28. Februar 2018

Prüfe dein Gewissen hinter deinem Gewissen

Was ist intellektuelle Redlichkeit?


Ich glaube, nur die allerwenigsten Menschen wollen wirklich das Falsche. Jeder, der für eine Idee argumentiert, meint es eigentlich gut. Das heißt, wir alle folgen unserem Gewissen, wenn wir für etwas einstehen, streiten oder argumentieren und meinen, dass es insgesamt gut wäre, wenn andere unserer Überzeugung folgen würden. Das Verblüffende ist, dass Menschen in ihren Überzeugungen derart fehlgeleitet sein können, dass daraus Gulags, KZs, Kriege, ja insgesamt Grausamkeiten entstehen können. Noch jeder, der diese Welt in Schutt und Asche gelegt hat, tat das aus Überzeugung, das Beste für die Menschheit zu tun. Wir wissen, dass der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist. Ist das nicht ein großes Rätsel?

Die Bomber Bibliothekarin (Hafuboti, CC BY-SA 4.0)

Auf konservative Weise wirklich subversiv sein

In Diskussionen auf Twitter oder in den Kommentaren von Blogs raufe ich mir als Philosoph manchmal die Haare. Da wird mit einer Standfestigkeit sondergleichen bis aufs Blut mit Scheinargumenten oder Fehlschlüssen argumentiert und dabei scheint es oft nicht um die Suche nach Erkenntnis zu gehen, sondern um die Bestätigung der eigenen Meinung. Und wie gesagt: wahrscheinlich nach bestem Gewissen ersten Grades. Ganz besonders schmerzt mich der Fall eines ehemaligen Mitstreiters, der plötzlich die haarsträubendsten Verschwörungstheorien verbreitet. Ich kann mir das gar nicht erklären, denn an mangelnder Intelligenz liegt es nicht. Woran aber dann?

Ein ausschlaggebendes Problem scheinen mir die sogenannten kognitiven Verzerrungen zu sein, also die systematischen Irrtümer und Fehlschlüsse, denen wir aus oft evolutionären Gründen unterliegen und die uns Dinge glauben lassen, die nach einfacher Prüfung falsch sind. Zum Beispiel bewerten wir alle die Informationen stärker, die unsere Überzeugung zu stützen scheinen und vernachlässigen jene Informationen, die unseren Meinungen zuwider laufen. Man nennt das den Bestätigungsfehler, andere Beispiele, die uns regelmäßig zu falschen Überzeugungen kommen lassen, sind die "emotionale Beweisführung" oder die "Illusorische Korrelation". Einen sehr beliebten Mechanismus – eine Selbsimmunisierung der Hypothesen, die wir auch aus der Psychoanalyse, von religiösen Fanatikern oder von Verschwörungstheoretikern kennen – habe ich in Natalie Grams' und Nikil Mukerjis Denkfehler der Homöopathie gefunden:

"Homöopathen sagen mitunter alle möglichen Behandlungsergebnisse voraus: 'Entweder das Medikament schlägt an, oder es dauert eine Weile, bis es besser wird. Vielleicht tritt aber auch eine Erstverschlimmerung ein, so dass sich Ihr Befinden zunächst verschlechtert. Wenn länger nichts passiert, schlägt das Medikament bei Ihnen nicht an. Dann müssen wir noch einmal schauen.' Damit sind alle Möglichkeiten abgedeckt. Eine davon muss eintreten, und die kann der Patient als Bestätigung heranziehen."

Zu irren oder einen Fehler zu machen, ist noch nicht unredlich. Es ist aber unredlich, nicht zu versuchen, Fehler und Irrtümer zu vermeiden. Wo kommt diese weit verbreite Unredlichkeit her? Im Grunde finden wir hier einen Zusammenhang zur siebenten Todsünde im Christentum: der Trägheit. Es ist allemal leichter, den eigenen Intuitionen zu folgen, als sich der Anstrengung zu unterwerfen, seine eigenen Gedanken, Schlussfolgerungen und Überzeugungen aufwendig zu prüfen. Es erfordert stetige Übung, viel Energie und bringt oft tiefe Enttäuschung, wenn man die eigenen gut gemeinten Überzeugungen auf die Probe stellt. Man könnte die intellektuelle Redlichkeit also eine Tugend des Geistes nennen. Nur diese Tugend bewahrt uns vor erneuten KZs, Kriegen und anderen Grausamkeiten.

Wenn uns also nicht eine böse Intuition, sondern der Weg des Denkens in die grausame Irre führt, dann ist, mit Nietzsche gesagt, nicht das Gewissen das Problem, sondern das Gewissen hinter dem Gewissen. Nietzsche meinte damit eine Leidenschaft der Erkenntnis, ein interlektuelles Gewissen, dass nur der Wahrheit auch und gerade auf Kosten der eigenen Meinung verpflichtet ist. Im Zarathustra sagt Nietzsche:

"Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart, eng, grausam, unerbittlich."

Oder, wie es der Philosoph Thomas Metzinger, in seinem frei verfügbaren Aufsatz Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit (PDF-Link) sagt:

"Beim Denken geht es nicht um schöne Gefühle. Es geht um die bestmögliche Übereinstimmung zwischen Wissen und Meinung; es geht darum, nur evidenzbasierte Überzeugungen zu haben und darum, dass Kognition nicht emotionalen Bedürfnissen dient."

Hart, eng, grausam und unerbittlich gegen sich selbst, gegen den eigenen Glauben, die festgefahrenen Überzeugungen und das Spektrum der eigenen Meinungen muss derjenige sein, der wirklich etwas wissen und erkennen möchte. Im Grunde fängt das mit Sokrates' Erkenntnis an: "Ich weiß, dass ich nicht weiß."

"Intellektuelle Redlichkeit bedeutet ja gerade, dass man nicht vorgibt, etwas zu wissen oder auch nur wissen zu können, was man nicht wissen kann, dass man aber trotzdem einen bedingungslosen Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis besitzt ..."

Thomas Meztzinger nennt die intellektuelle Redlichkeit, "eine sehr konservative Weise, wirklich subversiv zu sein", denn sie hat "etwas mit sehr altmodischen Werten wie Anständigkeit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu tun" und mit dem Anspruch, sich nicht selbst zu belügen. Aber wie wir oben schon schrieben, ist es eben nicht der Vorsatz zu lügen, der hier zur Debatte steht, sondern vielleicht eine gewisse Trägheit oder auch Blindheit. Ganz sicher muss intellektuelle Redlichkeit auch erlernt werden, weil sie ja gegen die tiefen psychologischen Impulse ankämpfen muss. Wie also kommen wir zu einer solchen Redlichkeit und damit zu einer Moral im Denken, Schreiben und Argumentieren?

Die Zehn Gebote des redlichen Intellektuellen

Man könnte mal mit einer Liste von Prinzipien anfangen, die man beherzigen sollte, wenn man so denken und argumentieren möchte, dass man tatsächlich etwas lernt, anstatt nur seine eigene Meinung zu bestärken. Hier ist mal ein Anfang:

  1. Sei dir keiner Sache absolut gewiss: Dies ist eine Grundregel für ein Leben in Mut und Weisheit von Bertrand Russell, die uns auch dabei hilft, redlich zu denken. Wer schon meint zu wissen, was die Wahrheit ist, wird sich nicht auf die Suche machen, sondern lediglich versuchen, seine Auffassung zu belegen.
  2. Äußere Hypothesen, statt Meinungen: Eine Meinung haben, hat mit Denken nichts zu tun: Meinungen gibt es mehr als Menschen, denn jeder hat eine und zwar zu jedem Pups. Manchmal hört man, wie jemand ein Statement gibt und das mit dem Halbsatz beendet: "...ist meine Meinung!" Das heißt im Grunde nichts anderes, als dass man das Gesagte nicht richtig begründen kann und sich auch nicht die Mühe machen möchte, dort Gedanken oder Argumente zu investieren. Besser als Meinungen sind Hypothesen, also "eine in Form einer logischen Aussage formulierte Annahme, deren Gültigkeit man zwar für möglich hält, die aber bisher nicht bewiesen bzw. verifiziert ist. Die Hypothese muss anhand ihrer Folgerungen überprüfbar sein, wobei sie je nach Ergebnis entweder bewiesen bzw. verifiziert oder widerlegt werden würde." (Wikipedia) Der wichtige Punkt hier in Abgrenzung zur Meinung ist die Bereitschaft, auch das Gegenteil des Gesagten zu akzeptieren, wenn es gut begründet wird.
  3. Sei neugierig: Wer wirklich neugierig ist, wird auch intelektuell redlich argumentieren, denn dem Neugierigen geht es nicht darum, seine Auffassungen zu bestätigen, sondern etwas neues zu lernen. Eine gute Voraussetzung!
  4. Übe dich im Evidentialismus: Das heißt, glaube nur etwas, für das du wirklich Argumente und Belege hast. Etwas, das man vom Hörensagen übernimmt, ist nur ein Gerücht. Erst, wenn du dich selbst mit deinen Sinnen davon überzeugen konntest, solltest du es in Erwägung ziehen. Aber selbst dann solltest du vorsichtig sein, denn unsere Sinne können trügen.
  5. Schließe nicht von eigenen singulären Erfahrungen aufs Allgemeine: Sucht man nach einer intersubjektiven, allgmeingültigen Wahrheit, dann reichen die eigenen Erfahrungen nicht aus. Je mehr Datenpunkte aus verschiedenen Perspektiven eine Hypothese bestätigen, desto wahrscheinlicher ist ihre Richtigkeit.
  6. Versuche, dich selbst zu widerlegen: Schau dir vorbehaltlos gerade die Gegenargumente zu deinen Auffassungen an, anstatt nur nach Bestätigung zu suchen. Nur wenn du versucht hast, deine eigenen Annahmen zu widerlegen, wirst du wirklich sehen, dass deine Auffassungen stimmen. Es ist ein bisschen so wie mit Freunden, die dir nie widersprechen – das können eigentlich keine aufrichtigen Freunde sein.
  7. Versuche nicht, deine Hypothesen zu immunisieren, so wie wir es oben bei den Homöopathen gesehen haben. Unwiderlegbare Hypothesen sind schwache Hypothesen. Eine Hypothese, die unter allen Umständen richtig ist, ist entweder eine Platitüde oder schlicht der Versuch, auf Biegen und Brechen Recht zu behalten.
  8. Vermeide Ideologien: Ideologie ist, wenn die Idee die Logik treibt. Statt Logik könnten wir auch "Sinnhaftigkeit" oder "Vernunft" sagen. Ein Ideologe ist also der, der seine Vernunft oder die Sinnhaftigkeit des Gesagten seinen Ideen unterordnet und unterwirft. Statt dessen sollten unsere Ideen aus der Vernunft hervorkommen, wir sollten am besten gar keine vorgefassten Ideen haben, sondern unsere Ideen aus der Vernunft und der logischen Argumentation ableiten. Kreativität gehört auch dazu und steht in keinem Widerspruch zu Logik und Verbnunft.
  9. Halte dich an Ockhams Rasiermesser: Wilhelm von Ockham stellte bereits in 14. Jahrhundert das Sparsamkeitsprinzip für die Forschung auf. Demnach soll man von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt immer die einfachste Theorie allen anderen vorziehen. "Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt." (Wikipedia).
  10. Argumentiere einfach und klar: Ludwig Wittgenstein ist berühmt für den Satz: "Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und worüber man nicht reden kann, davon muß man schweigen."(Tractatus logico-philosophicus, 1918) Ich bin nicht überzeugt, dass das so stimmt, denn das hieße, wir müssten uns auf eine sehr spezielle Definition von "klar" einigen und selbst der Satz "worüber man nicht reden kann, davon muß man schweigen", ist alles andere als klar, wenn er nicht einfach als Imperativ verstanden werden soll. Man kann allerdings für redliches Argumentieren festhalten, dass es allemal besser ist, sich so klar und einfach auszudrücken, wie eben möglich. Das heißt nicht, auf Fremdwörter oder Fachtermini zu verzichten (denn die haben z.B. den Vorteil über die Disziplinen und Sprachen hinweg verständlich zu sein), aber jegliches Raunen, Schwurbeln und Andeuten oder Verschleiern sollte vermieden werden, wenn man wirklich einen Austausch von Ideen und Erkenntnissen möchte.

Ich gebe zu, dass diese Liste von Geboten ziemlich willkürlich ist, so wie jede Liste von Geboten oder Tugenden. Viele weitere Gebote wären denkbar und sind vielleicht nötig, um redlich zu schreiben und zu argumentieren. Und selbst wenn wir die alle beherzigen, wird es uns nicht immer gelingen, redlich zu reden. Denn wir sind Menschen mit Leidenschaften und Überzeugungen, die uns ans Herz gewachsen sind und die uns nur schwer auszutreiben sind. Aber im Interesse der Vernunft, des humanistischen Fortschritts und des Respekts gegen uns selbst und unsere Gesprächspartner täten wir gut daran, die typischen Mechanismen des unredlichen und selbstbestätigenden Argumentierens aktiv zu meiden. Gehen wir einfach im Kopf die Frage durch, ob das, was ich jetzt sagen will, wirklich der Erkenntnis dienst oder lediglich der Bestätigung meiner ohnehin gehegten Meinung. Damit wäre schon viel gewonnen, z.B. eine neue Kultur des aufrichtigen und redlichen Austauschs von Ideen und – ja, warum nicht – unserer Meinungen.



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. Bei dieser Thematik denke ich zunächst immer daran, wie schwierig es ist, vorurteilsfrei zu denken. Der Wissenschaftler Robert Sapolsky hat in seinem neuesten Buch von den Einflußfaktoren auf unser Denken berichtet und davon gibt es eine ganze Menge.
    Etwa ob man gerade gegessen hat. Richterliche Urteile fielen dann anders aus als wenn man hungrig ist. Dies als recht einfaches Beispiel.
    Sapolsky verwies auch auf Studien, in denen gezeigt wird, daß schon Säuglinge fremde Ethnien wahrnehmen.
    Hormone spielen Rollen, soziales Umfeld, die Kultur, in der man aufwächst ect ect.
    All das gilt es zu erkennen, wenn man argumentiert und dann schlußendlich handelt.Eine Sysiphosaufgabe fast.
    Die Ratio kann erst dann voll greifen, wenn man all diese Faktoren wenigstens im Ansatz kennt. Ohne das kann sich Redlichkeit nur als stumpfer Vorsatz erweisen.
    Das zunächst einmal.

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    1. Absolut, es ist so schwierig, dass man nie ganz weg kommen wird von Fehlschlüssen und Vorurteilen. Aber das ist auch gar nicht der Anspruch. Die Redlichkeit liegt zunächst im Versuchen, rational zu denken und fair zu argumentieren.

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  2. Wichtiger Artikel. Peter Bieri formuliert die intellektuelle Redlichkeit als Maxime folgendermaßen: "Man soll nicht vorgeben, Dinge zu wissen, die man nicht weiß und nicht wissen kann." Basierend auf einem Textausschnitt von Bieri (umformuliert und mit meinen Ergänzungen) habe ich versucht, intellektuelle Redlichkeit als Form des Umgang miteinander in Netzwerken zu verankern. https://goo.gl/Yng4C8.

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    1. Danke für den Text, habe ich gern gelesen. Wäre schön, wenn solche Standards und Selbstanforderungen sich durchsetzen könnten.

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  3. Wohlmöglich sollten wir alle auch einfach ein bisschen "Böse" bleiben? Wie Du schon geschrieben hast, haben sich die größten Monster der Geschichte selbst für gut gehalten. Es kann ja auch ein Ausgleich sein bzw. eine Art Harmonie herstellen wenn man immer etwas der anderen Seite in sich zu lässt.

    Feuer mit Feuer bekämpfen, aber nie selbst anfangen zu brennen.

    Die Wahrheit kann unter Umständen viel zu unerträglich für jeden von uns sein. Letztendlich kommt es doch auf Entscheidungen und Einigungen an. Kultur, Justiz, Gesellschaft, Sicherheit, Freiheit ... die Diskussion was jetzt "Wahrheit" ist könnte man ewig bis ins unendliche führen (wie alles rund um Religion und Gott usw.) und man würde doch zu keinem Ergebnis kommen. Das liegt wohl einfach daran das es Wahrheit wohl nur in all dem gibt, was ohne uns Menschen existiert. Naturkonstanten. Physik, Chemie, etc. Alles von oder über uns Menschen ist doch letztendlich konstruiert. Ergebnis der Kultur. Wo soll da die objektive Wahrheit sein? Letztendlich ist alles (inter)subjektiv. Es ist ja auch absurd das Wahrheitsfindung ein demokratischer Prozess ist. Von wegen "Die Mehrheit hat Recht?!" Nein, eben nicht. Das hat die Geschichte doch auch oft genug gezeigt.
    Man kann sich zur Demokratie entscheiden, das die Mehrheit herrscht. Dennoch kann sie irren.

    Was wäre denn wenn plötzlich doch irgendwelche Wissenschaftler zweifelsfrei wissenschaftlich beweisen würden das Rassismus existiert und Menschen in "Rassen" unterteilt werden müssten? Oder wenn Homosexualität doch eine Krankheit ist? Sollten wir uns plötzlich dieser Wahrheit beugen und unsere Weltanschauung verändern, weil es eben Wahrheit ist? Das ist wohl das, was Verschwörungstheoretiker erwarten bzw. beabsichtigen.
    So wie die würde ich aber eben selbst dann lieber bei meiner Ansicht (eben Meinung) bleiben. Ich würde die Fakten, die Wahrheit und die Tatsachen natürlich akzeptieren aber mein Verhalten nicht verändern. Ich ENTSCHEIDE mich (ggf. auch gegen die Wahrheit) zu handeln. Das ist wohl auch der Unterschied von reinem Wissen zur Weisheit.

    Es geht einfach ums entscheiden. In letzter Zeit hört man ja so Sachen wie "kulturelle Berechenbarkeit" usw. Ich denke, das ich in der Substanz/Essenz davon bei den Leuten bin. Ich kann nur dem "Transportmittel/Medium" nichts abgewinnen (Heimat, Tradition, Nationalismus, blaba ....)
    Keiner will sich ständig jeden Tag für seine Wert- und Weltanschauung rechtfertigen müssen. Wir wollen alle in Ruhe, frieden und in Respekt leben. Würde usw. Gleichberechtigung, Gerechtigkeit usw. Frei im denken und handeln solange wir eben genau das bei anderen nicht einschränken. Spielt es eine Rolle ob das jetzt Wahrheit ist oder nicht?! Ich denke nicht. Es geht einfach darum eine Entscheidung zu treffen wie wir leben wollen. Wenn wir eine praktisch umsetzbare Utopie leben könnten die aber eine Lüge ist, warum nicht? Vielleicht ist ja das streben nach Wahrheit (die es vielleicht gar nicht gibt oder geben kann) die größte Ideologie von allen? Auch das müssten wir unvoreingenommen in Betracht ziehen.

    Ein Ansatz wäre es doch auch mal nicht alles und jeden Menschen immer in so eine Zwangsharmonie stecken zu müssen. Wir werden wohl nie die heile Welt erreichen in der wir alle Cumba Ya am Lagerfeuer singen und uns anden Händen halten. Wir werden immer Menschen haben die sich nicht ausstehen können. Aus welchen Gründen auch immer. Anstatt ewig auf biegen und brechen zu versuchen diese Menschen doch zueinander zu bringen sollten wir endlich einfach nur dafür sorgen da die sich in Ruhe lassen. Basta. Dann haben wir doch, was wir wollen: Ruhe und Frieden.

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    1. Ich glaube schon, dass es in gesellschaftlichen Kontexten Wahrheit gibt. So, wie du selbst ja das auch zu glauben scheinst, wenn du schreibst: "Von wegen 'Die Mehrheit hat Recht?!' Nein, eben nicht. Das hat die Geschichte doch auch oft genug gezeigt." Hältst du das jetzt für eine Wahrheit oder nicht?

      Ich will nicht provozieren, aber schon meinen Punkt verdeutlichen: Es gibt auch Wahrheit, es gibt objektiv richtiges und faksches Handeln. Nicht objektiv im Sinne von einem absoluten und außerzeitlichen Standpunkt, sondern objektiv innerhalb eines Kontextes, einer Gesellschaft. Die Menschenrechte sind dafür ein Beispiel: Die meiste Zeit der menschlichen Existenz haben diese Rechte objektiv keine Rolle gespielt und jetzt halten wir sie obejktiv für richtig und unverzichtbar. Warum? Weil sie in dem Kontext, in dem wir leben, richtig und unverzichtbar sind.

      Das ist ein interessantes Gedankenexperiment mit der wissenschaftlichen Wahrheit und welches Verhalten sich daraus ableitet. Ich würde eine Gegenfrage stellen: Warum sollte es uns zu Rassisten machen, wenn es so wäre, dass Menschen in Rassen existierten? Sollten wir dann nicht einfach diese Wahrheit annehmen und das in unsere Toleranz mit einbeziehen? Wenn ich sagen würde, ich anerkenne alle anderen Rassen meiner eigenen gegenüber als gleichwertig, dann leugnete ich damit ja nicht, dass es Rassen gäbe.

      Du hast ja Recht, mit deiner Forderung nach friedlicher Koexistenz ohne Übereinstimmung in Meinungen, Haltungen etc. Das Schwierige ist nur, dass die meisten Menschen anders sind als du und dich missionieren wollen und von ihren Haltungen überzeugen wollen. Und so lange dem so ist, apelliere ich an diese, wenigstens intelektuell redlich zu argumentieren und vor allem ihre eigene Fehlbarkeit anzuerkennen.

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    2. 1/2
      Hallo Gilbert. In der Sache bin ich ja im Grunde ganz bei Dir und sehe das wohl auch so wie Du. Wobei das auch eine Gewisse Ironie hat wenn man, wie Du ja schon erkannt hast, beim Thema Wahrheit von Ansichten schreibt ;) Es kommt natürlich auf den Kontext an. Daher kann Wahrheit eben ggf. ein Wort für Unterschiedliche Situationen sein. Das ist ja auch ein gängiger Sprachgebrauch. Aber genau das ist problematisch. Recht muss ja nicht gleich Wahrheit sein. Recht eher im Sinne Gerechtigkeit und Fairness.

      Schwierig das zu beschreiben. Wahrheit darf nicht interpretierbar sein. Wahrheit darf seinem Selbstverständnis nach nicht im Plural auftauchen ... Wahrheiten sind ein Widerspruch in sich (wie alternative Fakten) ... aber dennoch gibt es diese Ja. Sie existieren. Weil jeder sich seine Wahrheit konstruiert. So wie die AFD ja selbst von "Mut zur Wahrheit" spricht als Slogan.

      Wahrheit ist 2+2=4
      Beschleunigung der Erdanziehungskraft = 9,81 m/s
      Lichtgeschwindigkeit = 299.792 km/s

      Das ist Wahrheit. Klare reproduzierbare nicht anders darstellbare Tatsachen. Es sei denn man stellt doch fest, das da ein Fehler besteht. Aber ich will nicht zu weit abdriften.

      Herr Marti schreibt ja:
      "Die Dinge, die eine menschliche Gemeinschaft betreffen, sind so komplex und unübersichtlich, dass es keine Gewissheiten geben kann. Das müssen wir uns eingestehen, und diese Einsicht sollte uns im Umgang miteinander stets leiten."

      Genau. Aber setzt Wahrheit nicht Gewissheit voraus? Genau daher kann es doch keine Wahrheit geben in Dingen die die menschliche Gemeinschaft betreffen. Es kann einen Konsens, eine Einigung auf Werte und Menschenrechte geben die ich selbst ja verfechte und immer dafür einstehe.

      Wahrheit hat ja auch was endgültiges, statisches, abgeschlossenes. Die Gesellschaft ist aber in einem ewigen Entwicklungsprozess. Wir Menschen sind nie "fertig". So könnten auch, unabhängig von Fake News etc., Wahrheiten (eben wieder Plural) über die Zeit hinweg entstehen was den Begriff wieder ad absurdum führt.

      Wohlmöglich ist es besser sich gar nicht auf einen abschließenden Begriff zu einigen, für das was ich meine? So kann dieser auch nie missbraucht werden. Wäre natürlich komplizierter im Sprachgebrauch aber es macht es eben schwerer für Populisten und die ganzen Rattenfänger Leute zu manipulieren. Ansonsten wäre ggf. eher einfach "Wirklichkeit" eine Alternative?!


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    3. 2/2

      Ja, es gibt ein richtig und ein falsch im menschlichen Umgang. Recht und Unrecht. Davon bin ich auch überzeugt. Aber es ist eben eine "Wahrheit" zu der wir uns (inter)subjektiv entscheiden aufgrund von Ethik und Moral. Kann es eine Ethik und Moral ohne Meinung geben? Ohne Gefühl? "Willst du die Wahrheit sehen, darfst du keine Meinung haben" heißt es doch nach einem Sprichwort.
      Wohl möglich sind wird gar nicht in der Lage die Wahrheit zu erkennen? Ich weiß, dass ich nichts weiß. Genau. Universeller Agnostizismus sozusagen. Menschliche Gesellschaft braucht aber Rückgrat. Wir müssen ggf. auch mal konsequente Entscheidungen treffen. Fehlverhalten sanktionieren usw. Daher heißt es ja auch im Gericht "Im Namen des Volkes" und nicht im "Namen der Wahrheit" oder?
      In Bezug auf das Gedankenexperiment: Ja, genau Deine Gegenfrage ist ja meine Idee zu der Handlung die daraus erfolgen sollte. Das hat ja dann auch was damit zu tun die Wahrheit nicht so zu vergöttlichen. Akzeptieren, hinnehmen ... nicht tolerieren. Wenn wir die Wahrheit immer nur erdulden und ertragen kostet das doch viel zu viel Kraft, oder nicht?! Tatsächlich würde es aber wohl nicht so kommen. Soviel vertrauen habe ich in die Menschen bzw. die Menschheit nicht. Wobei man das im Rahmen des Gedankenexperimentes ja sogar auch wieder sprachlich anders ausdrücken müsste (Menschen und ...). Eher würden sich alle mehr oder weniger selbst erheben oder reduzieren entsprechend Ihrer Taxonomie. Leider.
      Es geht mir insgesamt einfach sehr um den Sprachgebrauch. Wörter und Text und die Deutung haben unheimliche Wirkung. Doppeldeutig. Unheimlich, weil es schon mysteriös ist wie sehr uns verschiedene Wörter unterbewusst beeinflussen und unheimlich wegen des Ausmaßes. Vielleicht wollte das auch Wittgenstein ausdrücken mit seinem berühmten Zitat.

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    4. Du hast völlig Recht mit der Emphase auf Wörter und Text, denn so ordnen wir die Welt, so teilen wir uns mit und generieren Sinn, den wir verarbeiten können. Aber ich finde auch, dass dieser sogenannte "Linguistic Turn" in der Philosophie des 20. JH auf Kosten eines vernünftigen Realismus gegangen ist. Dadurch kam es eben über Konzepte wie den radikalen Konstruktivismus zu einem "Anything Goes", der am Ende dazu führt, dass alle immer nur noch "Fake News" schreien müssen und damit bereits meinen, den z.B. politischen Gegner widerlegt zu haben.

      Beispiel: Es ist doch interessant, dass zur Einschwörung des letzten Präsidenten belegbar weniger Menschen kamen, als in den zuletzt gezählten Vereidigungen und trotzdem kann dieser Präsident sagen, es sei dir größte jemals bei der Vereidigung gezählte Menge gewesen. Seine Sprecherin sagt einfach: Das sind eben alternative Fakten. Ihr bei den Medien habt eure belgten Faktebn und wir haben die Fakten für unsere Anhänger. Das ist so, als wenn bei deinem Beispiel oben jemand sagen würde, dass Mathematiker ja gern behaupten könnten, dass 2+2=4 sei. Ich aber habe eine alternative Zählweise, nachder 2+2=6 ist. Ich finde das irre, dass das heute möglich ist und niemand sich in der Breite dagegen auflehnt.

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