5. November 2011

Mit Systemtheorie den menschlichen Geist begreifen

In diesem Beitrag zum Verständnis unseres Bewusstseins erklärt die systemische Beraterin und Therapeutin Claudia Schmoll anhand der Systemtheorie, warum Veränderung so schwer ist und wie sie doch möglich wird.
Der Baum der Erkenntnis
Systemtheorien gehören mittlerweile als Denkgerüst in jede Geistes- und Naturwissenschaft. In der Biologie hielt die Systemtheorie Einzug durch das Werk der Chilenen Maturana und Varela, die das menschliche Nervensystem bezüglich der Wechselwirkung von organisierter Einheit, System und Umwelt untersuchten und ihre Erkenntnisse in dem Klassiker "Der Baum der Erkenntnis" zusammenfassten. Berufshalber befasse ich mich gerne mit der Theorie von sozialen Systemen (Luhmann), und nach meiner letzten Gehirnforschungs-Lektüre "Wie unser Gehirn die Welt erschafft" habe ich begeistert festgestellt, dass auch unser Gehirn nach den Regeln der Systemtheorie funktioniert. Wie man sich das vorzustellen hat, will ich im Folgenden beschreiben. Es kann dabei etwas theoretisch werden. Wenn Sie also lieber gleich zum Praktischen übergehen wollen, dann lesen Sie einfach bei den Folgen für unser Handeln weiter. Am besten aber, sie sind tapfer und lesen alles...

Wo existieren die Systeme? oder "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?"
Um die Systemtheorie zu verstehen, müssen wir zuerst die Begriffe Wirklichkeit und Realität von einender unterscheiden. Zwar existieren Systeme in einer wirklichen Welt, z.B. das soziale System "Gesellschaft", das Funktionssystem "Wirtschaft" oder eben Personen mit ihren Bewusstseinszuständen. Aber - so die Annahme der Systemtheorie und des Konstruktivismus - die Realität existiert nicht außerhalb von uns, sondern ist immer eine kognitive Konstruktion, die sich auf Wahrnehmungen des Systems begründet. Die Systeme produzieren also aus ihrer systemeigenen Logik Realitätsbilder, was zu unterschiedlichen Bildern in der Wirklichkeit führt (1). Und was ist Realität? "Realität lässt sich durch Unterscheidungen erkennen und beschreiben, die von Beobachtungen kommen" (2). Die Gehirnforschung kann dies verdeutlichen: "Meine Wahrnehmung ist eine Vorhersage dessen, was in der Außenwelt sein sollte. Und diese Vorhersage wird ständig durch Handeln getestet" (3). Das bedeutet, dass das menschliche Gehirn die Außenwelt (Wirklichkeit) entdeckt, in dem es interpretiert, also  Modelle über diese Welt bildet. Die Wahrnehmung eines psychischen Systems konstruiert Realität durch Unterscheidungsprozesse und überprüft das Modell, das im Geist entstanden ist, durch Handeln (4).

Handlungsfähigkeit durch Komplexitätsreduzierung
Zwei wichtige Annahmen in der Systemtheorie sind Komplexität und Kontingenz. Komplexität bedeutet Vielschichtigkeit, d.h. vereinfacht gesagt, Systeme bestehen aus vielen in Beziehung stehenden Einzelteilen, die wahlweise miteinander kombiniert werden können bzw. wahlweise wechselseitig untereinander in Beziehung stehen. Kontingenz steht für die Fülle an Kombinationsmöglichkeiten, die durch die Komplexität entsteht, oder wie es der soziologische Systemtheoriker Niklas Luhmann ausdrückt: "Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist" (5). Ich finde das Beispiel Kleiderschrank einfacher: Der Inhalt ist (meistens) komplex, die Kombinationsvielfalt ist die Kontingenz. Damit ein System handeln und überleben kann, muss es versuchen, Komplexität zu verringern. Nur so können Entscheidungen getroffen werden (6). Deshalb ist unser psychisches System permanent damit beschäftigt, Komplexität (z.B. in Form von Sinneswahrnehmungen) zu reduzieren. Ohne die Reduzierung, würde uns die Kontingenz, die sich aus all dem ergibt, was ständig auf uns einströmt, überfordern. Durch die Reduzierung bleiben wir überhaupt handlungsfähig.

Autopoiesis, Selbstreferenzialität und operative Geschlossenheit
Der Begriff Autopoiese stammt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus "autos", d.h. "selbst" und "poiein", d.h. "machen". Aufgrund der Erkenntnis, dass Organismen die Fähigkeit haben, sich selbst zu gestalten und zu erhalten, klassifizierten Maturana und Varela lebendige Systeme als "autopoietische Systeme", d.h. "sie machen sich selbst" (7). Dass autopoietische Systeme ausschließlich "systeminterne" Daten verarbeiten können, wird mit dem Begriff "selbstreferenziell" ausgedrückt, d.h. sie können und müssen alles auf sich beziehen (8). "So werden durch interne Prozesse diejenigen Eigenschaften und Strukturen erzeugt, die für den Zweck und damit für die Erhaltung des Systems notwendig sind" (9). Das ist aus psychologischer Sicht leicht nachzuvollziehen: Alles, was auf uns einströmt, können wir nur auf uns selbst beziehen, mit den vergangenen Erfahrungen (Erinnerungen) vergleichen und auf diese Weise verarbeiten. Aber auch auf der elektro-bio-chemischen Ebene ist das verständlich: Die vom Gehirn interpretierten Signale sind ausschließlich systemimmanente Reize. Alles was aus der Wirklichkeit als Reiz ans System Mensch herangetragen wird, muss in solche chemischen oder elektrischen Signale umgewandelt werden, die das Gehirn versteht. Licht oder Temperatur oder Gerüche kann das Gehirn nicht verstehen.

Um die Erklärung von Autopoiese und Selbstreferenzialität zu vervollständigen, braucht man noch die Charakteristik der "operativen Geschlossenheit" eines Systems. Der wichtigste Aspekt der systemtheoretischen Betrachtung ist, dass ein System immer versucht, als Einheit zu handeln und möglichst geschlossen zu bleiben. Ziel ist die Stabilität des Systems zur Selbsterhaltung. Auf den menschlichen Geist übertragen ist es sehr gut am Schema von Wilke (10) zu sehen:

Operativ geschlossenes System

Jedes System zeichnet sich durch eine eigene Entstehungsgeschichte (Genese), Sprache (Semantik), Selbstbeschreibung und eigene Regelsysteme aus. Zusammengehalten wird das auf den ersten Blick geschlossene Interaktions-System von der Anpassung (an die Umwelt) zusammen mit Kommunikation (Verständigung), Weltsicht (Definition von Kontexten), Auftreten (Konstituierung von Eigenprojekten) und Zugehörigkeitsgefühl (Kontextuierte Identität). Gleichzeitig unterliegt das System trotz aller Geschlossenheit der Notwendigkeit des Austauschs mit der Umwelt, den es bedingt zulassen muss, um an die Umwelt angepasst zu bleiben und damit das eigene Überleben zu sichern. Diese Geschlossenheit bei gleichzeitigem Austauch wird als operative Geschlossenheit eines Systems bezeichnet.

Die Folgen für unser Handeln
Und jetzt komme ich nochmal zurück auf den Satz "Meine Wahrnehmung ist eine Vorhersage dessen, was in der Außenwelt sein sollte. Und diese Vorhersage wird ständig durch Handeln getestet." Unsere eigenen sensorischen Empfindungen müssen so genau wie möglich vorhergesagt werden, bevor wir auf die Welt einwirken, um uns anzupassen und überleben zu können. Gleichzeitig können wir uns nur selbstreferentiell innerhalb der eigenen Systemlogik bewegen, um für uns Handeln mit absehbaren Folgen (Komplexitätsreduktion) zu ermöglichen. Unser Geist ist also darauf ausgerichtet, die Folgen des eigenen Handelns abzuschätzen. Hier liegt eine Erklärung, warum wir oft einmal gefundene Lösungstrategien in Form von Verhaltensmustern selbst dann beibehalten, wenn das Problem sich längst verlagert oder gar aufgelöst hat.

Kurz gefasst: Das System (in diesem Fall unser Geist) gibt die Sicherheit, dass in der Wirklichkeit, in der wir leben, die Folgen einer Handlung abschätzbar bleiben.

Wir können also gar nicht so "offen" sein, wie wir es manchmal gern wären, denn Offenheit birgt die Gefahr einer – überspitzt ausdrückt – lebensbedrohlichen Veränderung, und jedes System ist bestrebt sich zu erhalten. Auf der anderen Seite sind genau aus diesem Grund große Krisen eine Chance, das System – auch uns selbst – tatsächlich zu verändern, denn hier gerät der "Kern der Selbststeuerung" (siehe Abbildung) ins Wanken. Es gibt sogar ein Institut (11), das ein Programm entwickelt hat, mithilfe dessen die psychische Instabilität täglich gemessen werden kann, um z.B. bei Patienten in der Psychiatrie den Moment der größten Instabilität für eine therapeutische Intervention zu nutzen.

Wozu ist das nun gut, wenn man's weiß?
  1. Alle Systeme funktionieren so: Unser Körper, der menschliche Geist, die Familie, das System Gesellschaft und auch sog. "Funktionssyteme" wie Wirtschaft, Bildung, Politik.
  2. Veränderung ist schwierig, aber möglich! Um ein System verändern zu können, muss man es möglichst gut kennen, um zum "Kern der Selbststeuerung" vordringen zu können, und man sollte die Zeichen der Instabilität nutzen.
  3. "Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung." Stimmt! Lernen Sie sich selbst kennen: Welche Geschichte erzählen Sie sich über sich und ihre Familie (Genese), wie lauten Ihre Systemregeln, welche Sprache sprechen Sie (Semantik) und wie beschreiben Sie sich selbst? Das alles erklärt, wie Sie mit der Umwelt in Verbindung treten, wie Sie das z.B. machen, Schwierigkeiten zu haben mit anderen Systemen in Verbindung zu treten etc.
Wenn Sie ein System durchschaut haben, können Sie es verändern – besonders das eigene –, wenn Sie wollen. Nur geduldig muss man sein, denn Sie wissen jetzt: Jedes System ist bestrebt sich zu erhalten und passt sich nur aus der Notwendigkeit zu überleben an.

Und noch ein letzter Satz für introvertierte und hochsensible Menschen: Auch hier greift die Systemtheorie mit Komplexität und Kontingenz. Für introvertierte und hochsensible Menschen ist die Komplexitätsreduktion schwieriger, weil sie auf einem höherem Level der Kontingenz arbeiten, d.h. mehr Möglichkeiten als andere wahrnehmen.



Claudia Schmoll ist Sozialarbeiterin (BA) mit Ausbildung in systemischer Beratung und Traumatherapie. Sie arbeitet beruflich mit langzeitarbeitslosen Frauen und hat eine eigene Praxis mit den Schwerpunkten Liebeskummer, Hindernisse im Leben und Trauma.

Anmerkungen
  1. vgl. Sagebiel, Juliane; Vanhöfer, Edda (2005) Es könnte auch anders sein - Systemische Variationen der Teamberatung. Heidelberg: Carl-Auer S. 63/64
  2. ebd. S. 64 Zitat v. Berghaus 2003
  3. Frith, Colin (2010) Wie unser Gehirn die Welt erschafft. Heidelberg: Spektrum S. 175
  4. Der Mensch sieht nicht von innen nach außen, sondern unsere Augen sind eine Art Kamera, die Bilder für die innere Leinwand liefern.
  5. Luhmann 1987 in: Sagebiel/Vanhöfer 2005: S. 65
  6. Einen tollen Beitrag zu Komplexität – Kontingenz – und wie unser Geist damit umgeht, findet man übrigens im Film „Bleep!“ (Für Kenner: das Beispiel im Basketballfeld)
  7. Maturana, Humberto R., Varela Francisco J. (1987) Der Baum der Erkenntnis. Bern und München: Goldmann S. 55 ff.
  8. ebd. S. 105 ff.
  9. Miller 1999 in: Sagebiel/Vanhöfer 2005: S. 67
  10. Willke, Helmut (2007) Zur Bedeutung basaler Zirkularität für therapeutische Interventionen. In: Cormann, Walter (Hrsg.) Menschwerdung. Wasserburg am Bodensee: Cormanninstitute Verlag für systemische Praxis S. 246 – 267
  11. http://www.ccsys.de/site/content/0_home/

Kommentare:

  1. Danke ! Ich liebe die Systemtheorie... schöner als Systeme und ihre Vernetzungen zu identifizieren sind nur Mindmaps :-)

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  2. Danke, Jan, das freut mich :) Ich liebe sie auch, genauso wie Tools, die Systeme besser sichtbar machen. Und wahrscheinlich kennst Du als Mindmapper die Mindmapping-Software "TheBrain" zur Organisation des eigenen Wissens schon, aber andere vielleicht nicht: http://www.thebrain.com/

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  3. Ich kannte diese Software noch nicht. Danke für den Tipp, denn sie ist kostenfrei auch für Linux zu haben! Muss ich gleich mal mit rumspielen. Kenn jemand etwas vergleichbares, das web-basiert ist und nicht installiert werden muss?

    Großes Danke an Claudia für diesen tollen Text!

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  4. in meiner Rezension zu Cordelia Fine schreibe ich über den Kugelschreiber, als Pendant zum Kleiderschrank und zur Wahrnehmung ...
    Ja, im Alltag sieht man immer wieder dieselben Dinge:
    http://www.amazon.de/Wissen-Sie-was-Gehirn-denkt/dp/3827418321/ref=cm_cr-mr-title

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  5. Die Rezension zu "Wissen Sie, was ihr Gehirn denkt" ist ja auch einfach klasse! Ich glaube, ich sollte meinen Job an den Nagel hängen und nur noch solche Bücher lesen. Sind Menschen, die Systemtheorie lieben, ein ganz besonderer Typus? Vielleicht solche, die "Schreibwaren-Stationierungssysteme" entwickeln und implementieren?

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  6. :) Ich weiß nicht, ob sie alle Schreibwarenstationierungssysteme" entwerfen, aber auf alle Fälle nützliche Dinge wie einen virtuellen Zettelkasten à la Luhmann: http://www.danielluedecke.de/ Das Programm wird kostenlos zur Verfügung gestellt, ich finde das so klasse, Zitate aus Büchern so aufzubewahren und daraus einen Text basteln zu können s. Anleitung http://www.youtube.com/watch?v=QR_h_IRn-tA&feature=related

    Systemtheorie ist wirklich einfach klasse - und die Rezension zu C. Fine sehr inspirierend, das Buch zu lesen!

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  7. Komplexität tritt bei Luhmann außerordentlich in den Vordergrund. Seine Betrachtungsweise der Stellung eines sich in jedem System verankerten Individuums durch Kommunikation, scheint etwas zu hinken. Das NICHTvorhandensein von Erinnerung der Sozialisierung in kultureller, religiöser oder auch wirtschaftlichen Hinsicht spricht gegen die Selbsterkenntniss durch Sytemtheorie. Dadurch kann nur Kommendes und dies auch nur in funktionaler Hinsicht beleuchtet werden. Einzelne soziale Ereignisse, Menschen in Gruppe betrachtet, und natürlich die Herausnahme des "ICH" als Betrachter - weisen einige Mängel dieser Theorie auf.

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  8. "Meine Wahrnehmung ist eine Vorhersage dessen, was in der Außenwelt sein sollte. Und diese Vorhersage wird ständig durch Handeln getestet."

    Hm.
    Meine Erfahrung sagt dazu:
    Würde dieses adaptive Modell tatsächlich praktiziert, hätten die Menschen nicht die Probleme, die sie jetzt haben.
    Denn es impliziert, dass durch die Rückmeldung meine Wirklichkeitserwartung korrigiert wird und sich dem aktualisierten Input angleicht.
    Dem ist aber meistens nicht so.
    Es wird eher der umgekehrte Weg gegangen - die Wirklichkeit wird dem eigenen Erwartungsmodell (gerne auch gewaltsam) angepasst!

    Die Systemtheorie ist eine Theorie von Systemen.
    Genauer gesagt: Eine Theorie über das Modell "System", das davon ausgeht, dass es tatsächlich so etwas wie "Systeme" gibt.

    Das Problem:
    Ein "System" gibt es erst dann, wenn der Systemtheoretiker die Grenzen des beobachtbaren und bobachteten Ausschnittes der Wirklichkeit definiert hat.
    Diese Grenze ist aber ausgesprochen subjektiv, um nicht zu sagen willkürlich.

    Begründung:
    Vom Systemtheoretiker nicht beobachtbare Phänomene und Wechselwirkungen werden nicht berücksichtigt, gleichwohl diese systemreferentieller sein könnten als die ausgewählten, weil beobachtbaren.

    Der Begriff "System" setzt "Grenzen" voraus.
    Da aber prinzipiell alles mit allem in/direkt verbunden sein kann (nicht muss, aber eben unkalkulierbar möglicherweise), gibt es keinerlei Gewissheit bezüglich der Tauglichkeit zugeordneter Grenzen zur Systembegriffsbildung, wodurch die Systemtheorie sich selbst dem Verdacht der Obsoleszenz anheim gibt.

    Das, was sich hier wie "Klugscheißerei" anhört, ist aber m.E. ein veritabler Kritikpunkt, den es zu entkräften gälte.
    Denn die Systemtheorie nimmt immerhin für sich in Anspruch, aufgrund ihrer Analysen und Prämissen, das Verständnis für Komplexität und deren Phänomenologie verbessern zu können.

    Wäre das zutreffend, was ich eingewandt habe, wäre dem leider nicht so.

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