2. August 2016

Mein Säuglingssohn hat mich zum Singen gebracht

Der Abendstern und andere Lieblingslieder

Mein Sohn ist jetzt noch keine fünf Wochen alt und hat bereits uralte und längst vergessen geglaubte Teile meines Geisteslebens wiederbelebt, zum Beispiel das Singen. Als Kind hatte ich Musikunterricht und ich hatte nicht viel dafür übrig. Besonders all die Arbeiter- und Kampflieder, die ich im sozialistischen Unterricht lernen musste, konnten mir gestohlen bleiben. Ich glaube, der Unterricht hat mir das Musizieren eher verleidet, als irgend etwas sonst. Kurz nach M.s Geburt jedoch fand ich heraus, dass das Singen nicht nur eine sehr wirksame Art und Weise ist, ihn zum Einschlafen zu bringen, ich habe auch gelernt, dass das Singen mir selbst unheimlich viel Spaß macht.


 In dir, du dunkler Abendstern, seh' ich mich selber wie von fern, wie von fern...

Es ist wie Magie, wenn man einen ansonsten nicht zu beruhigenden Säugling durch die eigene Stimme und etwas Rhythmus und Melodie zum Schlafen bringen kann. Das alleine ist bereits ein mächtiges Gefühl. Aber auch, sich selbst singen zu hören, die Resonanz der eigenen Stimme in dem kleinen Leib zu spüren, den ich an mich presse, das ist unmittelbare Erfahrung des Selbst und des anderen in einer Einheit.

Es macht mir auch ungeahnten Spaß, die Stimme zu trainieren, denn ich singe wirklich nicht besonders gut. Wenn ich sicher stellen will, dass mein Sohn meinen Gesang auch dann noch erträglich findet, wenn er selbst anfängt zu singen, muss ich besser werden. Und jedes Mal, wenn ich singe, werde ich ein klein bisschen besser. Oder ich variiere, besonders die Stellen, die mir schwer fallen, weil ich zum Beispiel nicht so hoch komme, wie es der Refrain "Röslein, Röslein, Röslein rot" eigentlich benötigt.

Das deutsche romantische Liedgut

Und ich weiß jetzt auch die Mnemotechnik zu schätzen, die der Gesang bereitstellt. Ich kann mich nach ein paar Mal singen nun all die Liedtexte merken, die ich sehr schätze. Ich habe das deutsche Volks- und Kunstlied wieder entdeckt. Besonders dieses leicht Abgründige und Traurige, das viele deutsche Lieder haben, hat es mir angetan.

Nehmen wir die erste Zeile aus dem Lied, das ich oben zum Hören eingebettet habe: "In dir, du dunkler Abendstern, seh' ich mich selber wie von fern, wie von fern." Da schwingt viel mit, nicht nur die Dunkelheit, die Liebe und Selbstliebe, auch eine fröhliche Trauer, die dann in der letzten Zeile kulminiert: "Und wenn die Nacht dem Tage weicht. Erbleicht, erbleicht, mein Abendstern." Das ist zwar ein modernes Lied von Peer Raben mit einem Text von Hans Magnus Enzensberger, aber es hat Anklänge an deutsche Volkslieder wie "Der Mond ist aufgegangen" aus dem Jahr 1773 getextet von Matthias Claudius:

Der Mond ist aufgegangen, / die goldnen Sternlein prangen / am Himmel hell und klar; / der Wald steht schwarz und schweiget, / und aus den Wiesen steiget / der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille / und in der Dämmrung Hülle / so traulich und so hold! / Als eine stille Kammer, / wo ihr des Tages Jammer / verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? / Er ist nur halb zu sehen / und ist doch rund und schön. / So sind wohl manche Sachen, / die wir getrost verlachen, / weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir sehen hier die romantischen Elemente von Nacht und Natur als Gegenstück zum allgegenwärtigen taghellem Leben in der Kultur. Und natürlich dürfen auch die gespenstischen Miasmen des Nebels nicht fehlen und die runde Eigenlichkeit des Mondes, die dem Blick des Verstandes verborgen bleibt, so wie alles, was wirklich zählt.

Ein anderes absolutes Lieblingslied von mir und meinem Sohn ist "Maria durch ein Dornwald ging". Auch dieses Lied habe ich in einer sehr modernen und dennoch dem Original verbundenen Vertonung der Musiker Augst und Daemgen ("An den deutschen Mond") kennen gelernt. Die mit dem kleinen Jesuskind schwangere Maria geht durch einen schon seit sieben Jahren ganz kahlen Dornenwald, der just in diesem Moment erblüht. Natur, Entbehrung und Strenge, Magie und Glaube – alles sehr deutsch und irgendwie dennoch sehr schön.

Und auch Johann Wolfgang von Goethes "Sah ein Knab' ein Röslein stehn", ist in seiner Schönheit, Trauer und erotischen Anspielung nicht umsonst ein Klassiker. Es macht einfach Spaß, die ganz einfachen aber doch so tiefen Zeilen zu singen. Und vor allem: Sie bringen meinen Sohn ruckzuck zum Schlafen.



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Kommentare:

  1. Herzlich. Vielleicht wirst du auch mal Songwriter. Zumindest kann ich mich erinnern, ich hab meinen Sohn zu Ehren ein Lied geschrieben, noch bevor er überhaupt geboren war. Er weiß es nicht, er kennt es nicht, aber nach über 13 Jahren wird es jetzt doch mal langsam Zeit...

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    1. Ja, trau dich! Spiel oder sing es ihm vor. Und schön zu sehen, dass ich nicht der einzige bin, in dem Kinder die Musik wecken.

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