27. März 2011

Wie können wir kreativer sein?

Gustave Moreau: Hesiod und die Muse
Jeder ist immer und ständig kreativ, denn Kreativität ist eine Eigenschaft des Gehirns, mit deren Hilfe es uns eine Realität aus unseren Wahrnehmungen erschafft. Im engeren Sinne meinen wir mit Kreativität meistens die individuelle Eigenschaft eines Menschen, Probleme auf originelle Art zu lösen. Diese Eigenschaft kommt besonders bei Kunst, Literatur und Handwerk zum Tragen und überhaupt überall dort, wo wir etwas erschaffen.

Kreativität kommt von machen
Und dort ist schon die erste Antwort auf die Frage, wie wir kreativer werden können: Wir müssen einfach etwas erschaffen. Man spannt die Karre vor das Pferd, wenn man sagt: "Ich kann nicht malen, denn ich bin nicht so kreativ." Einfach los malen, fotografieren, musizieren, kombinieren, die Kreativität entsteht daraus und aus der fortgesetzten Auseinandersetzung mit der Materie und anderen kreativen Menschen. Das Geheimnis der Kreativität ist in der Tat das Kombinieren und Re-kombinieren. Auf unsere Wahrnehmung und Gedanken angewendet heißt das Verfahren Assoziation: Etwas zusammenbringen, was auf den ersten Blick nicht zusammen zu gehen scheint.

Kreativität und technische Machbarkeit
Die digitalen Medien und das Internet kommen uns heute dabei zu Hilfe. Noch nie war es so einfach und preiswert, sich mit Inspiration aus aller Welt zu versorgen und Musik, Bilder oder Videos zu bearbeiten, zu mixen, zu verfremden und am Ende sogar unter die Leute zu bringen. Nie zuvor war es einfacher und billiger, Texte zu veröffentlichen, sogar als Bücher drucken zu lassen. Jeder kann einen Blog eröffnen und zum Reporter oder Filmkritiker werden, jeder kann einen YouTube-Kanal eröffnen und zum Regisseur, Comedian oder Schauspieler werden. Was jedoch nicht einfacher geworden ist: Man muss sich vom bloßen Konsumieren von Medien losreißen und mit auf die Seite der Produzenten stellen. Dank der Technik sind die Möglichkeiten dafür gegeben - es gibt keine Ausrede für den inneren Schweinehund.

Der wahre Kern von Genie und Wahnsinn?
Ich habe die Rede vom Genie, das angeblich dicht beim Wahnsinn liegt, immer für bescheuert gehalten. Es ist einerseits eine Ausrede: "Warum bin ich nicht kreativ? Weil ich gesund bin!" Und es ist andererseits eine Herablassung gegenüber jenen Menschen, denen wir offenbar nicht das Wasser reichen können: "Der ist eben verrückt!" Einen wahren Kern hat diese unselige Übertreibung jedoch. Wenn wir das Wort "verrückt" betrachten, kommen wir ihm näher: Wer seine Perspektive auf die Welt etwas verrückt, der hat eine wichtige Voraussetzung für Kreativität geschaffen. Auch von Gesellschaften ausgegrenzt zu sein, hilft dabei, kreativ zu denken. Reisen Sie mal alleine in ein fremdes Land. Sie werden sehen, wie sehr Ihnen das zu ungeahnten Assoziationen und Kreativität verhilft. Dazu gehört natürlich auch das Thema Drogen und wie sie die Wahrnehmung verschieben. Aus eigener Erfahrung kann ich dazu nur sagen, dass mir leicht zugängliche Drogen wie Alkohol und Marihuana dabei nicht helfen, sondern mich eher zum passiven konsumieren verleiten. Die Berichte zur stimulierenden Wirkung von Drogen auf Künstler und Schriftsteller sind jedoch zahllos.

Man wird sowieso nie so gut wie Goethe
Es gibt Unmengen an Quellen zu Kreativitätstechniken oder den Phasen von Kreativität und wie man sie einleitet. Die Faustregel ist einfach: Etwas erleben, die Dinge infrage stellen, mal neue Perspektiven einnehmen und nicht zu faul und routiniert werden. Ich bin ein großer Verfechter von Kreativität, ganz egal auf welchem Level. Ich bin lieber ein Dilettant, der nichts richtig kann, aber alles versucht, als jemand, der nur konsumiert und kritisiert oder an Perfektion glaubt. Ein Bekannter, dem ich einen Romanentwurf zeigte, sagte zu mir: "Warum schreibst du denn solche Texte? Man wird sowieso nie so gut wie Goethe oder Arno Schmidt. Dann kann man es auch gleich ganz sein lassen." Ich mache es schon ganz einfach für mich. Es macht mich glücklich und ich komme in eine Art Rauschzustand, der Flow. Hinterher erfreue ich mich an dem, was entstanden ist. Und dann kann ich es auch wieder vergessen und etwas neues erschaffen. Die schönsten Erzeugnisse, seien es Videos, Texte oder Fotos, sammle ich, drucke sie aus, verschenke sie, hänge sie an die Wand oder sende sie übers Internet an die, die sich dafür interessieren. Alles ganz egal: Hauptsache man wird vom nur passiven Konsumenten zum auch aktiv Produzierenden.

Kommentare:

  1. prinzipiell einverstanden; dennoch gibt es eine Ausrede für den inneren Schweinehund, und der heisst information overload. Es nützt nämlich schier gar nix, wenn jedeR BLOGS veröffentlicht und Links bei XING oder auch in persönlichen mails postet, die niemand liest...
    der Markt hat nämlich nicht immer recht: Informations-Kompetenz beginnt hier:
    -bei mentaler Diabetes:
    http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/EstherDyson_edge_org

    - bei Ethik aus neurobiologischer Sicht http://www.edge.org/3rd_culture/morality10/morality.greene.html (AUTOPILOT!)

    - und bei der Wahrnehmungs-Kompetenz:
    http://ed.iiQii.de/gallery/search.php?searchstring=usocial
    etc.

    Innovative Grüße,
    EF

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  2. Da ist natürlich etwas dran! Ich wollte das mit folgendem Satz im Text oben andeuten: "Was jedoch nicht einfacher geworden ist: Man muss sich vom bloßen Konsumieren von Medien losreißen und mit auf die Seite der Produzenten stellen."

    Wenn man den Informations-Overload zum eigentlichen Problem macht, dann hat man keine Zeit mehr, etwas eigenes zu schaffen. Ich habe meine digitalen Tools (z.B. Feed Reader), die alles vorsortieren, so dass ich nicht überschüttet werde und mehr Zeit übrigbleibt, was eigenes zu machen und das daraus resultierende Glück zu genießen. Aber selbst ohne solche Tools geht es: Man kann nämlich auch ganz bewusst einfach den ganzen Scheiß ignorieren. Ich halte das Gestöhne vom Informations-Overload für eine faule Ausrede derer, die es nicht anders wollen. Keiner wird gezwungen, all das zu schlucken, was gefüttert wird. Man kann sich ausklinken. Man muss es nur bewusst angehen und auch machen.

    Sie haben recht: es "nützt" nichts, wenn jeder Blogs veröffentlicht. Aber es geht mir nicht um Nutzen oder darum, dass andere es lesen. Der kreative Akt ist das entscheidende für mich selbst. Aber zugegeben: Noch mehr freue ich mich, wenn es jemand liest und sogar noch kommentiert, wie Sie.

    Vielen Dank also (auch für die Links)!

    Gilbert

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  3. Ich halte das Gestöhne vom Informations-Overload für eine faule Ausrede derer, die es nicht anders wollen. Keiner wird gezwungen, all das zu schlucken, was gefüttert wird. Man kann sich ausklinken. Man muss es nur bewusst angehen und auch machen.

    Nun, auch wenn da was dran ist, klingt das für mich ein wenig nach dem bekannten Druck mit der Selbstverantwortung. Nicht dick sein, nicht rauchen, Sport treiben, 14 Stunden am Tag arbeiten, erfolgreich sein ... - Wenn du was wert sein willst, musst du eben ran. - Nicht alle können das, längst nicht alle haben den Dreh raus, wie man sich seine Insel oder seine Kanzel der Verkündigung schafft. Aber sind sie deswegen als Menschen weniger wertvoll?

    Die Informationsflut lässt sich nicht wegreden. Die ist real-existent. Und sie fordert mehr Opfer, als sie glückliche Menschen schafft. Perfiderweise hat sie ihren stärksten Arm in der Arbeitswelt - dort, wo wir uns ihr nicht entziehen können. Leistung unter Wettbewerbsbedingungen - das färbt auch aufs Private ab. Man gewöhnt sich an den Wahnsinn und hält ihn mit der Zeit nicht nur für normal, sondern gar für gottgegeben. Wie auch die sich daraus ergebende Hierarchie aus aktiv Agierenden und den eher passiven Empfängern all dieser "Segnungen" unserer Zivilisation. Nach aktuellen Studien wird Social Media seinem Namen, besonders seinem Attribut "social" nicht gerecht. Es sind gerade mal 10%, die sich auch nur halbwegs aktiv darin betätigen.

    Die Folge ist ein weiteres Auseinanderbrechen unserer Gesellschaft, die Entsolidarisierung. Es geschieht, was schon immer mit neuen Ideen geschah: Schon nach einer relativ kurzen Zeit einer Demokratisierung übernehmen die alten Leader das Kommando - natürlich in der neuen Uniform.

    So, und nun geht der "echt Kreative" natürlich wieder in die Offensive - oder nicht? Was Neues muss her. Aber sicher.

    Vielleicht müsste auch mal gesagt werden, wie der von Natur aus Genügsamere glücklich werden könnte. Dass weniger auch mehr sein kann, dass es keinen Zwang zur Kreativität gibt, dass Zeit nicht Geld ist und Langsamkeit eine Chance, mehr zu sehen als andere.

    Franz Fischli

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  4. Den letzten Absatz kann ich nur unterstreichen! Da haben sie völlig Recht.

    Ich beschreibe, was für mich funktioniert, mehr nicht. Wer dort was findet, das ihm passt, kann es gerne mitnehmen. Für mich selbst glaube ich sehr stark an "Selbstverantwortung". Das heißt aber nicht, dass ich nicht darüber im Klaren bin, dass nicht jeder dazu - aus welchen Gründen auch immer - in der Lage ist. Daher wäre Solidarität ein weiteres wichtiges Prinzip neben Selbstverantwortung.

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  5. interessante Gedanken!
    das Thema Entsolidarisierung hat für mich noch mindestens eine weitere Ursache:
    http://ed.iiQii.de/gallery/ValueCreation/KlausSchwab_wikipedia_org
    oder auch hier:
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/Shanghai_Autoverkehr2008

    http://ed.iiQii.de/gallery/search.php?searchstring=objectively

    Spiel-'theoretisch' jedenfalls ein Problem mit dem rationalen Handeln von Individuen in Gruppen...
    leider, so meine ich, kann 'uns' das mit dem Info Overload nicht egal sein, denn wir haben einen unbarmherzig-objektiven Mitspieler, der gewöhnlich nicht in den Marktmechanismen auftaucht: Evolution, Natur etc., der jedoch dringend gehört werden muss:
    http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/MichelSerres_wikipedia_org

    Innovative Grüße,
    EF

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