16. Juli 2014

Der edle Bruder Neid

Mit Nietzsche lernen, den Neid zu nutzen


"Wo die Gleichheit wirklich durchgedrungen und dauernd begründet ist, entsteht jener, im ganzen als unmoralisch geltende Hang, der im Naturzustande kaum begreiflich wäre: der Neid. Der Neidische fühlt jedes Hervorragen des anderen über das gemeinsame Maß und will ihn bis dahin herabdrücken – oder sich bis dorthin erheben: woraus sich zwei verschiedene Handlungsweisen ergeben, welche Hesiod als die böse und die gute Eris bezeichnet hat." (Nietzsche: Der Wanderer und sein Schatten)


Noch nicht ganz angekommen: Auf dem Weg nach oben.  (Foto: John and Christina via Flickr)

Neid gilt in unserer Gesellschaft gemeinhin als verwerfliche Gefühlsregung, die nur zu Missgunst, Zank und am Ende Totschlag führt. Die Griechen nannten das "Eris": Die Göttin der Zwietracht, die durch ihre Intrigen unter anderem den Trojanischen Krieg heraufbeschwörte. Aber bereits der antike Dichter Hesiod kannte eine zweite Eris, eine die den Menschen antreibt und zu Höherem streben lässt. Diese zwei Zwillingsschwestern kehren in Nietzsches Wanderer und sein Schatten als der "Neid und sein edlerer Bruder" wieder.

Der Neid als Folge der Demokratie

Für Nietzsche ist die moderne Zeit neben dem Atheismus vor allem von der Massendemokratie gekennzeichnet, die der ideale Nährboden für allgegenwärtige Neidgefühle ist. Seit der Französischen Revolution leben wir alle in einem Verständnis von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. War man zuvor in die jeweiligen Stände der feudalen Gesellschaft geboren, die keinen Aufstieg darüber hinaus und daher keinen Platz für Neid gegenüber den Mitgliedern des jeweils höheren Standes zuließen, ist das Prinzip der Massendemokratie die Chancengleichheit. Jeder ist seines Glückes Schmied, kann sich mit jedem anderen vergleichen und wenigstens theoretisch alles erreichen. Dieses Phantasma lebt heute stärker denn je. Denken wir an Geschichten wie Slumdog Millionaire, die nun auch den Milliarden der Glücklosen dieser Welt den Wohlstand in Aussicht stellen. Bevor sie sich auf den Weg machen, müssen sie ihn aber kennen und begehren lernen, sie müssen den Neid spüren.

Neid ist also ein ganz folgerichtiges Gefühl, das in unserer massenmedial vermittelten Welt der Karrieren, des Aufstiegs, des Konsums und Erfolgs kaum zu vermeiden ist. Paradoxerweise wird uns aber früh anerzogen, die Neidgefühle zu verleugnen. Wir schämen uns ihrer, verbergen sie vor anderen und sogar vor uns selbst. Manchen gelingt das so gut, dass sie allen Ernstes behaupten, keine Neidgefühle zu kennen.

Die Analyse des Neids

Für Nietzsche ist das in der modernen Welt ein Ding der Unmöglichkeit und mehr noch: Neid ist nichts, für das wir uns schämen oder das wir unbedingt vermeiden müssen. Vielmehr kommt es darauf an, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen. Neid kann ein zwar konfuses, aber wichtiges Signal dessen sein, was wir wirklich wollen. Neid weist uns auch immer auf unser Potenzial hin, auf das, was wir erreichen könnten. Wenn wir uns verbieten, darauf zu achten und diese Signale zu entschlüsseln, vergeben wir uns die Chance, nach Höherem zu streben.

Wie in einem Traum muss der Neid auf - sagen wir zum Beispiel - den neuen Mercedes des Nachbarn gar nicht dieses Auto selbst meinen. Das Auto kann für etwas höheres stehen, das wir anstreben. Vielleicht ist es ein Zeichen für finanzielle Unabhängigkeit oder große Wertschätzung von Ästhetik oder es steht für Ruhe, Eleganz und Geborgenheit, die wir vermissen. Oder es symbolisiert die Macht und den Erfolg schlechthin. Wir müssten dann untersuchen, welche Macht wir anstreben, was Erfolg für uns bedeutet und wie wir diese Abstrakta in etwas Wertvolles für uns umgestalten. Am Ende mag die Erkenntnis stehen, dass wir das Auto gar nicht wollen, sondern unsere private Version von Erfolg verwirklichen.

Wir verschenken also eine Gelegenheit, wenn wir nur das Auto sehen und darauf neidisch sind. Am Ende gehen wir noch los und ruinieren uns beim Autokauf, nur um das Gefühl des Neids loszuwerden. Bei der nächsten Gelegenheit merken wir aber, dass der Neid zurück kommt, diesmal mit einem anderen Objekt im Schlepptau. Seien wir nicht so einfallslos! Wenn wir das nächste Mal den Stachel des Neids spüren, dann fragen wir uns doch erst einmal: Wofür könnte das Objekt der Begierde noch stehen? Vielleicht finden wir die Hinweise auf das, was wir wirklich wollen.

"Der Neidische fühlt jedes Hervorragen des anderen über das gemeinsame Maß und will [...] sich bis dorthin erheben..."

Nietzsche war immer heroisch in seinem Verständnis vom Leben: Neid einfach zu verteufeln, würde heißen, sich davonzustehlen, anstatt sich seinen Begierden und Potenzialen zu stellen, sie zu satteln und auf ihnen zu etwas Größerem im Leben zu reiten. 




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