15. Mai 2011

Essen, gehen, sitzen, schlafen, atmen... alles falsch?

Dass wir die Relativitätstheorie nicht erklären können und Fehler in unserer Steuererklärung machen, war ja zu erwarten. Aber dass wir nicht einmal die alltäglichsten Dinge wie atmen, sitzen und essen auf die Reihe kriegen, ist dann doch etwas enttäuschend.

Nicht sitzen, nicht einmal atmen ist selbstverständlich (Infografik von Mashable.com)

Es erstaunt mich immer wieder, dass wir so viele zum bloßen Leben notwendige und vermeintlich ganz einfache Sachen kontinuierlich falsch machen. Klar, wir essen falsch, das wissen wir und damit finden wir uns meistens ab. Auch trinken wir nicht genug oder eben zu viel vom Falschen. Außerdem und jetzt wird es absurd: Wir kauen falsch (zu wenig), schlucken falsch (meist zu schnell), sitzen falsch (siehe Bild), gehen und laufen falsch, liegen falsch, schlafen falsch und so weiter und so fort. Meistens bezahlen wir das mit unserer Gesundheit, kriegen Magengeschwüre, Herzinfarkte, Bandscheibenvorfälle, schiefe Hüften und sogar Depressionen. Wenn man Spezialisten wie Ernährungswisschenschaftlern, Orthopäden und Schlafwissenschaftlern glaubt, machen wir fast andauernd alles falsch.

Falsch leben als Conditio Humana

Was mich wirklich schockt: Wir atmen sogar falsch! Gibt es auch Fische, die falsch schwimmen, Vögel, die falsch fliegen? Klar, wenn sie verletzt sind, oder sonst irgendwie in ihren natürlichen Abläufen behindert. So ist das auch bei uns: Unser Lebensalltag ist nicht natürlich, wir sitzen den ganzen Tag am Schreibtisch, haben zu wenig Bewegung, leiden unter Heuschnupfen und verlernen somit auch das richtige Atmen. Das Letzte, was wir wollen können, ist allerdings, dass wir zurück zu einem natürlichen Lebensablauf kommen. Das hieße nämlich, dass wir den ganzen Tag hinter unserem Essen hinterherrennen müssten und - trotz richtiger Atmung - mit ca. 33 Jahren sterben würden. Anthropologisch könnte man sogar argumentieren, dass der Mensch per Definition kein natürliches Leben führt, denn dann wäre er ein Tier. Angefangen vom unnatürlichen aufrechten Gang, über die Entfremdung der Arbeit, bis zur Kunst der Medizin - all das gehört zum menschlichen Leben, zur Kultur und nicht zur Natur.

Atmen ist mehr als Sauerstoffzufuhr

Das heißt aber nicht, dass wir gar nichts tun sollten, uns in einigen Aspekten einem natürlicheren Leben wieder anzunähern. Das Atmen sitzt an einem interessanten Punkt, es überschneidet sich vielfältig mit psychologischen Zuständen wie Angst, Aufregung, Anspannung und auf der anderen Seite mit Ruhe, Schlaf, Entspannung. Atmung und diese Zustände bedingen sich jeweils gegenseitig in beide Richtungen: Wer falsch atmet, kann sich in ungünstige psychologische Zustände versetzen, wer bewusst richtig atmet, kann sich aus solchen Zuständen befreien. In der anderen Richtung verursachen bestimmte psychologische Zustände auch eine bestimmte Atmung, z.B. eine ruhige, tiefe Atmung, wenn wir schlafen oder eine schnelle, flache Atmung, wenn wir Angst haben.

Sich selbst beobachten und bewusster leben

Die gute Nachricht: Alle diese alltäglichen Lebensnotwendigkeiten vollziehen wir unbewusst und oft hilft es schon, sich einfach selbst zu beobachten und die Tätigkeiten bewusst zu begleiten, um die gröbsten Schäden zu vermeiden. Wenn man bewusst länger kaut und langsamer schluckt, dann genießt man nicht nur das Essen mehr, sondern man tut auch seiner Gesundheit etwas Gutes. Das Atmen scheint eine Kunst für sich zu sein, hier gibt es zahllose Techniken, die man erlernen kann, um besser zu sprechen, weniger aufgeregt zu sein oder sogar Depressionen und Angst entgegen zu wirken. Schon ausreichend Bewegung oder Sport hilft hier, aber auch alle möglichen Meditationen, Therapien oder Yoga erfordern und befördern die richtige Atmung. Am einfachsten ist es aber, sich einfach mal selbst zu beobachten: Wie esse ich? Wie laufe ich und wie ist meine Haltung, wenn ich sitze? Wie tief oder flach ist meine Atmung? Sie werden es merken: Durch die bloße Selbstbeobachtung, werden wir anfangen, tiefer zu atmen, besser zu sitzen und langsamer zu essen.

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