1. Februar 2016

10 Thesen für eine aktuelle Philosophie

Das Philosophische Manifest des Magazins HOHE LUFT

"Verändern wir die Welt!" Das ist der Schlachtruf des philosophischen Magazins HOHE LUFT. Dazu hat das Magazin im letzten Jahr ein Manifest herausgegeben, dessen Lektüre mich heute sehr begeistert hat. Warum? Weil es mir zeigt, dass es einen neuen Zeitgeist gibt, der nach Philosophie fragt, die anwendbar auf unser modernes Leben ist. Aus diesem Bedürfnis heraus ist schließlich auch Geist und Gegenwart gegründet worden. Wir benötigen einen geistigen, sinnvollen, ja auch spirituellen Zusammenhang in unserem Leben und die dafür zuständigen Institutionen (z.B. Kirche), scheinen sich für viele überlebt zu haben, während New-Age-Spiritualität und Esoterik vielen einfach zu dumm und manipulativ sind. Mit diesem Manifest wird handgreiflich gemacht, wie Philosophie heute sein muss, um in diese Sinnlücke unserer Leben vorzustoßen.

Ich empfehle die volle Lektüre des Manifests "Verändern wir die Welt!" (PDF-Link), habe aber hier unten für ganz eilige das Manifest nach eigenem Verständnis zusammengefasst.

  1. Philosophie soll sich als Tätigkeit begreifen: Philosophie kann nicht nur akademisches Lesen des Kanons sein, sondern muss in aktivem Denken, Reden, Suchen und Fragen bestehen. 
  2. Familie statt Leib-Seele-Problem: Das Bedürfnis nach grundsätzlicher Orientierung wachse. Statt sich an den alten Problemen wie z.B. dem Dualismus von Materie und Geist aufzuhängen, soll Philosophie sich wieder relevant für die heutigen Menschen machen und eher Fragen stellen wie Was ist heute noch eine Familie, wenn sich die traditionellen Strukturen auflösen? Oder: Wer sagt mir, worauf es für ein gutes Leben ankommt, wenn nicht die Kirche oder die Werbung? Philosophen sollten diese Fragen endlich öffentlich angehen und zwar allgemeinverständlich. 
  3. Schluss mit dem Bullshit: Philosophie soll der Vernunft verpflichtet bleiben und sich klar gegen Esoterik, Literatur und Religion abgrenzen. "Philosophen dürfen nicht offenbaren und verführen, sie müssen argumentieren und überzeugen."
  4. Offenheit statt Elitarismus: "Gute Philosophie ist klar und verständlich." Nur so findet sie einen Weg, wieder wahrgenommen zu werden und aufzuklären. 
  5. Philosophie soll kritisieren – aber richtig: "Die Kritik gehört zur Philosophie als Tätigkeit, zugleich gehört sie zu jedem demokratischen Diskurs." Ohne Totalitätsanspruch und aus dem heute heraus soll Philosophie Behauptungen, Handlungen, Einstellungen, Institutionen, gesellschaftliche Zustände und vieles mehr kritisieren. Am besten mit einer besseren Alternative im Hinterkopf. 
  6. Philosophie soll sich der Macht der Bilder stellen: Die heutigen Medien überfordern uns visuell. "Philosophie soll sich fragen, was sie der Allgegenwart der Bilder entgegenzusetzen hat. Ob sie sie bekämpfen oder sich mit ihr versöhnen will."
  7. Vorbilder statt Zeigefinger: "Philosophen früherer Zeiten haben ihre Lehren nicht nur verkündet, sondern auch vorgelebt: Sokrates, Diogenes, Spinoza. Heutige Philosophen neigen, mit Verlaub, zum Sesselpupsen." Philosophie muss in die Praxis übersetzt werden und zwar zuerst von denen, die reden. Sie müssen auch tun, wovon sie sprechen. 
  8. Philosophie soll Philosophinnen ernst nehmen: "Was die Philosophie braucht, ist nicht noch eine weitere Judith-Butler-Dissertation, sondern mehr Nonkonformismus; die selbstverständliche Wertschätzung thematischer, methodischer, stilistischer und institutioneller Diversität." Auch in der Philosophie sollten wir idealer Weise gender-blind werden, auch wenn das in der Zwischenzeit heißt, genauer hinzusehen. 
  9. Digitalisiert euch: "Philosophen sollten die digitalen Umwälzungen nüchtern und vorurteilsfrei analysieren." Das können sie aber nicht, wenn sie selbst die Technik nicht verstehen, ja nicht einmal nutzen. 
  10. Philosophie soll die Welt verändern: "Eine Philosophie, die den Philosophierenden nicht verändert, ist sinnlos. Ein Philosoph, der die Welt nicht verändert, ist keiner." Der Output des philosophischen Denkens in Form von Orientierung, Kritik und neuen Ideen ist lediglich dann relevant, wenn er sich in unseren Gesprächen, Handlungen und Produkten manifestiert. Alles andere war vergebens. 


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Kommentare:

  1. Punkt 4 mit "Gute Philosophie ist klar und verständlich" scheint mir fast ein Widerspruch zu sein. Philosophie ist doch ein Forschen, das die kleinsten Schwingungen und substilsten geistig-seelischen Zusammemhänge erkunden und sie auch ausdrücken möchte. Dann wird sie per se "elitär".

    Zu Punkt 10: "Eine Philosophie, die den Philosophierenden nicht verändert, ist sinnlos." Was ist mit Veränderung gemeint? Jede geistige Tätigkeit verändert wohl auf lange Sicht den Menschen, wenn aber davon die Rede ist, daß der Mensch etwa seine "Schattenseiten" kennenlernen möchte, dann kann er das nicht alleine.

    Ansonsten ist mehrfach die Rede von dem "Muß" der Praxisbezogenheit der Philosophie: "Ein Philosoph, der die Welt nicht verändert, ist keiner"
    "Philosophie muss in die Praxis übersetzt werden".
    Das scheint ja fast ein übermächtiger Punkt zu sein. Die Frage wäre:" woran hat es gefehlt bisher?"

    Gerhard

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    1. Gute Frage, das mit dem Elitär. Darf man noch "Kognition" sagen und "Evidenz" oder ist das schon zu elitär? Eigentlich ist es ja umgekehrt: Fremdsprachige Fachausdrücke sind inklusiv, deutscher Jargon ist exklusiv, wen auch nicht elitär.

      Das ewige Leid mit der Veränderung: Ich denke, hier meint es ganz einfach die Irrelevanz von "Elfenbeingesprächen" ist zu vermeiden, wenn es für das Leben vieler Menschen relevant sein soll.

      Ich denke schon, dass es seit langem an Praxisrelevanz gefehlt hat. WO sind denn die Philosophen, die Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik wirklich beeinflussen?

      Viele Grüße!

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    2. Ich bin da im Grunde ungebildet, aber gab es nicht mal einen "Max Frisch" oder "Erich Fromm", die zwar keine Philosophen waren, aber sich dennoch in politische Fragen einbringen konnten. Irgendwie scheint eine solche Phase vorüber.
      Grüsse Gerhard

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  2. Schon wieder Philosophie in Weltveränderungspose, als Flussbegradingsprogramm oder Ideenbetonierungsraupe. Was für eine Schnapsidee, schon wieder Ideen in die Zwangsjacke irgendeiner Praxis von idealistischen Hohlköpfen zu stecken. Als wären die ganzen moralistischen Infantilisten (Safranski) nicht schon mehr, als ideentheoretisch verträglich ist.

    Was den Bullshit angeht, so ist Punkt 3 genau der Bullshit, vor dem er warnen möchte. Dass auf Esoterik und Religion zu pfeifen ist, hat sich herumgesprochen unter Philosophen, dass man Philosophie besser in Literatur überführt, darin wäre Rorty und einigen Ideengeschichtlern durchaus zuzustimmen - auch dann bleibt das Wittgensteinsche Diktum von der Philosophie als Tätigkeit problemlos aufrechtzuerhalten.

    Und die Punkte 1-10 sind im Grunde doch die Punkte, gegen die man mit Punkt 7 angehen will. Warum sollte ein Philosoph die Welt verändern wollen müssen? Es reicht, wenn er verständlich schreibt und die Leute ihn lesen - und als erzieherische Texte sind Romane sowieso besser geeignet.

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    1. Ganz starke Meinung, aber bloß nicht aus der Deckung wagen!

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    2. Inwiefern nicht aus der Deckung wagen? Weil es unter »Anonym« ist?

      Einst hat Philosophie Religion ersetzt, jetzt wäre es an der Zeit, Philosophie in die Literatur(wissenschaft) zu überführen. Das wäre die logische Konsequenz, wenn Philosophie anti-essentialistisch betrieben wird. Bei Rorty lief das am Ende seines Lebens unterm Stichwort »Philosophie als Kulturpolitik«. Bei Safranski oder Vorläufern wie Isaiah Berlin verwischen sich die Grenzen unterm Stichwort der Ideengeschichte ebenfalls.

      Also, was ist falsch daran?

      Braucht es tatsächlich wieder einen Hegelschen oder Marxschen Verwirklichungswahn? Muss die Menschheit wieder nach Ideen modelliert werden? nach dem Motto: Right or wrong, Platon forever?

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    3. Ja, ich finde es immer schade, dass die Leser, die eine ganz besonders starke Meinung (in kräftigen Worten) haben, diese nur vertreten, solange sie nicht selbst dafür mit Namen einstehen müssen. Gleichzeitig scheinen solche Starke-Meinungs-Leser, die ganz groß im Kritisieren anderer sind, selbst nie etwas zu produzieren, das andere kritisieren könnten. Also: Sie bleiben immer schön in Deckung.

      Ich biete die Möglichkeit des anonymen Kommentierens bewusst an, weil mir das im Netz wichtig ist. Gleichzeitig hoffe ich immer, dass darunter Ton und Stil nicht leiden.

      Auch die meisten der anonymen Kommentatoren sind um eine Sprache bemüht, die nicht einschüchternd von "Schnapsidee, Hohlköpfen und Infantilisten" sprechen. Wenn aber jemand einschüchternde Sprache nutzt, dann immer anonym. Das ist der Grund, warum die meisten Blogger inzwischen keine anonymen Kommentare mehr zulassen und das ist schade.

      Ich bin kein Sensibelchen, schon gar nicht im direkten Schlagabtausch, aber der Austausch im "Social Media Space" schlägt sehr schnell um, wenn anonym mit kräftigen Worten kommentiert wird. Das ist anders, als im direkten Austausch in der Kneipe oder im Hörsaal. Jedes Medium hat seine eigenen Kommunikationsdynamiken und es wäre echt dufte, wenn schlaue Leute wie Sie das begreifen und danach handeln könnten.

      Darüber hinaus ist nichts "falsch" was Sie hier anregen.

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    4. Hallo Gilbert,
      ich lese Deinen Blog gerne, kann Deinen Beiträgen aber nie gänzlich zustimmen, denn die in ihnen enthaltene Kritik ist meinem Dafürhalten nach viel zu konstruktiv, d.h. sie geht (noch) zu wenig gegen die Fundamente der Übel, mit welchen eine menschliche (also hier und heute: bürgerliche) Existenz sich täglich so herumschlagen muss.

      Zum Beitrag: Was schon misstrauisch macht, noch bevor man die Inhalte der 10 Punkte des Manifests reflektiert, ist dass jeder einzelne als ein ‚Du sollst!‘ daherkommt. Es handelt sich um 10 Aufforderungen zum Denken und Handeln, was bei emanzipatorisch aufgeklärten Menschen allein schon das Schrillen aller Alarmglocken auslöst. Nicht behandelt wird leider (wie so oft), was Philosophie ist und worin ihre Leistung für die bürgerliche Gesellschaft besteht, sondern wie Philosophen (immerhin bleibt einem belassen, ob man selbst einer sein will) sich benehmen sollten.

      Nur mal Punkt 1: Es mag falsches Denken zuhauf geben, aber was zum Geier soll ich mir denn unter passivem Denken vorstellen, dem hier ein „aktives Denken“ als Empfehlung entgegengesetzt wird? Kann man sich das vornehmen? „Mist, ich bin zu keinem gescheiten Ergebnis gekommen gestern. Habe wohl zu passiv gedacht, heute probiere ich es mal mit aktiv Denken.“ Selbst wenn der Unterschied existieren könnte: Wird Gedachtes denn automatisch richtiger, wenn es aktiv gedacht wird? Würde das Reden, für das als weiteres plädiert wird (als würde kaum irgendwo geredet werden), nicht womöglich vielerorts noch unerträglicher als ohnehin schon, wenn der zuvor gedachte Unsinn auch noch "aktiv" gedacht wird? Gegen Suchen und Fragen habe ich sicher nichts einzuwenden, aber wenn man beobachtet, wie zufrieden viele sich geben mit gefährlichem Mist, der in vielen, nicht nur 'dunklen', Ecken zu finden ist und niederträchtigen Antworten, die man ebenfalls zuhauf erhalten kann, wünscht man sich schon mal, mancher würde das Suchen und Fragen lieber sein lassen.

      Sinnvoll richten kann sich Punkt 1 doch nur an sehr vernünftige Menschen, die das ‚richtige‘ Denken, Reden, Suchen und Fragen bereits beherrschen. Worin aber besteht der Sinn, gerade an jene, die dessen nicht bedürfen, eine Empfehlung zum Denken, Reden, Suchen und Fragen zu richten? Tja, schöner Widerspruch! Den weiteren dialektischen Fortgang will ich gerne Dir überlassen.

      Herzliche Grüße
      Nik

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    5. Hallo Nik,

      vielen Dank für deinen Kommentar! So macht Bloggen Spaß!

      Diesen letzten und immer gültigen Widerspruch kann man nicht ganz auflösen. Ich versuche das hier und da, indem ich Themen zusammenbringe (z.B. eigentlich eher "Ratgeberliteratur" und Philosophie) und dadurch Leute an die Philosophie heranzuführen, die sonst vielleicht eher den typischen Rattenfängern auf den Leim gehen würden. Aber wenn man deinen Einwand ins Extrem weiterdenkt, dann muss man sich fragen, warum man überhaupt noch etwas "vernünftiges" sagt oder schreibt, wenn es doch sowieso nur die "Vernünftigen" verstehen. Das führt in die Resignation und da will ich nicht sein.

      Zu deinem generellen Misstrauen gegenüber dem Manifest der HOHEN LUFT, will ich erst mal sagen, dass nicht ein Mal "du sollst" gesagt wird. Das liegt daran, dass sich das Manifest ja nicht an einzelne Leser wendet, sondern wie jedes Manifest an eine Gruppe von Leuten, die etwas gemeinsames hervorbringen wollen und sich dazu über Grundsätze verständigen. Also, wenn ich mich als Philosoph begreife, dann würde ich das als Folie lesen, vor deren Hintergrund ich selbst produziere. Dann kann ich dem immer noch zustimmen oder aber finden, dass ich mich diesem Manifest nicht anschließen will, sondern anderen/eigenen Grundsätzen folgen möchte.

      Zum "aktiven Denken"... Du unterschlägst hier zugunsten deiner Argumentation den Kontext des Gesagten und stellst dann mit einer Gegenüberstellung des vermeintlichen Gegenteils "passiv" einen Konflikt her. Das ist aus mehreren Gründen philosophisch nicht gründlich:

      1. Der Kontext ist die Gegenüberstellung von bloßem "Lesen des Kanons" und "aktivem Denken, Reden, Suchen und Fragen". Der Kontext ist nicht "passives" vs. "aktives Denken", was wirklich begrifflich schwierig wäre. Von passivem Denken ist nirgends die Rede, das bringst du erst ins Spiel.

      2.Das Adjektiv "aktiv" ist hier einer Reihe von Wörtern vorangestellt, die damit charakterisiert werden sollen. Denken, reden, suchen, fragen... all das sind Tätigkeiten, die über bloße das Lesen von Philosophie hinausgehen. Lesen nun ist ja als Tätigkeit auch aktiv und nicht passiv. Durch das Adjektiv "aktiv" wird eben genau dieser Unterschied zwischen einem bloßen Lesen (was allein noch kein aktives Philosophieren ist) und den anderen Tätigkeiten, die zum Lesen dazu kommen müssen, hergestellt. Kurz gesagt, es ist eine Emphase und keine Gegenüberstellung.

      3. Wenn man nun Haare spalten möchte und wirklich jemanden dabei ertappt, wie er sagt "ich denke aktiv", dann würde man ihm höchstens vorwerfen können, dass er tautologisch redet, aber nicht, dass er impliziert, es gäbe auch "passives Denken". Es ist wie "selber denken"... natürlich "selber", wer denn sonst? Oder wenn jemand sagt "ich selbst finde das wichtig..." Da ist auch das "selbst" überflüssig, aber niemand würde meinen, dass der Sprecher meint auch ein "ich" zu haben, dass nicht ihn selbst beschreibt. (Obwohl das philosophisch interessant wäre.)

      Ich hoffe, du bleibst ein kritischer Leser, der gern meine (noch) zu konstruktive Kritik verschärft. Das würde mich freuen.

      Beste Grüße!

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    6. Hi Gilbert,
      ich verstehe, dass meine Einwände als Haarspalterei erscheinen können. Darum will ich versuchen das Ding mal grundsätzlicher zu fassen. Ich finde da eine Menge "Sollen" und "müssen" vor, denn es werden ja allerhand Ansprüche an brauchbare Philosophie (ja, brauchbar für was eigentlich?) formuliert. Sie muss von heute sein, muss sich neu erfinden, soll sich als Tätigkeit begreifen etc.
      Nicht bloß lesen (warum sollte man nur das tun, wegen des armseligen Distinktionsgewinns?) sondern selber philosophieren sei angesagt, um mit den gewonnenen Erkenntnissen den Marktplatz aufzumischen. Da steckt die Annahme drin, dass durch quantitative Steigerung des Gegackers auch eine neue, höhere Qualität einhergeht. Das Ganze kommt mir auch ein bisschen vor wie Wettkampf-Läufer anfeuern. Als würden die nicht aus sich heraus schon gewinnen wollen. Vielleicht liegt aber auch vor, dass die Wettkämpfer hier die Zuschauer anfeuern, auch endlich mal mitzulaufen. So richtig kapier ich tatsächlich nicht, was das ganze soll, weil am Ende nicht viel mehr übrig bleibt als ein schön formulierter Aufruf wie bei Kirchentagen: Man solle sich doch jeden Tag bemühen, die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen. Jeder ein kleiner Funktionär des Guten.
      Wie gesagt, interessanter und zu klären wäre doch eher die Frage: Was gibt es da eigentlich zu gewinnen, wenn die Philosophen "aktiver" würden? Wenn das Ergebnis bloß wieder Affirmation für das Bestehende (Kapitalismus und Bürgerliche Gesellschaft) sein soll und bloß die Vermittlung auf den neusten Stand der Technik gebracht wird, bleibt die Philosophie sich zwar treu, aber für die Elenden und Geschundenen bleibt alles beim alten. Es gibt nur eine sinnvolle Forderung an die Philosophen: Verlasst endlich die für Euch so gemütlich eingerichteten Logen des Betriebs und stellt Euch an die Seite der vielen Verlierer der Bestehenden Ordnung. Irgendwie fehlt da aber wohl die intrinsische Motivation bzw. ist die extrinsische zu verlockend. Ich behaupte: Eine bessere Welt ist längst keine Frage mehr von Erkenntnis, sondern eine pure Machtfrage. Die allerdings ist nach wie vor sehr einseitig beantwortet.

      Herzliche Grüße
      Nik

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    7. Schau an, nun kommst du mit den großen Imperativen um die Ecke: "Es gibt nur eine sinnvolle Forderung an die Philosophen: Verlasst endlich die für Euch so gemütlich eingerichteten Logen des Betriebs und stellt Euch an die Seite der vielen Verlierer der Bestehenden Ordnung."

      Und das, wo du dich gerade noch gegen ein "du sollst" gewehrt hast.

      Nebenbei, ich weiß nicht, wie du zu der Annahme kommst, dass "das Ergebnis bloß wieder Affirmation für das Bestehende (Kapitalismus und Bürgerliche Gesellschaft) sein soll". Ist das der Vorwurf, den du der Philosophie im Allgemeinen machst (inklusive Marx, Adorno und Russell)?

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    8. Hallo Gilbert,
      das Drama ist ja gerade, dass Marx und Adorno wenn überhaupt gerade mal noch als Philosophen Anerkennung finden. Ihre Kritik der politischen Ökonomie bzw. der bürgerlichen Gesellschaft findet in anderen Disziplinen doch längst keine Beachtung mehr (von Relevanz für politisches Handeln ganz zu schweigen).
      Anders ausgedrückt: Ich schätze sie gerade nicht als Philosophen sondern als Aufklärer.
      Zum anderen: Ich stelle keine Forderungen an Philosophen. Philosophen betätigen sich als Sinnsucher und Sinngeber, und da kann eigentlich nur Affirmation herauskommen. Will das oben geschriebene also präzisieren: Ich wünsche mir, die Leute würden das philosophieren lassen und sich um Aufklärung bemühen.
      So ungefähr.

      Herzliche Grüße
      Nik

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    9. Hi Nik,

      Interessant! Ich denke, es gibt auch so etwas wie einen subversiven Sinn, den man etablieren kann (ich glaube nicht an Sinnsuche, weil es impliziert, dass es da einen Sinn gibt, den man finden könnte). Aber wenn ich als philosophierender Mensch entdecke, dass ich mich zu sehr den vermeintlichen Zwängen, Normen und Werten einer Gesellschaft unterwerfe, anstatt meine eigenen Wege zu entwerfen, dann geht das in eine Richtung der Emanzipation. Da sehe ich den Sinn für mich in der Philosophie. Und das finden wir auch bei ganz "typischen Philosophen" wie Nietzsche oder auch heutigen akademischen Philosophen wie Volker Gerhardt u.s.

      Beste Grüße!

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  3. Ok, den Kritikpunkt der starken Sprache kann ich, auch wenn die sich nicht gegen jemanden, der hier schrieb, richtete, durchaus nachvollziehen. Mir erschien die schlagwortartige Zusammenfassung der Thesen, die im PDF ausführlicher, verständlicher, aber auch etwas selbstwidersprüchlicher sind, wohl für einen Augenblick zu sehr im Lichte des bekannten "verändern statt interpretieren" und im Lichte dessen, dass das 20 JH. wahrhaftig genug ideengestützte Menschenversuche mithilfe angeblicher abschließender Vokabulare unternommen hat.

    Die Frage der Sesselpupser hätten die Autoren schon ein wenig elaborieren dürfen: Gilt das eher für die Butlers oder eher für die Searles dieser Welt, eher für Beckermann oder eher für Taylor? Gibt es überhaupt "die" Philosophie? Was ist mit Leuten wie Patrick Spät, Peter Bieri, Manfred Hampe, die sich jeder auf seine Art mit der Lebenswirklichkeit auseiandersetzen? Geht's um fehlende Ideen, mangelnde Verständlichkeit, oder nur um Praxisferne?

    Na, wie auch immer. Ich schreibe übrigens eher selten so ganz und gar anonym, aber hin und wieder ist es angenehm, sich selbst als Person einfach rauszunehmen, um sich ein wenig von sich selbst zu entlasten. Den Hinweis auf die starke Sprache, wie gesagt, merke ich mir.

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    1. Wobei der Philosoph Hampe natürlich Michael heißt, nicht Manfred. Er wird's mir hoffentlich nachsehen, dass ich an einen ehemaligen Bekannten mit dem "falschen" Vornamen dachte.

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    2. Danke für Ihre Reaktion!

      Ich finde mich nun etwas in der Rolle, hier für die Autoren der Hohen Luft zu schreiben, was ich so gar noch möchte. Ich finde einiges auch sehr redundant. Aber zu den Sesselpupsern: Sicher meinten die Autoren nicht, dass es nur solche Pupser gibt, vielleicht war die Intention eher, die Autoren/Philosophen, die sich mit unseren Lebenswirklichkeiten auseinandersetzen, darin zu bestärken, weiter zu machen.

      Ich teile sehr den Anspruch der Relevanz und Veränderung durch Philosophen und würde das nicht reduzieren auf eine Manifestation solcher Veränderungsenergie in totalitären Systemen. Man muss das immer mitdenken, wenn man als Philosoph meint, verändern zu wollen. Eine Diktatur der Philosophen steht zum Glück im Moment nicht zu befürchten.

      Relevanz und Praktik kann ja auch kleiner ansetzen. Ein Philosoph, der das verstanden hat, ist Alain de Botton. Mit seinem YouTube-Kanal, dem digitalen und sich ständig erweiternden “Book of Life” und Ted Talks zur Philosophie erreicht er über das Netz Millionen Menschen weltweit und arbeitet mittlerweile an Franchise-Konzepten seiner School of Life in der ganzen Welt. Und wenn man sich die Themen ansieht - Wie finde ich die richtige Arbeit?, Wie funktioniert Liebe? oder Wie geht Gemeinschaft ohne Religion? - dann versteht man, wie sehr relevant Philosophie für den Alltag sein kann, ohne dass sie dazu trivial sein muss.

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  4. Ja, ich habe mir ein Video angeschaut. Werde das weiter verfolgen, um mir ein besseres Bild zu machen. Danke!

    Gerhard

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