15. November 2011

Der Nachbar ist Schuld an meinen Schrammen

Gebrauchsspuren
Gestern Abend kam ich von einem Wellness-Kurzurlaub nach Hause und fand wie immer eine angespannte Parkplatzsituation vor. Aber da war doch noch eine Lücke, zwar etwas klein, aber direkt vor der Tür. Ich bin ein guter Einparker und sehe so etwas als sportliche Herausforderung. Ich nahm sie an und war ziemlich stolz, als das Auto vernünftig geparkt war. Heute Vormittag - ich dachte an nichts böses - rief mich meine Versicherung an und informierte mich, dass ich einen Schaden verursacht hätte und dass gegen mich ein Ermittlungsverfahren wegen Fahrerflucht eingeleitet war! Ich konnte es nicht glauben, nicht zuletzt weil ich mir keiner Schuld bewusst war oder gar irgendwo gegen gefahren und geflüchtet war. Nach der Arbeit sah ich mir die geparkten Autos vor der Tür an. Mein 11 Jahre altes Auto sah aus wie immer: von kleinen Dellen und Schrammen überseht. Davor stand der Golf, der auch schon gestern Abend da stand. Und auch dort gab es Schrammen. Eine alte überlackierte Schramme und zwei, drei kleinere, aber unbehandelte Schrammen. An meiner Windschutzscheibe klebte ein handgeschriebener Zettel:
Bitte Sachbeschädigung bei Ihrer Versicherung melden. Schaden wurde polizeilich aufgenommen!
Herold, Musterstraße 32
Herr Herold ist mein Nachbar. Sein Auto sehe ich jeden Tag und er meines auch. Er ist sehr wachsam und beobachtet gerne, was auf der Straße passiert. Ich konnte es nicht glauben: Wegen zwei kleiner Schrammen an einem Gebrauchsgegenstand, an der Stoßstange, die doch schon vom Namen her genau dazu da ist, kleinere Berührungen abzufangen, zeigt mich mein Nachbar an. Bevor ich mich ihm stellte, fragte ich mich, was ich mich immer frage: Wie hätte ich an seiner Stelle gehandelt? Meine Antwort: Gar nicht! Wegen solch eines Kratzers an der Stoßstange hätte ich mich noch nicht einmal zu ihr runtergebeugt.

Auf meine Nachfrage, ob er eine Anzeige wirklich für das Mittel der Wahl hielt, rechtfertigte Herr Herold sich, dass er es nicht einsehe auf den Kosten sitzen zu bleiben. Welche Kosten? Davor gab es bereits Schrammen, die er mit dem Filzstift repariert hat. Was sind das für Kosten? Ich rief die Polizei an, die mir bestätigte, dass jetzt gegen mich ein Strafverfahren eingeleitet wurde. Nur der Staatsanwalt kann jetzt noch entscheiden, ob ich vor Gericht muss oder ob die Sache eingestellt wird. Wie absurd!

Wem können wir die Schuld geben?
Die eigentliche Frage, die ich mir stelle ist: Müssen wir nicht einfach einige Dinge im Leben akzeptieren? Zum Beispiel dass wir in der Gesellschaft zusammenleben und uns manchmal in die Quere kommen? Zum Beispiel dass unsere Kinder mit dem Fahrrad hinfallen und sich das Knie aufschlagen? Oder dass ein Auto bei Gebrauch auch mal einen Kratzer kriegt? Müssen wir da sofort die Staatsgewalt einspannen? (Interessanterweise tun wir das eher, wenn das Auto und nicht, wenn das Kind die Schramme hat.) Was sind die Gründe dafür, dass wir immer gleich jemanden haftbar machen müssen? Wem können wir die Schuld geben? Und vor allem: Wofür? Ich denke fast, dass irgend etwas gefunden werden muss, dass man jemandem anders in die Schuhe schieben kann. Dieses Gefühl von Ungerechtigkeit: Immer denken wir, jemand muss dafür bezahlen, dass die Welt ungerecht ist.

Nun gut. Ich werde mich in Akzeptanz üben: Ob ich schuldig war oder nicht, ich werde akzeptieren, dass ich nun der Strafverfolgung unterliege. Es fällt mir schwer, das muss ich zugeben, wenn ich weiß, dass solch ein Aufwand wegen zwei Schrammen getrieben wird. Mit diesen Ressourcen könnte man meinetwegen auch die sächsischen Mordnazibanden verfolgen. Aber gut: Ich akzeptiere die Absurdität dieser Welt. You have to pick your fights!

Kommentare:

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Broken-Windows-Theorie
    1969 unternahm der Psychologe Philip G. Zimbardo folgendes Experiment: Er stellte versuchsweise zwei Autos ab, eines in der Bronx in New York City, das andere in Palo Alto, einer eher beschaulichen Kleinstadt Kaliforniens. Er schraubte die Nummernschilder ab, öffnete die Motorhauben und beobachtete, was geschah.

    In der Bronx machte sich am helllichten Tag schon nach zehn Minuten eine Familie – Mutter, Vater und 8-jähriger Sohn – über das Auto her. Binnen sechsundzwanzig Stunden war es durch weitere Personen völlig ausgeschlachtet worden und wurde anschließend weiter demoliert. Innerhalb von drei Tagen war das Fahrzeug nur noch eine zerschlagene Masse Metalls, in und auf welches die Passanten ihren Müll abluden.

    Demgegenüber stand der Wagen in Palo Alto auch nach einer Woche noch unberührt da. Als es zu regnen begann, schloss sogar ein Passant die Motorhaube. Daraufhin schlugen Zimbardo und seine Mitarbeiter mit einem Vorschlaghammer eine Scheibe ein. Dies hatte zur Folge, dass kurz darauf Passanten die Zerstörer anfeuerten und mitmachten. In der folgenden Nacht schlugen junge Männer weiter auf den Wagen ein, so dass er schließlich zerstört auf dem Dach lag"

    Zimbardo hat 1971 das sog. Stanford-Gefangenen-Experiment durchgeführt.

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  2. Na, ich hoffe nicht, dass jetzt dem armen Herrn Herolds Auto wegen der Schramme komplett zerdeppert wird. Immerhin leben wir im wilden Osten, was auch nicht gerade Palo Alto ist :)

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  3. Ja, das ist genau so eine der "Lebens-Prüfungen" finde ich :) Habe ich mich entwickelt? Nehme ich den Kampf auf und bemale nachts heimlich den Briefkasten des Nachbarn mit kommunistischen Parolen? Nehme ich jetzt auch Bleistift und Papier und notiere, ob er selbst seinen Läufer vor der Tür selbst reinigt oder es schamlos der Putzfrau überlasst? Trennt er den Müll ordentlich? Oder bleibst du gelassen, begrüßt deinen Nachbarn wie immer, entschuldigst dich dafür, ihm Unannehmlichkeiten bereitet zu haben, weil dir seine Kleingeistigkeit nicht bewusst wahr* und du nicht wissentlich Fahrerflucht begangen hast. Dein Nachbar scheint wenig Vertrauen in die Menschheit, nicht mal in seine bekannten Nachbarn, zu haben, wenn das sein Mittel erster Wahl war, statt bei Dir zu klingeln. Arme Zeitgenossen.

    Die Welt ist nicht gerecht, es hat uns ja auch niemand bei unserer Geburt versprochen, das sie das wäre. Die Frage ist nun: Kannst du's leicht nehmen und mit einer ungerechten Entscheidung leben? In diesem Fall kannst Du nur Eigenverantwortung übernehmen, wie Du mit der Sache und Deinem Nachbarn umgehst, und wie "großgeistig", erwachsen und souverän Du mit dem Unrecht, das Dir widerfuhr, zurechtkommst. Lassen wir uns von der "ratio" fangen und denken, ob das nun angemessen war oder nicht, lassen wir uns von Reptiliengehirn leiten - das bekannte fight oder flight - oder können wir bei uns bleiben und die Sache nehmen, wie sie ist: Ein Mann, der die Herausforderung "XS-Parklücke" annahm, ein misstrauischer (leicht paranoider - ohne das bös zu meinen!) Nachbar, eine deutsche Exekutive, die ihrem Job nachkommen muss, eine Judikative, die in Urteilen denkt, und zwei Versicherungen, die bereits längst geregelt haben, wer an wen was zahlt, weil es da Abkommen gibt. So what? ;)


    * den letzten Teil denkst du natürlich nur, wobei ich das nicht schlimm finde, es gibt nunmal viele kleingeistige Menschen, das ist auch nicht weiter tragisch, auch wenn's keine Entschuldigung dafür ist, wie er gehandelt hat

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  4. Danke Claudia! Ich musste lachen: "Ein Mann, der die Herausforderung annahm..." So weit ist es schon mit "uns Männern" gekommen. Wir erschlagen keine Säbelzahntiger, sondern beherrschen die Parklücke (oder auch nicht). Im Übrigen denke ich auch nicht, dass die Welt mir gegenüber ungerecht ist. Das hat schon alles seine Richtigkeit. Was mich wurmt ist die piefige, spießige Kleingeistigkeit der Gerechtigkeit. Wir alle - inklusive Herr Herold - sind doch zu etwas größerem geboren, als das. Und darin liegt die Schönheit dieser Begebenheit: Sie erinnert daran, dass wir uns klein und unwichtig machen, wenn wir uns solchen Dingen hingeben. Wir könnten statt dessen auch kreativ sein oder lesen, Sport machen, mit Freunden kochen, unsere Oma pflegen etc.

    Übrigens rief mich Herr Herold heute an und sprach auf meinen Anrufbeantworter: Er habe mit einem Staatsanwalt geredet und ich solle ihn zurückrufen, um zu erfahren, was ich tun könne, damit die "Fahrerflucht" für mich keine Folgen haben würde. Ich habe natürlich nicht zurückgerufen. Wir müssen jetzt alle für unsere Entscheidungen einstehen, sagt der Existentialist in mir :)

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  5. Du hast aber doch sicher angerufen und Dich bedankt, dass er sich jetzt doch die Mühe gemacht hat, oder? Oder lässt Du ihn jetzt tatsächlich auf seinem schlechtem Gewissen sitzen? ;) Na, Ihr beiden schenkt Euch wohl nichts... Jetzt kann er gemäß "dem Mann mit dem Hammer"* zuhause sitzen und sich zusammenreimen, warum Du sein Angebot nicht annimmst... :)

    * die Geschichte von Watzlawick - by the way: das wär doch das passende Buch zur Entschuldigung: Die "Anleitung zum Unglücklichsein" von Watzlawick - Ich geb's ja zu, die Kleingeistigkeit und das Rabattmarken-Kleben-Wollen ist eine Herausforderung und Lernaufgabe, auch für mich... :)

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  6. Ich habe nicht zurück gerufen. Wie gesagt: Wir müssen die Konsequenzen unserer Entscheidungen tragen. Hätte er ein schlechtes Gewissen, dann hätte er mir sicher aufs Band gesprochen, was "sein Staatsanwalt" geraten hat. Ich will mich nicht noch kleiner machen und irgendwelchen Informationen hinterherrennen, die mir verheißungsvoll und unter Bedingungen angeboten werden.

    Wobei mir die Idee mir dem Watzlawick als Geschenk natürlich ungeheuerlich gut gefällt! Natürlich hat es wirklich was von der Geschichte mit dem Hammer: Er wird da sitzen und sich seine Gedanken machen. Ich hier und reime mir eine Wirklichkeit zusammen. So ist es eben: Dröge und einsam. Trost: Ich hatte bis jetzt heute noch gar nicht dran gedacht.

    Das Leben ist einfach elastisch und schön, trotz all der Rabattmarken.

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  7. (Interessanterweise tun wir das eher, wenn das Auto und nicht, wenn das Kind die Schramme hat.)

    Eine kurze Schilderung:

    Montagmorgen mit dem Rad auf dem Bürgersteig kurz vor meinem Haus (mir ist es natürlich immer bewusst, dass ich als Radfahrer auf dem Bürgersteig im Sinne der StVO nichts zu suchen habe). Kurz vorm Haus, ich fuhr schon sehr langsam, kam eine Frau aus der Ausfahrt gerollt. Beide waren wir also nicht sehr schnell. Ich kannte diese Frau, sie wohnt ja über mir. Ich wusste, sie hat immer hinten ein Kind im Kindersitz, vorn eins in der Babyschale, ihre linke Hand am Lenkrad, ihre rechte Hand in der Babyschale auf dem Beifahrersitz, Mund und Ohren am Headset und der ganze Kopf guckt nach hinten in den Kindersitz. Nun bin ich kurz vor ihr schon fast am stehen und sie rollt einfach auf mich zu (sie sieht ja nichts - gefangen in ihrem System), ergreift das Vorderrad und ich falle um. Weil ich ungern äußeren sowie inneren Schmerz nach außen trage springe ich sofort vom Asphalt auf und trage mein Rad fünf Meter weiter, um einen kurzen Check meines Körpers vorzunehmen. Sie guckte noch kurz aus der Luke ihres Autos und meinte, ist ja noch mal gut gegeangen - Abfahrt.
    Kurz: Das Knie schwoll an, mit Verdacht auf Scheibenbruch. Da ist es natürlich sinnvoll, wenn man hat, seine Unfallversicherung zu benachrichtigen. Das teilte ich der Auto fahrenden Dame "über mir" mit, weil ich sie ja evtl. mit angeben muss - bin ja schließlich nicht einfach so vom Rad gefallen.

    DA REAGIERTE SIE SEHR PIKIERT, schließlich hätte ja mein Rad und ihr Auto keineswegs Schaden genommen.

    Darauf folgte ein kompliziertes Unterfangen der Erklärung, dass es mir NUR um mein einziges rechtes Knie ginge, nicht um ihr Auto, nicht um mein Rad (ansonsten hätte ich doch sofort nach ihrer Haftpflichtversicherung gefragt oder die Polizei kontaktiert). Wieder war sie bei all meinen Erklärungsversuchen nicht bei der Sache -sie hatte wieder ein Ohr am Handy und das Baby an der Brust.
    Sie hat bis jetzt nicht verstanden, dass sie auch Anteil an dem Geschehen trägt - sie ist zu sehr in ihrem System gefangen - sie "über mir".
    Systemtheoretisch korrekt gibt es kein über und unter - natürlich "sie neben" mir. Da sag mir noch mal jemand, dass Systemtheorie was gutes hat - jedenfalls nicht fü den darin Gefangenen.

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  8. Danke, für diese Schilderung! Na, ein Glück, dass ihr Auto keinen Schaden nahm und das System Ich-Familie ohne Reflexion so weitergehen kann, wie bisher.

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  9. Verantwortung... ich vermisse sie immer mehr. Die Menschen schauen gerne weg, wo sie wirklich Verantwortung übernehmen sollten. Oh, sie empfinden sie schon. Aber sie trauen sich nicht.
    Eine Anzeige zu erstatten wegen einer Schramme am Auto und dabei im Grunde nur den Eigennutz im Sinn zu haben, ist einfach. (Schließlich haben Sie ja die Schrammen auch gar nicht verursacht.) Selbst wenn nur die Beobachtung einer harmlosen Beschädigung von einem eigentlich Unbeteiligten gemacht wird, der dann die Polizei benachrichtigt, ist das in meinen Augen hintergründig Eigennutz.
    Doch einzuschreiten, wenigstens Polizei und Jugendamt zu alarmieren, wenn nebenan Kinder geschlagen werden... oder mutig dem Flegel die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, nachdem man ihn höflich aufgefordert hat, das Rauchverbot in der Straßenbahn zu achten, DAS tut so gut wie keiner. Da wird weggesehen, unbeteiligt getan und nur im Stillen Groll gehegt und herumphantasiert, was man eigentlich jetzt zu tun hätte. Aber Courage ist Mangelware. Verantwortung zu übernehmen ist vielen einfach unbequem!
    Ich hoffe, die Staatsanwaltschaft wird in Ihrer Angelegenheit das Verfahren einstellen!

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  10. Danke, Frau Fleckenstein. Stimmt, Courage ist schwer. Anzeige gegen "Unbekannt" stellen hingegen nicht. Aber ich bin mir sicher, dass das eingestellt wird. Allein der Streitwert (100 € oder so) rechtfertigt den ganzen Aufwand gar nicht.

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    1. Na hoffentlich unterliegen Die da nicht einem Irrtum.
      Bei der Verfolgung durch die Justiz geht es nicht um die Höhe des Schadens, die ist irrelevant. Es geht um den Straftatbestand der Fahrerflucht und die wird in der Regel mit Führerscheinentzug geahndet.

      An Hand der zeitlichen Differenz dürfte sich ja zwischenzeitlich herausgestellt haben, wie der Ausgang des Verfahrens tatsächlich gewesen ist und welche Konsequenzen die Folge waren.

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    2. Ja, der Staatsanwalt hat das Verfahren eingestellt und die Versicherung hat ihre in der Zwischenzeit angehobene Prämie wieder reduziert.

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