28. August 2013

Segen oder Fluch? Diagnosen von Persönlichkeitsstörungen

Monika Löttken
Auf Geist und Gegenwart geht es oft um Themen der Psychologie und der Selbsterkenntnis. Was für ein Mensch bin ich und wie ticke ich? Habe ich vielleicht ein besonderes Persönlichkeitsmerkmal wie eine extreme Introversion oder grenzen Aspekte meiner Persönichkeit sogar an eine z.B. schizoide Störung? Ich glaube, dass solche Selbsterkenntnis ein wichtiger Schritt zum Lebensglück ist. Als Geschäftsführerin und Dozentin der Heilpraktikerschule hpp-24 kommt die Physiotherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie Monika Löttgen im Unterricht immer wieder auf das Thema Diagnose zu sprechen und was solche psychologischen Zuschreibungen und Identifikationen mit uns machen. Wann ist eine Diagnose hilfreich und wann ist sie eher ein Fluch?

Vielleicht kennen Sie das Gefühl, irgendwie anders zu sein. Wir können oder wollen uns weniger integrieren, haben dann aber oft das Gefühl, mit uns stimmt etwas nicht. Dieses Gefühl anders zu sein und von den anderen nicht verstanden zu werden zieht sich vielleicht wie ein roter Faden durch unser Leben.

Jetzt ist die Frage: Wäre es denn eine Erleichterung, wenn wir diesem komischen Gefühl und dem damit verbundenen Leidensdruck einen Namen geben könnten, so nach dem Motto: "der Fachmann sagt…"?

Auf den ersten Blick ja, denn schließlich glauben wir, jetzt zu verstehen, wo all die Schwierigkeiten und Probleme herkommen. Vielleicht ist es auch das Gefühl, endlich verstanden zu werden.

Doch letztendlich ist so eine Diagnose nichts anderes als eine Kategorie, eine sprachliche Schublade in die man dann einsortiert wird. Und außen auf der Schublade steht dann eben schizoide Persönlichkeitsstörung, oder Borderline Persönlichkeitsstörung, oder Fibromyalgie, oder, oder, oder.

Mir stellen sich dann folgende Fragen:
  • Hilft mir als Betroffener dieser Name irgendwie weiter?
  • Verändert der Name etwas an meiner Situation?
  • Kann ich jetzt leichter leben, weil ich mich nun in der Schublade mit den Persönlichkeitsstörungen befinde?

Identifikation und vermeintlich Unveränderliches

Wenn wir von uns sagen: "Ich bin schizoid", dann ist dieses "Schizoid Sein" schon ein wichtiger Teil unserer eigenen Identität geworden. Im Umkehrschluss kann das aber auch bedeuten: "Den geb ich so schnell nicht wieder her."

Vollkommen in Ordnung ist so eine Identifikation, wenn wir mit uns und unserem So-Sein gut klar kommen.

Schwierig wird so eine Identifikation aus meiner Sicht immer dann, wenn wir es als unveränderbare Tatsache ansehen: "Ich bin eben so, ich bin halt krank." Denn damit ist dann jede Möglichkeit auf Veränderung ausgeschlossen.

Bei den meisten Betroffenen, die ich kenne, scheint es eben nicht vollkommen in Ordnung zu sein, so zu sein, wie sie sind. Diese Menschen stehen unter einem erheblichen Leidensdruck, kommen oft mit sich, ihrem Berufs- und Privatleben gar nicht oder nur mühsam zu recht.

Jetzt kann so eine Diagnose zum Problem oder gar zum Fluch werden, insbesondere, wenn ich anfange, mich näher mit "meinem Störungsbild" zu beschäftigen, indem ich danach im Internet recherchiere oder Fachliteratur lese. Dort erfahre ich oft nur, dass es keine Hoffnung auf Veränderung oder gar Verbesserung gibt.

Das stimmt aber nicht.

Dann stehen wir da mit unserem "Anders sein", welches jetzt auch noch einen Namen hat und fragen uns, wie es denn jetzt weiter gehen soll.

Was ist das Ziel? Wo wollen wir hin?

Hier möchte ich Mut machen! Meine Botschaft lautet: Es gibt für jeden von uns die Möglichkeit sinnerfüllt und glücklich zu leben! Wenn wir das erkannt haben, hilft uns das Wissen um unsere "Störung", unseren Fokus zu verschieben. Der Schwerpunkt liegt dann nicht mehr auf unserem "Anders sein" und auf dem, was uns in unserem Leben außerdem nicht gefällt, sondern darauf, wo wir hin wollen. Unser Fokus ist dann eher auf unser Ziel gerichtet und hilft uns herauszufinden, wie wir das Ziel, glücklich und sinnerfüllt zu leben, erreichen können.

Sollten Sie für Ihren Weg Hilfe oder Literaturhinweise benötigen dann wenden Sie sich gerne an mich.

Kommentare:

  1. Toll!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Alles stimmt!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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  2. Für besonders wichtig in dem Artikel halte ich diesen Satz: "Vielleicht ist es auch das Gefühl, endlich verstanden zu werden." Jemandem zu sagen: "ich fühle mich morgens immer soundso" oder auch im körperlichen Bereich: "im Bauch piekst es manchmal unangenehm", das stellt denjenigen nur selten zufrieden. Die Antworten auf solche Selbst-Offenbarungen empfinde ich sehr oft als vorwurfsvoll: "Wie? Du hast das noch nicht abklären lassen?" wahlweise vertauscht mit: "Geh zum Arzt oder stell dich nicht so an". Man steht unter gesellschaftlichem Druck, sich eine Diagnose zu verschaffen. Akzeptanz gegen Diagnose. So ist es z.B. viel besser zu sagen "ich habe Migräne" als "ich habe Kopfschmerzen". Besonders am Arbeitsplatz.
    Aber auch die Hauptaussage des Artikels finde ich sehr richtig. Jeder Mensch ist anders. Und wenn zwei unter denselben Phänomenen leiden, gehen beide doch unterschiedlich damit um. Es sei denn, die bekommen beide denselben Diagnose-Namen zugeschrieben. Dann laufen sie zumindest in Gefahr, gleichartig zu handeln, nach Schema F, obwohl sie vielleicht ganz andere, individuelle Möglichkeiten hätten.

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    1. Hallo Pit, danke für deinen Kommentar! Das sind gute Punkte, die du da aufbrinngst. Das mit der gesellschaftlichen Akzeptanz sehe ich auch täglich. Man braucht ja schon fast einnen Burnout, wenn man auf Arbeit mal gestresst ist.

      "Jeder Mensch ist anders." Eine wichtige Erkenntnis, klingt so banal, aber im Alltag machen wir alle doch immmer den Fehler und scheren alle über einen Kamm.

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  3. Viele Persönlichkeitszüge sind ein Spektrum, eine gigantische Grauzone - für eine akute Diagnose reicht es meist nur in Extremfällen wo auch tatsächlich Bestandteile der Psyche so funktionieren, dass Personen einfach nicht 'normal' sein können, einfach weil Ihnen etwas fehlt wofür sie dann coping Mechanismen erlernen.

    Der Großteil wird sich wohl tatsächlich irgendwo auf dieser grauen Skala bewegen, mal weniger stark, mal stark und mal in eine gänzlich andere Richtung; aber genau darum geht es: Die Balance zu finden und nicht auf die eine Seite überzukippen. Alles eine Frage der Einstellung und diese leigt bekanntlich in den Händen des Einzelnen. Ziehen wir bspw. Schizoid als Beispiel heran: Viele introvertierte, allem voran introvertierte Denker werden sich mit Sicherheit mit den augenscheinlichen Symptomen identifizieren können (emotionale Distanziertheit, wenig bis keine social peers, Misanthropie, Angstzustände) - Dies ist aber nur eine momente Festigung unseres Bewusstseinzustandes das einen dazu verleitet die Dinge so zu sehen, wie man es tut.

    Menschen sind als einziges Wesen in der Lage sich selbst zu analysieren und zu zerlegen, ihr Bewusstsein in Frage zu stellen und es bzw sich zu ändern, auch wenn das immer ein langer, steiniger und schwieriger Weg ist. Entsprechend besitzt auch jeder das Potential über sich selbst, als Mensch, hinauszuwachsen - Genau dafür ist jeder neue Tag und jede Minute eine Chance. Chancen die wir gerne schleifen lassen und nicht als solche wahrnehmen können, oder wollen - aber das ändert nichts an dem Tatbestand.

    In dem Sinne, spart euch die Labels für die, die sie wirklich brauchen weil ihnen tatsächlich etwas fehlt - alle anderen brauchen nur ein wenig Mut und sollte ihre bewusste Einstellung ein wenig zurückschrauben um der Welt gegenüber offener zu sein. Ich bin OK - Du bist OK ;)

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    1. Danke für diese tolle Ergänzung! Schade, dass Sie anonym bleiben. Haben Sie eine Website, einen Blog oder sonstige Veröffentlichunngen?

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    2. Hallo,

      ich schaue hier und da mal rein bei Beiträgen die mich interessieren und gebe auch gerne meinen Senf dazu - Allerdings bin ich nicht mehr sonderlich aktiv was das Bloggen angeht, weshalb ich regelmäßig meine Account-Informationen vergesse :)

      Viel Inhalt meines damaligen Blogs ist überholungsbedürftig; nicht zuletzt weil ich ebenfalls viel persönlichen Fortschritt erfahren habe und einige Einträge bereits Jahre zurückliegen und keine Reflektion meiner heutigen Denkweise mehr sind. Zeitspannen die mir in meinem Alter viel gravierende Sprünge im Charakter ermöglichten ;)

      Unter dem Strich ist meine derzeitige Einstellung das Resultat von vielen Büchern mit entweder psychologischem oder philosphischem Ansatz (Nietzsche, C.G Jung, Riehmann, MBTI [...])

      Jeder der sich umsehen mag kann es gerne, aber ich schreibe meist auf Englisch und oftmals fehlt mir ein wenig der rote Faden. Man tut was man kann ;)

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    3. Ah ja, deinen Blog kenne ich. Schön, dass du wieder schreibst. Wo arbeitest du eigentlich? Die Beschreibung "I’m tinkering around in an apprenticeship in the field of software engineering / programming, allowing plenty German folks to book vocations, flights and hotels." erinnert mich sehr an meinen Arbeitgeber in Leipzig.

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    4. Traveltainment GmbH, IT solutions für die Touristik-Branche. Neben zahlreichen Webpräsenzen einiger großen Anbieter gehört glaube ich auch ca. 90% der Reisebüros in Deutschland zu unserem Kundenstamm, zumindest sind das so die Zahlen, die man zu hören bekommt.

      Auch wenn es nicht dein Arbeitgeber ist, so wird man sich mit Sicherheit kennen, wenn man in derselben Branche tätig ist - Amüsant und irgendwo ironisch fände ich solch einen Zufall dennoch ;)

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  4. Ist das ein Verkaufsgespräch? Es klingt wie Bibel TV in Wort und Schrift. Jede Person ist in irgendeiner Art und Weise sozial gewachsen, integriert und durch Umstände des demographischen Zweiges unter anderen Umständen weniger oder mehr sozial integriert. Das IST KEIN PROBLEM DER NEUEREN ZEIT - das gab es nach meinem Erfahrungsaustausch mit sämtlichen Verwandten schon immer. Warum erheben wir diese Gefühlsbasis auf einen Problemsockel? Ich weiß, es lässt sich damit gut Geld beschaffen - nicht verdienen!!! Jedes Individuum ist gezwungenermaßen mit sich im Einklang. Der RISS besteht nur in der Beobachtung Anderer und dem Vergleich seiner eigenen Person mit Anderen. Diese Abstraktion haben ja meist nur Menschen in großen Städten oder Menschen die auf der Flucht in ganz anderen Gefilden landen und der nachfolgenden Generation nicht autentisch etwas vorleben können. Vorleben im Sinne der Echtheit ihres vorgeprägten Lebens, das geht nicht gut, da sich z.B. die Generation der Flüchtlinge erstmal selbst aklimatisieren und sozialisieren muss. Das dauert Generationen lang. Da hilft keine Therpie, DAS IST GESCHICHTE - mit der sich die Umwelt auseinanderstzen muss - die Lösung liegt nicht im Einzelgespräch.

    Ich hoffe, die Mehrzahl der Leser hat eine Ahnung davon, wie lang Integration, nicht nur im besschriebenen Beispiel dauern kann.

    in diesem SINNE- lasst euch als LESER VON wERBENDEN NICHT BEIRREN UND FINDET EUREN WEG!

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    1. "da sich z.B. die Generation der Flüchtlinge erstmal selbst aklimatisieren und sozialisieren muss. Das dauert Generationen lang. Da hilft keine Therpie,"

      Ja, dass man sich aus solchen Gründen fremd fühlt, ist sicherlich gut nachvoll ziehbar. Da hilft vielleicht eher ein allmähliches Hineinwachsen und Bilden neuer Wurzeln.

      "Der RISS besteht nur in der Beobachtung Anderer und dem Vergleich seiner eigenen Person mit Anderen."

      Genau das ist der Punkt. Doch warum beobachte und vergleiche ich mich denn mit anderen? Wahrscheinlich doch, weil ich glaube, dass die anderen glücklicher sind als ich. Gerade wenn ich das Gefühl habe, irgendwie anders zu sein als die anderen und darunter leide, dann suche ich nach einer Lösung. Und erhoffe mir durch Beobachtung anderer Menschen eine Lösung für mich.

      "in diesem SINNE- lasst euch als LESER VON wERBENDEN NICHT BEIRREN UND FINDET EUREN WEG!"

      Absolut, das ist es! Finde deinen Weg! Doch die Frage die sich mir in der Vergangenheit dann oft stellte war: Wie denn?

      Herzlichen Dank für diese hilfreichen Ergänzungen

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  5. Ich bedanke mich für Ihren Beitrag.
    Viele Menschen reiten auf der Frage nach dem "Glück" -"Glücklichsein"!
    Das Glückspotential liegt logischerweise immer im Verzicht oder in der unerahnten Bekanntschaft, die einen wie der Blitz trifft, die einen Menschen herausfordert, ihn zur Agitation zwingt, ohne diese zu werten. Selbst G. Dietrich, ich beobachte über lange Zeit Aussagen von Menschen, hat sich in 2002 vom "SCHICKSALS - BEGRIFF abgewendet und verwendet diese Begrifflichkeit in Verbindung mit Erklärungen in anderen THEMENBEREICHEN - wir sind alle politisiert, sozial wandelbar, angreifbar,verhaltensunsicher in neuen Umgebungen, entscheidungsscheu und was das Vokabular noch so hergibt. DAS ALLES IST VOLLKOMMEN NORMAL!!! In dieser Situation befindet sich fast jeder Mensch im Láufe seines Lebens. Das findet intervallmäßig statt und endet wieder - ÜBERTHAUPT NICHT SCHLIMM - Dein Gegenüber denkt mindestens genausoviel über dich und deine Wirkung wie DU über IHN - Wir sollten uns über die Fähigkeit der Reflektion freuen - nicht scheuen. Sie birgt Potential der Entwicklung - und diese wird Lösung der Problemstellung.
    Wir stehen zwar nicht immer vor offenen Toren - machen wir uns aber eine Vorstellung davon und geben uns MÜHE, auch wenn uns nicht so gute Erfahrungen prägen, unser Naturell herauszuarbeiten - ES WIRD SICH LOHNEN - in Akzeptanz unserer Umgebung.

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  6. Ja das ist ein toller Lesestoff und den brauch ich weiterhin, um mich selbst zu finden.

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