2. März 2013

Ein Käfig aus Gedanken

Elena Welsch ist Coach und erzählt uns heute von diesen typischen und uns allen anliegenden Zwangsjacken des Geistes, den Glaubenssätzen. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, oder? Lesen Sie selbst...

Wie stillen wir unser Bedürfnis nach Freiheit und Streben? (Foto von Elena Welsch)

Glaube kann Berge versetzen, davon bin ich felsenfest überzeugt. Für den Glauben ist es dabei völlig unerheblich, in welche Richtung er die Berge manövriert. So ist es nicht unbedingt selbstverständlich, dass mir mein Glaube Hindernisse aus dem Weg räumt. Im Gegenteil, oftmals setzen wir uns selbst mit negativen bzw. einschränkenden Gedankenmustern richtige Gebirgsketten direkt vor die eigene Nase!

Wie entstehen Glaubenssätze?

Glaube hat einen enormen Einfluss auf unser Leben. Es sind die tiefen Überzeugungen über uns, unsere Umwelt und unseren Platz in dieser Welt. Von klein an leben uns unsere Eltern oder anderen Vertrauenspersonen gewisse Konventionen und damit einhergehende Denkmuster vor. Als Kinder saugen wir dies regelrecht auf wie ein Schwamm, akzeptieren alles als unsere eigenen Wahrheiten und übernehmen so gewisse Geisteshaltungen unbewusst und ungeprüft. Von diesem Moment an wirken sogenannte Glaubenssätze – wie eine Art Programmierung – in unserem Unterbewusstsein und lenken unsere Denkweise, innere Haltung und auch unser Verhalten in eine bestimmte Richtung, ohne dass wir dies bewusst wahrnehmen. Besonders Redewendungen und Sprichwörter, die wir in unserer Kindheit und Jugend oft gehört haben, setzen sich bevorzugt als Glaubenssätze in uns fest. Wer kennt sie nicht, die gut gemeinten Weisheiten und Ratschläge der Eltern: "Das Leben ist kein Ponyhof!" "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!" "Der Klügere gibt nach!" "Wer schön sein will muss leiden!" Oder mein ganz persönlicher Liebling: "Lieber der Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach!"

Wie wirken Glaubenssätze?

In vielerlei Hinsicht haben Glaubenssätze auch eine praktische Funktion: Sie helfen uns, uns in der Welt zurechtzufinden. Von klein auf nehmen wir eine bestimmte Rolle innerhalb unserer Familie bzw. unseres Sozialsystems ein. Wir lernen schnell den Unterschied zwischen "willkommenem" Verhalten, das mit Lob und Anerkennung bedacht wird, und dem Unerwünschten, welches Bestrafung zur Folge hat. Nach und nach definieren wir so unsere ganz persönliche Rolle im Spiel des Lebens und verhalten uns dementsprechend; das gibt uns Sicherheit und geht uns über kurz oder lang als eigene Identität in Fleisch und Blut über.

So leben wir eine Weile glücklich und zufrieden vor uns hin. Wir erlernen einen "anständigen und sicheren Beruf", heiraten, bauen ein Haus, pflanzen einen Baum und setzen schließich Kinder in die Welt. Und gerade, als wir es uns in unserem perfekten Leben so richtig schön gemütlich gemacht haben, kommt die bohrende Unzufriedenheit. Erst flüstert sie uns nur ganz leise ins Ohr, dann wird sie immer lauter und wandelt sich irgendwann in eine regelrechte innere Unruhe. Wir machen uns auf die Suche. Aber wonach? Immer und immer wieder fragen wir uns was es denn ist, was uns so unzufrieden macht. Wir verändern Äußeres in der Hoffnung wieder inneren Frieden zu erlangen. Aber je mehr wir versuchen dieses Gefühl zu verdrängen, umso stärker und mächtiger wird es. Wir sind regelrecht auf der Flucht… auf der Flucht vor uns selbst! Und eines Tages kommt der Moment in dem wir erkennen, dass wir nicht vor uns selbst weglaufen können.

Der Mensch neigt dazu unangenehme Lebensphasen so schnell wie möglich ändern zu wollen, das liegt in seiner Natur. Zu Glück und innerer Zufriedenheit verhilft uns allerdings nur das Bewusstsein darüber, dass in vermeintlich schrecklichen Lebenssituationen eigentlich eine riesige Chance an unsere Tür klopft. Die Chance auf Bewusstheit und Selbstbestimmung. In dem Moment, in dem wir uns fragen, ob unsere Werte und Bedürfnisse, denen wir bisher nachgerannt sind, wirklich die unseren sind, treten wir in unsere eigene Kraftquelle der Selbstbestimmung. In genau dieser Bewusstheit ist es uns möglich, aktive Glaubenssätze, die uns fremdbestimmt haben, zu erkennen.

Für das Streben nach Anerkennung und Lob zahlen wir einen hohen Preis. So erlernen wir Verhaltensmuster, die von Glaubenssätzen genährt werden und somit als Vehikel auf dem Weg zu Lob und Anerkennung dienen. Wir funktionieren, laufen im Hamsterrad, aber fühlen uns innerlich taub und haben den Kontakt zu uns selbst, unseren Gefühlen und Bedürfnissen verloren. Ein gutes Beispiel dafür ist das v.a. in Deutschland ausgeprägte Sicherheitsdenken. Bereits unsere Berufswahl wird durch Appelle unserer Eltern wie "Lern was Gescheites!" oder "Nur harte Arbeit führt zum Erfolg!" beeinflusst. Eigentlich hätte man gerne Kunst studiert, aber wie soll man davon denn bitte eine Familie ernähren? Also entschied man sich doch lieber für eine solide Banklehre, denn da hat man ja schließlich etwas in der Hand. Aber das Herz schlägt weiterhin für die Kunst und mit jedem Tag im schnöden Bankalltag verlieren wir ein klein bisschen mehr unseres inneren Feuers, das das Leben erst lebenswert macht.

Wie wir über die Glaubenssätze hinauswachsen

Aber wenn die Unzufriedenheit und die Leblosigkeit des eigenen Daseins fast unerträglich geworden sind, weil wir ein fremdbestimmtes Leben führen, das nicht unseren eigenen Werten und Bedürfnissen gerecht wird, kommt die Chance zur Veränderung. Dann erkennen wir, dass verinnerlichte Scheinwahrheiten wie "Besser der Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach" zwar das Sicherheitsbedürfnis unserer Eltern befriedigten, aber vielleicht unsere eigenen Bedürfnisse nach Freiheit und dem Streben nach etwas Großem im Keim ersticken. Wir erkennen nach und nach wie unsere bisherigen Entscheidungen von Überzeugungen geprägt waren, die nicht unsere eigenen sind. An dieser Stelle geht es nicht darum sämtlichen vorherigen Entscheidungen in Frage zu stellen. Viel wichtiger ist die Erkenntnis der Entscheidungsgrundlage. Mit ihr übernehmen wir wieder die Verantwortung für uns selbst und unsere eigenen Bedürfnisse. So ist es möglich, eigenverantwortliche und selbstbestimmte Entscheidungen in der Gegenwart zu treffen.

Es ist ein großer Schritt und erfordert eine Menge Mut, zu sich selbst und seinen eigenen Werten und Bedürfnissen zu stehen. Aber die zu erntenden Früchte sind viel zu süß, um sie einfach am Baum hängen zu lassen. Mit Selbstbestimmung kehrt auch die Freude und Lebendigkeit in unser Leben zurück. Manchmal sind dafür drastische Veränderungen nötig, aber hin und wieder tut es auch ein Perspektivenwechsel, um die Eckpfeiler des Lebens wieder in Einklang zu bringen.

Glücklicherweise können wir unsere Glaubenssätze mit ihren eigenen Waffen schlagen. Eine der Grundannahmen der positiven Psychologie besagt, dass die Energie der Aufmerksamkeit folgt. Wenn wir in diesem Bewusstsein leben, können wir aktiv unsere Gedanken in eine positive Richtung lenken. Somit erschaffen wir uns neue und vor allem bewusste Glaubenssätze, die uns zu wahren Höhenflügen inspirieren können.

Probieren Sie es doch einfach mal aus. Nehmen Sie sich jeden Tag ein paar Minuten Zeit und machen Sie sich Ihre Gedanken bewusst. Sofern Sie auf einen limitierenden Glaubenssatz stoßen, formulieren sie diesen um. Aus "Dafür bin ich nicht groß/jung/schön/gebildet/intelligent genug" machen Sie z.B. "Alles, was ich will, das kann ich auch erreichen" oder "Ich kann alles lernen".

Natürlich lassen sich nicht alle über Jahre und Jahrzehnte erlernten Denkmuster über Nacht ausmerzen oder umkehren. Aber wie jede Reise beginnt auch diese Expedition zu Ihrem kraftvollen Selbst mit dem ersten Schritt. Meist sind wir selbst unser größter Kritiker. Überzeugen Sie sich von Ihrer eigenen Größe und befreien Sie sich aus Ihrem selbstgeschaffenen Gedankenkäfig. Nehmen Sie Anlauf, überspringen Sie die Bergkette vor Ihrer Nase und denken Sie immer daran: Die Welt steht Ihnen offen!

Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben..

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  2. Frau Welsch, vielen Dank für diesen tollen Artikel! Sehr inspirierend!

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  3. Richtig, es ist nie zu spät, neu anzufangen, die Richtung zu wechseln und wie so schön beschrieben wurde: "die Bergkette vor der Nase zu überspringen..." :-)

    Danke für den inspirierenden Impuls!

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  4. vollkommen RICHTIG;ICH will lernen DANKE

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  5. Genau, so ist es! Das, was wir über uns und unsere Umwelt denken bestimmt und formt unser Leben. Wenn wir lernen uns umzuprogrammieren und positiv zu denken, werden wir die positiven Dinge in unser Leben ziehen.

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  6. Ich habe meine Glaubenssätze hinterfragt und habe eine andere Richtung eingeschlagen. Der Weg war lang und hart, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt.

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    1. Ich gratuliere Ihnen und freue mich, dass sie diesen Weg eingeschlagen haben.
      Dieser mag manchmal länger und vielleicht auch unbehaglich sein...aber meiner Erfahrung nach ist es noch viel schlimmer, sich von Angst und Zweifeln gelähmt mit einer untragbaren Situation zufrieden zu geben. Außerdem: Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas schönes bauen :)

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  7. Alles in Allem kann ich dem Beitrag nur beipflichten.

    Absolute Glückseligkeit ist das höchste Gut, was der Mensch für sich erlangen kann. Geistige Balance und Freiheit, losgelöst von dem nuztlosen, hedonistischen Materialismus der uns von und in unserer Gesellschaft vorgelebt wird.

    Die eigentliche Schande dabei ist letztlich nur Folgendes:
    1.) Viele werden nicht mal im Alter diese "Bewusstseinsstufe" erreichen. Für mich, tragischerweise, ein komplett verschwendetes Leben.
    2.) Die Gesellschaft und die uns auferlegten Normen bzw. das "Leben" (wie es umgangssprachlich referenziert wird) immer gegen das Prinzip arbeitet und uns zwangläufig aus der Bahn wirft, wenn man nicht lernt was wirklich zählt und was egal ist.

    Ich habe einen großen Teil des Weges bereits hinter mir und das mit Mitte 20. Als Dank findet man sich selbst aber in einer Gesellschaft wieder, wo man kaum noch etwas mit den Meisten Menschen gemein hat, da man einfach nicht auf derselben Wellenlänge ist. Das heißt nicht das daraus ein 'Ich gegen Sie' resultiert, als viel mehr das ggbf. doch eine Art Seperation stattfindet und sich 'Einsamkeit' breit machen kann wenn man nicht gefestigt genug in seinem Wesen ist.

    Wir brauchen keine Häuser, wir brauchen keine Familie, wir brauchen keine Lebenspartner, keine 5 Autos und keine 2-3 (Familien)Urlaube im Jahr - Zufriedenheit und Glückseligkeit kommt von innen - selbiges gilt für Einheitlichkeit und Frieden. Jeder der versucht Balance durch etwas nicht in ihm liegendes zu suchen (Materialismus, Beziehungen, Kinder etc.) wird zwangsläufig scheitern.

    Das heißt nicht, dass man auf alle diese Dinge verzichten sollte - sich aber im klaren werden das sie eigentlich wertlos sind solange die eigene Zufriedenheit dafür auf der Strecke bleibt. Im Gegenzug heißt das aber auch, das alle diese Dinge großartig sind für Personen, die es bereits geschafft haben zu wissen was wirklich wichtig ist im Leben und was nicht.

    In dem Sinne wünsche ich euch allen viel Erfolg ;)

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    1. Vielen Dank, für Ihre Zeilen.
      Einige der von Ihnen beschriebenen Gefühle von Einsamkeit und Separation "unterwegs" kenne ich nur zu gut. Sie haben mich hin und wieder auch an einen Punkt getrieben, an dem ich mich fragte, ob ich den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Aber diese Frage habe ich mir immer und immer wieder mit einem klaren JA beantwortet.

      Manchmal mag uns dieser Weg in eine andere Richtung treiben, vielleicht auch weg von Situationen und Menschen, die uns bis zu diesem Zeitpunkt nah und wichtig waren...
      Von Natur aus bin ich ein geselliger Mensch und mir ist der Kontakt und Austausch mit anderen sehr wichtig. Während meiner "Umbruchphase" blieb das leider oft auf der Strecke. Aber ich habe auch festgestellt, dass ich lieber alleine bin, als in "schlechter Gesellschaft", also unter Menschen, mit denen ich eigentlich nichts mehr gemein habe. Seit ich das erkannt und akzeptiert habe, treffe ich and den möglichsten und unmöglichsten Orten auf viele neue "Gleichgesinnte" und wir surfen gemeinsam auf unserer Wellenlänge :) In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Sie sich und Ihrem Weg treu bleiben und unterwegs auf noch viele gleichgesinnte "Surfer" stoßen!

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  8. Sehr gut geschrieben sis...... :-))))

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  9. Hildegard/St. Augustin18. Februar 2014 um 15:49

    Toll geschrieben. Es bringt einen echt zum Nachdenken über den eigenen weiteren Lebensweg. Wie er wohl verändert werden kann, wie er wohl aussehen mag. Trotz allem ein schwieriges Unterfangen. Aber einen Anfang machen .... dann ist schon viel erreicht. Vielen Dank für die inspirirenden Zeilen.

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    1. Vielen Dank! Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt...den Mut dafür aufzubringen ist oftmals nicht leicht, aber es lohnt sich! Und schon in dem Moment, in dem wir uns zugestehen überhaupt die Frage zu stellen was wohl alles möglich wäre, leiten wir bereits Veränderung ein.

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  10. Gut geschrieben. Und schön, dass man mit dieser Erkenntnis auch Anderen helfen kann !

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