15. Februar 2013

Ein Hoch auf die Streber, Arschkriecher und Karrieristen

Was können wir von den unangenehm Ambitionierten lernen?

Ich muss etwas gestehen. Etwas, das mir unangenehm ist. Kennen Sie die Mitschüler, Kommilitonen oder Kollegen, die man abwertend Streber, Arschkriecher oder Karrieristen nennt? Lange hasste ich sie. Geht es Ihnen auch so? Und wissen Sie noch was: Unsere Abneigung ändert nichts, die Streber werden trotzdem bevorzugt, befördert und an die Spitze katapultiert. Sie hassen diese Menschen nicht? Gut so... dazu später mehr.

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Nerv! Es gibt sie in jeder Klasse: Streber (Foto von  ~BostonBill~ via Flickr)

Auf mir rätselhafte Weise und ohne es als zurückhaltender und introvertierter Mensch bewusst angestrebt zu haben, bin ich immer wieder in ziemlich elitäre Kreise gekommen, sei es im deutschen Leistungssport, in einer US-Amerikanischen Ivy League Universität oder im größten und erfolgreichsten Internet-Konzern der Welt. In solchen Einrichtungen, das kann ich versichern, trifft man die ambitioniertesten unter den Strebern und Karrieristen. Jegliche Bescheidenheit, die man in solchen Kreisen an den Tag legt, ist eine falsche Bescheidenheit. Understatement gibt es nicht. Was zählt, ist eine überhöhte Meinung von sich selbst, eine aggressive Selbstwerbung, Durchsetzungsvermögen und der Drang nach vorn. Und reden, reden, nochmals reden und zwar von sich selbst und den eigenen Erfolgen. Als jemand, der von sich glaubt, eher bescheidenen zu sein, widert mich solch ein Verhalten meiner Kommilitonen oder Kollegen prinzipiell erst einmal an.

Der Drang nach vorn
Die drei folgenden Beispiele aus meiner frühen Studien- und Berufserfahrung (ich nutze hier nur die männliche Form, aber es sind auch Frauen dabei) sind inzwischen allesamt erfolgreich in den Dingen, die sie tun. Manager, Experten oder erfolgreiche Autoren.

Ich erinnere mich, wie ich immer dachte, unser Chef muss doch meinen überambitionierten Kollegen durchschauen. Der redet doch nur, plustert sich auf und spielt sich in den Vordergrund. Schlimmer noch: Er sagt anderen, wo es angeblich lang geht, gibt selbstverliebte Präsentationen über seine angeblich erfolgreichen Projekte und unterwirft alle leiseren Kollegen um sich herum, damit sie ihm folgen und ihn noch erfolgreicher machen. Das ist doch ein aufgeblasener Schnösel, das durchschaut man gleich und das kann unserem Chef doch nicht gefallen! Oder doch?

Ich hatte auch mal einen - wie soll ich sagen - mir fast soziopathisch erscheinenden Kollegen, der keinerlei Zusammenarbeit auf Augenhöhe geduldet hat, der jeden und jede weggebissen hat, der oder die ihm ebenbürtig zu sein schien. Dieser Kollege schien es schwer zu haben, überhaupt menschliche Gefühle zu zeigen, die nicht berechnet wirkten. Kooperation war nur möglich, wenn man sich ihm unterwarf. Jede seiner Bewegung im Büro schien wie ein Zug in einem Schachspiel darauf ausgerichtet zu sein, andere matt zu setzen. Das ist doch verrückt, asozial, nicht teamfähig und zum Scheitern verurteilt, oder?

Oder der Kommilitone aus der Uni, der ein absolut übersteigertes Selbstbild hatte, immer bei den Professoren rumschleimte, ihnen die Taschen trug, die Folien auflegte und ihnen seine eigenen ach-so-tollen Gedichte vorlas. Dieser Schleimer, der um alle herumschwänzelte, die "über" ihm standen und ihnen Honig um die Mäuler schmierte, den musste man doch verachten, oder?

Don't hate the player!
Solche Menschen sind doch die Katastrophe! Um das ganze zu einem ungerechten Ende zu führen, sind es dieselben Leute, die letztlich erfolgreich sind. Ich sage nicht, "die glücklich sind", sondern, die im Sinne von Karriere erfolgreich sind. Als ich in meinem letzten Job einem vermeintlich gleichgesinnten Kollegen Augen rollend anvertraute, wie mich diese vom Erfolg gekrönte Selbstinszenierung ankotzte, sagte der zu mir: "Hey, don't hate the player!" Den ganzen Rest der Woche, musste ich über diesen Satz nachdenken. Irgendwie stimmte es: Ich hasste die rürigen, die aktiven, die letztlich erfolgreichen. Das ist irrsinnig. Ich hatte mich vom "wie" zu sehr beeindrucken lassen, wodurch mir das "was" total entgangen war. Ich hatte übersehen, dass diese Menschen trotz ihren Stiles, der mir missfiel, allerhand geleistet hatten. Es führte mir auch vor Augen, was eigentlich - bei allem vermeintlichen Ethos, das ich an den Tag legte - mein Problem war: Die Umsetzung, das Erreichen von Zielen, das Motivieren anderer, das Durchsetzen meiner eigenen Vorstellungen. Diese Player schafften es, ihre Vorstellungen in die Tat umzusetzen, während ich mich hinter meiner Bescheidenheit versteckte und bloß nicht anecken wollte. Wir können noch so sehr drum herum reden, letztlich geht es um Tatsachen und nicht darum, was man sich so dachte, was man könnte, wenn man nur würde und so weiter. Es geht darum, was trotz allem dabei rausgekommen ist.

Es zählt die Tat
Und das ist das Erfolgsrezept dieser Streber und Karrieristen: Sie zeigen Ergebnisse, Erfolge, sie setzen tatsächlich Sachen in die Tat um und reden dann drüber. Und deswegen werden sie auch von unseren Chefs geliebt! Mein verinnerlichtes, heimliches Ethos zeigt sich nicht unbedingt, im Gegenteil: Es glänzt durch Abwesenheit, wenn es mich an der Umsetzung meiner Pläne hindert. Mein Chef will aber sehen, dass etwas passiert, dass möglichst mehr passiert, als er gewünscht hat. Inzwischen bin ich selbst mehr Chef als Kollege und mir geht es genauso: I love the players! Ich schätze die in meinem Team, die Dinge anpacken und umsetzen, die etwas schaffen und meine Erwartungen übertreffen. Aus einem einfachen Grund: Sie machen mein Leben um einiges einfacher und helfen auch mir, vor meinem Chef gut dazustehen. Aber auch ohne Chefs geht es um die Umsetzung, darum, was wir aus unseren Tugenden machen, was wir am Ende verwirklichen. Das muss ja nicht Arbeit sein, sondern einfach ein aktives, selbst bestimmtes Leben.

Es ist wirklich ok, selbst etwas zurückhaltender, leiser und unauffälliger zu sein, aber es legitimiert nicht dazu, andere zu verachten, die etwas auf die Beine stellen, auch wenn sie es anders machen, als wir es für richtig halten. Stil ist erst einmal Geschmackssache, was zählt ist die Tat. Vielleicht können wir etwas von Strebern und Karrieristen lernen? Mehr Mut, weniger Verzagtheit zum Beispiel. Rücksicht nehmen ist wichtig, aber sich durchsetzen können, etwas umsetzen können, auch mal gegen den Willen anderer, all das kann am Ende wichtiger sein. Auffallen, anecken ist auch mal ok. Wir haben alle eine Toleranzmenge an Dummheiten, die wir machen können, solange wir auch etwas Produktives leisten. Erst wenn man der ist, der typischerweise unangenehm (dumm, aggressiv, selbstherrlich etc.) auffällt, hat man verkackt. Besonders dann, wenn nichts bei rauskommt.



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Kommentare:

  1. Erfolg ist, wenn man's trotzdem macht ;-)
    Genghis Khan (1167-1227): "The greatest pleasure is to vanquish your enemies,
    to chase them before you, to rob them of their wealth, to see their near and dear bathed in tears,
    to ride their horses and sleep on the bellies of their wives and daughters."...
    But it is sobering to realize that perhaps half a percent of the world's population
    today are descendants of Genghis Khan",
    'dangerous idea', http://www.edge.org/q2006/q06_12.html
    ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/DschingisKhan_wikipedia_org

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    1. ;) Ich bin ja kein Verfechter von Erfolg im Sinne von "Zweck, der die Mittel heiligt". Ich sage nur: Stil ALLEIN ist kein Grund, warum etwas in Konsequenz schlecht sein muss. Wer allerdings ähnlich wie Dschingis Khan "massive evolutionäre Kosten meiner Fitness oder der meiner Verbündeten" verursacht, hat mehr als nur ein Stil-Problem. "The danger comes from failing to gaze into the mirror and come to grips the capacity for evil in all of us."

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  2. Was ist das..., ein Plädoyer an die Elebogengesellschaft? Karrieristen in welcher Sache? Leider viel zu oft gegen die Menschlichkeit und zum Zweck der Profitmaximierung. "Auch mal gegen den Willen anderer"...
    Wie weit soll das den gehn dürfen? Womöglich so weit, das ein Volk einer Nation seine Regierung nicht möchte und von der Polizei niedergeküppelt wird?

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  3. Soweit würde ich dem Text zuklatschen- es gibt viele, die lästern, andere verurteilen, neidisch sind...aber selbst nichts besseres auf die Beine stellen.

    Fragt sich nur, in wie weit es den hier aufgeführten Streberlingen und Karrieristen wirklich um die TAT an sich geht als nicht vielmehr um den Erfolg, das Ansehen und Vorteile im weiteren Leben. Das empfind ich doch als recht egoistisch...- zusätzlich ist das was am Ende dabei herauskommt oft nicht im Sinne der Mehrheit. Nehmen wir das Ellenbogenverhalten- hätten nicht vielleicht andere die Sache besser gemacht und wären besser geeignet, wenn sie erstmal zu Wort gekommen wären?

    Nach meiner Erfahrung gibt es viele Menschen, die viel leisten, aber es nicht bei jeder günstigen Gelegenheit von der sie sich etwas erhoffen rausposaunen.

    Ich finde es super, wenn Leute sich durchsetzen und für das einstehen, was sie für richtig halten- mit dem Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Aber nur, solange es nicht auf die Kosten der anderen geht.

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    1. Besser könnte man das nicht zusammenfassen:

      "Ich finde es super, wenn Leute sich durchsetzen und für das einstehen, was sie für richtig halten- mit dem Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Aber nur, solange es nicht auf die Kosten der anderen geht."

      Danke für diese Ergänzungen!

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  4. Meine Erfahrung war bisher leider oft, dass die eher Vorlauten nicht so viel geleistet haben wie ich. Manche scheuten die Tat sogar recht offensichtlich, oder versuchten, mit den Leistungen anderer zu glänzen. Trotzdem möchte ich selbst nicht zu vorlaut werden. Das bin einfach nicht ich. Und es gefällt mir auch als Idee nicht, denn ich möchte keine Kultur der aufgeblasenen Köpfe fördern, indem ich daran teilhabe.

    Was nicht heißt, dass man nicht an passender Stelle auch mal klarstellen sollte, wie viel Mühe ein bestimmtes Resultat gekostet hat. Sonst ist die geleistete Arbeit schnell wenig wert - nicht, weil Vorgesetzte oder Kunden einen geringschätzen wollen würden. Sondern, weil sie oft einfach selbst nicht einschätzen können, was alles zu einer Aufgabe dazugehört. Das ist normal, denn sonst könnten sie diese Aufgaben einfach selbst lösen.

    Dennoch: Eine freundlichere Welt muss möglich sein.

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