19. März 2015

Wie man die richtige Arbeit findet

Was soll ich arbeiten, fragt sich nicht nur der Philosoph


Der Philosoph Alain de Botton ist einer der wenigen heute lebenden Philosophen, die sich ganz der Praxis der Philosophie verschrieben haben. Wir sind der Meinung, dass Philosophie keine große Relevanz haben kann, wenn wir sie nicht für unseren Alltag nutzbar machen können. In seinem Book of Life spricht de Botton über alle möglichen Aspekte des modernen Lebens, eben auch über Arbeit. Hier ist, was er sagt...

 
Der Anspruch, dass Arbeit erfüllend, anstatt einfach nur schmerzhaft notwendig sein müsse, ist eine sehr neue Erfindung. In älteren Wörterbüchern wie dem von Samuel Johnson aus dem Jahr 1755 tauchen Wörter wie Erfüllung nicht einmal auf. In der heutigen reichen Welt erhoffen wir uns nicht einfach nur Geld, sondern wir schuften mal mehr mal weniger, weil wir Sinn und Befriedigung im Alltag suchen. Das ist ein sehr großer, oft vielleicht überzogener Anspruch, der sich nicht selten in eine Karrierekrise am Sonntag Abend übersetzt. Auf der Suche nach erfüllender Arbeit können uns die folgenden sechs praktischen Ideen helfen:

1. Angst und Verwirrung sind normal

Akzeptieren wir, dass es völlig normal ist, dass wir nicht genau wissen, was die richtige Arbeit für uns sein könnte. In der vorindustriellen Welt gab es vielleicht 2000 verschiedene Berufe, heute haben wir schätzungsweise eine halbe Million verschiedene Wahlmöglichkeiten. Schon deswegen sind wir leicht nervös und besorgt, ob wir die richtige Wahl treffen können und laufen deswegen Gefahr, gar keine Wahl zu treffen. Psychologen nennen das das Paradox der Wahl: Wir verhalten uns wie gelähmt, wenn wir zu viele Wahlmöglichkeiten haben. Dass wir bei so vielen Möglichkeiten verwirrt und ängstlich werden, ist ganz normal. Aber wir sollten uns dadurch nicht überwältigen lassen und gar keine eigene Wahl treffen.

2. Erkenne dich selbst

Das ist der älteste philosophische Ratschlag überhaupt und er gilt fürs ganze Leben, ganz besonders für Karrierefragen. Was wir essen wollen, merken wir ziemlich leicht. Für die meisten von uns offenbart sich jedoch nicht ganz so einfach, klar und deutlich, was wir überhaupt tun wollen. Normalerweise hören wir keine göttliche Stimme, die uns zum Buchhalter oder Logistik Manager beruft. Das heißt nicht, dass wir keine Präferenzen und Neigungen hätten, wir kennen sie nur nicht genau genug. Und das ist eine schlechte Position, denn wer keinen Plan hat, ist bald denen ausgeliefert, die einen haben. Wir haben oft nur Ahnungen und kleine Hinweise auf unsere Neigungen. Wir sollten also lernen, uns diese Ahnungen und Hinweise bewusst zu machen. Dazu können wir erst mal von eventuellen Geldsorgen absehen. Finanzielle Ängste ersticken jeden inneren Dialog mit unserer leidenschaftlichen und kreativen Seite. Man könnte zum Beispiel erst mal ganz naiv notieren, welche Tätigkeiten man selbst genießt, also vielleicht das Baumhaus bauen, Filme schauen, Partys veranstalten oder die Sommer- und Wintersachen sortieren. Je komischer und abgefahrener die Liste desto besser. In der langen und verschlungenen Gedankenreise wird sich irgendwann die unscharfe Form einer idealen Beschäftigung herauskristallisieren. Das wird ein noch sehr krudes Bild sein, das gründlich analysiert werden muss, damit sich eine praktische Empfehlung daraus ableiten lässt. Hier kann die Logik und Analyse der Philosophie dabei helfen, klarer zu sehen.

3. Viel denken, Zeit lassen

Wenn es schon ein paar Tage oder gar Wochen dauert, ein neues Auto auszusuchen, kann es nicht verwundern, dass es jahrelanges Sammeln von Erfahrungen und Nachdenken braucht, bis wir eine wirklich passende Arbeit für uns gefunden haben. Langes Nachdenken erscheint uns vielleicht eitel und egozentrisch, aber für eines der größten Puzzels unseres Lebens muss man sich eben Zeit nehmen. Damit wir nicht weiter unsere Lebenszeit bei einer Arbeit verschwenden, die unser dummes 16jähriges Ich vor vielen Jahren für uns gewählt hat, ist beinahe jede Investition gerechtfertigt.

4. Etwas versuchen

Es mag verlockend klingen, unseren eigenen Charakter zu erkennen und die zu ihm passende Arbeit durch einen Prozess der Reflexion zu finden. Wir benötigen dazu jedoch Daten und Erfahrungen. Wir können uns nur verstehen, wenn wir mit der realen Welt kollidieren und sie und unsere eigene Natur dabei kennenlernen. Dazu müssen wir nicht gleich morgen kündigen. Wir können kleinere Projekte und Möglichkeiten nutzen, die sich jeden Tag bieten.

5. Was macht Leute unglücklich?

Jede erfolgreiche Unternehmung ist letztlich ein Versuch ein eigenes oder das Problem eines anderen zu lösen. Je größer und dringlicher das Problem, desto größer ist das Potenzial dahinter. Um unsere unternehmerischen Muskeln zu trainieren, können wir mal einen Tag durchspielen und alles darin untersuchen, was uns oder andere Leute unglücklich macht: Den Haustürschlüssel suchen, das richtige Essen finden oder mit dem Ehepartner streiten - alles das sind Situationen, wo wir Hilfe geben können und das ist, was Arbeit eigentlich ist. Denken wir nicht, dass alles schon gemacht und ausprobiert wurde! Wir sind unglücklich genug, um immer weitere Möglichkeiten der Behebung unserer Probleme (also richtige Arbeit) zu finden. Wir brauchen dafür unsere Kreativität und neue immer neue Erfindungen.

6. Sei selbstbewusst

Das ist leider ein Schlagwort, dass durch endlose Selbsthilfebücher und Ratgeber fast verbrannt ist. Dabei ist es so wichtig. Nehmen wir es also noch einmal ernst. Oft liegt der Unterschied zwischen Erfolg und Scheitern einfach darin, es versucht zu haben (oder eben nicht). Wir brauchen nicht nach Erlaubnis fragen, um uns in eine neue Rolle reinzudenken und diese auch auszuprobieren. Nicht genug Selbstvertrauen zu zeigen, heißt auch, dass wir missverstehen, wie unsere Welt funktioniert. Es ist wie ein internalisierter Feudalismus, der uns glauben lässt, dass nur einige wenige Leute per Geburt das Recht haben, irgend etwas Besonderes zu tun. Und das stimmt einfach nicht. Viel mehr, ist möglich als wir uns in unserer Bescheidenheit vorstellen.

Das sind die Anfänge auf einem Weg zu der Arbeit, die wir nicht auf unserem Todesbett bereuen werden. Und das ist das letzte ausschlaggebende Kriterium für das, was wir tun oder lassen sollten.





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Kommentare:

  1. Hi,
    vielen Dank für die gelungene Zusammenfassung. Ich habe mich gerade Verändert und kann nur zustimmen. Die wichtigsten Punkte sind denke ich 3. und 4. Zuerst braucht es Raum und Zeit und dann sollte man es auf den Versuch ankommen lassen. Seinen eigenen Weg gehen. Lg Karl

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  2. "Scheitern zulassen", das hört man immer wieder. Ich denke, das ist ein wichtiger Punkt: Durch Hartz4 & Co haben wir das Scheitern nochmal als schlimmste Option in der Gesellschaft etabliert. Zugleich ist durch die Gesetze zur Insolvenz aber auch klar, dass (unternehmerisches) Scheitern im Kapitalismus dazu gehört. Dennoch ist es fies unerwünscht. Und ich denke, das hält viele Menschen in Jobs, die sie nicht gerne machen und die ihnen am Ende auch nicht gut tun.

    Die Erwartung nach Erfüllung und Befriedigung im Job kommt übrigens nicht nur vom Arbeitnehmer. Auch Arbeitgeber wünschen sich, man möge doch bitte alles in seiner Arbeit suchen und darin aufgehen (und am liebsten nichts anderes haben?)… soweit aus meiner aktuellen Lebenserfahrung als Mensch, der sich voll im Klaren ist, dass die ganze Erfüllung nicht allein durch den derzeitigen (Teilzeit-)Job passieren kann. Vielleicht ist man da als Künstler auch speziell? Jedenfalls suche ich nicht alles in einer Tätigkeit, das kann nicht funktionieren.

    Mindestens genau so wichtig wie das, was man eigentlich arbeitet, kann es aber sein, mit wem man das tut. Wer Vollzeit arbeitet, verbringt mehr Zeit mit seinen Kollegen wie mit seiner eigenen Familie.

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    1. Ich sehe das auf den Punkt genau auch so. Wort für Wort kann ich voll bestätigen. Soll heißen: Es deckt sich mit meinen Erfahrungen.

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  3. Folgender Kommentar ist nicht direkt dem Artikel gewidmet, aber da hier nunmal das gnothi seauton explizit eingebunden wird, schreibe ich es hier rein:

    Allgemein wirbt dieser Blog für Selbsterkenntnis. Was ist das denn? Es wird als jener berühmte Ausspruch kaum selbst thematisch, sondern man gewinnt mehr und mehr den Eindruck, es soll eben einfach inspirieren. Ich glaube nicht, dass das der Anspruch dahinter sein soll. Was heißt, sich selbst kennen zu lernen? Wie steht das in Bezug zur "Selbstsorge", die, wie wir beispielsweise von M. Foucault erfahren, vor der Neuzeit eher ein Gegenkonzept dazu war, und zwar ein weitaus populäreres. Ich finde diese Ausdrücke sehr interessant und sie verdienen es, nicht bloß als Voraussetzung oder ggf. Vorverständnis zu fungieren. Ansonsten, danke für die Ratschläge. Was mir aber fehlt, ist die kritische Perspektive auf zu viel Selbstoptimierung, gerade weil hier der Alltag sehr normativ in die Individualität eingreifen kann. Oftmals sollte man doch vielmehr Distanz zu solcherlei Prozessen finden und sinngemäß nach Aristoteles mal wieder die Grundfrage stellen, was denn überhaupt ein "gutes Leben", und nicht nur ein "öffentliches" ist.

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    1. Lieber anonymer Leser,

      das sind gute Ergänzungen und Fragen. Naturgemäß kann man nicht immer alles in einem Artikel behandeln, aber hier sind ein paar weiterführende Artikel zu den angesprochenen Themen:

      Die Gefahr von Psycho-Kult, Coaching und Selbstoptimierung

      Das Paradox unserer Freiheit

      Es gibt keine Identität ohne Masken

      Willkommen in der Entfremdung

      Philosophie als Lebenskunst

      Warum wir nicht wissen, was wir wollen

      Und da gibt es auf diesem Blog sicher noch mehr, z.B. von Heidegger oder Sloterdijk zu entdecken.

      Viele Grüße!

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  4. Wirklich gut zusammen gefasst. Vielen Dank. Beschäftige mich momentan auch viel mit diesem Thema. Es ist gar nicht so einfach, den "passenden" Job zu finden. Aber probieren geht über studieren, wie man so schön sagt. Ich sehe auch, dass immer mehr Menschen Erfüllung in ihrem Beruf suchen. Finde ich wirklich schön. Denn wir sind doch Menschen, keine Maschinen. Kennst du den Film "Die Gabe" ? Ein wirklich wunderbarer Film, wie ich finde. Beschäftigt sich auch mit dem Thema.Denn es schlummert doch in uns allen etwas, was zum Ausdruck gebracht werden möchte, oder nicht? Umso schöner, wenn man diese Sehnsucht nach Ausdruck mit dem Beruf verbinden kann, richtig? Wie gesagt, sehr toller Artikel, vielen Dank dafür! Liebe Grüße, Sandy

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    1. Hallo Sandy,

      danke für deinen Kommentar und das Kompliment! Ich wünsche dir viel Erfolg bei der Suche nach dem passenden Job. Das Schöne ist: Jobs kann man auch wechseln, wenn sie nicht passen. Also sollte man ruhig, wie du sagst, ausprobieren.

      Beste Grüße!

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  5. Hallo Gilbert,

    ich finde mich in vielen Dingen der sechs Punkte wieder.
    Ich selbst litt und leide an Depressionen und ein Grund dafür war das Streben nach einer erfüllenden Arbeit bzw. nach einem Sinn im Leben. Ich habe zuletzt vier Jahre lang eine Arbeit verrichtet, die mich (neben anderen Problemen) immer mehr in die Depression stürzte, weil ich darin keinen tieferen Sinn fand. Andersherum allerdings hatte ich keine Alternative, bei der ich sagte, genau das will ich stattdessen machen. Es ist sehr schwierig, planlos zu sein.:) Und heutzutage gibt es so viele Möglichkeiten. So viele, dass ich mich aber nicht festlegen konnte/ kann. Auch aus der Angst heraus, nachher die falsche Entscheidung getroffen zu haben.

    Es ist wirklich so, dass ich nur durch Handeln und Tun dem näher kam, was ich wirklich will. So wie du es auch beschreibst.
    Seit einiger Zeit versuche ich nun mir meinen eigenen Blog aufzubauen. Und mittlerweile habe ich das Gefühl, auf einem guten Weg zu sein. Zumindest weiß ich dabei, dass mich das erfüllt. Und das ist die Hauptsache. Ob ich damit jetzt Geld verdiene oder nicht, sei nochmal dahin gestellt. Das zu tun, was mir Spaß macht, ist das, was zählt. Und das tue ich jetzt mehr und mehr. Und darin liegt meiner Meinung nach auch das Geheimnis der Zufriedenheit.

    Viele Grüße
    Martin (Huylle)

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    1. Hallo Martin,

      vielen Dank für deine offenen Worte. Freut mich, dass dir der Artikel was geben konnte. Und Glückwunsch zum eigenen Blog. Geld verdienen? Mit einem Blog? Da muss man sich dann sehr dahinter klemmen und es forcieren. Ich selbst verdiene kein Geld (im Sinne von Gewinn) damit, versuche es aber auch nicht.

      Bleib stark, achte auf dich! Wie du weißt, haben Depressionen immer viele Gründe, nie ist es "nur" die Arbeit oder die psychische Disposition oder was auch immer. Es kommt vieles zusammen, aber ein Glück gibt es inzwischen auch schon vieles an Hilfe, wenn man nicht mehr weiter weiß.

      Alles Gute!

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  6. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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