10. Januar 2016

Was sagen Philosophen zu einer Million Flüchtlinge?

Was der Zuzug von so vielen Flüchtlingen uns abverlangt

Was soll ich tun? Das ist eine Grundfrage der Philosophie, es ist eine moralische Frage: Was ist geboten, was ist in der Situation das Richtige? Diese Frage kommt daher, dass wir in Gruppen leben und unser Sozialverhalten ohne moralische Übereinkünfte (institutionalisiert in zuerst religiösen Geboten und dann staatlichen Gesetzen) nicht denkbar ist. Das moralische Problem wird größer, in einer "globalisierten Welt", wo nicht Stämme, Klans, ja nicht einmal mehr Nationalitäten eine Gruppe von Menschen nach außen gegen andere Gruppen abzugrenzen vermag. In den sozialen Netzwerken las ich, wir müssten endlich aufhören, die Flüchtlingskrise unter moralischen Gesichtspunkten betrachten. Ich glaube, das können wir gar nicht. Weil wir Menschen sind (siehe oben), müssen wir solche Entwicklungen gerade unter moralischen Gesichtspunkten betrachten. Vielleicht ist aber gemeint, dass wir die Entwicklungen nicht nur unter moralischen Gesichtspunkten betrachten können. Und das ist absolut korrekt.

Moralische Appelle wirken nur kurzfristig und unter ganz bestimmten Bedingungen. Was wir für eine positive Vision der derzeitigen Entwicklungen benötigen, sind konkrete Pläne und Umsetzungsstrategien, die ein dauerhaft funktionierendes Zusammenleben möglich erscheinen lassen. Was ist in der Situation das richtige Handeln? ist nicht ausschließlich eine moralische Frage, sondern auch eine des Gestaltens.

Das Philosophie Magazin (Nr. 2 / 2016) hat Philosophen und Sozialwissenschaftler nach dem richtigen Handeln in der derzeitigen Situation gefragt. Herausgekommen sind moralische Grundlagen für planerisches Gestalten, ohne dass man nun hier gleich eine Bedienungsanleitung für Politiker ablesen könnte.

Wir sind nicht für alles verantwortlich aber...

Der Soziologe Hartmut Rosa entlastet uns erst einmal von der Zumutung, uns für alles verantwortlich zu fühlen. Verantwortung für etwas setzt voraus, dass wir einen konkreten und individuell steuerbaren Einfluss auf dieses etwas haben können und das ist bei den meisten globalen Problemen nicht der Fall. Dass wir uns selbst für alles verantwortlich machen, ist laut Rosa nicht nur unsinnig, sondern eine gefährliche Überforderung, die uns an der Welt verzweifeln lässt und mithin ein Grund dafür, warum wir keine positive Vision aus gegenwärtigen Herausforderungen ableiten können. Rosa fordert uns vielmehr dazu auf, anstatt uns anderen gegenüber verpflichtet, sollten wir uns mit ihnen verbunden fühlen:

Verbundenheit ist etwas anderes als Verantwortung; in ihr liegt nicht in erster Linie und nicht nur eine (abstrakte) Verpflichtung, sondern vor allem ein (unmittelbarer) Motivationsgrund, globale Zusammenhänge in unserem Handeln mit zu bedenken. (S. 46)*

Diese Aufforderung ist sicher nicht so einfach umsetzbar. Man kann nicht zu einem Individuum sagen: "Fühl dich verbunden!" Ich verstehe es vielmehr als eine Aufforderung an uns alle, an Politiker, Journalisten, Blogger, Arbeitgeber, Künstler - gestaltende Menschen im Allgemeinen - diesen Grundsatz, die Verbundenheit immer mit zu bedenken, in unsere Arbeit einfließen zu lassen, die Entwicklungen beispielsweise nicht zu skandalisieren, aber auch nicht schön zu reden, sondern aufzuklären, nüchtern und doch emotional menschlich zu erzählen, sodass Verbundenheit und Empathie mit Menschen in Not entwickelt und erlebt werden kann.

Warum Verbundenheit so schwierig ist

Auch mein ehemaliger Lehrer, der Philosoph Volker Gerhardt, warnt davor, die individuellen Grenzen eines jeden Bürgers, seien es physische, psychische oder ökonomische, zu ignorieren. Die Hilfsbereitschaft und das Verständnis der Bevölkerung werden gefährdet, wenn sie über ihr Können hinaus verpflichtet wird. Solch eine Überforderung ende darin, dass niemandem geholfen werde und alle Schaden nehmen. Gerhardt sagt ganz deutlich:

Ein solcher Schaden droht, wenn der Flüchtlingsstrom weder begrenzt noch rechtsstaatlich kontrolliert wird. Und er droht auch dann, wenn den Ankommenden keine Lebens- und Zukunftschancen eröffnet werden. Die aber muss ihnen jeder zugestehen, der an ihrem Schicksal Anteil nimmt. (S. 47)

Und da sind wir wieder bei der Anteilsnahme durch Verbundenheit. Warum aber ist diese Anteilnahme nicht verständlich, warum scheint Deutschland in Unterstützer und Ablehner gespalten zu sein? Zum einen, so kann man aus den Texten von Hilge Landweer, Lamya Kaddor und Aleida Assman herauslesen, weil einige von uns vor allem die "Andersheit" der Flüchtlinge zu sehen scheinen, während andere eher die "Gleichheit" im Menschsein anerkennen. Zum Anderen, so der Soziologe Heinz Bude, gäbe es in der deutschen Mittelklasse eine Gruppe von Verbitterten, die sich selbst für fähig, gebildet und kompetent halten und gleichzeitig meinen, dass sie in der Gesellschaft "aufgrund von Bedingungen, die sie selbst nicht kontrollieren konnten" (S. 57) zu kurz gekommen sind. Der Philosoph Robert Pfaller konkretisiert das:

Die Flüchtlinge haben etwas, das großen Teilen der ortsansässigen Bevölkerung abhandengekommen ist: die Hoffnung, dass es ihnen in Zukunft besser gehen wird und dass ihre Kinder es einmal besser haben werden als sie selbst. Hoffnungsvolle mischen sich unter die Hoffnungslosen; und die Letzteren haben dann das Gefühl, ihr Verlust an Hoffnung wäre die Schuld der anderen. (s. 65)

Die Hauptlast der kommenden Herausforderungen werde von den am wenigsten wohlhabenden Bevölkerungsteilen zu schultern sein, so ist Pfaller überzeugt. Und gerade hier ist die Politik gefragt, den Kopf aus dem Sand zu nehmen und unsere Sozialsysteme durch zukunftsfähige Konzepte wie ein bedingungsloses Grundeinkommen zu solidarisieren und zu entbürokratisieren und damit alle Bürger in die Lage zu versetzen, den kommenden Herausforderungen gelassen und schöpferisch zu begegnen.

Menschsein verpflichtet alle

Der französische Philosoph Marc Crépon weist darauf hin, dass "sich menschliche Beziehungen prinzipiell  auf die Pflicht zu Fürsorge, Hilfe und Rücksicht überall und für alle begründen, welche aus der Verletzlichkeit und Sterblichkeit anderer Menschen resultiert" (S. 49). Zu Angela Merkels Öffnen der Grenzen gab es also aus moralischer Perspektive keine Alternative, denn wir alle sind Menschen und erstes Gebot ist es, denen, die vor Gefahr und Unbill fliehen, eine Zuflucht zu bieten. Und dann im zweiten Schritt stellt sich die Frage: "Wie nun genau?" Dabei ist die Frage, was "Gefahr und Unbill" heute ist, gar nicht so einfach zu beantworten. Armen Avanessian meint dazu:

Die zutiefst ideologische Unterscheidung von (legitimen) Kriegsflüchtlingen und (illegitimen) Wirtschaftsflüchtlingen kann aus der Perspektive der ökonomischen Besitzverhältnisse nicht aufrecht erhalten werden. Kriegsflüchtlinge sind Opfer eine bellizistischen (also kriegerischen, GD) Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsflüchtlinge Opfer einer Durchsetzung geopolitischer Interessen mit anderen, "nur" ökonomischen Mitteln. (S. 49)

Unter dem Strich wird klar, das wir es mit einer (keineswegs einmaligen) historischen Ausnahmesituation zu tun haben, die uns verständlicher Weise erschreckt (auch wenn das bedeutet, dass wir die schon lang absehbare Völkerwanderung und ihre Gründe bisher gut verdrängt haben) und uns auf der anderen Seite als Menschen moralisch fordert. Es gibt keine Alternative zum menschlichen und hilfsbereiten Umgang in dieser Situation. Ob wir dagegen sind oder nicht, wir haben keine Wahl, als mit der Herausforderung umzugehen und diese in ihre auch durchaus absehbaren Chancen und letztlich Gewinne zu verwandeln. Und ich bin mir sicher, dass es uns wie schon nach dem zweiten Weltkrieg oder nach dem Mauerfall gelingen wird. Machen wir alles richtig, die Politik, die Wirtschaft, die Presse, die Flüchtlinge? Nein. Aber das wäre auch das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass in umwälzenden Zeiten alles richtig gemacht wird. Nur eines bleibt gewiss: Wenn wir heute moralisch unmenschlich entscheiden, dann haben wir gleich verloren. Weil wir auch damit die Völkerwanderungen nicht aufhalten werden, dafür aber Fronten innerhalb unserer Gesellschaften aufbauen und sie somit grundlegend und dauerhaft gefährden.


*Alle Zitate aus Philosophie Magazin (Nr. 2 / 2016) 

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Kommentare:

  1. Nanu?
    Zehn Tage und noch immer kein Kommentar? Hier, bei diesem Thema, hätte ich erwartet, dass man Dir die Bude einrennt (mit Kommentaren). Vielleicht ist der Punkt gekommen, wo wir alle übersättigt sind von dem Thema "Flüchtlinge".

    Egal.
    In der Tat "... scheint Deutschland in Unterstützer und Ablehner gespalten zu sein". Und darin sehe ich eine große Gefahr oder auch Bewährungsprobe für unsere Demokratie, die es irgendwie schaffen muss, beide Seiten zufriedenzustellen. Setzen sich die Ablehner allein durch in den kommenden Monaten und Jahren, dann "... haben wir gleich verloren - jedenfalls moralisch". Das sehe ich wie Du. Wenn sich aber die Unterstützer durchsetzen, so gibt das rechts-nationalen Gruppierungen gewaltigen Aufschwung, fürchte ich, die Stimmung in Deutschland könnte unschön kippen.
    Wofür also soll ich mich einsetzen? Für Einwanderung, die uns allen wirkliche Opfer abverlangt (wann kommt der Flüchtlings-Soli?)? Danach steht mir in der Tat der Sinn. Aber wenn ich dadurch den demokratischen Frieden gefährde?

    Ich bin relativ ratlos.

    Mit deinem Zitat von Robert Pfaller allerdings machst Du ihn zu meinem Freund. Besser kann man das kaum ausdrücken, was er da ausdrückt. Wenn ich über etwas betrübt bin und schon nicht mehr so klar denken kann, aber andere um mich herum sind besonders fröhlich, dann denke ich auch oft: Die sind alle schuld an meinem Trübsinn, die mit ihrer grauenvollen Unbeschwertheit ;-)

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    1. Danke für deinen Kommentar! Der entsprechende Facebook-Post wurde rege diskutiert. Und da liegt auch der Hund begraben: Viele Facebook-Nutzer werden nicht zu Lesern der eigentlich verlinkten Artikel, sondern kommentieren nur aus dem Bauch heraus, was sie gerade meinen, verstanden zu haben.

      Zum Thema würde ich sagen, dass wir nicht verzweifeln müssen. Lass uns das "moralisch" richtige tun und mit den "besorgten nationalen Bürgern" finden wir schon einen Umgang. Sie haben ja nicht unrecht in ihrem Gefühl, sondern ziehen nur die falschen Schlüsse. Mit den "Ossis" (bin selber einer) hat es auch geklappt und davor mit den Italienern und den Heimatvertriebenen usw. auch. Das waren noch größere Probleme als heute und die Realität zusammen mit der Zeit relativiert das alles.

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    2. Naja, soo rege ist die Diskussion bei Facebook auch wieder nicht :-)
      Aber die Kommentare dort erinnern mich ein wenig an den Kampf der Grünen mit sich selbst im vergangenen Jahrtausend: Fundis gegen Realos.
      Oder auch an eine Freundin, die politisch weit links steht, aber nie "Die Linken" wählt, obwohl diese Partei fast alle ihre Standpunkte vertritt. Der Grund: Die Linken seien chancenlos, sagt sie, da wählt sie lieber die SPD, damit es wenigstens nicht die CDU wird. Ich glaube, so denken viele, und solange das so ist, bleiben Die Linken relativ chancenlos :-(

      Ich finde es richtig und extrem wichtig, zunächst zu überlegen, was man (moralisch) will. Wie möchte man als alter Mensch auf seine Entscheidungen zurückschauen können? Mit Stolz oder Scham?
      Doch Politiker müssen oft so grauehafte Kompromisse schließen. Ich als tendentieller Fundi würde das kaum aushalten :-(

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