27. Oktober 2012

Nach der Dunkelheit: Ich lebe heute mehr!

Ein Gespräch über bewusstes Leben, gelassenes Sterben und das innere Kind


Saskia John im Licht
Saskia John ist Autorin und Heilpraktikerin in ihrer eigenen Naturheilpraxis in Luckenwalde. Sie hat das Buch In den Tiefen meiner Seele: Erfahrungen in völliger Dunkelheit geschrieben, aus dem wir den achten Tag als Auszug auf Geist und Gegenwart veröffentlicht haben. Heute spricht Saskia John mit mir über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse während und nach ihren Dunkeltherapien.

Frau John, wie wir lesen konnten, haben Sie recht extreme Erfahrungen hinter sich, nämlich bis zu 24 einsame Tage in einem kleinen, stockfinsteren Raum. In Ihrem Buch darüber wird deutlich, dass diese Erfahrungen an sehr tiefe Schichten, körperliche und emotionale Schichten des Seins rührten. Bevor wir dazu kommen, aber die Frage, die mich am meisten umtreibt: Was hat sich jetzt nach einiger zeitlicher Distanz auf der Ebene der Erkenntnis für sie aus diesen Erfahrungen ergeben?

Ich habe in der Dunkelheit sehr tiefe Seins-Schichten kosten dürfen, wodurch mir sehr viel klarer wurde, wer ich bin und wer ich nicht bin. Rückblickend kann ich sagen, dass in der Dunkeltherapie hart verkrustete Schalen aufgebrochen sind und etwas Neues, das Alte zugleich beinhaltend, zum Vorschein kam. Damit einher ging und geht nach wie vor – auf der Ebene des Raum-Zeit-Gefüges – ein tiefgründigeres Verstehen und ein fundamentaler Wandlungs-, Erkenntnis- und Wachstumsprozess. Ich lebe heute mehr und überlebe weniger, was ein grundlegend anderes Lebensgefühl in allen Bereichen ist.

Dieser in der Raum-Zeit stattfindende Entfaltungs- und Erkenntnisprozess ist wie eine Reise in die Tiefen des Universums: ohne Ende, ohne Wissen, ohne Kontrolle, ohne Sicherheitsgriffe, ohne Vergleichsmöglichkeiten. Je mehr Erfahrungen ich auf dieser Reises mache, umso deutlicher wird mir bewusst, wie sehr ich als Mensch auf verschiedenen Ebenen in viele in einander greifende und gleichzeitig wirkende Kräfte eingebunden bin und dass ich im Grunde nur sehr wenig weiß über das Mysterium des Seins und seine verschieden tiefen Dimensionen und deren Wechselwirkungen untereinander. Diese im Laufe der Jahre immer klarer werdende Erkenntnis ließ und lässt mich angesichts dieser Kräfte zugleich immer bescheidender und demütiger werden.

In welchen Aspekten hat sich Ihr Leben als Konsequenz auf diese Erfahrungen tatsächlich geändert? Gab es große Schnitte, die Sie danach gemacht haben?

Es gab bereits vor der Dunkeltherapie therapeutische und spirituelle Prozesse, die Weichenstellungen und Veränderungen in meinem Leben einleiteten. Die in der Dunkelzeit erfahrenen Öffnungs- und Erkenntnisprozesse gliederten sich da sehr vertiefend ein und haben weitere grundlegende Wandlungen in mir vollzogen, die sich auf mein gesamtes Leben nachhaltig auswirken.

Können Sie Beispiele nennen?

In der Zwischenzeit haben sich alle Beziehungen, in die ich eingebunden war und bin, verändert. Ich habe Menschen losgelassen, viele andere kamen dazu und so ist für mich ein ganz anderes Beziehungsfeld entstanden, innerhalb dessen heute erwachsenere Beziehungsdynamiken stattfinden als zuvor. Mein altes materialistisches Weltbild ist wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen und ich erfuhr und erfahre sehr tief, dass es noch mehr gibt als das, was ich anfassen und mit den physischen Augen sehen kann. Mein Bewusstsein hat sich geändert, meine Sensitivität und Wahrnehmungsfähigkeit haben sich geweitet, sodass ich jetzt mit völlig anderen Augen und mehr Verantwortungsbewusstsein in die Welt und auf die Herausforderungen des Lebens schaue. Die eigene innere Stimme ist wieder so laut hörbar, dass ich sie deutlich von fremden unterscheiden kann – ein sehr beglückendes Gefühl. Damit sie nicht wieder verstummt, gehe ich, soweit es mir bewusst ist, keine faulen Kompromisse mehr ein und folge meiner Wahrheit und meinem Weg entsprechend der inneren Führung mit größerer Klarheit. Im Laufe der Jahre ist aus mir sozusagen ein anderer Mensch geworden: tiefer, weicher, berührbarer, herzlicher, klarer, offener und toleranter.

Wenn ich es richtig verstehe, dann fand über Ihre Dunkeltherapie auch eine starke Bewusstmachung von zuvor Unbewusstem statt. Sie sprechen vom inneren Kind, das wir in uns tragen und das, wenn es nicht reflektiert wird, auch in unserem Erwachsenenalter auf unangenehme Situationen nicht adäquat reagiert. Das erinnert mich an Freuds Praxis der Bewusstmachung von Unbewusstem. Ist es das, was Sie wollen oder wo sind die Differenzen?

Ja, im Grunde geht es darum, "Herr im eigenen Hause" zu sein. Das heißt für mich, sich authentisch, bewusst und erwachsen auf Situationen und Menschen beziehen zu können, auch wenn diese auf der persönlichen Ebene als unangenehm oder schwierig empfunden werden. Dies zu können, setzt eine hohe emotionale Kompetenz voraus, die in unserer heutigen Gesellschaft eher noch wenig Vorbilder hat. Im normalen Alltag ist oft zu beobachten, dass Erwachsene aus einem inneren Überforderungsgefühl heraus mit in der Kindheit erlernten Abwehrstrategien in Form von Rechtfertigung und Verteidigung auf für sie unangenehme Situationen oder Lappalien in unangemessener Weise reagieren. Das findet täglich viele Male (oft unbewusst) in allen sozialen Schichten statt und führt in den jeweiligen zwischenmenschlichen Beziehungen zu zahllosen schmerzhaften seelischen Verletzungen, die wiederum, weil sie wieder und wieder geschehen, zu psychischen und körperlichen Krankheiten führen können. In meinem Buch habe ich viel über die Arbeit mit meinem inneren Kind beschrieben, um Möglichkeiten aufzuzeigen, wie der Zugang zum inneren Kind hergestellt und alte, verletzte Gefühle nachhaltig transformiert und geheilt werden können.

Spannend und im Grunde eine aufklärerische Herangehensweise. Wenn man sich zum Thema Dunkeltherapie umsieht, findet man auch viele esoterische Beschreibungen. Man liest von Begegnung mit Geistern, dem dritten Auge, Verlassen des eigenen Körpers oder Gottes Energie. Auf der anderen Seite sind diese Erfahrungen doch auch ohne Rückgriff auf Magisches zu erklären. Können Sie kurz Ihre Position zu diesen Phänomenen und dem Problem ihrer Erklärung darstellen?

Dunkeltherapie bedeutet Aufenthalt in einem vollkommen abgedunkelten Raum. Bei längerer Verweildauer darin entblättert sich das "Ich" wie eine Zwiebel - Schicht um Schicht taucht aus den unbewussten Tiefen im Bewusstsein auf. Das bietet die Möglichkeit, sich selbst zu erkennen und eine Menge über die Bandbreite der Psyche und die Wechselwirkungen zwischen Körper, Geist und Seele in der direkten Erfahrung zu lernen. Dieser Entblätterungs- oder Entleerungsprozess geht mit verschiedenen Phänomenen einher, unter anderem kann das dritte Auge sich öffnen, der eigene Körper verlassen werden, Geister können sichtbar sein oder es kann zur völligen Auflösung der Person und zu verschieden tiefen transpersonalen Seins-Erfahrungen kommen. Auch mein Dunkelprozess war von derartigen Phänomenen begleitet und ich habe versucht, diese in meinem Buch für den Leser in Worte zu kleiden, was vor allem bei den transpersonalen Erfahrungen alles andere als einfach ist. Wenn darin magische Momente beschrieben werden, dann deshalb, weil die Phänomene im Moment ihres Auftretens zusammen mit magischer Energie einhergingen – so war es zumindest bei mir. Es handelt sich also, meinen eigenen Prozess betreffend, um Beschreibungen von direkten Erfahrungen während des Aufenthaltes in der Dunkelheit, die für sich selbst sprechen und keiner Erklärung bedürfen. Inwieweit das auch für die von Ihnen erwähnten esoterischen Beschreibungen zutrifft, kann ich nicht einschätzen, da ich diese nicht gelesen habe.

Ich verstehe, was Sie mit direkten Erfahrungen meinen, die sich vielleicht auch unserer Alltagssprache entziehen und deswegen in ungewöhnliche, aber anschauliche Sprache gefasst werden müssen, um. Aber das festzustellen, ist etwas ganz anderes, als z.B. die Existenz von Geistern ohne Zweifel zu behaupten oder ganz selbstverständlich von Gottesenergie zu sprechen. Ein Beispiel dafür wäre dieser Vortrag Dunkelretreat: Der Königsweg zu spirituellen Erfahrungen von Bharati, den ich auf YouTube fand. Ich habe immer die Befürchtung, dass solche Sprache ganz grobe Abkürzungen nimmt und dazu geeignet ist, Menschen das Nicken auf Kosten des Nachdenkens zu erleichtern. Kann das nicht gefährlich sein? Schließlich sind viele Menschen an solchen Punkten verletzlich und auch ausnutzbar. Was meinen Sie?

Wenn es um eigene Erfahrungen und deren Mitteilung oder Berichterstattung geht, greifen häufig mehrere Phänomene ineinander. Zum einen sind dem Erfahrenden seine Erfahrungen sehr vertraut, vor allem dann, wenn sie öfter gemacht wurden. Dann kann es geschehen, dass die Erlebnisse sehr verallgemeinernd berichtet werden, als wären es allgemein gültige Tatsachen, als würden diese Erfahrungen auch zum Allgemeingut aller anderen Menschen gehören.

Ja, genau dieses Gefühl bekam ich beim Schauen des Videos...

Eine solche Erzählweise kann nun beim Zuhörer zu Irritationen führen und auch Widerstand auslösen, der umso größer sein mag, je ungewöhnlicher die Erfahrung ist, über die berichtet wird.

Ungewöhnliches und Unbekanntes wiederum berührt im Menschen einerseits oft Neugier und Wissensdurst, andererseits können aber auch tiefe Ängste ausgelöst werden. Manchmal ist auch beides parallel da. Je ungewöhnlicher und unbekannter etwas ist, umso größer ist oftmals die dadurch ausgelöste Angst. Zugleich ist es ein bekanntes Phänomen, dass gerade die Dinge, die tief angstauslösend sind, auf Menschen eine Art Faszination ausüben – über sowas wird oft viel und lange geredet, weil es die Menschen innerlich tief bewegt. Und Menschen, die tief bewegt sind, sich in dem Moment also sehr auf der Gefühlsebene befinden, sind auch verletzlich, beeinflussbar, ausnutzbar, da sie in ihrem Handeln in solchen Situationen oftmals weniger auf den Verstand, die Logik, zurückgreifen, sondern mehr aus den Gefühlen heraus reagieren. Diese mehr unbewusste Reaktionsweise des Menschen wird z. B. in der Werbung, Filmindustrie oder der Politik ganz bewusst genutzt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Dass es gefährlich sein und katastrophale Folgen haben kann, wenn Menschen ihren gesunden Menschenverstand nicht einsetzen und sehr unbewusst mehr den Gefühlsreaktionen folgen, ist auch bekannt – die Hitlerzeit ist ein starkes Beispiel dafür. Also die Gefahren würde ich eher an ganz anderer Stelle als bei im Zusammenhang mit der Dunkeltherapie berichteten Erfahrungen sehen, obwohl es auch hier zu Fehlreaktionen kommen kann, vor allem dann, wenn das Erzählte vom Zuhörer ganz anders aufgenommen und verstanden wird, als es vom Erzähler verstanden und gemeint war.

Es geht mir nicht nur um die Gefahr, sondern auch darum, dass es mir die Auseinandersetzung mit solchen Themen verleidet, wenn ich das Gefühl habe, dass andere mir ihre Interpretationen von Wahrnehmungen als Wahrheiten verkaufen wollen.

Ihre Aussage berührt das sehr umfassende Thema, was vom Sender zusammen mit der Sachinformation "zwischen den Zeilen" energetisch ausgestrahlt wird und wie das Gemisch – Sachinformation und Energie – beim Empfänger ankommt und wie dieser wiederum das Ganze interpretiert und darauf seinerseits reagiert. In meinem Buch habe ich einige Einsichten, die ich über solche Dynamiken in der Dunkelheit hatte, beschrieben. Das Geschehen auf der subtilen Ebene ist oftmals die Ursache für Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich – das fängt im Kleinen in Paarbeziehungen bzw. Familien an und zieht Kreise bis zu Konflikten zwischen Völkerstämmen oder Ländern.

Da jeder Mensch seine eigenen Mechanismen hat, wie er mit Unbekanntem und den dadurch in ihm ausgelösten Gefühlen umgeht, kann es also in verschiedensten Situationen, wo Menschen tief berührt werden, zu den von Ihnen genannten Reaktionen kommen, dass aus innerer Abwehr heraus nicht oder auch übertrieben, grübelnd nachgedacht wird. Auch spielt die Frage des Bewusstseins und der Präsenz der Einzelnen und der Fähigkeit zu Differenzierung und Abgrenzung, also die Klarheit des Einzelnen, mit eine Rolle, ob nachgedacht wird oder nicht.

Das stimmt. Vielleicht sollte man gerade deshalb seine eigenen Interpretationen im Zaum halten. Es ist ja möglich, wie das Gespräch mit Ihnen zeigt. Hier habe ich das Gefühl, dass Sie Ihre Worte vorsichtig wählen und mir eben nicht vermeintliche Gewissheiten verkaufen wollen. Das finde ich redlich, sympathisch und es lädt mich ein, Teil eines Diskurses zu sein, anstatt nur ein Konsument von vorgefertigten Überzeugungen.

Wenn ich auf unsere gegenwärtige Gesellschaft schaue, dann nehme ich ganz allgemein eine sehr abgeflachte und zum Teil grobe Sprache wahr, oft gespickt mit mehr oder weniger starker Energie des Vorwurfs, der Rechtfertigung oder der Verteidigung. Auch das hat alles Auswirkungen auf uns Menschen, führt zu Verletzungen, hat Folgen.

Letztendlich ist wohl jeder Mensch in seiner Eigenverantwortung gefragt: wie er mit sich und seinen Gefühlen umgeht und wie verantwortungsbewusst er in sich selbst nach Lösungen sucht, wenn durch äußere Anlässe innere Unruhe oder größere Konflikte in ihm auftauchen. Das ist allemal fruchtbringender und angemessener, als – wie es häufig geschieht – die Schuld beim anderen zu suchen. Für den Frieden im eigenen Herzen ist jeder selbst verantwortlich.

Das kann man, glaube ich, so stehen lassen! Weil Sie den Frieden im Herzen gerade ansprechen: Faszinierend finde ich Ihre Gedanken zum Tod und was man vielleicht ein gelasseneres Sterben nennen könnte. Können Sie dazu noch etwas mehr im Zusammenhang der Dunkeltherapie sagen?

Das ist ein sehr komplexes Thema, zu dem auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche, sich scheinbar widersprechende Aussagen getroffen werden können. Zunächst mal steht gelassener Sterben können nur insofern mit der Dunkeltherapie im Zusammenhang, als in dieser aufgrund der Reizabschirmung das Sein in besonderer Tiefe erfahren und dadurch, quasi als Nebeneffekt, tiefgründigeres Wissen erlangt werden kann. Tieferes Wissen ermöglicht tiefere Antworten auf die Frage "Wer bin ich?", was wiederum Rückwirkungen sowohl auf das Leben als auch auf den Sterbeprozess hat.

Auf einer Ebene lässt sich der Weg, wie vielleicht gelassener gestorben werden kann, bildlich so beschreiben: In der Kindheit führen unangenehme und überfordernde Situationen zu schmerzhaften Gefühlen, die vom Kind verdrängt werden, da es damit noch nicht umgehen kann. Das Kind verschließt sich, zieht sich innerlich tief zurück und baut parallel dazu dicke Mauern als Abwehr- und Überlebensstrategie zum eigenen Schutz auf. Diese in der Kindheit erlernten Überlebensstrategien halten wir später für unsere Persönlichkeit. Wir glauben, wir sind so, weil es schon immer so war. Da wir es nicht anders kennen, gestalten wir, meist unbewusst, auch noch als Erwachsene unser Leben verteidigend und rechtfertigend – genau wie in der Kindheit. Doch alles, was verdrängt ist, führt zu inneren Spannungen und Unruhe, da die Verschlossenheit nicht unser authentischer, natürlicher Zustand ist und den ins Dunkel verdrängten Gefühlen der Impuls innewohnt, ans Licht zu wollen, um Erlösung zu finden.

Heißt das, unser inneres Kind hindert uns an der Auseinandersetzung mit diesen wichtigen Konflikten bis wir sozusagen dumm sterben müssen?

Die inneren Schutzmauern brechen, wenn wir Glück haben, bereits zu Lebzeiten auf und wir durchlaufen Krisen, in denen wir wieder mit dem früher Verdrängten konfrontiert sind, was die Möglichkeit zum Erkennen, Auflösen, Integrieren und Heilen dessen bietet. Krisen sind also Chancen, die Wachstum, Reifung und Wandlung ermöglichen, wodurch die Person wieder mehr im Einklang mit seiner ursprünglichen Natur leben kann. Ein Ergebnis dessen ist mehr innere Ruhe und Gelassenheit, die sich auf die Lebens- und Sterbequalität auswirkt. Je mehr zu Lebzeiten der seelische Keller aufgeräumt wird, desto weniger wird den Sterbenden Altes und Ungelöstes vor dem Tod belasten, wodurch der Übergang sanfter möglich sein wird. Andernfalls würde ich die Wahrscheinlichkeit für recht hoch halten, dass dem Sterbenden seine unverarbeiteten Themen und die damit verbundenen Gefühle auf seiner letzten Reise begegnen und diese dadurch auch entsprechend beeinflussen.

Das erinnert mich an meine Uroma, die ich beim Sterben begleiten konnte. Sie war ihr Leben lang überzeugte Kommunistin und öffnete sich auf dem Sterbebett für uns alle ganz überraschendeinem Glauben an Gott.

Ähnliches wurde mir schon oft berichtet – vielen Dank fürs Mitteilen! Als ich im Frühjahr 2011 das Tibetische Totenbuch, in dem die Sterbephasen detailliert beschrieben werden, las, erinnerten mich große Teile des darin Geschriebenen an meine Dunkelerfahrungen, in denen mir der Vergleich kam, dass der Sterbeprozess gleich einer Geburt in einen anderen Seinszustand ist. Die Loslass- und Wandlungsprozesse, die in sehr tiefen Meditationen erfahren und die mit einer inneren Reinigung der Seele verglichen werden können, und die Loslass- und Wandlungsprozesse, die im Tibetischen Totenbuch in den Sterbephasen als auch von Menschen mit Nahtoderfahrungen beschrieben werden, erschienen mir so sehr vergleichbar, dass mir beim Lesen des Buches das Bild kam, dass ein sehr tief meditativer Bewusstseinszustand als eine Art Brücke zwischen Leben und Tod verstanden werden könnte. Je weiter über diese Brücke, die verschiedene Tore hat, geschritten wird, umso tiefer kann die sogenannte "andere Seite" bereits zu Lebzeiten erfahren werden, was auch zu umfassenderem Wissen und darüber zu mehr innerer Gelassenheit insgesamt führen dürfte. Es ist wie ein inneres Universum, das zu erforschen einer inneren Wissenschaft gleichkommt. Alles Bekannte ist vertrauter und löst daher weniger Angst aus.

Können Sie etwas genauer beschreiben, was während Sterbens passiert?

Das tibetische Totenbuch beschreibt – stark zusammengefasst und wie ich es verstehe – dass der Mensch beim Sterben in andere Bewusstseinsdimensionen eintaucht, die zu Lebzeiten auch da sind, der Zugang zu diesen jedoch den meisten Lebenden verschlossen ist. Der normale Verstand kann die Wächter vor den Toren in die andere Dimension nicht überwinden. Dem Sterbenden jedoch öffnen sich die Portale und indem er diese durchschreitet, erfährt er "die andere Seite" des Seins – ein Universum mit ganz anderen und um ein vielfaches intensiveren Erfahrungen jenseits des zu Lebzeiten Bekannten und Verstandenen. Alles, was dem Menschen bis zu seinem Tod vertraut war, bricht in der Sterbephase weg und es kommen Erfahrungen auf ihn zu, die ihm völlig unbekannt und daher sehr schockierend, angstauslösend und überwältigend sein können. Vergleichbares kann in tiefen Meditationen erfahren werden – in meinem Buch schreibe ich ziemlich ausführlich darüber. Aus diesen Erlebnissen, Einsichten und Erkenntnissen heraus ist es für mich naheliegend, dass Menschen, die sich schon zu Lebzeiten mit ihrem inneren Persönlichen als auch mit den mehr unpersönlichen tieferen Seinsebenen befasst und die ein tiefgründiges Wissen über ihren Wesenskern haben, am wirklichen Ende gelassener sterben können, da sie über eine Art Erfahrungswissen-Landkarte verfügen, an der sich orientiert werden kann.

Von Yogis ist bekannt, dass sie ganz in Ruhe und bewusst zu einer von ihnen selbst bestimmten Zeit sterben können – eben weil sie bestimmte Transformations- und Läuterungsprozesse bereits zu Lebzeiten durchlaufen und die Pforten in andere Dimensionen durchschritten haben und aufgrund dieses Erfahrungswissens über eine Landkarte verfügen, die sie gelernt haben, bewusst zu handhaben.

Jahrelange Meditation, ein längerer Wüsten-, Wald- oder Höhlenaufenthalt, Dunkeltherapie oder ähnliche Retreate, wo der Mensch mit sich selbst konfrontiert und nicht durch die normalen Alltäglichkeiten abgelenkt ist, können für Menschen in der westlichen Welt, die ein ganz normales Alltags- und Berufsleben führen, sehr unterstützend bei den inneren Klärungsprozessen wirken. Dass das funktionieren kann, zeigt sich mir daran, dass sich meine panische Angst vor dem Tod, die ich seit meiner Kindheit hatte, in der Dunkeltherapie zu einem großen Teil aufgelöst hat.

Gewissermaßen stellt man sich also dem existentialistischen Schrecken, seinen tiefsten Ängsten und lernt diese zuerst negativen Erfahrungen kennen und letztlich umzuwerten. Das hilft beim Sterben, weil man dann nicht mehr eiskalt von ihnen erwischt wird?

Das könnte auf einer Ebene so ausgedrückt werden. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass ein Mensch in der Weise stirbt, wie er gelebt hat. Und wer zu Lebzeiten bereits stirbt, kann auf einer anderen Ebene erfahren, dass der Tod nicht etwas ist, was irgendwann kommt, sondern dass Leben und Tod eins sind, wie die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Auf noch tieferer Ebene kann vielleicht realisiert werden, dass die Essenz dessen, was "ich" bin, vom Geschehen des Geboren-Werdens, Wachsens und Vergehens vollkommen unberührt ist und bleibt und von daher, da nicht geboren, auch nicht sterben kann. Die tiefe Verwirklichung dessen zu Lebzeiten beinhaltet die Möglichkeit, tiefe, dem Menschen innewohnende Existenzängste abzubauen und dadurch dem Tod, den es auf tieferen Seinsebenen nicht gibt, gelassener begegnen zu können.

Existenzängste zu Lebzeiten abzubauen, scheint mir nachvollziehbar. Das andere Thema, das Sie gerade ansprechen - die unsterbliche Essenz des Ich - verdiente eine eigene Diskussion. Zum Schluss interessiert mich, ob Sie solch eine Dunkeltherapie jedem uneingeschränkt empfehlen können?

Das sich Einlassen auf eine solche Erfahrung ist zunächst mal ein zutiefst intimer Prozess mit sich selbst, den jeder nur für sich selbst entscheiden kann. Ich kann und möchte diesbezüglich nichts empfehlen. Wer ein inneres Ja dazu verspürt, kommt nicht umhin, die volle Verantwortung sowohl für sich – das eigene Leben und die Gesundheit – als auch für die selbst getroffene Wahl der Begleitung (oder auch die Wahl, ganz allein dabei zu sein) zu übernehmen. Menschen, die sich für diese Erfahrung entscheiden, finden auch einen Weg, wie und wo sie diese Erfahrung machen können.

Frau John, ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses tiefe und doch so offene Gespräch, aus dem ich ganz viel Stoff zum Nachdenken mitnehme.


In den Jahren 2003 und 2005 unterzog sich die Autorin der Dunkeltherapie. Für 12 bzw. 24 Tage war Saskia John ohne jegliche äußere Ablenkungen, jeweils fastend, im Stockdunklen eines kleinen Raumes 23 Stunden lang ausschließlich mit sich selbst konfrontiert; einmal am Tag kam ihr Begleiter für eine Stunde zu einem Gespräch. Beide Reisen in die Tiefen ihrer Seele dienten der Bewusstseinserweiterung und hatten Forschungs-, Integrations- und Abenteuercharakter; sie erkundete ihr noch unbekanntes Land, kam dabei an ihre Grenzen und manchmal auch darüber hinaus. Das Buch enthält alle Träume, Gedanken und Gefühle im Moment des Erlebens, ebenso Beobachtungen und Erkenntnisse über das vielschichtige Wechselspiel zwischen Körper, Geist und Seele. Neben den persönlichen und transpersonalen Erfahrungen schildert die Autorin auch die Auswirkungen der langen Dunkel- und Fastenzeit auf ihre Tai Chi-Übungen und Meditationen. Ebenso wird die Heilung, Kommunikation und Versöhnung mit ihrem "inneren Kind" beschrieben und wie emotionale Reaktionen auf die eigene Vergangenheit wirksam und dauerhaft geändert werden können, sodass es möglicher wird, mehr im Hier und Jetzt zu sein. Der Erfahrungsbericht bietet einen Querschnitt durch die Bandbreite menschlicher Psyche und richtet sich an Menschen, die sowohl an spiritueller Entwicklung, Heilung, tiefen Meditations-, Tai Chi- und Fastenerfahrungen als auch an den spirituellen Erfahrungen einer Frau interessiert sind.

Kommentare:

  1. Sehr düsteres Thema, man sollte sich nicht zu sehr darin "verstricken". Das Leben spielt sich draußen ab, komm heraus aus deinem tiefen seelischen Loch. Die Dunkelkammer lass besser zu. Umgib dich mit Menschen, mit denen du philosophieren kannst, aber es gibt doch auch lebensbejahende Themen dazu. Keinen künstlichen schweren "Rucksack" mit so vielen "dunklen" Themen. Lebe ganz einfach ..

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  2. Das ist für mich einfach faszinierend. Ich muss das Buch haben. Eine spannende Herausforderung, dieser Weg mit der Dunkeltherapie als essentielle Selbsterfahrung. Auch schon irgendwie extrem wirkt das auf mich. Yoga beinhaltet ja auch verschiedentliche Übungen mit Meditationspraxis einhergehend. Oder auch die Zen-Meditation. Aber ich spreche ja nicht aus eigener Erfahrung damit. Die Übung ist nicht einfach "aus dem Handstand heraus" zu erlernen, im Schnellwochenendkurs. Ich könnte nun abschweifen auf die vielartigen Übungs- und Erfahrungsarten, Esoterik im Allgemeinen, die Yogaausrichtungen, Meditionsarten, aber das ist ja damit auch nicht direkt hier gemeint. Das mir bisher Unbekannte, ich nenne es einfach "Selbstexperiment" mit "dieser" Dunkeltherapie zum Beispiel. Ganz neu für mich. Der Text war spannend zu lesen, das Buch zu lesen? Ich freue mich schon drauf. Ich weiß sicherlich für mich, dass ich das "in echt" niemals selbst machen werde. Wenn ich es ganz allgemein sagen darf, habe ich zu großen Respekt davor und wittere ja schon die "Gefahr" für mich selbst. Ich würde das dann schon eher wagen, wenn ich die Sicherheit in meiner Persönlichkeitsstruktur und meinen Erfahrungen (dass das in den seltensten Fällen einfach mal so ausprobiert werden kann) hätte. Es ist ja kein Crashkurs in Selbsterfahrung, das, finde ich, wird hier auch "richtig" beschrieben.

    Wenn ich es besser so sagen will: Ich hätte eine Angst davor, eine "natürliche" Angst, weil ich nicht "reif" dafür bin, mich auf so etwas einzulassen. Aber das heißt überhaupt nicht, dass mich dieses Buch nicht enorm interessiert. Es interessiert mich im Gegenteil sogar sehr. Und deswegen sage ich mir: "Dieses Buch zieht mich geistig an". Genauso wie mancher Bergsteiger den Mount Everest besteigen möchte. Aber auch das braucht Erfahrung, Bergsteigererfahrung. In meinem Bücherregal finden sich auch ein paar Bergsteigerbücher. Sozusagen ist das Außen und das Innen gleichermaßen spannend für mich, auch wenn ich nur darüber lese. Inspirationen, die mich anziehen und neugierig machen mit diesen Selbsterfahrungen.

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    1. Ich teile deinen Respekt davor! Da sollte man nicht leichtfertig mit umgehen.

      Das Buch ist wohl im Moment vergriffen, aber eine Neuauflage ist in Arbeit, wenn ich das richtig verstanden habe.

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