7. Dezember 2011

Die Bestie zähmen. Statt Meeting.

Unser Autor Erich Feldmeier zeigt in diesem Artikel, woran wir in unseren täglichen Versammlungen immer wieder scheitern und was wir beachten sollten, wenn wir aus Klimawandel und Finanzkrise evolutionär gestärkt hervor gehen wollen.

"Die Senatoren sind gute Männer, doch der Senat ist eine Bestie." (1) Bild von The Capitains Memos

Wir taumeln von Krise zu Krise, von Meeting zu Meeting. Wer die letzten Monate die Dauer-Sitzungen etwa zur Finanz- und Wirtschafts-Krise betrachtet hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir auf höchstem Niveau aneinander vorbeireden.

Wir können hier wieder Jonah Lehrers Madeleine anführen, wo recht plausibel nachgewiesen wird, dass Fortschritte in Kunst und Kultur (samt den entrückten Menschen, die darin tätig sind) oft den Fortschritten in der Wissenschaft vorausgehen. Dies ist nun keinesfalls ein Plädoyer oder eine Absolution für die Beliebigkeit und "Wahnsinn aller Art". Vielmehr lohnt es sich, das Erfahrungswissen der Menschheit, die Philosophie, gezielt und systematisch daraufhin zu untersuchen, ob wir nicht schon längst den Schlüssel für eine progressive Organisations-Entwicklung in Händen halten, ihn aber nicht zu nutzen wissen.

"Ich glaube, auch du, lieber Gorgias, hast über viele Unterredungen Erfahrungen gemacht und dabei auch selten den Fall erlebt, daß die Leute leicht über den Gegenstand, den sie gerade sich vorgenommen haben, sich zu unterhalten verstehen... Einige gehen zuletzt gar mit Unehren auseinander, indem sie sich beschimpfen und über einander gegenseitig Dinge aussprechen, daß sich die Anwesenden um ihrer selbst willen ärgern, daß sie solcher Leute Zuhörer hatten werden wollen." (2)

Wir sehen also, in Platons Griechenland passierte dasselbe wie in Italien. Welch hübscher Vergleich drängt sich da geradezu auf mit der Neuzeit? Und das nicht nur in den Parlamenten, sondern auch in den hochgelobten Team- und Brainstorming-Veranstaltungen. Die Süddeutsche etwa schreibt zum Thema Teamsitzungen:

"Das Komische ist, dass sie überall gleich ablaufen, egal, wohin man kommt. Manchmal gibt es Anläufe, etwas zu verbessern, aber sie verlaufen stets im Sand." (SZ, 06.07.09)

Willkommen in der Alternativlos-Realität und in der Dauer-Verschwendungs-Ökonomie, die jedem nüchternen betriebswirtschaftlichen Kalkül spottet. Wir möchten die Alternativlosigkeit nicht einfach hinnehmen und wenden uns dazu der (Neurobiologie-)Forschung bzw. den entrückten Forschern aus dem vergeistigten Elfenbeinturm zu. Gibt es Forschungs-Erkenntnisse, die geeignet sind, die ewigen philosophischen Wahrheiten zwanglos zu erklären?

Die neurobiologische Bestie
"If you can trust a person, a contract is superfluous.
If you can't trust him, a contract is useless"
Paul Getty

Zunächst gibt es Erkenntnisse, daß das Verhalten von Menschen untereinander durch das Vertrauens-Hormon Oxytocin beeinflusst wird. Sogar eine genetische Ursache und Variabilität wurde dingfest gemacht, wobei wir auch diesmal darauf hinweisen, dass individuelles Verhalten keinesfalls monokausal erklärbar, gar entschuldbar ist. Oxytocin, hat leider auch den kleinen Nachteil, dass dadurch die Anderen umso stärker ausgegrenzt werden. Mit anderen Worten der Zusammenhalt der eigenen Gruppe wird gestärkt und mit einer Fremdenfeindlichkeit abgesichert. Im Sinne des Diversity- und Innovations-Managements, bei dem es ja gerade darauf ankommt, Unbekanntes aktiv zu fördern, ist dies sicherlich suboptimal. Diese Komponente des Zusammenhalts wird auch bei Eckart Voland im Evolutions- und Sozio-biologischen Zusammenhang diskutiert. (3, 4)

Zum zweiten wird die Zusammenarbeit durch die Amygdala gesteuert. Detlef Linke etwa berichtet in seinem Buch Versuch einer neuro-philosophischen Ethik, dass die Amygdala, der Freund-Feind-Schalter, quasi-automatisch dazu führt, dass und ob wir miteinander konstruktiv oder misstrauisch umgehen. Mit anderen Worten ob Meetings in wenigen Minuten in konstruktiver Atmosphäre geführt werden oder quälend lange in unendlichen Schein- und Fussnoten-Diskussionen verlaufen. (5)

Die neurobiologische Bestie zähmen. Das ist der Kern der Organisationsentwicklung. Wir sollten deshalb nicht von Meeting zu Meeting hetzen, sondern uns zuerst über die neurobiologischen Gründe der (Nicht-) Zusammenarbeit klarwerden. Hoffnungsvoll ist in diesem Zusammenhang vielleicht, dass Michael Tomasello von der Max-Planck-Gesellschaft für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig am 2 Dezember 2011 der hochdotierte Klaus Jacobs-Forschungspreis verliehen wurde: Für bahnbrechende Studien zu Kooperation und Konkurrenz. Im Interview mit der SZ betont er, dass ohne diese neurobiologische-evolutionäre Basis weder Finanzkrise noch Klimawandel lösbar sein werden. Trotz bzw. wegen all der Meetings (6).


Fußnoten
  1. Der Senat
  2. Gorgias
  3. Alexandr Kogan, Ernst Fehr und Carsten de Dreu über Oxytocin
  4. Eckart Voland
  5. Detlef Linke
  6. SZ: Fairness ist eine Voraussetzung für Zusammenarbeit

Kommentare:

  1. Ohne Augenringe und Rituale geht es nicht, schreibt schon recht ironisierend:
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,802477,00.html
    "In Brüssel werden die Chefs der 27 EU-Staaten bis Freitag den xten Versuch starten, die gemeinsame Währung, den Kontinent zu retten und man darf annehmen, dass es auch diesmal sehr technisch zugehen wird"

    Gute Nacht! und weiterträumen... ;-)

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  2. Technisch. Und auch sehr menschlich. Ganz spieltheoretisch ist der Mann von der Insel mit einem "No" ausgestiegen. "My folks first!" Aber sein Volk ist sich noch nicht sicher, ob das langfristig die richtige Entscheidung war.

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  3. Kanada ausgestiegen...

    Yvo de Boer, Ex-Welt-Klimaminister:
    "Wenn Sie mit den Politikern persönlich sprechen, dann sind das alles sehr nette und sensible Leute.
    Wenn Sie sie aber gemeinsam in einen Raum sperren, dann ändert sich plötzlich alles...
    JedeR deutet auf 'Die Anderen'...
    "SZ: Ist die Menschheit einfach nicht imstande, das globale Klimaproblem zu lösen?
    YDB: Ich hoffe, Sie irren sich"
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/yvo_de_boer_unfccc_int

    Ban Ki Moon sagte einst: Globales Selbstmordkommando

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