ich finde es extrem problematisch wie das Ideal der Extroversion die Weltanschauung beherscht.

    Interessantes Buch, kann ich nur weiterempfehlen!

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  5. Ein ganz wichtiges Thema, finde ich, und es ist wenig in der allgemeinen Öffentlichkeit als Problem präsent, weil man eben oft das Laute und Extravertierte als die Norm betrachtet.

    Ich habe auch einen Artikel dazu geschrieben, zu dem interessante Kommentare kamen: http://goo.gl/xFySn

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  6. Endlich! Danke für den Buchtipp. Obwohl ich ja schon wusste, dass ich auch dann ok bin, wenn ich mich nicht ständig in den Vordergrund dränge...

    Jeder sollte das tun, wobei er/sie sich wohl fühlt bzw. wenn es (das Tun) sich richtig anfühlt. Natürlich kann man das nicht immer vollständig durchziehen. Aber ein gewisses Maß an Selbstfürsorge ist auch damit verbunden. Sich ständig anpassen macht krank. Ich schreibe aus Selbsterfahrung.

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  7. Ich lese das Buch gerade. Ein wichtiges Thema, sowohl in Schule als auch in der Arbeitswelt.

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  8. Spannende Rezension!
    Mich beschäftigt das Herdenthema von einer anderen Seite her, das heisst ich habe noch nicht überlegt, was es mit der Extra- oder Introversion zu tun haben könnte (Kreative wie ich sind eh undefinierbar beides, hat mich damals, als ich mich mit mbti und Typenklehre befasste, sehr erleichtert, weil ich zunächst dachte ich bin mal wieder verkehrt und passe in kein Schema)

    Ich beobachte derzeit, dass die Menschen Angst bekommen, wenn Kreativität von ihnen erwartet wird. Also etwas Eigenes, das sie selber erdacht, erfühlt haben und erschaffen wollen. Das Eigene kommt immer in gewisser Weise aus der Stille und setzt diese voraus. Stille ist eine Qualität, die weder den Introvertierten noch den Extravertierten gehört.

    Neulich fragte am Ende eines Kurses,was gefallen hat und was weniger.
    Antwort: also im Prinzip supergut, nur wenn du uns fragst was wir BRAUCHEN, das gefällt uns nicht. Das verunsichert uns.

    Ich habe noch lange mit den TN gesprochen, um herauszufinden, was ihnen da Angst macht und dann lange darüber nachgedacht und kam zu dem Ergebnis:
    Man fragt sich nicht mehr, was man braucht. Und weil man sich das nie fragt, kommt man in Teufels Küche, wenn man danach gefragt wird. Man ist so gewöhnt, in der Herde mitzurennen, dass es einem Sicherheit gibt, wenn man seinen Platz darin hat, und sei es nur ein gaaanz kleiner Platz am Rand. Und diese Sicherheit ist wichtiger als das Eigene überhaupt nur zu fühlen.
    Jede Kreativität setzt aber das Eigene voraus, und genau das macht Angst, weil man sich unterwegs verloren hat. Und einem weis gemacht wurde, dass die Extravertierten da Vorne wissen,wo es lang geht und wie man erfolgreich wird. Oder zumindest nicht aus der Herde ausgeschlossen.

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  9. "Die Lauten übersteuern die Leisen."
    Ich hatte letztes Jahr Gelegenheit, im Zug Jemanden kennenzulernen, der eine Gesprächstmethodik entwickelt hat, um in großen Gruppen genau dies zu erreichen:
    Abholung aller Meinungen über ein Verfahren, dass auch den Leisen den Raum gibt:
    mit gruppenbing effizient zu Entscheidungen in großen Gruppen kommen – und Alle stehen dahinter!

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  10. In einer Welt, wo sich die Lauten schon lauthals auf der Straße als Alpha-Tierchen beweisen müssen ein interessanter Artikel und ein interessantes Buch für Jeden.

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  11. Oh, wow. Ich dachte, ich wäre allein mit der Furcht vor dem Diktat der Selbstsicheren. Ich habe mir Gedanken dazu gemacht, wer uns eigentlich so regiert. Wer wird denn Politiker, d.h. erfolgreicher (!) Politiker? Das sind nie die Stillen, sondern immer die mit verbalen oder sonstigen Ellenbogen, immer die Lauten. Und das sind nach meiner Erkenntnis kaum mal die sachlichen Personen. Von solchen Charakter-Typen will ich gar nicht regiert werden! Und dies ist der wesentliche Grund für meine ausgeprägte Politikverdrossenheit.
    Zu diesem Hintergrund habe ich vor gut einem Jahr den Artikel "Die Partei der Stillen" geschrieben: http://www.coonlight.de/artikel/2012/2012-05-01-die-partei-der-stillen/

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