9. Juli 2011

Stigma und Segen der Melancholie

"Wo von den Höhen des Staates herab alles bis in die Formen der Sexualität als lückenlose Ordnung des Glücks entworfen wird, dort ist der Melancholiker eine Unperson." (Hartmut Böhme in Kritik der Melancholie und Melancholie der Kritik)

Walter Benjamin: Produktion der Leiche, ist vom Tode her betrachtet, das Leben.

Ich habe schön oft über Melancholie geschrieben, zum einen weil ich denke, dass Melancholiker es schwer in unserer von Optimismus und Tatendrang geprägten Welt haben. Ihre Disposition ist gesellschaftlich stigmatisiert. Zum anderen, weil ich überzeugt bin, dass zu einer aktiv geführten und gefühlten Existenz beides gehört: Schmerz und Freude. Oder vielmehr eine aufrichtige Haltung zu Schmerz und Freude und ein nachhaltiger Umgang mit diesen beiden Seiten unserer Gefühlswelt. Die Melancholie hat einen besonderen Reiz. Sie steht dafür, einen Schritt zurückzutreten, innezuhalten und dem manchmal irren Treiben der Welt eine Skepzis entgegenzuhalten. Diese Haltung leistet man sich nicht in den Führungsetagen oder auf dem Börsenparkett. Diese Haltung findet man in Romanen, in der Lyrik, beim Tanz und im Theater, auf Leinwänden in Kinos und Ausstellungen. Mit anderen Worten: Melancholie ist subversiv, unterminiert das ständige Vorwärts der Gesellschaft, ihre mühsam eingerichten Sinngefüge um Religion, Politik und Wirtschaft. Das ist der Grund, warum die Melancholie stigmatisiert und sogar in die Nähe von psychischer Krankheit gerückt wird.

Hartmut Böhme hat in seinem Aufsatz Kritik der Melancholie und Melancholie der Kritik herausgestellt, wie der Melancholiker zum einsamen Feind des Christentums und der Aufklärung und damit unserer modernen Welt worden ist:

"Die abendländische Einsamkeit wurzelt im melancholischen Temperament; wer nicht dazugehört, nicht von den kodifizierten Zielen des Handelns - Gottgefälligkeit, Glück, Erfolg, Reichtum - getragen scheint, macht sich verdächtig. Tendenziell ist jeder Melancholiker auch ein Häretiker oder Dissident. Sein Denken und seine Gefühle schweifen in Zonen des Tabus, der Sünde, der Unmoral, der Normlosigkeit. Das Gefängnis seines Schmerzes wird nicht als solches verstanden, sondern als Hartnäckigkeit und Hochmut, mit denen er sich dem rechten Glauben, den Sitten und Kulturformen entzieht. Daß der Melancholiker über Bewußtsein und Bildung verfügt, macht das Wissen als solches verdächtig. Zuviel Denken, zuviel Grübeln über das, was ist und woran alle glauben und teilhaben, ist ein Übel vor Gott und den Menschen. Davon bleibt die Geschichte des europäischen Intellektuellen bis heute belastet."

Die Melancholie gerät in die Schere zwischen dem politisch rechts stehenden Ordnungsdenken, dem sie als nonkonformistische Haltung sehr suspekt ist und der linken Moral des Engagements, der die Melancholie als Geisteshaltung des Rückzugs aus der gesellschaftlichen Verantwortung erscheint. Interessanterweise ergeben sich auch Schnittpunkte zwischen dem Melancholiker und dem Introvertierten. Nicht jeder Introvertierte ist auch im besten - also subversiven - Sinne Melancholiker. Aber zu jedem Melancholiker gehört doch eine kräftige Portion Introversion. Die Stigmatisierung der Introvertierten, Intellektuellen, Künstler und Melancholiker durch die Fürsprecher des Fortschritts ist unfair und widersinnig. Denn, wie Böhme schreibt, nicht aus der Zufriedenheit und der Abwesenheit von Schmerz werden Utopien entwickelt, sondern aus einem Mangel heraus, aus dem Leid an der ungenügenden Wirklichkeit. Die Melancholie steht jedoch gerade nicht für die Verzweiflung und Lähmung im Angesicht der vermeintlichen Katastrophe, die diese Welt bedeutet. Vielmehr lehnt sie das Selbstmitleid und das Gejammer ab und bemüht sich um eine Haltung gegenüber der Gesamtheit, die diese Welt ist (ob nun als Katastrophe oder Heilsgeschichte interpretiert). Dazu zählt die Skepsis gegenüber unseren Werkzeugen des Fortschritts und seinen Wissenschaften, die schon Dürer in seiner Melencolia I von 1514 auszudrücken scheint. Aber auch die Bereitschaft, nicht in einen pseudoexistentialistischen Fatalismus zu verfallen, sondern sich seiner Verantwortung zur Entscheidung bewusst zu werden. Wenn wir nur dieses eine Leben haben und es am Ende nichts weiter tut, als uns zu Leichen zu machen, dann sind nur wir selber es, die diesem kurzen Abschnitt Sinn verleihen können. Das ist die Haltung und Verpflichtung eines Melancholikers: Annehmen der Verantwortung für das Jetzt.

1 Kommentar:

  1. Diesen Satz finde ich sehr treffend:
    "Die Melancholie steht jedoch gerade nicht für die Verzweiflung und Lähmung im Angesicht der vermeintlichen Katastrophe, die diese Welt bedeutet. Vielmehr lehnt sie das Selbstmitleid und das Gejammer ab und bemüht sich um eine Haltung gegenüber der Gesamtheit, die diese Welt ist", v.a. als Argument gegenüber den Berufs-Optimisten, die am liebsten jedem Skeptischen Kritiker den Mühlstein des 'Kultur-Pessimismus' anhängen; andererseits glaube ich nicht, dass nur die Melancholiker Utopien entwickeln können, eine Jede nach Ihrer Facon eben, die Einordnung in politische Kategorien Links / Rechts halte ich nicht für schlüssig

    AntwortenLöschen