3. November 2012

Warum irren wir uns systematisch?

Die häufigsten kognitiven Verzerrungen

Faustregel, Milchmädchenrechnung, über den Daumen gepeilt. Hand aufs Herz: Wir alle irren uns wohl mal hier und da. Oder auch ständig, überall und systematisch. Gut, wenn wir uns unsere Irrtümer eingestehen, das macht uns zu erwachsenen Menschen. Aber was, wenn wir nicht mitkriegen, dass wir uns irren. Und was, wenn auch andere es nicht mitkriegen, weil wir uns kollektiv irren? Zum Beispiel neigen wir alle dazu, negative Nachrichten stärker zu bewerten, als positive (negativity bias). Das hat evolutionär auch seinen Sinn: Wenn in einem Urmenschen-Habitat ein Säbelzahntiger gerade sein Unwesen trieb, war diese Information im Zweifel wichtiger, als die gleichermaßen wahre Information, dass man im selben Gebiet gerade süße Früchte pflücken konnte. Heute, da wir hier solcher elementaren Sorgen enthoben sind, führt diese Tendenz jedoch vor allem noch dazu, dass alle von schlechten Nachrichten besessen sind: Only bad news are good news.


The Duchess and Friends
Typischer Fall von Kontrollillusion (Bild von Quabit)

Solche kognitiven Verzerrungen liegen vielen unserer Entscheidungen und Überzeugungen zugrunde. Sie sind mentale Short Cuts, die unserem Gehirn eine gewisse Effizienz ermöglichen. Man könnte sie auch in die anthropologische Kategorie der Entlastung einordnen. Wir sind evolutionär darauf getrimmt, schnell Entscheidungen zu treffen, das sorgsame, aber energie- und zeitaufwendige Abwägen der Wahrnehmungen und Informationen wurde zugunsten der Schnelligkeit und Sparsamkeit geopfert. Auf einige bekannte kognitive Verzerrungen möchte ich hier etwas genauer eingehen.

Für Erfolge bin ich zuständig, scheitern können die anderen
Eine meiner liebsten kognitiven Verzerrungen ist die so umständlich benannte selbstwertdienliche Verzerrung, auf Englisch: Self-serving bias. Auf den Punkt gebracht: Wir glauben, dass unsere Erfolge direkt von uns selbst verursacht werden, wohingegen wir unsere Misserfolge gern den Umständen um uns herum zuschreiben. Projekt "Social-Media-Recruiting" war ein Erfolg, weil ich meine Kollegen motiviert und wir alle so hart gearbeitet haben; Projekt "Administrations-Software" hingegen war ein Misserfolg, weil die Kollegen nicht mitgezogen haben. Dass mich Administrations-Software (obwohl sehr wichtig) im Vergleich zu Social Media gleich gar nicht fasziniert, kehre ich selbstwertdienlich unter den Teppich. Solche Eigentäuschung hilft uns dabei, an uns selbst zu glauben, uns für erfolgreich zu halten und anderen gegenüber einen guten Eindruck zu machen. In der Tat ist es kein schlechtes Zeichen, dieser Täuschung zu erliegen, es spricht gewissermaßen für eine seelische Gesundheit. Menschen, die unter geringem Selbstwertgefühl leiden, neigen weniger dazu, sich selbst Erfolge und den anderen Misserfolge zuzuschreiben.

Wenn ich Millionär wär: Impact Bias
Im Hirn haben wir eine Art Gefühlssimulator, mit dem wir voraussagen, wie wir uns in naher oder ferner Zukunft fühlen werden. Dieser Simulator ist nicht sehr gut kalibriert, er lässt uns regelmäßig den Einfluss, den positive oder negative Ereignisse in unserem Leben auf unser Wohlbefinden haben werden, dramatisch überschätzen. Wenn wir einen Partner verlieren oder auch nur einen Arbeitsplatz, werden wir das in der Regel als dramatisch erleben und annehmen, dass wir auch in drei Monaten noch unglücklich damit sein werden. Wenn wir uns vorstellen, im Lotto zu gewinnen, sehen wir uns wie kleine Könige in Palästen wohnen und mit Yachten um die Welt segeln... für immer glücklich. Stimmt alles nicht, sagt Dan Gilbert, vielmehr werden wir in der Regel nach wenigen Monaten wieder unser gewohntes Glückslevel erreicht haben, das uns durchs leben begleitet. Das liegt daran, dass wir eine Art psychisches Immunsystem haben, das unser Glücksempfinden gewissermaßen herstellt, ziemlich losgelöst von den äußeren Bedingungen, in denen wir leben.

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Warum ist es wichtig, dieses Immunsystem bei sich selbst zu kennen und ihm zu vertrauen? Zum einen, weil wir dann endlich aufhören können, irgendwelchen Dingen oder Erfolgen hinterher zu rennen, koste es, was es wolle. Dieses "Haben-Wollen" ist eher ein Mechanismus, der uns versklavt, immer mit der Karotte der ewigen Glückseligkeit vor der Nase ziehen wir den schweren Wagen der Arbeit, anstatt einfach mal zu leben. Die Angst vor Verlusten hält uns davon ab, auszubrechen, etwas neues zu wagen. Sei es eine neue Liebe, ein neuer Job oder ein ganz anderer Lebensstil. Unser schlecht eingestellter Gefühlssimulator lässt uns davor zurück schrecken, denn wir überschätzen die negativen Auswirkungen der Risiken, die wir eingehen. Wir tun uns unnötig schwer mit Entscheidungen, weil wir die Auswirkungen dieser Entscheidungen auf unser Wohlbefinden überschätzen. Dadurch haben wir eine Tendenz, alles beim alten zu belassen, anstatt mal die Fenster aufzumachen und das Leben richtig durchzulüften. Außerdem könnte es uns schlicht besser gehen, wenn wir bei Rückschlägen und Verlusten einen optimistischeren Ausblick aufs Leben behalten, weil wir zuversichtlich sein können, dass die Zeit tatsächlich (fast) alle Wunden heilt und das Lebensglück wieder herstellt.

Hab ich doch gleich gewusst!
Der sogenannte Rückschaufehler (Englisch: hindsight bias) ist die Verfälschung von Erinnerungen nach einem Ereignis. Egal ob es ein Fußballspiel oder die Bundeskanzlerwahl ist: Wir haben das Ergebnis schon vorher gewusst. Jedenfalls behaupten wir das im Nachhinein. Fakt ist: Wir haben oft vorher ganz andere Ergebnisse geschätzt, vielleicht sogar das Gegenteil vorausgesagt. Ein Extrem kann man in der Schizophrenie finden, wo Betroffene stärker den Illusionen der Rückschau unterliegen, als Vergleichspersonen. Es ist bemerkenswert, dass uns neu zugängliche Informationen unsere zuvor gehegten Überzeugungen komplett vergessen lassen. Das hat natürlich seine positive Seite: Anstatt mit uns und der falsch vorausgesagten Lage zu hadern, arrangieren wir uns mit der Wirklichkeit und arbeiten positiv mit dem Gegebenen. Aber es nervt auch: Wir alle haben diesen rechthaberischen Bekannten, mit dem man zum Beispiel über Politik diskutiert und er hat immer schon alles vorher gewusst. Wer sich nie einen Irrtum eingestehen kann, ist irgendwo kurz nach der Kindheit stecken geblieben und lebt sein Leben als einzigen Rückschaufehler.

Ähnlich verhält es sich mit dem Bestätigungsfehler. Wir alle haben diese Tendenz, die Informationen stärker zu gewichten, die unsere Überzeugungen zu bestätigen scheinen und die Informationen unter den Tisch fallen zu lassen, die uns widersprechen. Wie vielen kognitiven Verzerrungen liegt dem das Bestreben zugrunde, kognitive Dissonanzen (Widersprüche in unseren Überzeugungen) zu vermeiden. Sehr gut beobachten kann man den Bestätigungsfehler bei Verschwörungstheoretikern. Sie können in der Regel ganz plausibel ihre Theorien vertreten, weil sie lediglich die Informationen zulassen, die ihre Theorien stützen und widersprüchliche Informationen ignorieren. Das Problem liegt hier auf der Hand: Wer sich zusehr von dieser Verzerrung leiten lässt, muss dumm sterben. Ab und zu mal den Kopf hochnehmen und Informationen zulassen, die unsere Überzeugungen infrage stellen, macht uns zu klugen Menschen.

Kontrollillusion: Zocken statt können
Wissen Sie, was sie tun, wenn Sie beim Würfeln eine hohe Punktzahl erzielen wollen? Sie würfeln mit mehr Kraft. Wenn Sie nur wenige Punkte brauchen, würfeln Sie extra schlapp. Warum? Nachweislich hat das keinen Einfluss auf das zufällige Ergebnis. Gleichermaßen schätzen wir unsere Chancen im Lotto zu gewinnen größer ein, wenn wir selbst die Zahlen aussuchen und halten einen Gewinn für weniger wahrscheinlich, wenn andere sie für uns aussuchen oder sie uns zufällig zugeteilt werden. Völlig idiotisch, eigentlich. Es hat aber seinen evolutionären Sinn, dass wir der Illusion erliegen, die Kontrolle über zufälliges Geschehen zu haben. Es hält uns bei Laune und motiviert uns, aktiv zu bleiben und unsere Ziele zu verfolgen. Zwei Sachen kommen bei dieser Illusion zusammen: Wir haben ein bestimmtes Ziel und müssen aktiv werden, um es zu erreichen. Im Grunde stoßen wir nur einen Prozess an, der von uns unkontrollierbaren Gesetzen des Zufalls gehorcht und wir überschätzen unseren Einfluss auf diesen Prozess. Deshalb blasen Menschen zum Beispiel in ihre Hand mit den Würfeln oder finden andere Rituale, sie ihnen Glück bringen sollen. Je größer wir den Einfluss unseres Könnens einschätzen, desto stärker ist die Illusion. Wir versuchen also tendenziell, unsere Umwelt zu beeinflussen und lassen uns davon nicht abschrecken. Vielmehr kompensieren wir unsere Machtlosigkeit mit dieser Illusion. Dieser Illusion zu unterliegen garantiert uns, dass wir Verantwortung übernehmen und uns nicht wie ein Spielball der Umstände zu fühlen. Menschen, denen diese Überzeugung ganz fehlt, fühlen sich häufiger gestresst oder sehen sich als Opfer der Umstände oder ihrer Mitmenschen. Der Verlust solcher positiven Illusionen wird auch bei depressiven Menschen beobachtet. Bei ihnen kann jedoch hinzukommen, dass sie auch dort nicht an ihren Einfluss auf die Umwelt glauben, wo sie ihn tatsächlich haben. Auf der anderen Seite finden wir Menschen, die dieser Illusion so stark unterliegen, dass sie meinen, beispielsweise Milliarden von Euros oder Dollars unter Kontrolle zu haben und dadurch Risiken eingehen, die ganze Volkswirtschaften ruinieren können.

Buch zum Thema
Es gibt unzählige solcher kognitiven Verzerrungen. Wer Lust hat, kann sich mal durch die englischsprachige Liste bei Wikipedia klicken. Das ist echt interessant, denn man fühlt sich ständig ertappt. Außerdem lernt man dabei, wie man tickt und in welche Fallen man täglich tappt. Das führt nicht nur zu Fehlern und Missverständnissen, sondern beraubt uns auch vielen Möglichkeiten der Selbstentfaltung und Horizonterweiterung. Daniel Kahneman, einer der großen Aufklärer über diese Verzerrungen, hat gezeigt, dass wir immer wieder auf diese mentalen Short-Cuts zurückfallen werden, besonders dann, wenn wir intuitiv, unbewusst und spontan urteilen, also schnell denken. Völlig zu Recht, denn es ist nicht immer möglich, alles genau zu analysieren, wir brauchen unsere Intuition und Spontaneität, um handlungsfähig zu bleiben. Ich meine aber, wir sollten die möglichen Irrtümer im Auge behalten, um nicht immer blind in die Fallen unserer kognitiven Verzerrungen zu tappen, sondern da, wo es wichtig wird, wo es um die großen Dinge im Leben geht, den Verstand zu bemühen. Erst dann werden wir die richtige Balance zwischen Rücksicht und Risiko, Sicherheit und Selbstverwirklichung, Bescheidenheit und Zuversicht treffen.



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Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen

Kommentare:

  1. ein super, super super Artikel; nur Dan Ariely mit seinen 'predictable irrational' Ansätzen hätte noch mit reingehört....
    (vgl. http://ed.iiQii.de/gallery/search.php?searchstring=ariely )
    V.a. diie sog. Finanzkrise zeigt sehr deutlich, dass 'WIR' (als Menschengeschlecht) für die Irrationalen Mechanismen, die dazu geführt haben, direkt MIT-verantwortlich sind.

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  2. Der Papst stirbt und kommt an die Himmelstür. Petrus begrüsst ihn:

    "Sei gegrüsst im Himmelreich! Sag mir deinen Namen."

    "Ich bin der Papst!"

    "Papst, Papst", murmelt Petrus. "Tut mir leid, ich habe niemanden mit diesem Namen in meinem Buch."

    "Aber ... ich bin doch der Stellvertreter Gottes auf Erden!"

    "Gott hat einen Stellvertreter auf Erden?", fragt Petrus verblüfft. "Komisch, hat er mir gar nichts davon gesagt."

    Der Papst läuft krebsrot an und sagt: "Ich bin das Oberhaupt der Katholischen Kirche!"

    "Katholische Kirche ... nie gehört", sagt Petrus. "Aber warte mal 'nen Moment, ich frag den Chef."

    Er geht nach hinten in den Himmel und sagt zu Gott: "Du, da ist einer, der sagt er sei dein Stellvertreter auf Erden. Er heisst Papst. Sagt dir das was?"

    "Nee", sagt Gott, "kenn ich nicht. Weiss ich auch nichts von. Aber warte mal, ich frag Jesus."

    "Jeeesus!"

    Jesus kommt angerannt.

    "Ja Vater, was gibt's?"

    Gott und Petrus erklären ihm die Situation.

    "Moment", sagt Jesus, "ich guck mir den mal an. Bin gleich zurück."

    Zehn Minuten später ist er wieder da, Tränen lachend.

    "Ich fass es nicht!", jappst er. "Erinnert ihr euch an den kleinen Fischerverein, den ich vor 2000 Jahren gegründet habe? Den gibt's immer noch!"

    Kognitive Verzerrungen: Warum irren wir uns systematisch?
    mfg Nikita Noemi

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