19. April 2015

Ein Fußballstadion ist mehr als die Summe seiner Sitze

Wie die Frage der Bezahlbarkeit soziale Zusammenhänge verschleiert


Michael J. Sandel, US-Amerikanischer Moralphilosoph mit besonderem Interesse an den Themen Wirtschaft und Politik, hat im aktuellen Philosophie Magazin ein interessantes Argument gegen eine Ausweitung des Marktes auf alle Lebensbereiche entwickelt. In Studien und Beobachtungen fiel ihm auf, dass ein Gut - zum Beispiel die Bildung, das Mitgefühl (siehe Pflegeberufe) oder eine Gefälligkeit gegenüber Anderen - entwertet wird, sobald Geld ins Spiel kommt. Geld stört dann die "karitative", selbstlose oder intrinsische Motivation. Mit anderen Worten: Monetäre Anreize - das kennen wir auch von Boni für Arbeitsleistungen - können unter Umständen demotivieren. Jemand mag sich zum Beispiel aufopfern und für einen Freund etwas unangenehmes tun. Wird er jedoch dafür bezahlt, nimmt die Bereitschaft messbar ab. Das Geld verändert also den gesamten Kontext des Freundschaftsdienstes. Die monetären Anreize - so sagt Sandel - untergrüben unser moralisches Verhältnis zur Norm.

Sandel leitet aus seinen Beobachtungen und Erkenntnissen ab, dass bestimmte Bereiche (explizit nennt er Gesundheit, Justiz und Bildung) nicht auf den freien Markt gehörten. Die naheliegenden Gründe dafür sind, dass zum einen der gleichberechtigte Zugang der Bürger zu diesen Gütern nicht mehr garantiert wird und zum anderen, dass der Korruption Tür und Tor geöffnet würden. Sandel hält diese Bedenken für zwar sehr berechtigt, jedoch übergingen sie die eigentliche moralische Frage des Problems, ob diese Güter überhaupt auf den Markt gehörten. Sandel sagt, er wolle nicht moralisieren, sondern aus philosophischer Sicht prüfen, ob unsere Intuitionen, dass bestimmte Dinge besser nicht den Gesetzen des Marktes unterworfen werden, rational begründbar seien. Und das müsse man einzeln an jedem Beispiel prüfen.

Was ist der Zweck eines Sport-Events? (Foto gemeinfrei)

Wenn ich Sandel richtig lese, sind jene Institutionen oder Systeme gemeint, die auch ein Gut an sich sind: Bildung habe nicht die Funktion, die Zahl der gelesenen Bücher zu steigern, gute Zensuren zu bekommen oder einen Job, sondern sie diene der Entwicklung intellektueller Fähigkeiten und sei damit ein unabdingbarer Selbstzweck für ein gelungenes Leben in unserer Welt. Für Gesundheit und Justiz lässt sich das noch einfacher argumentieren, denke ich. Schwierig scheint mir die Frage nach den Implikationen, also was heißt es genau, wenn ein Gut wie Bildung nicht den Marktgesetzen unterworfen ist? Soll jegliche Bildung kostenlos in Anspruch genommen werden? Sollen Unterrichtsmaterialien nur Kosten deckend und ohne Gewinn verkauft werden, wie sollen gute und weniger gute Lehrer bezahlt werden?

Interessant ist das Beispiel eines Stadions im Vergleich von heute und vor etlichen Jahren. Damals seien Stadien Orte der sozialen Durchmischung gewesen, reich und arm vereinte die Freude am Spiel. Heute gibt es VIP-Logen und die soziale Durchmischung ist futsch. Diese Abspaltung (die sich nicht nur im Stadion beobachten lässt) verhindere letztlich die Erfahrung von Bürgerschaft als Teilhabe an der Welt. Was sind die Selbstzwecke eines Sport-Events? Es ist sicher nicht die Erfahrung von Bürgerschaft allein. Der Veranstalter wird einen Selbstzweck anders begreifen als der Sportler oder der Zuschauer. Kulturwissenschaftlich wird man sich jedoch auf bestimmte Grundzüge einigen können.

Moralische und geistige Zusammenhänge kann der Markt nicht herstellen

Zusammengefasst meint Sandel: Das Geld höhle den Wert dieser Güter ansich aus. Oder, wie ich es verstehe: Die Geldfrage verdeckt den eigentlichen Zusammenhang, der zwischen diesen Gütern und unserem Leben besteht und reduziert ihn auf das Problem der Bezahlbarkeit des Gutes. Wie beim Beispiel des Stadions oben, wird es schwierig, wenn man sich als Gesellschaft darauf verständigen soll, was das Wesen eines Gutes ist. Wir sind schlechter darin geworden, die Dinge in ihren Zusammenhängen zu unserem Leben zu begreifen. Haben wir Angst vor der Definition von Werten, weil sie die Pluralität und Freiheit des Individuums in Frage stellen?

"Es gibt heute sehr starke Vorbehalte, sich auf eine Definition, der von uns erstrebten Güter festzulegen, sogar Bedenken, einen Vortrag über das gute Leben als solches zu halten. Wir leben in liberalen Gesellschaften, die ihre Vorstellungen vom Guten 'vor die Tür gesetzt' haben. Warum? Zunächst weil wir den Dissens fürchten, den das Aufeinanderprallen von notwendigerweise konkurrierenden Vorstellungen hervorrufen könnte. Und schließlich, weil wir Angst haben, dass die Mehrheit ihre Vorstellungen vom guten Leben denen aufzwingen könnte, die sie nicht teilen. Das sind durchaus legitime Befürchtungen. Aber ich sehe keinen anderen Ausweg, als sich der Schwierigkeit zu stellen. Sonst werden wir den Angriffen des Marktes keine substanziellen Argumente entgegensetzen können. Ohne eine moralische Verteidigung der Güter, die wir erstreben, und einen Diskurs über das gute Leben können wir die genaue Rolle des Marktes nicht bestimmen - was aktuell das große Problem ist. Wenn die Philosophie sich nicht traut, einen Diskurs über das gute Leben zu führen, wer dann?" (Philosophie Magazin, Nr. 03/2015, S. 73)

Sandel beklagt, dass wir den Markt als neutralen Bewertungsmechanismus missverstehen, der uns die Mühen des Aushandelns und Übereinkommens im Verständnis der gesellschaftlichen Güter erspare. Wir meiden den Konflikt und hoffen, dass der Markt als mechanischer Schiedsrichter über Wohl und Wehe, Zugang zu Gütern und Ausschluss von ihnen entscheidet. Gesellschaftliche Debatten über das Gewünschte und Unerwünschte, über Sinn und Unsinn werden durch unser Aushandeln mithilfe des Geldes ersetzt. Damit ist erstens schon klar, dass nicht jeder die selbe Stimme hat, wie zum Beispiel noch bei politischen Wahlen. Zweitens vermögen die Marktmechanismen nicht wie Debatten zwischen Bürgern, einen Sinn in der Gesellschaft zu stiften. Moralische und geistige Kategorien werden durch numerische ersetzt. Und hier kommt das Individuum mit seinem Bedarf nach Kontext, Bindung und Sinn - den Selbstzwecken - ins Spiel. Der Markt kann diesen Bedarf nicht bedienen und hinterlässt eine eigenartig ausgehöhlte und verwirrte Gemeinschaft.



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1 Kommentar:

  1. Märkte haben eine Menge sinnvolle Funktionen, aber sie werden uns bestimmt keine moralischen Ziele vorgeben. Das müssen wir schon selbst tun.
    Wenn wir es tun, so sind Märkte bzw. die Marktwirtschaft ein sehr hilfreiches Instrument, diese Ziele zu erreichen.

    Insofern fände ich folgenden Schlussatz passender:
    "Die Menschen, die sich selbst keine moralischen/ethischen Leitlinien geben, hinterlassen eine eigenartig ausgehöhlte und verwirrte Gemeinschaft."

    Das klingt mir sonst zu sehr nach Marktwirtschafts-Bashing ;)

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