Philosophische Praxis
Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

24. April 2012

Alles verknotet: Doublebind als Kommunikations- und Verhaltensmuster

how very Escher
Du weißt doch, dass ich dich lieb hab!
Es ist ein Erfahrungswert aus Claudia Schmolls Praxis, dass ganz viele Burnout-Themen mit einem als Doublebind bekannt gewordenen Kommunikationsmuster zusammenhängen. Sie sagt, dass es weniger die Anforderungen der Umwelt allein seien, als vielmehr die verinnerlichte Kommunikationsstrategie, durch die diese Umwelt so überfordernd für den Betroffenen erlebt wird. Es trifft Menschen, bei denen in der Umwelt allein gar nichts so Belastendes vorliegt, die aber innerlich sogar schwer belastet sind - schwerer als andere, die eben nicht auf diese Weise traumatisiert sind. Im folgenden Artikel stellt Claudia Schmoll das Konzept Doublebind vor.

Schon vor über 50 Jahren, als sich eine Forschungsgruppe rund um Gregory Bateson mit der Kommunikation und den Beziehungsstrukturen an Schizophrenie Erkrankter beschäftigte, wurde das Kommunikationsmuster Doublebind beschrieben.¹ Doublebind wurde in der Literatur als Doppelbindung eingedeuscht, ich finde das Wort Doppelknoten passender, weil es sich in der Tat um eine schier unlösbare Kommunikationsfalle handelt. Die Falle besteht zum einen aus einer paradoxen Forderung. Zum anderen ist ihr eine Unlösbarkeit eigen, denn egal, was man dem Gegenüber als Lösung anbietet, es wird das Verkehrte sein. Um dem Ganzen noch eins drauf zu setzen, wird das Widersprüchliche der Botschaft entweder nicht diskutiert oder sogar verleugnet.² Die Paradoxie kann sowohl auf verbaler als auch auf nonverbaler Ebene stattfinden. Zum Beispiel ein ablehnendes Gesicht ziehen und trotzdem sagen "Komm' her, du weißt doch, dass ich dich lieb hab'". Und eine der schlimmsten Arten von Paradoxie ist, jemanden zu schlagen und ihm gleichzeitig versichern, dass man ihn liebt.

Zum Glück wird nicht jeder schizophren, der in solchen Familienstrukturen aufgewachsen ist. Aber dauerhaft solchen Botschaften ausgesetzt, wird ein Mensch durch dieses Kommunikationsmuster tatsächlich traumatisiert. Diese Art der Kommunikation verunsichert den Empfänger, sie spornt ihn zu Höchstleistungen an, in der Hoffnung, einmal das "Richtige" zu machen, nur einmal die Anerkennung zu erhalten, einmal das Gefühl zu bekommen, geliebt zu werden. Die traurige Nachricht daran ist: Er wird es nie erreichen, denn eine Regel in diesem Spiel lautet: "Egal was du machst, es wird falsch sein, oder zumindest soviel verkehrt, dass es keine Anerkennung gibt." Trotz dieser Aussicht wird vom Sender der Botschaft unterschwellig angedeutet, dass vielleicht - so ganz eventuell - die Chance bestünde, beim nächsten Mal einen Treffer zu landen, was den Empfänger der Botschaft herausfordert, es doch noch ein weiteres Mal zu probieren, denn es wird ihm glaubhaft versichert, es läge an ihm. Und jetzt verstehen Sie auch, warum dieses Muster zum Burnout beiträgt: Es wird immer und immer wieder versucht, das Beste zu geben, doch leider, leider, ist es nie genug. Ist man als Kind lange genug diesem Muster ausgesetzt, kann man es sogar so verinnerlichen, dass man es sich selbst noch nicht mal mehr recht machen kann, bzw. die eigene Leistung wird ständig in Frage gestellt und man ist mit sich selbst permanent unzufrieden. Ein Teufelskreislauf, der von Erschöpfung über Burnout bis zu schweren Krankheiten führen kann.

Anzumerken ist noch, dass zu den weiteren Regeln des Systems gehört, innerhalb der Familie gäbe es nie Schwierigkeiten und schuld ist grundsätzlich jemand anders.³ In größeren Familien gibt es zusätzlich meist ein schwarzes Schaf, einen Sündenbock, der es "sowieso" nicht richtig machen kann. Dieses Spiel gibt es in unterschiedlichsten Varianten, wird von Generation zu Generation weiter "vererbt", es gibt den unterschiedlichsten Umgang damit: Depression, Burnout, Sucht, Persönlichkeitsstörungen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Die Doublebind-Kommunikation ist für diese Krankheiten nicht allein verantwortlich, aber sie leistet einen entscheidenden Beitrag dazu.

Wenn Sie sich an dieser Stelle fragen, wo die Motivation ist, lautet die simple Antwort: Bindung. Durch diese Art der Kommunikation ist man gezwungen, die Beziehung aufrecht zu erhalten, um irgendwann ein wenig Liebe abzubekommen. Dazu muss im Umkehrschluss sicher gestellt werden, dass keine totale Anerkennung erfolgt, bzw. dass niemand bedingungslose Liebe erfahren darf, sonst würde der-/diejenige sich ja gut fühlen und das Familiensystem verlassen können. Spannend, nicht?

Umgang mit dem Doublebind
  1. Wenn Sie einem Menschen begegnen oder in ihrer nahen Umgebung haben, dem Sie es partout nicht recht machen können: Lehnen Sie sich entspannt zurück, es liegt nicht an Ihnen. Versuchen Sie gar nicht erst, es demjenigen recht zu machen, denn damit füttern Sie das Muster und die Abhängigkeit von dieser Person.
  2. "Ja, aber..." Es gibt Gesprächspartner, die auf jede Botschaft ein "Ja, aber..." parat haben. Mein Tipp: Lassen Sie es stehen, gönnen Sie dem anderen den Einwand und sagen Sie "O.k". Ein echter "Doublebinder" wird darauf sofort reagieren, in dem er etwas nachschiebt, um das Gespräch am Laufen zu halten und sein "Ja, aber..." wieder hinterher schieben zu können.
  3. Wenn Sie jetzt das Gefühl haben, es gäbe ziemlich viele Leute in ihrer Umgebung, die so kommunizieren, kann das ein Hinweis darauf sein, dass Sie das selbst auch tun oder ihnen das Muster so vertraut ist, dass Sie sich im wahrsten Sinn des Wortes "wie zuhause" mit solchen Menschen fühlen.
  4. Haben Sie entdeckt, dass Sie das Muster selbst verinnerlicht haben, d.h. Sie merken, Sie können es sich selbst nicht recht oder nicht gut genug machen: Atmen Sie, wenn der innere Dialog startet, tief durch und sagen Sie erstmal "Aha!" oder "Das ist ja spannend." Damit gewinnen Sie Abstand zu sich und nehmen quasi eine innere Beobachterrolle ein. Dieses Muster zu entlarven ist wie ein Detektivspiel Wenn Sie den Doublebind bei sich verstanden haben, ist das die halbe Miete zu Lösung.4
  5. Wie ändert man so ein Kommunikationsmuster? Durch die Einsicht, dass man so kommuniziert, den ehrlichen Wunsch zur Veränderung und die tatsächliche Absicht, es anders zu machen. Und Absicht heißt: Üben, üben, üben – und zwar täglich! Üben, klare Botschaften zu senden und üben, eindeutig und kongruent auf verbaler und nonverbaler Ebene zu kommunizieren. Das perfekte "Übungsopfer" ist, einen Hund zu erziehen oder ein Pferd zu reiten. Tiere kennen nämlich keine Inkongruenz in der Kommunikation.
  6. Die letzte wichtige Info: Diese Art der Kommunikation ist ein Beziehungskiller, aber auch ein Therapie- und Coachingkiller, wenn sie unentdeckt bleibt.

Anmerkungen
  • 1. Watzlawick, Paul et. al. (2000) Menschliche Kommunikation – Formen Störungen Paradoxien. Bern: Hans Huber S. 194ff.
  • 2. Sautter, Christiane und Alexander (2005) Wege aus der Zwickmühle – Doublebinds verstehen und lösen. Leutkirch (Allgäu): Verlag für Systemische Konzepte
  • 3. a.a.O. S. 92
  • 4. Ich kenne Doublebind-Kommunikationsexperten, die riechen das Muster schon von weitem bei anderen, sehen es aber bei sich selbst nicht und bleiben so trotzdem gefangen.

Kommentare:

  1. Danke für die Themenidee und den Artikel. Habe sie aufgegriffen und verlinkt.

    http://coachingblogloop.wordpress.com/2012/04/27/doublebind-schwierig-bis-unmogliche-kommunikation/

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  2. Vielen Dank für diesen Einblick in die Mechanismen. Zur Zeit scheint das eine Volkskrankheit zu sein und es wird wichtig sein, darüber zu wissen, um den Schaden im Kleinen und Großen wieder zurückzuführen:
    Hoher wirtschaftlicher Schaden wegen Depression: Über 3 Millionen Deutsche in Behandlung

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    1. Hm, umgekehrt wird auch ein Schuh draus... "Hoher Depressionschaden durch die Wirtschaft: [...]"

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  3. Danke für diesen interessanten Einblick in ein Verhaltensmuster, das man als Laie kaum zu durchschauen vermag, wenn man damit konfrontiert wird.
    Ja, ich stelle auch fest, dass diese douple - blind - Botschaften zu einer Volkskrankheit mutieren. Auf Sachliches wird emotional reagiert und konsequent alles auf sich bezogen. Das raubt unnötige Energien und führt zu nichts.
    Meine Erkenntnis trifft sich mit der hier angebotenen. Hier hilft nur, die Nahrung den Blutegeladressaten zu entziehen, also nicht mehr darauf zu reagieren. Eine liebe Bekannte nennt dies Teflon - Taktik! Diesen Ausdruck finde ich sehr treffend.

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  4. Was für ein gequirlter Mist! Da werden munter irgendwelche persönlichen Ideen mit Fachausdrücken gemixt und durch pseudo-psychologische Sprache als "wissenschaftlich" verkauft. Das tut echt weh! Die Wahrheit ist leider viel, viel komplexer.

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    1. Danke für die ehrliche Meinung; ich bin auch Ihrer Meinung, dass die Wahrheit noch komplexer ist. Aber welche Wahrheit ist das nicht, ganz zu schweigen davon, dass es ja nie eine einzige gibt, nicht? Gerne nehme ich konstruktive Kritik an und bin interessiert an weiteren Aspekten/Aufbereitungsmöglichkeiten zu diesem herausfordernden Thema.

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