31. März 2012

Kreativ in den Untergang: Innovation als Problem

The only solution to the problem of human innovation is more innovation. (Jonah Lehrer) 

Wer hat Recht: fortschrittsgläubige Kulturalisten oder romantische Naturalisten? Optimisten oder Pessimisten? Werden wir an unserer Technik, an unseren Innovationen, schließlich unserer Kreativität zugrunde gehen (Atomwaffen, Überbevölkerung, Umweltverschmutzung) oder wird der Fortschritt alles negative kompensieren und Techniken zur Überwindung dieser Probleme entwickeln (Solarenergie, Elektroautos, Weltfrieden)? Werden unsere Technologien der Katastrophe immer einen Schritt voraus bleiben und sie gleichzeitig verhindern können?

Ein Mensch braucht mehr Energie als das größte jemals lebende Tier (MarineBio)

Jonah Lehrer hat in seinem Artikel The Cost of Creativity in Anlehnung an Geoffrey West, Physiker am Sante Fe Insititute, die Rechnung aufgemacht, dass ein typischer zivilisierter Mensch in den USA konstant mehr Energie benötigt, als  ein Blauwal. Um einfach nur zu liegen, benötigt ein Mensch ca. 90 Watt, so viel wie eine alte große Glühbirne. Um durch die Gegend zu laufen und nach Nahrung zu suchen benötigen wir etwa 250 Watt. Und dann kommt das ganze Zeugs, dass der Wal nicht hat: Heizung, Kühlschrank, Auto, Computer, Fernseher und so weiter. Damit sind wir bei einem Schnitt von 11000 Watt - das ist als wenn 110 super helle Glühbirnen ständig an sind, genug um einen Blauwal anzutreiben. Mit unserer Kreativität und Innovation haben wir also einen Lebensstil erreicht, der pro Kopf mehr Energie benötigt, als das größte jemals lebende Tier.

Die Lösung des Problems menschlicher Innovation ist mehr Innovation
Unsere Innovation hat uns also an einen Punkt gebracht, wo unser Lebensstandard zu einem globalen Problem wird, das wir vielleicht nicht überleben werden. Bisher fanden wir mit Hilfe unserer Kreativität und Innovation immer wieder Auswege aus solchen Sackgassen. Kriege, Krankheiten, Entfernungen, Kommunikation, Knappheit - all das scheinen wir in den Griff zu bekommen. Erfindungen wie der Buchdruck, die Dampfmaschine oder das Internet haben die Menschheit dabei in ganz neue Zeitalter katapultiert, wahre technische Revolutionen ausgelöst, die uns nicht nur den oben genannten Lebensstil auf 11000 Watt ermöglicht haben, sondern auch eine Reduktion des Hungers, der Säuglingssterblichkeit, eine Zunahme an Bildung und Beweglichkeit.

Alle diese Revolutionen - so Jonah Lehrer - führten bei steigendem Lebensstandard in immer kürzerer Zeit zu Knappheiten: Holz, Kohle, Öl. So werde ein Teufelskreis in Gang gesetzt, der immer schnellere Innovationen erfordere, um die Knappheit zu überwinden und gleichzeitig den globalen Lebensstandard einer immer noch wachsenden Bevölkerung zu heben.

Ausbruch aus dem Teufelskreis
Ich habe meine Zweifel an dieser Teufelskreis-Theorie. Erstens sind nicht alle Innovationen ressourcenfressend wie die Dampfmaschine oder der Verbrennungsmotor. Der Buchdruck und das Internet sind zum Beispiel technische Revolutionen, die wenig auf Ressourcen angewiesen sind, aber die Masse der Menschen klüger, selbstbestimmter und mächtiger gemacht haben. Das Internet versetzt uns sogar in die Lage, viel energiesparender und gleichzeitig schneller zu kommunizieren, als es zuvor möglich war. Wenn wir nur kreativ und innovativ genug sind, können wir Technik eben auch dazu nutzen effektiver und sparsamer zu werden. Die modernen Minimalisten sind hier ein Vorbild, weil sie verstanden haben, dass es auf Zugang zu Informationen ankommt und nicht auf den Besitz von Dingen. Ohne das Digitale, das neutral gegenüber allen Medien ist (Musik, Schrift, Video) und deshalb eine Reduzierung der Gerätevielfalt und damit auch der eingesetzten Ressourcen ermöglicht, ist moderner und intelligenter Minimalismus nicht denkbar.



3D-Printing, Elektroautos und Geräteverzicht
Das führt zu einem Weiteren Zweifel an der These des beschleunigten Untergangs durch Kreativität: Nutzen wir unsere Kreativität überhaupt für die richtigen Innovationen? Sind wir nicht eher zu wenig innovativ und zu wenig radikal-kreativ? Zum Beispiel reduzierte Gerätevielfalt: Sie ist möglich, wenn die Geräte nur gut gemacht sind. Nur hat die Konsum-Industrie gar kein Interesse daran, dass wir uns auf ein Gerät reduzieren, obwohl das völlig ausreichen würde. Oder Elektroautos: Das ist alles schon lange machbar, aber wir waren bisher zu faul und zu geizig, in solche Innovationen zu investieren, weil es ja eben auch anders ging, solange die Ressourcen da waren. Was ist mit dem 3D-Drucken? Dieses auch Fabbing genannte Verfahren könnte uns ermöglichen, kleine alltäglich gebrauchte oder auch obskure und schwer zu bekommende Objekte selbst zu Hause auszudrucken und dabei durch den wegfallenden Transport Zeit, Geld und Emissionen zu sparen. Aber es ist natürlich eine Bedrohung der herkömmlichen zentralen und profitablen Produktion von Konsumgütern.

Die Frage, ob unsere Innovationsgeschwindigkeit in Zukunft ausreichen wird, um dem Untergang einen Schritt voraus zu bleiben, ist damit aber nicht gelöst. Was meinen Sie: Werden wir es schaffen? Was sind die nächsten großen Revolutionen, die uns das Leben als Spezies retten?




Das könnte Sie auch interessieren:
Die Welt wird gut und wir merken es nicht
Warum klappt eigentlich rein gar nichts?

Kommentare:

  1. Journalistisch ist es hervorragend, die gegensätzlichen Positionen detailliert auszuleuchten,
    z.B. Chance - Krise, Pessimismus - Optimismus, Links - Rechts, Arm - Reich.
    Die Leser können sich gedanklich auf die Pole der Argumentation einlassen, abwägen und reflektieren.

    Soweit die Theorie. Was passiert eigentlich -insgeheim- wirklich?
    Geistes- und Naturwissenschaftler stehen, ähnlich wie Materialisten und Idealisten
    in einer historischen Dauer-Fehde, die schier unauflöslich ist (1).
    Dies hat u.a. zu der famosen 3rd culture - Bewegung von edge.org geführt.

    Ähnlich wie Susan Cain, Vanessa Mertins, Gene Robinson argumentieren
    Hibbling, Funk und Alford, die 2005 in einem provokativen Review schrieben:
    "political positions are "substantially determined by biology and can be stubbornly resistant to reason.”

    This has implications on campaigns. The magazine quotes John Alford, a political scientist
    at Rice University in Houston, Texas: “Trying to persuade someone not to be a liberal
    is like trying to persuade someone not to have brown eyes. We have to rethink persuasion...
    We spend a lot of energy getting upset with the other side...
    we often think our opponents are misinformed or stubborn.
    Accepting that people are born with some of their views changes that.” (2)

    Die Positionen verhärten sich, jegliche Argumentation ist sinnlos, wenn wir nicht philosophisch
    und mit einer gehörigen Portion Diversity-Management an die Sache rangehen.

    Der Dauer-Mühlstein des Kultur-Pessimismus kann -exemplarisch- bei Paul Ehrlich,
    T.C.Boyle, Barbara Ehrenreich etc. nachgeblättert werden (4, 5).
    Erstere werden übrigens genau dadurch geradezu manisch in ihrer Motivation
    und in ihrem praktischen Wirken angestachelt. Hochinteressant, oder?

    Wir sollten völlig von den Dualismen Abstand nehmen, weil wir unnötig Energie verschwenden
    und 'upset', also zutiefst entnervt über die jeweils andere Seite zurückbleiben.

    Innovative Grüße,
    EF

    P.S: Insofern lehne ich es natürlich ab, als Pessimist 'einsortiert' zu werden (!)
    http://www.geistundgegenwart.de/2011/10/warum-klappt-eigentlich-rein-gar-nichts.html
    Eigentlich ist sogar der Titel schlecht gewählt; im Gegenteil, alles funktioniert!
    Die Menschheit hat riesige humanistische & technische Fortschritte gemacht;
    man denke nur ans finstere Mittelalter. Nur, zu welchem Preis und unter welchen Umständen?
    Sind wir Menschen heute -statistisch- philosophisch & verhaltensbiologisch im Umgang untereinander weiter?

    1) http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/RichardDavidPrecht_filmz_de
    2) http://ed.iiQii.de/gallery/Science-TheOnlyNews/JohnRHibbing_unl_edu
    3) http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/VanessaMertins_iaaeg_de
    4) http://ed.iiQii.de/gallery/Science-TheOnlyNews/PaulREhrlich_stanford_edu
    5) http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/TCBoyle_tcboyle_de

    AntwortenLöschen
  2. Der kommt aber sehr hinkend daher, der Vergleich "Energieverbrauch" Blauwal und Mensch.

    LG EW

    AntwortenLöschen
  3. Es zählt alleinig die Beobachtung des Alltags, denn das Verhalten im Alltag ist unbestechlich.
    Wir wissen dank des Beitrags:
    http://www.geistundgegenwart.de/2011/10/warum-klappt-eigentlich-rein-gar-nichts.html
    dass es 'STRIKT LOGISCHE und keine moralisch verwerflichen Gründe' für die Mechanismen der -statischen- Fehlentscheidungen gibt.
    Diese vielfach unbewussten Gründe sind der Wichtigste Ausgangspunkt für Verhaltensänderungen.
    Noch immer, 4 Jahre nach Lehman Sisters, geben wir, täglich, der sog. Finanzindustrie 'Spielgeld', freiwillig, in Milliardenhöhe. KEIN Aprilscherz.
    "S.Cohen, Chef von SAC Capital Advisor, erreichte mit 585 Mio. $ Platz 5 der Liste, obwohl sein Fonds mit einem Plus von 8 % eines der schlechtesten Ergebnisse überhaupt erzielt hat", SZ, 02.04.12

    Ausführlich kommentiert im Blog:
    http://ed.iiQii.de/gallery/ValueCreation/SteveCohenSACCapitalAdvisor_insidermonkey_com

    Welche Gründe gibt es, dass wir uns im Nachhaltigkeitsbereich anders verhalten?
    Innovative Grüße,
    EF

    AntwortenLöschen