16. Januar 2014

Unfreiwillig allein?

"Die Kunst des Alleinseins" 

Ellen Dunne rezensiert das Buch von Ursula Wagner


Ellen Dunne, Autorin solch spannender Romane wie Wie du mir und Für immer mein, habe ich vor einigen Jahren in Management-Trainings bei unserem ehemaligen Arbeitgeber kennengelernt. Die Initiative dazu muss wohl anfänglich von ihr ausgegangen sein. Denn in unseren Persönlichkeitstests während dieser Trainings wurden wir beide jeweils am anderen Ende des Spektrums von Extroversion (sie) und Introversion (ich) verortet. Extrovertierte Autoren stehen täglich vor ganz speziellen Herausforderungen, zum Beispiel weil das ungeliebte Alleinsein ein essentieller Teil ihrer Profession sein muss. Ellen hat sich immer wieder damit beschäftigt, wie sie sich am besten mit der Notwendigkeit allein zu sein, aussöhnen kann. Nun hat sie auch ein Buch mit dem Titel Die Kunst des Alleinseins gelesen, das inzwischen zu ersten "Friedensverhandlungen" zwischen ihrem extravertierten Selbst und dem nötigen täglichen Alleinsein geführt hat. Aber lesen Sie selbst...


Einsamkeit oder doch ein “goldener Stein”? Eine Annäherung ans Alleinsein.

Die Introvertierten unter Ihnen werden jetzt vielleicht den Kopf schütteln und sich fragen, warum man sich einem so begrüßenswerten Zustand wie dem Alleinsein denn erst annähern muss. Und auch in meiner Kindheit wurde mir immer wieder das Sprichwort vorgebetet: Allein ist ein goldener Stein. Trotzdem: Als vorwiegend extrovertierte Schriftstellerin stellt mich der Kampf zwischen dem für meine Arbeit unverzichtbarem Alleinsein einerseits und dem schier unwiderstehlichen Drang meiner Persönlichkeit danach, in Gesellschaft von Menschen zu sein andererseits, jeden Tag neu auf die Probe.

In ihrem Buch Die Kunst des Alleinseins richtet sich Diplompsychologin Ursula Wagner primär an all jene, die unfreiwillig allein sind. Weil sie langjähriger Single sind, aus einer gescheiterten Beziehung kommen oder durch tragische Lebensumstände ins Alleinsein “gefallen” sind. Nichts davon trifft auf mich zu. Trotzdem habe ich mithilfe des Buches begonnen, das Alleinsein für mich zu erforschen.

Loslassen von dem, was Halt, Sicherheit und Schutz gibt, Aufbrechen ins Unbekannte.

Das Buch zielt dabei vor allem auf die einfache Verständlichkeit und Anwendung ab. Kurze, in leichtem, empathischen Ton gehaltene Kapitel und einfache Meditations- und Coachingübungen sollen es so vielen Lesern wie möglich erleichtern, die Gefühle angesichts des langfristigen unfreiwilligen Alleinseins zu erkennen und sich mit ihnen auszusöhnen. Das Alleinsein und unsere Angst davor wird aus evolutionären, gesellschaftlichen und psychologischen Blickwinkeln beleuchtet, jedoch oft nur als Überblick, bevor eine Mediations- oder Coaching-Übung zur Selbstanwendung angeboten wird. Dies kam mir als eher praktisch veranlagtem Menschen sehr entgegen. Trotzdem hätte ich mir an mancher Stelle ein wenig mehr theoretischen Tiefgang gewünscht. Da wurde zum Beispiel zum Thema des “innersten Wesens” jedes Menschen, das “immer allein” ist, nur diese Feststellung des Autors John Selby im Raum stehen gelassen, ohne weiter darauf einzugehen. Dabei wäre wirklich erklärungsbedürftig, was das innerste Wesen eines Menschen überhaupt ist und in welchem Sinne es immer allein ist.

Das Rot von Tomaten neu entdecken

Äußerst interessant und nützlich fand ich hingegen die Fragen, die Wagner im Rahmen der praktischen Übungen aufwirft. Die Autorin ermuntert dazu, aktiv darüber nachzudenken, was z.B. hinter Sehnsüchten steckt, oder der persönlichen Angst vor dem Alleinsein auf den Grund zu gehen. Gerade hier fühlte ich mich oft genug ertappt. Wie oft habe ich versucht dem schleichenden Gefühl der Stille zu entgehen, das sich bei der selbstständigen Arbeit von zuhause aus unweigerlich einstellt. Versucht vor den “inneren Dämonen”, zu flüchten, die sich in dieser Stille unweigerlich zu Wort melden. Fluchtmittel der Wahl: Ablenkungen (Facebook, etc.) und Betäubung (kein Spaziergang ohne Musik, kein Mittagessen ohne “Multitasking”, wie zB. ein Buch lesen).

Dazu kommen Vorschläge, Zeit mit sich selbst bewusster wahrzunehmen. Zum Beispiel für sich ganz alleine zu kochen. Ohne Musik im Hintergrund, einfach die Tätigkeit, die Sinneseindrücke durch die Zutaten, in sich auf- und wahrzunehmen. Klingt banal? Ist es. Doch gerade sich dem scheinbar Alltäglichen bewusst zuzuwenden und seine Schönheit wie ein Kind neu zu erkennen, ist eben der Sinn der Erfahrung.

All-eins-sein im Alleinsein

Die Gesellschaft des uns am vertrautesten und zugleich oft so fremden, frustrierenden Wesens - uns selbst - anzunehmen und sich darin vollständig und wohlzufühlen, das ist der Tenor von  Die Kunst des Alleinseins.

Dazu liefert Wagner, die selbst viele Jahre über ungewollt Single war, auch immer wieder Erfahrungsberichte über bewusst gewählte Einsamkeit - sei es die von Mitgliedern eines strengen Schweigeordens oder ihre eigene Erfahrung während regelmäßiger Klosteraufenthalte oder drei Tagen und Nächten in der Wüste im Rahmen eines Selbsterfahrungsseminars.

Mein Fazit

Die Kunst des Alleinseins fällt definitiv in die Kategorie Selbsthilfebuch - für mich im positiven Sinne, denn gerade die praktischen Übungsvorschläge fand ich gut umzusetzen und machten es leicht, die verschiedenen Emotionen des Alleinseins (bzw. der Angst davor) erfahrbar zu machen.

Den theoretischen Hintergrund fand ich teilweise etwas dünn, was aber wohl dem praktischen Zweck des Buches geschuldet ist. Themen wie “Alleinsein nach einem gescheiterten Lebensentwurf” fand ich äußerst interessant, wurden aber ebenfalls eher kurz abgehandelt. Im Mittelpunkt stehen eben eindeutig Singles. Wagners einfühlsamer, doch humorvoller Stil machte mir außerdem die Lektüre sehr leicht.

Auch nach der Lektüre des Buches werde ich wohl nicht so schnell das Klischee des schriftstellerischen Einsiedlerkrebses erfüllen. Aber auch wenn ich der Alchemie des “Goldenen Steins” noch nicht ganz auf der Spur bin - erste Friedensverhandlungen zwischen meinem extravertierten Selbst und meinem täglichen Alleinsein laufen bereits.



Ellen Dunne hat für Geist und Gegenwart hat auch folgende Artikel geschrieben:

Reiss Profile: Ein Motiv kommt selten allein
Aus dem Leben einer extravertierten Schriftstellerin
Angst oder Tod: Plädoyer einer Getriebenen


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