20. November 2013

Menschen sind einfach netter als Schimpansen

Wo kommt unser moralisches Verhalten her?

Auf Edge.org schreibt der besonders an Moral und kognitiver Entwicklung interessierte Psychologe Paul Bloom über die Frage, warum Menschen, selbst unter widrigen Umständen oder wenn sie nichts zu gewinnen haben, nett zueinander sind. Wo kommt die Moral her und wie werden wir immer toleranter? (Dank an Erich Feldmeier für den Tipp!)

plane folk
Ein Glück keine Schimpansen (Foto von Chris via Flickr)

Sie sind sicher schon einmal geflogen, oder? Im Grunde werden sie mit unerträglich vielen anderen Menschen für einige Stunden ganz eng in eine metallische Röhre eingesperrt. Der Sitznachbar neben ihnen kann aus Platzmangel nicht einmal die kulturell geprägte körperliche Distanz zu ihnen aufrecht erhalten. Dicht hinter ihnen riecht einer unangenehm, ein anderer redet zu laut oder lacht dauernd und Kleinkinder fangen an zu schreien. Jemand drängelt sich durch, tritt ihnen auf den Fuß und die Flugbegleiter fahren den Getränkewagen gegen ihr Knie. Stress setzt ein, ihr Aggressionspotential wird aktiviert und dennoch benehmen sie sich in der Regel zivilisiert. Jetzt stellen sie sich vor, statt Menschen wären es Schimpansen, die dort eingesperrt wären. "Chaos würde herrschen. Spätestens wenn das Flugzeug landet, würden Körperteile in den Gängen verstreut liegen und die Babys würden wohl nicht überlebt haben." Menschen sind einfach netter als Schimpansen.

Selbst wenn wir nichts durch unseren Altruismus zu gewinnen haben, tun wir "das Richtige": Wir geben Fundsachen zurück, wir spenden Flutopfern, wir hinterlassen selbst dort Trinkgelder, wo wir nie wieder hingehen werden und in Experimenten in den USA kamen mehr als 50% von wahllos in der Stadt verstreuten Briefen bei den Empfängern an. Die Finder haben sich also kurz zu Postboten gemacht, einfach nur, weil sie nett sind. Aber warum sind wir nett?

Moralische Babys?

Paul Bloom stellt fest, dass nett sein zu einem gehörigen Teil nicht gelernt werden muss, sondern dass einiges an unseren netten Verhaltensweisen in unseren Köpfen fest verdrahtet ist. Wir kennen das als Empathie, viel wurde in letzter Zeit über Spiegelneuronen geschrieben und man kann schon bei Babys und Kleinkindern beobachten, dass sie auch ohne es gelernt haben zu können, das Gute dem Bösen vorziehen und Schmerzen erwachsener Menschen richtig deuten und zu lindern versuchen. Nicht nur mit der Empathie klappt es schon von Kindesbeinen an, auch eine Basis moralischer Intelligenz ist bereits bei Kleinkindern und bei nur sechs Monate alten Babys nachweisbar.

Dazu hat Bloom primitive Puppenspiele entwickelt, die selbst mit geometrischen Figuren noch funktionieren und keine personifizierten und damit schon erkennbar guten oder bösen Charaktere benötigen. Die Babys beobachten beispielsweise, wie eine Figur versucht, einen Berg zu erklimmen. Von einer anderen Figur bekommt sie Hilfe und wird hochgeschoben, eine dritte Figur hingegen stellt sich in den Weg und schiebt die neutrale Figur den Berg wieder runter. Wenn die Babys anschließend die Wahl bekommen, werden sie immer nach der guten Figur greifen. Wenn sie die Wahl zwischen der neutralen und der bösen Figur haben, werden sie immer die neutrale Figur ergreifen. Selbst mit drei Monate alten Babys kann man dasselbe beobachten, nur dass sie noch nicht greifen können, sondern dort hin sehen, wo sie hingreifen möchten.

Zeigt das schon Moral oder einen moralischen Instinkt? Nein. Es zeigt, dass Babys sensibel gegenüber Handlungen dritter sind, die entweder positiv oder negativ sind und das beeinflusst, wie sie sich später gegenüber solchen Charakteren verhalten werden, wie sie über sie sprechen werden. Und ich denke, dass das relevant für die Frage der Moral ist. Es ist eine nützliche moralische Grundlage. (Paul Bloom)

Bloom fand in seinen Experimenten auch, dass neun Monate alte Kleinkinder es bevorzugen, wenn positive Charaktere belohnt werden und die Ungerechtigkeit spüren, wenn positive Charaktere bestraft werden. Genauso bevorzugten die Babys, wenn negative Charaktere bestraft und nicht belohnt werden. Bloom nennt das einen rudimentären Sinn für Gerechtigkeit, der hier schon ausgeprägt zu sein scheint.

Ist das also alles? Sind wir "born to be good"? 

Nein. Weitere Studien zeigen, dass Kinder erst ab dem Alter von sieben bis acht Jahren anfangen, Fremden gegenüber großzügig zu sein, also z.B. ihre Süßigkeiten mit ihnen teilen. Selbst wenn Kinder vor diesem Alter mehr als genug Süßigkeiten haben, werden sie kaum mit Fremden teilen.

Fremde Menschen sind der wirkliche Maßstab, denn Mitglieder der unmittelbaren Gruppe erhalten immer eine Vorzugsbehandlung und das schon praktisch ab Geburt. Die Anderen sind in der Menschheitsgeschichte immer der Feind. Menschheitsgeschichtlich primitivere Völker zeigen auch heute noch diese ganz klare Trennung zwischen der eigenen Gruppe und den anderen, gegen die man sich verteidigen muss. Ein Mitglied eines eingeborenen Stammes in Papua Neu Guinea würde auch heute noch sein Leben riskieren, wenn es seinen Stamm verlassen und zu den Nachbarn gehen würde. Und auch wir haben das natürlich nicht ganz abgelegt und behandeln unsere Familie, manchmal auch unsere Mitbürger oder sogar unsere Hautfarbe bevorzugt.

Die Japaner haben mein Auto gebaut

Wie also kommt es dazu, dass wir auf unsere "natürliche Moral" aufsetzend diese kulturelle Moral entwickeln? Bloom spricht hier von gegenseitigen Abhängigkeiten. Wo das eigene Leben sich dadurch verbessert, dass man mit anderen Verbindungen - seien es auch nur ökonomische - eingeht, fängt man an, sich um sie zu sorgen. Oder wie der Autor Robert Wright sagt: "Ein Grund, warum ich die Japaner nicht wegbomben will, ist, weil sie mein Auto gebaut haben." Wir kennen das Phänomen sicher auch aus dem Urlaub. Die netten Gastgeber stehen stellvertretend für ihre Mitbürger. Wer einmal in den Philippinen im Urlaub war, der interessiert sich mehr für das Schicksal der Menschen dieses Landes. Bloom zitiert sogar empirische Studien, die belegen sollen, dass der Kapitalismus die Menschen moralisch besser mache, genauso wie die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe. Dazu müsste man sicher kommentieren, dass es plausibel ist, im Kapitalismus und/oder einer religiösen Gemeinschaft wegen dieser Interdependenzen neue moralische Werte anzunehmen, aber es ist ja nicht undenkbar, dass es gesellschaftlichen Fortschritt weg von ausbeuterischen Wirtschaftssystemen und magisch-religiösen Gemeinschaften gibt, die uns zu noch höheren moralischen Werten anstiften. Auf die täglichen Verbrechen im Namen des Kapitalismus und der Religionen könnten wir auch verzichten, ohne unsere Moral an den Nagel zu hängen. Nur leider können wir zukünftige fortschrittliche Gesellschaftssysteme nicht empirisch erforschen und können uns deswegen darauf einigen, dass beispielsweise die soziale Marktwirtschaft moralisch bessere Menschen hervorbringt, als eine Sklavenhaltergesellschaft.

Fiktion schlägt rationale Argumente

Auch Geschichten und Journalismus können uns für neue moralische Werte aufschließen. Dadurch, dass wir weit entfernte Menschen über Medien besser kennen lernen, entwickeln wir Sympathien für sie und ihre Lebensweisen. Denken wir an amerikanische TV-Serien wie Friends oder die deutsche Lindenstraße: Man kennt die Leute nicht, aber man entwickelt schnell ein Vertrautheitsgefühl, das nicht selten darin resultiert, dass man sich die Serien immer wieder ansieht, nur um dieses Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit nicht zu verlieren, das man beim Zusehen entwickelt.

Bloom geht so weit zu sagen, dass moralischer Fortschritt nicht durch rationale Argumente oder gar staatliche Gesetze erzielt wird, sondern durch Geschichten. Denken wir an den Rassismus in den USA. Hier hat Bill Cosby vielleicht mehr erreicht, als Malcom X oder Martin Luther King. Ähnliche Fortschritte gibt es gegenüber schwulen und lesbischen Lebensweisen und auch hier dürften die üblichen Sitcoms das Eis eher gebrochen haben, als irgendwelche Gleichstellungsgesetze. Ich finde das eine erfrischende Perspektive, die mal aus dem üblichen Kulturpessimismus ausbricht und ohne ideologische Scheuklappen auf unsere Gesellschaft schaut.

Sind also gute rationale Argumente gegen Sklaverei, Rassismus, Homophobie oder Gewalt gegen Tiere sinnlos? Bloom meint, nein: Rationale Argumente haben einen Effekt auf uns, aber nur indirekt und vermittelt durch ein emotionales Medium wie eben Geschichten, die uns bewegen und unsere Herzen für das Leben anderer aufschließen. Ist das Herz offen, dann finden auch die guten Argumente einen Weg ins Hirn.

Zusammengefasst muss man sagen, dass es eine vererbte Basis für Moral gibt. Aber als Menschheit scheinen wir immer weiter dazu zu lernen und zum Beispiel immer weniger Gewalt zu tolerieren. Das ist nicht auf unsere Natur zurückzuführen, sondern auf unsere Kultur, unsere Intelligenz und Einbildungskraft.



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Kommentare:

  1. "dass moralischer Fortschritt nicht durch rationale Argumente oder gar staatliche Gesetze erzielt wird sondern durch Geschichten."

    Sehr sympathischer und vernünftiger Ansatz, für den es auch durchaus genügend historische Beispiele gibt. In der alten Bundesrepublik zum Beispiel hat die Ausstrahlung des Films "Holocaust" in den Siebzigern eine Sensibilisierung erzeugt, die vorher nicht zu erreichen gewesen war.

    "Ich finde das eine erfrischende Perspektive, die mal aus dem üblichen Kulturpessimismus ausbricht und ohne ideologische Scheuklappen auf unsere Gesellschaft schaut."

    Wo wäre der Kulturpessimismus zu verorten? Ist das speziell aufs berühmt-berüchtigte Feuilleton bezogen, oder auf die Gesamtlage unter Einschluss der Wissenschaft?


    "Sind also gute rationale Argumente gegen Sklaverei, Rassismus, Homophobie oder Gewalt gegen Tiere sinnlos? Bloom meint, nein: Rationale Argumente haben einen Effekt auf uns, aber nur indirekt und vermittelt durch ein emotionales Medium wie eben Geschichten, die uns bewegen und unsere Herzen für das Leben anderer aufschließen. Ist das Herz offen, dann finden auch die guten Argumente einen Weg ins Hirn."

    Ja, gute Geschichten sind in der Tat Empathie-stiftend. Eine Geschichte aktiviert vermutlich mehr Hirnregionen als ein Gesetzesparagraph, und ich würde einfach mal behaupten, dass sich im Erlebnis eines fesselnden Buches oder Films der für Moral- und Ethikfragen so problematische Fernhorizont in einen Nahhorizont verwandelt. (Wobei man ehrlicherweise anmerken muss: Das ist umgekehrt die Chance schlechter Propagandafilme wie Jud Süß etc.).

    Nur in einem ist an der Forderung nach Rationalität uneingeschränkt festzuhalten: Bei der Formulierung ethischer und moralischer Leitsätze.

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  2. Zitat: "Selbst wenn wir nichts durch unseren Altruismus zu gewinnen haben, tun wir das Richtige."
    Diese einführende Formulierung hat mich zucken lassen. Wie kommt er nur darauf, dass wir nichts zu gewinnen haben, dachte ich, denn ich bin überzeugt, dass wir nichts tun, gar nichts, ohne etwas davon zu haben. Selten nur ist es der finanzielle Vorteil, den man sucht. Viel häufiger erkauft man sich durch gute Taten gute Gefühle (oder hält schlechte fern).

    Wichtig dabei scheint mir die Neigung zu sein, vom eigenen Denken und Handeln auf das einer ganzen Gesellschaft zu schließen. Nachdem ich Vegetarier geworden war, dachte ich: "Super! Jetzt wird alles gut. Endlich werden keine Nutztiere mehr gequält." Ein wirklich angenehmes Gefühl machte sich in mir breit. Tatsächlich brauchte ich eine Weile zu erkennen, dass sich objektiv durch meine Handlung nichts Bedeutendes geändert hatte. Mein schönes Gefühl hatte keinerlei rationale Grundlage.

    In der Tat scheinen es die von Dir angeführten "gegenseitigen Abhängigkeiten" zu sein, die wir so sehr im Kern begriffen haben, dass wir in den jeweiligen Situationen oft nicht mehr unterscheiden. Wir handeln nur noch nach den Gefühlen, die dieses Wissen (auch zunächst ohne rationale Grundlage) induziert: Wir haben die (trügerische) Hoffnung, dass uns geholfen wird, wenn wir helfen, aber auch die (überzogene) Angst, dass uns nur dann geholfen wird, wenn auch wir helfen.

    Wenn so aber eine ganze Gesellschaft hofft und fürchtet, funktioniert das Ganze sogar: alle lassen sich von diesen Gefühlen leiten, und plötzlich ist die Hoffnung nicht mehr trügerisch und die Angst nicht mehr überzogen. Die Gefühle bekommen einen rationalen Grund. Und man bekommt plötzlich Trinkgeld von Leuten, die man nie wiedersehen wird.

    Eine interessante Version der selbsterfüllenden Prophezeiung :-)

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  3. Hallo
    „Aber als Menschheit scheinen wir immer weiter dazu zu lernen und zum Beispiel immer weniger Gewalt zu tolerieren.“
    Das ist eine alte, aber sehr seltsame These. Wir haben gerade ein Jahrhundert hinter uns, in dem kapitalistische Kulturnationen in Europa (keine „Primitiven“ in Papua Neuguinea) so viel Menschen grausam getötet haben wie noch nie!
    Oder auf einem etwas anderen Gebiet: noch nie wurden so systematisch Tiere massenhaft getötet wie von uns kultivierten ach so gewaltintoleranten Menschen.
    Wir kommen also mit einer Art angeborenen Freundlichkeit auf die Welt. OK. Ich würde sagen, dass wir zwischen Nähe und Distanz unterscheiden und dass wir kontaktfähig sind. Diese Koordinaten werden unterschiedlich variiert. Ein Kind hat da andere Grenzen als ein Erwachsener. Ein Apple- oder HSV-Fan andere als ein Islamist. Aber immer geht es um die Frage: wen oder was lasse ich wie an mich ran kommen? Welche Art von Nähe baue ich auf? Da können eben auch ein gemeinsamer Urlaub oder Abhängigkeiten wichtig sein.
    Und auf der anderen Seite: wie wird Distanz hergestellt.
    Hannah Arend ist auch von einem „animalischen Mitgefühl“- also Empathie ausgegangen. Und sie hat analysiert, dass der Holocaust eben nur möglich war, weil es dem modernen Staat der Nazis gelungen war mittels Kultur (z.B. Bürokratie) Distanz aufzubauen.
    Entwicklungsorientierte Leute – wie Paul Bloom – haben oft den Nachteil, dass sie alles versuchen eben in eine Entwicklung zu pressen. Er als Optimist sagt dann halt, dass es gute Anlagen gibt und dass wir in einer guten Entwicklung sind und dann ist eben Kapitalismus, Kultur … irgendwie besser als primitiv.
    Ich fände wichtiger genau hinzuschauen, was unsere Mechanismen sind Nähe bzw. Distanz herzustellen. Mit dem Finger auf die Primitiven und Schimpansen zu zeigen führt nicht weiter.
    Danke für den anregende Artikel
    Ingo

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