10. November 2012

Es könnte Schlimmeres geben...

Es ist eine Schande, dass wir nach dem ersten abgefahrenen Drittel unseres Lebens den absurd uncoolen Entwurf hinnehmbar finden, eine Familie zu gründen, ein Haus in einem Vorort zu beziehen und immer fleißig zur Arbeit zu fahren. Ist das nicht ein Betrug an uns selbst, an unseren Idealen wie Freiheit, Kreativität und Originalität? Ist es nicht wirklich eine Zumutung, unser Leben mit Arbeit zu verbringen, nur um den Kopf über Wasser zu halten? Ich glaube, Ehe und Kinder sind unglaublich narzisstische Projekte für Leute, denen die Ideen ausgegangen sind.

Was ist von unserer Jugend eigentlich übrig geblieben?
(Foto von Dark Silence In Suburbia)

Als ich fünfzehn war, fragte mich eine mindestens drei Jahre ältere und viel zu geil aussehende Jacqueline in der Hohenschönhausener Jugend-Diskothek: »Soll ick dir een blasen?« Das Poetische dieses Moments traf mich wie der Blitz. Ich hatte einen spontanen Samenerguss und mir war klar, ich würde Rockstar werden oder Schriftsteller. Auf dem Weg nach Hause wurde ich dann von zwei Neonazis verkloppt.

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Kommentare:

  1. Gilbert, habe gerade den ganzen Text gelesen und bin sehr erfreut darüber. Ich habe das Gefühl, dass Deine letzten Einträge mehr Echtheit, mehr Straße ausströmen als die doch oft sehr philosophischen Abhandlungen aus der Vergangenheit. Letztere weiß ich auch sehr zu schätzen, nur hatte ich manchmal den Verdacht, dass da Deine Vernuft überhand über das Schreiben gewonnen hatte, von dem ich weiß, dass es Dir sehr am Herzen liegt. Hut ab. Oder Head of, wie der Amerikaner sagt.

    Bye, Tim

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  2. Hallo Tim, vielen dank für das (dialektische) Kompliment ;) Zur Richtigstellung sei gesagt, dass diese Geschichte von 2010 ist, also älter als meine Artikel, in denen meine "Vernunft überhand" gewonnen hat.

    Im Grunde ist das für mich das richtige Kompliment: Wenn meine Vernunft Überhand gewinnt. Das will ich, denn schließlich darf ich als praktizierender Philosoph bei aller Liebe für die "einfachen Lösungen" der komplizierten Probleme des Lebens die Vernunft nicht aus den Augen verlieren. Von mir aus hat jeder das Recht auf freie Illusionsausübung, Philosophie ist aber die Bemühung hinter die Illusionen zu schauen. Meditation oder Affekt des Herzens reicht dazu nicht aus.

    Alles hat seine Berechtigung und das ist meine Freiheit: Ich möchte beides parallel denken und nutzen können, ohne die Dinge gegeneinander auszuspielen.

    Ich hoffe aber, den street cred bei dir erhalten zu können ;)

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  3. Oha, das wusste ich nicht, dass der Text schon länger zurückliegt. Damit muss mein Kompliment dann echt ein bisschen anders ausgedrückt werden: es hat mir Freude bereitet, eine andere Art von Text von Dir zu lesen und damit eine andere Seite an Dir sehen zu dürfen.

    Die "Credibility" hast Du mir - dem ehemaligen BWL-Studenten aus München ;) - gegenüber auf jeden Fall bewahrt. Ghettofaust drauf!

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  4. Es scheinen die Extreme zu sein, das "Entweder - Oder", "Schwarz oder Weiß", in dem wir uns zu bewegen scheinen. Es ist leichter, sich komplett einer Gruppe zu verschreiben, sei es Punk oder Roch'n'Roll oder "klassisch strukturiert". So hat man nur eine Welle, auf der man mitschwimmen kann - das spart die Auseinandersetzung mir jeder von ihnen. Ich finde es mittlerweile spannender, Kinder bekommen zu haben, aber nicht zum Elternabend zu gehen, siebzig zu werden und immer noch am liebsten im Schneidersitz auf dem Boden Tee zu trinken und den Revoluzzer in mir herauszukehren, wenn es mir nötig erscheint. Das alles mit dem Vorteil, mich jetzt gewählter ausdrücken zu können in einer Auseinandersetzung mit wem auch immer, keine ausrasierten/teils gefärbten Haare mehr zu brauchen, um mich sichtbar von der Welt abzusetzen und mir Gehör zu verschaffen, und in der Gewissheit, alles wird langweilig und spießig, wenn man nur eine Form der gesellschaftlichen Zugehörigkeit sucht.

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    1. Das ist absolut richtig. Es liegt ein riesen Potenzial darin, verschiedene Lebensansätze zu synthetisieren. Anders ist auch heute kein Leben mehr möglich. Insbesondere in die Zukunft gerichtet, glaube ich, dass wir darauf bauen müssen, vom "Entweder - Oder" loszukommen. Ein praktisches, wenn auch sehr vereinfachtes Beispiel: In der Ökobewegung der 80er Jahre hieß es noch entweder Fahrrad oder Auto, in Zukunft werden beide einen Elektromotor haben.

      Auch für unsere individual-psychologische Gesundheit ist es gut, vom "Entweder - Oder" wegzukommen, siehe hier: Das Psychische Immunsystem und das Kreuz der Freien Wahl.

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  5. "Ist es nicht wirklich eine Zumutung, unser Leben mit Arbeit zu verbringen ..." toller Spruch!

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  6. Nein, es ist keine Zumutung unser Leben mit Arbeit zu verbringen; aber wir sollten auch genug Spaß daran haben. Genug Freizeit für unsere persönlichen Bedürfnisse, genug Zeit für Gespräche mit Freunde, Partner und ganz wichtig: mit unseren Kindern. Lernen nicht die Kinder von uns, sind wir nicht Vorbild?
    Ist nicht das Leben unserer Eltern und Gesellschaft Vorbild? Warum etwas so komplizieren, was doch so einfach scheint: das Leben RICHTIG und AKTIV leben!

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