24. Oktober 2013

Persönlichkeitspsychologie: Stärken und Schwächen entschlüsseln

Eine Lektüre von Lars Lorbers Menschenkenntnis

Wer Geist und Gegenwart kennt, weiß auch, dass ich selbst eine Menge von Persönlichkeitstests halte. Dabei geht es gar nicht darum, möglichst alle Menschen und deren persönliche Eigenschaften in irgendwelche Schubladen zu packen und dann zu glauben, wir hätten diese Persönlichkeiten komplett erfasst. Das können und wollen Persönlichkeitstests gar nicht leisten. Persönlichkeitstests zeigen vielmehr die relativ konstanten Charaktereigenschaften, die uns bereits bei der Geburt mitgegeben werden und die uns ein Leben lang begleiten. Viele Einflüsse, wie die Erziehung, die Kultur, unser Geschlecht (das in großen Teilen auch wieder kulturell definiert wird), soziale Rollen, unsere Bildung und natürlich die Ereignisse, die unserem Leben neue Richtungen geben, bestimmen letztendlich, wie unsere sich Persönlichkeitseigenschaften im Leben ganz individuell manifestieren. Und auch in ihrem jeweils Zusammenspiel bringen Persönlichkeitsmerkmale unsere jeweils ganz individuellen Eigenschaften hervor:


Vieles an unserem Verhalten lässt sich allerdings nicht als Resultat einer einzigen Eigenschaft darstellen, sondern ist eine komplexe Zusammenwirkung vieler einzelner Teile. Risikobereitschaft z.B. setzt sich zusammen aus dem Drang nach Belohnungen (extrovertiert), der Neugier und Toleranz gegenüber Unbekanntem (theoretisch), der Bereitschaft, etwas zu machen, dass anderen eventuell nicht gefällt (hart), geringer Selbstkontrolle, weswegen wir Belohnungen nicht widerstehen können (spontan) und der verminderten Wahrnehmung von Angst und Gefahren (resistent). Alle diese Eigenschaften tragen ihren Teil dazu bei, wie risikobereit wir sind. Nicht jedes menschliche Verhalten ist so komplex wie dieses, aber vieles hat mehrere Ursachen. (Menschenkenntnis, S. 180)

Persönlichkeitspsychologie kann und will also nie voraussagen, wie sich jemand verhalten wird. Ein Introvertierter kann zum Beispiel in bestimmten Situationen sehr wohl auch kontaktfreudig sein, Risiken eingehen oder mal wie am Schnürchen reden. Er wird aber nie zur totalen Partynudel werden und nach Gelegenheiten suchen, mit vielen fremden Menschen auf engem Raum zusammen zu kommen. Persönlichkeitstests sind also mit Vorsicht zu genießen.

Selbsterkenntnis als Schlüssel zu einem gelungenen Leben

Warum aber sind Persönlichkeitstests dann wichtig, was können sie uns geben und warum ist es zu empfehlen, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinander zu setzen und sie zu verstehen? Mindestens seit der Antike gilt die Selbsterkenntnis als Schlüssel zu einem gelungenen Leben. Und zwar gerade nicht, weil man sich dabei nur selbst entdeckt, sondern weil erst mit der Selbstkenntnis die Kenntnis und das Verständnis des Anderen möglich wird. Lars Lorber, der Entwickler des Typentests, hat dazu in seinem gerade bei C.H.Beck erschienenen Buch Menschenkenntnis geschrieben:

Mit vielen Menschen liegen Sie auf einer Wellenlänge, verstehen sich ohne viele Worte und teilen die gleichen Ansichten. Mit manch anderen Menschen dagegen ist es wie mit einem Wesen vom anderen Stern: Sie verhalten sich komplett anders als Sie. Es ist, als würden sie eine fremde Sprache sprechen. Für einen großen Teil davon ist unsere Persönlichkeit verantwortlich.

Das eigentliche Problem sind aber nicht die anderen Menschen. Das eigentliche Problem liegt darin, dass viele Menschen denken, alle anderen wären genauso gestrickt wie sie selbst. Sie unterteilen Charaktereigenschaften in gut und schlecht: ihr eigenes Verhalten ist gut, alles andere unverständlich. Sie erwarten, dass alle anderen sich genauso verhalten wie sie selbst. Aber das geht nicht, genauso wenig wie alle Menschen gleich aussehen können. Denn jeder Mensch denkt und handelt anders. Dabei gibt es kein gut oder schlecht, kein schwarz oder weiß, sondern eine Vielfalt an Farben. Wer diese Farben der Persönlichkeit nicht kennt, wird sich schwer tun im Umgang mit sich selbst und anderen. Wer jedoch die Persönlichkeit versteht, der bemerkt die unterschiedlichen Typen von Menschen, ihre Feinheiten und Abstufungen. Und er sieht, dass jede Eigenschaft ihren Sinn und ihren Wert hat. (Menschenkenntnis, S. 15)
Lars Lorbers Buch ist nicht nur eine Anleitung zum Selbstverständnis oder eine Bedienungsanleitung des von ihm entwickelten Typentests. Es will uns auch dabei helfen, unsere Stärken und Schwächen zu identifizieren und durch gezielte Tipps unsere gesamte Persönlichkeit - auch die weniger ausgeprägten Merkmale - zu stärken. Diese Tipps zeigen, wie wir lernen können, in bestimmten Situationen besser zu reagieren, wie wir Eigenschaften, die schwach ausgeprägt sind, kompensieren können und wie wir Verständnis für unsere jeweils anders gepolten Mitmenschen entwickeln können. Natürlich kann das immer nur eine erste Idee zur Veränderung für die geben, die bereit sind, tatsächlich ihr Leben lang an einer gestärkten Persönlichkeit zu arbeiten.

Für mich liegt eine ganz klare Stärke des Buches darin, dass es sehr differenziert erklärt, was es mit unseren so verschiedenen Persönlichkeiten auf sich hat, was die Evolution damit zu tun hat und was mit unseren Persönlichkeitsmerkmalen im Laufe eines individuellen Lebens geschieht. Lars Lorber geht dabei Schritt für Schritt auf die fünf Grunddimensionen ein, auf die man sich in der Persönlichkeitspsychologie durch Forschung und lange Studien einigen konnte: Extroversion ("Worauf wir unsere Energie richten"), Offenheit für neue Erfahrungen ("Wie wir denken"), Verträglichkeit ("Wie wir interagieren"), Gewissenhaftigkeit ("Wie wir leben") und Neurotizismus (Wie empfindlich wir sind"). Er erläutert dabei nicht nur die Komponenten dieser Grunddimensionen, sondern erklärt auch wissenschaftliche Hintergründe, ohne den interessierten Laien dabei in akademischen Umwegen zu verlieren. Das Buch will praktisch sein und beim Verstehen helfen, ohne dabei die schwierige Materie zu simplifizieren. Das ist Lars Lorber auf ganzer Linie gelungen.

Sollten Sie sich selbst besser verstehen wollen, dann machen Sie den Typentest und sehen Sie, ob Sie sich dort wiederfinden. Wenn Sie dann etwas genauer lesen, werden Ihnen die typischen Stolperfallen und Fettnäpfchen bekannt vorkommen und sicher wird es Ihnen dann leichter fallen, Strategien zu entwickeln, damit umzugehen. Sollten Sie noch mehr dazu lernen wollen oder haben Sie ganz einfach eine gesunde Neugier zum Thema Persönlichkeitspsychologie und suchen einen Einstieg, dann kann ich Menschenkenntnis: Der große Typentest: So entschlüsseln Sie die Stärken und Schwächen absolut empfehlen.


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1 Kommentar:

  1. Ich persönlich glaube, dass den Nebenwirkungen von Persönlichkeitstests viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das Zeigen angeblich konstanter, von Geburt mitbekommener Charaktereigenschaften und ihre Typisierung und Qualifizierung führt nicht nur dazu, dass der Einzelne besser Bescheid über sich weiß oder dass einstellungswillige Unternehmen etwas über seine Bewerber herauszufinden glaubt, es führt auch zu weitreichenden Pathologisierungen, weil man ja glaubt, ein feines Raster für gesunde und pathologische Eigenschaften zu haben. Für Heiler (oder neudeutsch: Coaches) natürlich ein einträgliches Geschäft.

    Ich weiß nicht, woher dieser ganze Selbstbeschäftigungswahn kommt, bei dem man sich ständig irgendwie auf Persönlichkeit hin befragen muss. Der eine mithilfe von Persönlichkeitstest, der andere sitzt sich Hämorrhoiden beim Zen, der nächste dreht sich beim Sufi usw. usw. Da sie hier indirekt immer wieder erwähnt wird: Menschen wie Rosa Parks würden sich mit Grausen abwenden, an Persönlichkeitstest kann im Grunde nur freudiges Interesse haben, wer "Persönlichkeit" braucht oder felsenfest zu sein meint, also in erster Linie Extrovertierte, Narzissten, Lautsprecher. Die Rosa Parks dieser Welt bleiben auch ohne Selbsterforschung und Persönlichkeitstests einfach ganz ruhig an dem Platz, den sie gewählt haben, und wissen, warum sie nicht aufstehen. Ohne Persönlichkeitstest.

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