23. Oktober 2012

Erfahrungen in völliger Dunkelheit

Ein Bewusstseinsexperiment von Saskia John, Tag 8

Letztens war ich mal wieder in der Radiologie. Ich musste fast eine Stunde in einer MRT-Röhre liegen. Still liegen, nichts lesen, nichts sehen und immer diese rhythmischen Klopfgeräusche des sich aufladenden Magneten ertragen. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, für einige wird es an Folter grenzen. Es hat jedoch auch seine interessanten Seiten: Man ist so ziemlich allen normalen Sinnesreizen beraubt, eine Situation die für unser Hirn ganz ungewöhnlich ist. In dieser Reizarmut fängt das Hirn an, zu spinnen. Ich sah plötzlich sich ändernde Muster, geometrische Formen und bunte Farben. Die Klopfgeräusche formten eine schräge Musik und ich geriet in eine Art Trance, in der sich Traum und Wirklichkeit mischten. Am nächsten Tag las ich auf myMONK von Saskia Johns Erfahrungen in völliger Dunkelheit. Bis zu 24 Tage hintereinander verbrachte sie fastend in einem kleinen stockfinsteren Raum und erhielt nur einmal täglich kurzen Besuch. Wenn ich nach 45 Minuten in der Röhre schon anfange zu halluzinieren, was passiert dann erst, wenn man ganze Tage oder Wochen in einem dunklen Raum allein verbringt? Saskia John hat darüber ein Buch geschrieben: In den Tiefen meiner Seele: Erfahrungen in völliger Dunkelheit. Ich freue mich, zusammen mit der Autorin hier einen Auszug veröffentlichen zu können und in einem weiteren Artikel ein paar Gedanken mit ihr zu diskutieren.

Alle Erfahrungen, die aufgrund von Gedanken und Vorstellungen bewusst oder unbewusst gemacht werden, sind selbst kreierte Erfahrungen. Sie haben eine Realität, aber nur in demjenigen, der sie denkt und sich die Dinge vorstellt. So wird eine eigene Welt geschaffen, innerhalb derer gelitten und sich wohlgefühlt wird.

Dunkelheit als Spiegel
Mir kommt die Idee, die Dunkelheit als Spiegel für mich zu nehmen. Da ich sie nicht durchdringen kann und wie blind bin, nehme ich das als den dunklen Teil in mir, der noch nicht klar sehen kann. Es ist wie ein dunkler Vorhang, den ich aus unbewussten Gründen einmal selbst geschaffen habe und der mir nun den Blick ins Licht verwehrt. Vielleicht ist die allgemein gültige Anschauung, dass im Dunkeln nicht gesehen werden kann, nur ein Glaubenssatz, den ich übernommen habe und der mich bis heute zuverlässig blockiert? Ansonsten fühle ich mich wohl im Dunkeln, geschützt, sicher, ruhig und geborgen. Auf diesen Spiegel der Dunkelheit lasse ich mich jetzt näher ein.

Ich setze mich zur Meditation und schaue bewusst in die Dunkelheit. Je länger ich schaue, umso mehr habe ich das Gefühl, dass es heller wird. Zur Kontrolle halte ich die Hand vor meine Augen und sehe ganz schwach deren Umrisse, wie ein zarter, hellerer Saum. Es ist aber so schwach zu sehen, dass es auch reine Einbildung sein kann. Die Dunkelheit ist der Spiegel der eigenen Dunkelheit in mir. Bin ich denn bereit, es hell werden zu lassen, zu sehen, was dann zu sehen ist? Oder ist es bequemer, nicht zu sehen? Ist doch ein wohl vertrauter Zustand, diese Dunkelheit. Die Schamanen der Naturvölker können Dinge, die wir Westler uns kaum vorstellen können. Es ist also möglich, Zugang zu haben zu einer Welt, die unser westlicher Verstand nicht fassen kann, Zugang zu haben zu „Etwas“, was unsere moderne Zivilisation eingebüßt hat. Wenn ich die Menschheitsgeschichte im Überblick betrachte, habe ich den Eindruck, dass der Mensch sich immer mehr von seiner wahren Natur und vom Einklang mit einer höheren Kraft entfernt, je mehr moderne Technik in sein Leben Einzug hält. Was allgemein als Fortschritt gilt, macht total Sinn und dient dazu, unseren Alltag zu erleichtern. Also geht es nicht um den Fortschritt an sich, sondern die Frage ist, wie gehen wir damit und mit uns selbst um? Wenn der Preis ist, dass der Mensch sich immer mehr von sich selbst entfernt, macht mich das sehr nachdenklich, denn es hat enorme Konsequenzen auf die gesamte Menschheit. Wir sind abhängig von äußeren Dingen. Der Fortschritt ist hilfreich in unserem Leben, scheint aber unsere innere Abhängigkeit auf gewisse Art zu unterstützen, indem wir uns mit den Geräten beschäftigen, statt mit uns selbst. Auch bringt der Fortschritt unsere Abhängigkeit sehr deutlich ans Licht. Wie würden wir uns ohne all die vielen technischen Geräte fühlen? Ohne Internet, Handy und Fernseher? Wissen wir noch was mit uns selbst anzufangen?

Licht und Dunkel 
Ich habe den Eindruck, Licht zu sehen. Schaue ich jedoch in diese Richtung, sehe ich nur Dunkelheit. Dabei ist es egal, ob meine Augen offen oder geschlossen sind, der Eindruck ist derselbe. Ich sehe den von rechts hinter mir kommenden und nach vorn strahlenden Lichtschimmer so deutlich, dass ich es nicht mehr unter Einbildung verbuchen kann. Mein Verstand kapiert das nicht – Lichtschein und stockdunkel gleichzeitig.

In dem gleichen Maße, wie ich nicht sehen kann, kann ich auch nicht hören, fühlen, schmecken oder riechen. Das Dunkel liegt quasi auf allen nichtphysischen Wahrnehmungsorganen. Zugleich merke ich die positiven Auswirkungen der seelischen Reinigungsprozesse auf alle Sinne – sie sind besser denn je – ich merke es am schmecken, tasten und hören, alles ist viel klarer und reiner.

Von rechts oben kommt ein ziemlich heller Lichtschein, der vor mir eine weiße Wand entstehen lässt. Sieht milchig weiß aus und ist undurchsichtig. Während ich auf das Diktiergerät spreche, geht die helle Wand wieder weg und ich schaue in das gewohnte Dunkel. Wie fühle ich mich? Das Dunkel ist mir vertraut, gibt mir Sicherheit, Ruhe und Geborgenheit. Es macht mich aber auch hilflos und lässt mich tastend durch die Gegend laufen. Ich bin gezwungen, mich langsam zu bewegen. Das Dunkel ist auch bequem, denn ich brauche mich nicht mit etwas äußerlich Gesehenem auseinanderzusetzen. Es ist undurchdringlich und dicht, wie dunkler bzw. dichtester heller Nebel.

Ich lege mich hin und sammle mich erst einmal im Bauch. Von rechts oben kommt der Lichtschein. Ich schaue auf ihn und konzentriere mich, versuche, in den Lichtschein einzutauchen. Plötzlich knipst sich das Licht aus, als ob jemand im OP-Saal die OP-Lampe ausknipst – alles stockdunkel. Gedanken steigen auf und ziehen mich fühlbar aus dem Jetzt weg. Dadurch ist es erst recht dunkel. Es ist unglaublich, wie schnell es geht, wegzudriften in die eigene Gedankenwelt, die aber nichts mit dem Jetzt und der Dunkelheit zu tun hat. So deutlich aufgefallen wie jetzt ist mir das vorher noch nicht. Es hat keinen Sinn, weiter im Liegen zu meditieren. Ich meditiere im Sitzen weiter.

Die Dunkelheit wirkt wie eine undurchdringliche schwarze Wand auf mich, die mir nicht gestattet, sie zu durchdringen. Ab und an erscheint wieder von rechts oben ein helles, viereckiges Fenster mit einem Rahmenkreuz. Schaue ich dorthin, ist eine milchige Wand zu sehen, durch die ich aber nicht durchschauen kann. Das Licht ist so zart, dass es den Raum nicht erhellt. Wie geht es mir mit dieser dunklen Wand? Als hätte ich ein Brett vor dem Kopf. Ich bin ratlos, da diese Wand überall ist und ich nicht weiß, wie ich an der Wand vorbei- bzw. durch sie durchkommen kann. Gehe ich in das Dunkel hinein, ändert sich auch nichts. Ich bitte um höhere Unterstützung. Ab und zu sehe ich schemenhaft große Drachenköpfe mit riesigen Krokodilzähnen auf mich zukommen. Die kenne ich schon gut, nichts Besonderes – sie lösen weder Spannung noch Neugier oder Angst in mir aus – sie berühren mich nicht, daher lasse ich mich nicht darauf ein. Sie verschwinden genauso schnell wie sie kommen. Aus der Dunkelheit finde ich nicht heraus. Wenn sie ein Spiegel für mich selbst ist, dann müsste ich ja diese Dunkelheit sein. Das Gefühl habe ich jedoch nicht – ich bin nicht die Dunkelheit. Sie steht mir gegenüber, ist vor mir, umgibt mich und ich fühle mich getrennt von ihr. Und doch weiß ich, es ist ein Spiegel meines Selbst – ich bin in der Dualität, daher fühle ich mich getrennt von der Dunkelheit.

(11/2007: Da ist die Spaltung in mir und die Projektion in die Dunkelheit, wie auch auf andere Personen und die Umwelt, und dadurch das Gefühl, „das hat doch nichts mit mir zu tun“.)

Gedanken ziehen aus dem JETZT raus
Wenn ich mich auf das JETZT einlasse, auf die Dunkelheit, und nur darauf und nichts anderes denke, dann gibt es auch keine Probleme. Wenn ich Gedanken nachhänge, bin ich nicht in der Gegenwart, sie ziehen mich immer weg davon. Ich folge dann einem inneren Bild, das in mir in der Vergangenheit, durch das, was ich erlebt, erfahren, gehört und gelesen habe, entstanden ist. Das JETZT erlebe ich in einer erhöhten oder anderen Aufmerksamkeit als ein ruhiges Gewahr-Sein, in der Mitte Sein, ohne zu denken, zu fühlen, ohne Probleme, einfach SEIN. Gedanken verbrauchen Energie, ich fühle es direkt. Im Sein ist Ruhe, Erholung, auftanken.

[05/2010: Der Energieverbrauch normaler Gedankengänge ist vergleichbar mit einem Auto, das ruhig im Spritsparmodus fährt, während der Zustand der Betriebsamkeit (etwas haben und erreichen wollen aus einem inneren Defizit heraus) vergleichbar ist mit dem 6. Gang, voll durchgetreten, höchster Sprit- und Energieverbrauch.]

Ich meditierte und war tief unter die Gedankenschicht abgetaucht in das Gewahr-Sein. Plötzlich drang ein Geräusch an mein Ohr. Sofort spürte und bemerkte ich, wie der Verstand begann, sich zu regen. Das Geräusch wirkte dabei wie eine kurze Zündschnur, die den Verstand sofort anspringen und auftauchen ließ – als hätte er im Hintergrund lauernd nur auf „Beute“ gewartet. Die Aufmerksamkeit wurde aus meiner Mitte dorthin gezogen. Ich konnte förmlich zuschauen, wie der Verstand das Geräusch zu analysieren, bewerten und mit Bekanntem zu vergleichen begann und einen Plastikeimer daraus „machte“, der auf Holz geklopft wird, um Reste aus dem Eimer zu entleeren. Ganz automatisch tut der Verstand das. Da ich meine Vermutung noch nicht mal überprüfen konnte, machte sich der Verstand also Gedanken über etwas, was im Grunde genommen gerade völlig unwichtig für mich war und verschwendete dabei Energie in hohen Maßen. Es ist schon erstaunlich, wo überall Energie verloren geht. Da dies ein Prozess ist, der permanent unterschwellig abläuft, fällt er im Alltag gar nicht auf. Der Gedankenschwall ist wie Musik, die leise im Hintergrund läuft und nach einiger Zeit nicht mehr gehört wird. Es wird nicht einmal mehr bemerkt, dass sie überhaupt läuft. Erst durch das innere Schweigen wird sie wieder wahrgenommen. Ich lasse die Gedanken los, nehme die Aufmerksamkeit zu mir zurück und sinke sofort wieder tiefer unter die Gedankengrenze.

Dunkelheit durchdringt mich 
Wenig später konzentriere ich mich erneut auf die Dunkelheit und lenke die Aufmerksamkeit auf meine Hände. Dabei habe ich den Eindruck, als ob die Dunkelheit meine Hände durchdringt – als ob meine Hände keine Grenze mehr haben. Ich richte nun die Aufmerksamkeit auf meinen Körper – auch hier der gleiche Eindruck des Fehlens der Körpergrenzen. Als ob ich völlig vom Dunkel umgeben und gleichzeitig durchdrungen bin. Wenn ich jedoch meinen Körper berühre, fühle ich die Körpergrenze. Mir wird klar, dass die körperlichen Sinne (sehen und fühlen) diese Grenzen vermitteln. Durch die lange Dunkelheit und die Meditation, in welcher ich nach meinem Gefühl stundenlang bewegungslos sitze, lösen sich diese durch die Sinne vermittelten Grenzen wieder auf.

Ich mache mir gerade Gedanken, wieso es mir so schwer fällt, mich zum Tai Chi aufzuraffen. Ich muss richtig starke Willenskraft aufbringen, um wenigstens einmal am Tag die Form zu laufen. Wenn ich den ganzen Tag üben würde, könnte ich mein Tai Chi weiter verbessern. Nach dem Tai Chi wiederum frage ich mich täglich aufs Neue, wieso es mir so schwer fällt, zu üben, wo doch das Gefühl dabei, vor allem auch danach, einfach phantastisch ist – der Körper lebt auf von der Bewegung.

Mir wird bewusst, dass ich seit Tagen keinerlei Rückenschmerzen habe – welch geniales Gefühl! Auch meine beiden Hüften sind besser, vor allem die rechte. Es zeigt mir, dass der Schmerz ausschließlich von der verspannten Muskulatur herrührte und meine Hüfte okay ist.

Ich setze mich zur Meditation, die ich jedoch nach ca. 10 Minuten wieder abbreche. Mein Nacken tut weh und der Schmerz zieht bis in den Kopf hinein. Ich habe Spannungen im gesamten Oberkörper und keinen Bock darauf, dass Kopfschmerzen entstehen. Ein guter Grund, ins Bett zu gehen. Ich versuche, noch eine Runde zu schlafen.

Ganz unerwartet ist Holger gekommen und ich bin total erstaunt, dass die Zeit schon wieder um ist. Es ist ja schon Freitagabend! Eine Woche ist schon wieder um...


Neugierig auf mehr? Dann bestellen Sie das Buch. Außerdem gibt Saskia John im Gespräch über ihre Erfahrungen Auskunft. Dort werden auch Fragen diskutiert wie: Was passiert im Geiste, wenn wir sterben?

1 Kommentar:

  1. Hi Gilbert,

    Danke für die Veröffentlichung dieses sehr interessanten Buchauszugs.

    Dein Aufenthalt in der Röhre wäre für mich vermutlich jedoch schlimmer als ein Vielfaches der Zeit in der Dunkelheit.

    LG

    Tim

    AntwortenLöschen