3. Februar 2012

Werfen wie ein Mädchen... und die Menschwerdung

Weil wir gerade über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen gesprochen haben: Wer hat sich nicht schon darüber gewundert, warum Mädchen nicht werfen können? In unserer Box-Sportgruppe haben wir auch einige Mädchen und immer wieder frage ich mich, wieso es ihnen so viel schwerer zu fallen scheint, gerade Schläge zu führen. Sie schleudern die Fäuste in einer Kurve vom Ellenbogen aus nach vorne. Die meisten Jungs bei uns schlagen die Fäuste aus der Schulter, sodass der Arm am Ende zusammen mit dem Bein eine verlängerte Linie über die Hüfte ist. Beim näheren Hinsehen fällt auf, dass die Mädels so schlagen, wie sie auch werfen. Warum ist das so? Warum können (die meisten) Frauen nicht "richtig" werfen? Stimmt da was nicht?

Arm mit dem Bein in einer Linie: Eadweard Muybridge, Detail aus Boxing. Plate 340 (1887)

Richtig neugierig wurde ich, als ich las, dass die Differenz zwischen Männern und Frauen in ihren Fähigkeiten zu werfen, tatsächlich der größte messbare Unterschied zwischen den Geschlechtern überhaupt sei. In keinen anderen Verhaltensweisen oder Fähigkeiten unterscheiden sich Mann und Frau mehr. Ausnahmen finden sich lediglich unter homosexuellen Männern und Frauen: Hier schneiden die Männer weit schlechter und die Frauen weit besser ab, als die jeweilige heterosexuelle Kontrollgruppe.

Detail aus Wurf-Sequenz
(von Muybridge)
Die gehemmte Bewegung
Das lässt immerhin darauf schließen, dass es sich nicht einfach um körperliche Einschränkungen handeln kann, also zum Beispiel durch die kürzeren Gliedmaßen und die geringere Muskelmasse der durchschnittlichen Frau. Viel deutlicher sind die Unterschiede in den Bewegungsabläufen, also in der Wurftechnik. Frauen - so die Phenomänologin und feministische Philosophin Iris Marion Young in ihrem Aufsatz Throwing Like a Girl (PDF) von 2005 - seien vor allem durch eine Hemmung in ihren Bewegungen gezeichnet. Mädchen setzen nicht wie Jungs ihren gesamten Körper ungehemmt ein, wenn sie spielen und werfen. Statt dessen bewegen sie sich eher starr und seien sich ihrer selbst zu sehr bewusst, als dass sie sich gehen lassen könnten. Diese eingeschränkte, zurückhaltende und komisch unharmonische Art zu werfen war für Young nur ein Symbol für das generell gehemmte Verhalten von Mädchen und Frauen. Sich wie ein Junge zu benehmen, schickt sich eben nicht. Unter vollem Körpereinsatz laut zu toben, ist zum Beispiel eine Verhaltensweise, die bei Jungs eher toleriert und bei Mädchen eher sanktioniert wird. In Studien fiel auf, dass solche Mädchen, die sehr besorgt darüber waren, wie sie auf andere als Mädchen wirkten, auch schlechter warfen, als der Durchschnitt. Das sind deutliche Indizien für hemmende kulturelle Einflüsse auf das Verhalten von Mädchen.

Training, Entwicklungsstadien und die prinzipielle Offenheit des Menschen
Andere Untersuchungen konzentrieren sich eher auf die zugrunde liegenden kognitiven Unterschiede, die beim Werfen zum tragen kommen. Denn interessanterweise werfen auch Jungs und gestandene Männer wie kleine Mädchen, z.B. wenn sie akkurat auf ein nahes Ziel werfen müssen, etwa beim Darts. Auffällig ist auch, dass männliche Rechtshänder nicht besser abschneiden als Frauen, wenn sie mit links werfen müssen. Das deutet darauf hin, dass das frühe Trainieren des Werfens bei Jungs zur besseren Technik führt. Denn auch kleine Jungs werfen erst einmal wie die Mädchen, bis sie nach und nach lernen auch mit mehr Kraft und Körpereinsatz akkurat zu werfen wie die großen Jungs. Kinder durchlaufen verschiedene Stadien der Entwicklung von koordinierten Bewegungen und das Werfen ist so komplex, dass verschiedene Stadien mit andauerndem Üben durchlaufen werden müssen, bevor alles perfekt zusammenkommt. Hinzu kommt noch, dass die Koordinationsfähigkeiten von Jungs nach der Pubertät offenbar von körperlichem Training stärker profitieren als die von Mädchen (Sex differences in motor performance and motor learning in children and adolescents, Shoshi Dorfberger, Esther Adi-Japha, Avi Karni). In den ersten Phasen des Erlernens von Techniken, werden wir immer versuchen, die Komplexität der Bewegungen zu minimieren, um eine akkurate und gezielte Bewegung nicht durch zu viele kleine Zwischen- und Ausbruchsbewegungen zu gefährden. In diesem Sinne machen es die Mädchen genau richtig: Alles außer der Oberarm am Ellenbogengelenk wird "eingefroren", um eine möglichst kontrollierte Bewegung zu haben. Erst wenn das gemeistert wird und dann immer noch der Bedarf nach einem Höher, Weiter und Schneller besteht, baut man die Technik aus... und das machen vor allem die Jungs. Mit anderen Worten: Die meisten Mädchen und Frauen werfen normal und das, was die Jungs und Männer perfektionieren, ist eher der Luxus. In früheren Zeiten war es auch die erste Distanzwaffe um sich gefährliche Tiere oder feindliche Artgenossen vom Pelz zu halten.

Richtig werfen ist eine der komplexesten Herausforderungen für den Körper (Muybridge)

Wir sehen, dass mehrere Dinge zusammenkommen: Die Unterschiede in der Anatomie und die verschiedenen kulturellen Einflüsse beim Spielen und Sport treiben, aber möglicherweise auch eine unterschiedliche Aufnahmebereitschaft des Hirns beim Erlernen neuer Bewegungsabläufe in den verschiedenen Entwicklungsphasen von Individuen.

Hirn und Evolution
Dass wir überhaupt solche erstaunlichen Fähigkeiten lernen können, liegt wieder einmal an unserem Gehirn: Seine Plastizität macht uns extrem bewegungs-intelligent. Anthropologen wie Arnold Gehlen vermuten, dass wir diese Fähigkeiten auch deshalb lernen können, weil wir von Aufgaben, die dem unmittelbaren Überlebenskampf gewidmet sind, entlastet und befreit sind. Kein Tier, sei es Delphin oder Schimpanse, kann solch eine Menge und Komplexität an motorischen Fähigkeiten ausbilden wie der Mensch. Unsere Körper inklusive ihrer Gehirne sind also mit einer sehr großen Freiheit - mit eigentlich zu vielen Bewegungsmöglichkeiten - gesegnet und geschlagen. Diese Freiheit muss erst einmal gemeistert werden und das schaffen wir nur durch andauerndes Üben.

Werfen ist eine der vielen bio-kulturellen Formungen unseres Körpers. Wir können an den Unterschieden zwischen dem weiblichen und dem männlichen Werfen und den körperlichen Folgen (phänotypische Bewegung, aber auch die daraus resultierende jeweils andere Knochen- und Muskelstruktur) sehen, wie sehr die Kultur auf unsere Biologie einwirkt. Das sind quasi evolutionäre Entwicklungen, die nicht vornehmlich von genetischen, sondern von kulturellen und individuellen Einflüssen bestimmt sind. Wir sehen zum Beispiel, dass die zunehmende Popularität von Ballspielen unter Mädchen in weniger als einer Generation Veränderungen an den Körpern und den Gehirnen, die diese Körper steuern, hervorbringt. Sie üben und trainieren einfach fortlaufend wie ihre männlichen Freunde.

Die Ausbildung der Fähigkeit zu werfen und ein kleines Ziel wie einen Hasen aus vielen Metern Entfernung mit einem Stein zu treffen, hat unser Gehirn enorm geformt. Das komplexe Zusammenspiel der Bewegungsabläufe muss koordiniert werden und der richtige Moment - ein Zeitfenster von wenigen Millisekunden - für das Loslassen des Steins muss genau gewählt sein. Das weißt auf großartige Hirnleistungen hin, die einige Anthropologen dafür verantwortlich machen, dass wir Fähigkeiten wie Werkzeugherstellung und Sprache entwickelten. Gut, dass wir uns heute - ob Mann oder Frau - weniger aufs Werfen, als auf Reden, Schreiben und andere kognitive Fähigkeiten konzentrieren können. Die Unterschiede, die wir dabei sehen, gehen weniger durch die Geschlechter, als durch die Kulturen und die Individuen. Wir brauchen diese Diversität. Bei allen Unterschieden scheint aber auch klar zu sein, dass wir Menschen - ob Mann oder Frau - in unseren Möglichkeiten so sehr offen sind, dass wir mit dem richtigen Training zur richtigen Zeit alle möglichen komplizierte Abläufe erlernen können. Manchmal tun wir es nur einfach nicht.



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Zwei Quellen für diesen Artikel:
Greg Downey: Throwing like a girl(‘s brain)
Linda und Robert Sands: Anthropologie of Sports

Kommentare:

  1. Sehr faszinierend! Danke für diesen guten Artikel. Ich denke auch, dass besonders Fähigkeiten, die wir schon lange divergent entwickeln mussten, heute immer noch eine Rolle spielen. Dagegen sind m.E. Fähigkeiten, die evolutionstechnisch relativ jung sind, weniger geschlechtstypologisch zuzuordnen, und werden vielleicht auch falsch eingeschätzt wie diese britische Studie zum Thema "Einparken" beweist: http://www.ncp.co.uk/documents/pressrelease/ncp-parking-survey.pdf

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  2. Im ersten Moment Eigenartiges, dann aber doch recht interessantes Thema.
    Ich war beim werfen als Kind immer schlecht. Boxen hatte ich mal eine Schnupperstunde vor einigen Jahren, aber wie ich da geschlagen habe, weiß ich nicht mehr ;)

    Die Einpark-Studie habe ich auch schon gelesen, die sorgt ja vor allem bei Männern für erhitzte Gemüter. Fazit der Studie ist:

    - Männer parken schneller ein, stehen dafür aber nicht so gut in der Lücke
    - Frauen finden schneller einen Parkplatz, da sie generell nicht so schnell unterwegs sind; brauchen fürs einparken zwar länger, da sie öfter nachkorrigieren (daher kommt vielleicht auch das gängige Klischee), stehen deswegen am Schluß aber besser in der Lücke.

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  3. "Throwing Like A Girl" ist übrigens 1980 erstmals veröffentlicht worden.

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