16. Mai 2013

Motivation ist überbewertet

Warum die meisten Leute "trotz allem" gern zur Arbeit gehen


Verschiedene Studien bescheinigen uns, der arbeitenden Bevölkerung, einen kompletten Mangel an Motivation. Angeblich schleppen wir uns jeden Morgen zur Arbeit, die wir hassen. Jeder vierte habe "innerlich gekündigt", sagt die letzte Studie von Gallup.

Die Phrase von der innerlichen Kündigung ist in sich schon bescheuert, denn die Kündigung ist ein Akt, der nicht innerlich vollziehbar ist, sondern durch einen Kommunikationsakt mit mindestens einer weiteren Partei und/oder dadurch äußerlich vollzogen werden muss, dass wir nicht mehr zur Arbeit gehen. Wer diesen Akt nicht in aller Konsequenz vollzieht, hat also offenbar doch eine Motivation, an gewohnter Stelle in Lohn und Brot zu bleiben oder ist einfach zu träge, wirklich zu kündigen. Ich glaube nicht an die innere Kündigung, sondern daran, dass Menschen gemäß ihrer Persönlichkeitsdimensionen mehr oder weniger, auf jeden Fall aber ganz komplex motiviert sind, bestimmte Ziele zu verfolgen und Gegebenheiten zu tolerieren, sie zu formen oder ihnen aus dem Weg zu gehen. Was aber motiviert uns nun überhaupt?

Bundesarchiv Bild 183-1984-1102-002, Milchviehanlage Dittmannsdorf, Kollektiv

Wir brauchen keinen Arbeitgeber, sondern Strukturen und Sinnzusammenhänge

Trotz aller verheerenden Studien beobachte ich im Arbeitsalltag, dass die meisten Kollegen gern zur Arbeit gehen. Sie haben dort ihre Routinen, die den Tag strukturieren und Freunde und Bekannte in den Teams, die wesentlich ihre Sozialkontakte ausmachen. Viele haben einfach auch sehr spannende Aufgaben und lieben die Herausforderung. Sicher gibt es Ausnahmen: Menschen, die allein sein wollen und lieber zu Hause arbeiten möchten; es gibt Menschen, die von ihren Kollegen gemobbt oder vom Chef schikaniert werden oder einfach nur unterfordert sind. Aber das ist nicht die Regel.

Die Regel sind Menschen, die sich vielleicht nicht immer mit ihrem Arbeitgeber identifizieren oder die denken, dass die Chefs nichts drauf haben, die sich unterbezahlt fühlen oder dieses und jenes in Job nicht mögen. Eines haben sie alle gemein: Sie gehen gern zur Arbeit, weil der Kollegenzusammenhalt stimmt, weil sie in sinngebende Sozialstrukturen eingebunden sind, die durch Freundschaften, gemeinsame Aufgaben, Ziele und Interessen und manchmal auch nur durch einen gemeinsamen Feind oder Chef entstehen. Der Makrokosmos (die Firma, der Konzern etc.) sind im Zweifel weniger wichtig, als der Mikrokosmos des Teams, der Kollegen und des Büros.

Auch Arbeitslosigkeit scheint vielen übrigens nicht deshalb unerträglich, weil sie nicht arbeiten, sondern weil ihnen diese zeitlichen und gesellschaftlichen Strukturen im Leben fehlen. Arbeit ist in unserer Gesellschaft einfach eine der wesentlichen Institutionen, die uns in nötige Sinnzusammenhänge stellen. Ob es nicht andere, schönere, bessere geben sollte und welche das sein könnten, wäre eine weitere Diskussion wert.

Motivation ist ein Abfallprodukt

Der sicher einigen Lesern bekannte Management-Experte Reinhard Sprenger sagt zuletzt wieder in der Fachzeitschrift Human Resources Manager (Februar/März 2013), dass - wenn es um Arbeitsleistung geht - "der Faktor Motivation häufig überbewertet wird." Ohne Leistungsfähigkeit (Habe ich die nötigen Fähigkeiten und Kenntnisse?) und Leistungsmöglichkeit (Habe ich alle nötigen Werkzeuge?) hilft auch noch so viel Motivation nicht weiter.

"Man sollte daher der Leistungsbereitschaft der Menschen vertrauen. Konzentrieren sollte sich die Führungskraft auf den Personaleinsatz, auf die Leistungsfähigkeit des Mitarbeiters, vor allem aber auf die Leistungsmöglichkeiten - und so Erfolgserfahrungen des Mitarbeiters ermöglichen. Denn langfristig ist Motivation keine Leistungsvoraussetzung, sondern ein Resultat. Sie ist ein Abfallprodukt des Erfolges." (S. 36)
Dem ist nicht viel hinzuzusetzen. Natürlich gibt es neben dem persönlichen Erfolg weitere Aspekte, die der Motivation helfen. Ein Aspekt, der mir in Deutschland oft noch zu kurz zu kommen scheint, ist ein unterstützendes Identifikationsangebot der Arbeitgeber. Besonders amerikanische Firmen haben es verstanden, dass es die Motivation der Kollegen durchaus unterstützt, wenn sie für eine "gute" Firma arbeiten, wenn das, was die Firma anbietet, Menschen hilft und neben Gewinnmaximierung auch noch andere, menschlichere Ziele verfolgt werden, an denen alle in der Firma gemeinsam arbeiten.

Warum behandelt man uns auf Arbeit wie Kinder?

Es ist zweifelhaft, dass Führungskräfte Mitarbeiter überhaupt motivieren können. Was außer Frage steht jedoch, dass sie ungemein demotivieren können. Aus allen zugänglichen Befragungen und auch aus dem eigenen Arbeitsalltag wissen wir, dass der unmittelbare Chef der Kündigungsgrund Nummer eins ist. Neben persönlichen Defiziten und mangelnder Eignung oder Erfahrung ist es häufig das tradierte "Bild vom Mitarbeiter als inferiorem Mängelwesen, das motiviert, gelenkt und kontrolliert werden muss" (S. 35), dass vielen auf den Wecker geht. Schließlich sind wir Erwachsene, die auch außerhalb der Arbeit Verantwortung für andere übernehmen, die Kredite aufnehmen dürfen, Autos lenken können, Häuser kaufen dürfen. Warum behandelt man uns auf Arbeit dann wie Kinder?

Um als Chef nicht zu demotivieren, muss man seine Mitarbeiter ernst nehmen, man muss ihnen trauen und auf Augenhöhe mit ihnen arbeiten. Als Chef muss man dafür sorgen, dass die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu den Anforderungen passt und dass die Werkzeuge zur Verfügung stehen und die Rahmenbedingungen stimmen, damit die Arbeiten ohne unnötigen Frust ausgeführt werden können. Mehr muss man fast nicht tun, aber das ist leider schon mehr, als viele Chefs zu tun bereit oder in der Lage sind. Wenn sie aber das schaffen, dann kommt der Erfolg und damit die Motivation von ganz allein.

Wem das in seinem Job nicht hilft, weil er von sich aus keine Motivationsfähigkeit für seine Arbeit mitbringt, der muss sich einfach gründlich fragen, ob er nicht etwas ganz anderes machen sollte. Genauso wie die Chefs, die konsequent ihre Mitarbeiter demotivieren. Das kann auch einem Chef kaum Spaß machen. Lasst den Scheiß, macht mal etwas ganz anderes, zum Beispiel den Garten umgraben. Das ist ja auch OK.



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Kommentare:

  1. "Trotz aller verheerenden Studien beobachte ich im Arbeitsalltag, dass die meisten Kollegen gern zur Arbeit gehen. Sie haben dort ihre Routinen, die den Tag strukturieren und Freunde und Bekannte in den Teams, die wesentlich ihre Sozialkontakte ausmachen."

    Tja, die Ratte im Labyrinth hat auch ihren Spass! Sind so schützende Wände, man läuft halt mal voran.... und immer gibts irgendwann zu essen.

    Den einen reicht das, den anderen nicht.

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    1. Hm, also wer arbeiten geht ist doof und anspruchslos, oder was?

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    2. "Doof" wollte ClaudiaBerlin nicht sagen, glaube ich. Hm, oder doch?
      Vielleicht sind Menschen, die die Arbeit brauchen, damit ihr Tag Struktur hat, nicht viel mehr auf Zack als die Ratte, die sich alles strukturieren lässt.
      Vielleicht ist es wirklich anspruchslos, wenn einem Kollegen reichen als Freundeskreis.
      Was ist der Arbeits-Lohn anderes als schützende Wände oder das "zu essen"?
      Und wieviel Prozent der Arbeitnehmer machen überhaupt mehr, als "halt mal so voran laufen" (wie Chef und Routine es wollen)?

      Es mag ja sehr anspruchsvolle Arbeitsplätze geben. Fachlich anspruchsvolle gibt es sicher sogar viele. Aber letztlich sind doch so viele Arbeitnehmer nur im Trott, der jede Motivation raubt. Welcher Gärtner findet denn nach 20 Jahren noch eine motivierende Herausforderung? Auch Programmierer (bin selbst einer) lernen vielleicht mal eine andere Sprache oder müssen ein neues Problem lösen, aber nach 20 Jahren ist das doch nichts als Trott - der Ratte gleich!

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    3. Also ich ziehe ganz viel aus meiner Arbeit. Menschliche Interaktion, das Wertschätzen anderer und das Geschätzwerden durch sie, neue Erfahrungen, nicht zu vergessen, das eigene Dazulernen, das sich selbst Steigern und besser Werden. Ich liebe das. Es hilft mir, mich weiter zu entwickeln, nicht nachzulassen und ein besserer Mensch zu werden, mutig zu sein und für etwas einzutreten. Das alles kann man auch anders haben, sicher. Aber für viele ist die Arbeit solch ein Ort der Selbstverwirklichung. Wer andere findet, auch gut. Aber das gibt uns kein Recht, die mit Ratten gleichzusetzen, die Erfüllung in ihrem Beruf finden.

      Hinzukommt, das was der anonyme Leser unten sagt: Die monetäre Kompensation meiner Arbeitszeit hat mir z.B. schon immer erlaubt, andere Länder zu sehen und intensiv zu bereisen. Das ist ein Aspekt meines Lebens, der mich ungeheuer erfüllt.

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  2. ".... und immer gibts irgendwann zu essen (vgl. ClaudiaBerlin)."
    "Hm, also wer arbeiten geht ist doof und anspruchslos, oder was? (vgl. Gilbert Dietrich").

    Das ist doch wunderbar - es gibt für die geleistete Arbeit etwas, etwas Nahrung - in Form von Lebensmittel, in Form von Kultur, in Form von Optionen etwas neues kennenzulernen ( Reisen, Bücher u.s.w.), in Form von Aktivitäten, die uns in irgend einer Art und Weise sozialisieren.
    Warum sollte wer arbeitet also doof oder anspruchslos sein - auch wenn das Essen nur Nahrung ist. Der Tausch von Arbeit gegen Lebensmittel über das erfundene Geld erscheint mir doch der sinnvollste Austausch. Nur dadurch ist die Existenz eines lebewesens gesichert und nur dadurch kann der übergeordnete Hunger gestillt werden.



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  3. Also ich gehe nicht gern in die Arbeit. Am Montag, denke ich automatisch wieder schon an Freitag. Aber ich muss in Lohn & Brot kommen. Alles eine Frage der Zeit. Ich werfe demnächst alles hin. Sch*** auf den Job. Keine Arbeit kann so schön sein um dass man sich in ihr ewig bindet. Frei sein und keinerlei Verpflichtung gegenüber anderen zu haben. Dolce Vita !

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  4. Wer würde eigentlich noch arbeiten gehen, wenn Geld keine Rolle spielte oder soziale Verantwortung? Ich meine nicht kurzfristig, sondern dauerhaft.
    Ich glaube, der Prozentsatz wäre sehr klein und bestünde nicht nur aus den von Dir genannten Ausnahmen.
    Freunde fände man auch anderswo, und ihren Tag strukturieren sich z.B. Rentner auch irgendwie.
    Ich glaube nicht an die Existenz einer große Arbeits-Motivation.

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  5. "Denn langfristig ist Motivation keine Leistungsvoraussetzung, sondern ein Resultat."
    Sie mag Resultat sein, ja. Aber genauso ist sie Leistungsvoraussetzung!
    "Ohne Leistungsfähigkeit [...] und Leistungsmöglichkeit [...] hilft auch noch so viel Motivation nicht weiter."
    Einverstanden. Umgekehrt ist es aber genauso!

    Motivation halte ich keineswegs für überbewertet. Ohne Motivation arbeite ich nicht ordentlich, das war bei mir jedenfalls immer so :-)

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  6. Stimme dem Artikel zu. Häufig ist das so. Ich habe aber auch schonmal einen Job aus Motivationsgründen geschmissen. Kollegen waren super, Chefs ok aber ich hatte einfach keine Lust mehr auf die Branche ( Public Sector) und die alltäglichen Aufgaben ...

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  7. Natürlich ist Motivation Voraussetzung für Leistung. Wer nicht will, will nicht. Auch nicht leisten.

    Die Aufgabe der Führungskräfte ist es, die von Hause aus motivierten Mitarbeiter motiviert sein zu lassen. Keine Führungskraft kann motivieren. Sie kann nur de-motivieren, wie oben und von Sprenger auch schon beschrieben. Mehr dazu: http://de.wikipedia.org/wiki/Zwei-Faktoren-Theorie_(Herzberg)

    Manchmal sind allerdings auch Führungskräften die Hände gebunden, wenn sie sich im Wald der Hierarchien und Vorschriften verlaufen - das ist die De-Motivation der Führungskraft.

    Allerdings muss sich die Führungskraft dann fragen, ob sie nicht besser den Job wechseln sollte. Ich habe genug Führungskräfte gesehen, die wegen Lohn und Brot und dem Titel "Boss" auf der Visitenkarte den Job behalten und Dienst nach Vorschrift geschoben haben - mit allen negativen Nebenwirkungen.

    - Hans Steup, Berlin

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  8. Ich fand den Artikel gut geschrieben, aber mit wenig Neuerkenntnis, da bin ich so ehrlich. Erst die Kommentare haben das Gesamtbild schön abgerundet. Trotzdem fehlt mir der philosophische Weit- oder Kurzblick. Vielleicht kann man das ja noch mal aufgreifen. Einige (offene) Fragesätze aus den Kommentaren sind ja ganz interessante Gedankenansätze.

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