22. März 2015

Soll man Kunst kaufen?

Ein Leben ohne Kunst ist möglich, aber sinnlos

Kunst hängt in Museen, wird bei Sothebys für Millionen versteigert oder ist etwas aus einem anderen Jahrhundert. Jedenfalls ist Kunst nichts für mich und meinesgleichen. So in etwa war mein Verständnis der Materie. Bis ich an einem Samstag Nachmittag durch die Galerien der Alten Baumwollspinnerei in Leipzig schlenderte, um auch das mal gesehen zu haben. In einer der Galerien blieb ich wie gefesselt vor einem Ölgemälde stehen, das ganz im Stil der alten Meister einen Monster-Truck abbildete. Ja, richtig gelesen: Einer dieser Pickups mit grotesk großen Rädern. Dieser Gegensatz des modern-absurden Sujets und des klassischen Mediums der Sinngebung per Ölfarbe auf Leinwand faszinierte mich. Irgendwann riss ich mich seufzend los und ging nach Hause. Schade, dachte ich, dass man so etwas nicht in sein eigenes Zuhause hängen kann. Kann man nicht? Fragte ich mich in meiner Wohnung vor leeren Wänden. Warum denn nicht? Und ich recherchierte, wer der Künstler war, was er sonst so produziert und wo er schon ausgestellt hatte. Eine Woche später fuhr ich wieder hin und sprach mit dem Galeristen.

Gezielte Knappheit: Paul Klees unverkäufliche Bilder im eigenen Nachlass (Foto: G. Dietrich)

Heute war ich im Leipziger Museum der bildenden Künste und schaute mir die Paul Klee Ausstellung an. Sie heißt im Untertitel "Sonderklasse Unverkäuflich", weil Klee verfügt hatte, dass diese in seiner Sonderklasse gesammelten Werke nicht verkauft werden sollten. Auf diese Art entzog er sie dem Kunstmarkt und behielt sie für sich, seine Frau Lily und den Nachlass. Ein überaus kluger Zug, wenn man bedenkt, wie viele Werke von Künstlern auseinander gerissen in der Welt verstreut und somit fragmentiert sind. Klee konnte schon zu seinen Lebzeiten die Werke in Retrospektiven zeigen, die ihm besonders am Herzen lagen oder die er für besonders wichtig hielt. Nun war Klee aber ganz und gar kein Marktverweigerer. Vielmehr ging er sehr berechnend und bewusst mit dem Kunstmarkt um, indem er Preisstrukturen festlegte und seine Bilder danach klassifizierte. Galeristen ärgerten sich darüber schon mal, weil sie meinten, die Bilder für diese Preise nicht verkaufen zu können. Dabei weiß heute jeder, dass eine gewisse Knappheit auf dem Markt herrschen muss, damit die Dinge "wertvoll" bleiben. Klee hatte Jahre, in denen er mehr als Tausend Bilder vollendete. Wenn er davon leben wollte, war die gezielte Knappheit gar nicht so doof.

Es gibt also gute Gründe, wenn Künstler ihre Werke nur ungern verkaufen. Manche gefallen ihnen einfach zu sehr, um sie herzugeben. Besonders tragisch ist es, wenn Werke völlig aus der Öffentlichkeit verschwinden und in irgendwelchen Bankschließfächern auf ihre Rendite warten. Ebenso gibt es gute Gründe, Kunst zu kaufen.


Paul Klees Bilder der Sonderklasse, unverkäuflich (Foto: G. Dietrich)

Ästhetik und Sinn

Als ich zurück beim Galeristen in der Baumwollspinnerei war und das Bild, den Monster-Truck in Öl, wieder sah, wurde mir sofort klar, was der wichtigste Grund ist, Kunst zu kaufen: Schönheit oder sagen wir lieber Ästhetik. Ich liebte dieses Bild, seinen Mut, die Brechung von Erhabenem und Profanem und ich dachte, dass es damit etwas über die Zeit aussagte, in der wir leben und auch mit mir selbst und meinem Spagat zwischen Trauer um Verlorenes und Freude an Technik zu tun hatte. Wenn Kunst zu uns spricht, dann kann es passieren, dass wir ein sehr persönliches Verhältnis zu ihr aufbauen. Sie vermag es dann, etwas aus uns heraus an die Wand zu ziehen und wir erkennen uns darin wieder. Kann Kunst an der Wand in unserer Welt ohne Gottesdienst und andere große sinnliche Ansprachen vielleicht eine Lücke füllen? Ich fühlte mich jedenfalls mit diesem Bild sehr verbunden und hatten einen Impuls: Haben wollen.

Es ist offensichtlich, dass wir uns zu ästhetischen Objekten, zu schönen Menschen und die Sinne erfreuenden Orten hingezogen fühlen. Die Geschmäcker sind ein Glück verschieden. Aber es ist meine Überzeugung, dass es für ein gelungenes Leben wichtig ist, sein Umfeld ästhetisch zu gestalten, sich mit schönen Dingen zu umgeben, die es vermögen, einen intimen Sinn zu stiften und uns ermöglichen diese Sinnlichkeit auch bewusst wahrzunehmen. Man muss dazu nichts besitzen, man kann in die Natur gehen oder in Ausstellungen. Aber spricht etwas dagegen, sich etwas Schönes zu eigen zu machen?

Werte, Verluste und Kunst

Wir haben heute - wenn wir nicht ganz doof sind - ein gespaltenes Verhältnis zu Eigentum und Besitz. Neben der Ressourcenfrage stellt sich immer auch die Frage, ob wir nicht der Allgemeinheit aufgrund einer Vorteilsposition, die wir haben (z.B. durch Geld), etwas entziehen? Auch das Zumüllen und Verrümpeln der Welt macht uns Sorgen und lässt uns eher mit einem Sharing-, anstatt einem Besitzmodell liebäugeln.

Künstler führen ein oft prekäres Leben, schaffen ihre Werke auf Risiko und müssen am Ende auch essen und wohnen. Sie setzen darauf, dass irgendwer doch einmal eines der Werke kauft. Und dann können sie es eben nicht für 15 Euro hergeben. Wir als Konsumenten hingegen geben eine Menge Geld für nützlichen Schrott aus: Ein Smartphone kostet heute gern 500 Euro, ein Auto mehrere Tausend Euro und über das sinnlose Klamottenkaufen bei H&M und der gleichen will ich gar nicht reden. All dieser Konsum bringt neben den bekannten Folgen für die Welt, den eigenen Körper und Geist auch einen ungeheuren Werteverlust mit sich. Ein Auto beispielsweise verliert im ersten Jahr ein Viertel seines Wertes, bis es in den nächsten Jahren nur noch 10 bis 5 Prozent seines ursprünglichen Wertes hat. Wenn man sich das überlegt, hat der Besitz eines Kunstwerkes plötzlich eine ganz eigene Attraktivität.

Tipps zum Kaufen von Kunst

Wenn man sich beim Erwerb eines Kunstwerkes etwas Mühe gibt, dann verliert es nichts an Wert, sondern wird mit der Zeit immer wertvoller. Zumal, wenn der Wert eigentlich in seiner Schönheit für mich besteht und diese Schönheit nicht vergeht. Wenn es um einen Werterhalt im monetären Sinne geht, muss man sich natürlich etwas mit der entsprechenden Kunst und dem Künstler auseinander setzen. Wie alt ist er? Hat er bereits einiges an Ansehen und trotzdem noch Potenzial? Wo hat er schon ausgestellt? Verkauft er seine Werke oder bleibt er darauf sitzen? Auch darf man das Material nicht vernachlässigen. Nicht umsonst sind Leinwand und Ölfarbe nach wie vor die klassischen Materialien in der Malerei. Blut auf Salzgebäck hält sich nicht besonders und ein Tintenstrahldruck auf Papier verblasst ziemlich schnell. Haltbarkeit wäre also ein wichtiges Kriterium, wenn man sein Herz an etwas hängt oder sein Geld in etwas hineinsteckt, was sich irgendwann rentieren soll.

Wenn man das weiter denkt, dann könnte man auch aus vermögensverwalterischer Sicht zum Kauf von Kunst raten, denn das Bargeld, das Deutsche auf ihren Tagesgeldkonten haben, schmilzt dahin. Ein bisschen Diversifizieren könnte da nicht schaden, zumal es den Künstlern hilft, die auch mal ein Smartphone oder ein Auto brauchen. Hinzu kommt, dass Kunsterwerb, -vererbung und -vertrieb auch steuerlich begünstigt sind. Auf der anderen Seite darf man nicht außer Acht lassen, dass Kunst auch einen Preis im Unterhalt hat. Wenn es keine Millionen gekostet hat, dann kann man es in der Regel im Hausrat mitversichern (höchstens 20% der Gesamtsumme des versicherten Hausrates). Will man Kunst lagern - wodurch man sich aus meiner Sicht um den Kunstgenuss bringt - dann sieht das schon wieder teurer aus. Vielleicht will man sein Bild auch durch einen Rahmen vor Beschädigung schützen, das kostet auch einige Hunderter extra.

Kunst im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Aber all das interessiert mich nur am Rande. Ich will einfach diese Ästhetik in meinem Leben haben. Und vielleicht ist es auch so ein romantischer Gedanke, dem ich hier nachhänge: Im Zeitalter der endlosen Reproduzierbarkeit etwas einzigartiges und originales zu besitzen, hat an sich schon einen Wert. Walther Benjamin hat gesagt, dass die Aura eines Kunstwerkes - die "einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag" - gerade in seiner Einmaligkeit bestehe, in seinem Hier und Jetzt, seiner orts- und zeitgebundenen Geschichte. Die Echtheit ist im Grunde das einzige, das nicht reproduzierbar ist. Es macht mir gerade keinen Spaß, einen Druck von Monet an der Wand zu haben, der ich bei IKEA tausendfach an andere Kleinfamilien verkauft. Dass etwas an meiner Wand echt und doch unbekannt ist, bringt mir eine ungeheure Freude. Und die Reaktionen von Besuchern auf echte und schräge Kunstwerke in Privatwohnungen sind immer wieder ein Genuss. Sie geben Anlass zu einem Gespräch, dass man so heute im Alltag kaum noch führen wird: Was ist das? Wie kommst du dazu? Was hat das mit dir zu tun? Wie aufregend! Ein Gespräch über bildende Kunst im 21. Jahrhundert.



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Kommentare:

  1. Kunst ist halt nicht so leicht zu konsumieren. Gerade die Einzigartigkeit und dass man eben nicht im Ikea dran kommt, sondern ggf. in eine Galerie geht, lässt einen gar nicht drum herum kommen, sich damit beschäftigen. Wenn man sich ein Original an die Wand hängen will. Bisher habe ich immer Fotos (von mir) aufgehängt, das war das nächste am Original, was ich mir leisten konnte. Aber neulich habe ich mit einer meiner Bands in einer Galerie gespielt und da sind die Bandmitglieder dann lange durch die Sammlung gewandert. Den Künstler hat's gefreut, jeder Musiker hat was gekauft. Wenn auch nix Großes, obwohl da echt faszinierende Bilder dabei waren, die ich wirklich gerne gehabt hätte. Aber so wie der Maler von wenig lebt, leben wir als Musiker auch nicht von viel und seine Preise waren angemessen. Unsere sind es leider noch nicht.

    Und was das eines Tages Wert ist, das ist mir sowas von egal. "Wertverlust" kann man übrigens auch anders als monetär sehen: Die ganzen technischen Geräte, die dauernd veralten, verlieren ja auch dauernd einen ideellen Wert. Eine gute Uhr wurde früher sehr lange getragen, sie war immer dabei, sie gehörte vielleicht auch zu ihrem Träger irgendwie dazu. Heute glotzen alle auf ihr Smartphone und kaum hat man sich richtig daran gewöhnt, kommt schon wieder ein Neues. Und so ist es ja mit vielem. Es ist ein Aspekt moderner Bindungslosigkeit.

    Kunst also als Gegenpol? Das habe ich mir ausgesucht, allein weil es zu mir gesprochen hat, das bleibt bei mir hängen? Vielleicht.

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    1. Hi Toc6! Danke für diese Erhellung meiner eigenen Gedanken... ich habe das gar nicht ganz so klar gesehen, aber würde mir gern deine Wendung zu eigen machen: Kunst im Original als ein Gegenpol zur modernen Bindungslosigkeit. Ein schöner Gedanke.

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  2. Ich erlaube mir auch, ein kurzes Statement zu diese Diskussion zu geben. Für mich ist Kunst auch eine Möglichkeit, mich von der großen, grauen Masse abzuheben. Kunst ist frei. Kunst ist einzigartig. Kunst ist individuell. Genau dass, wonach im Grunde jeder Mensch strebt. Sich selbst von der Mehrheit abzuheben, eine eigenständige, unabhängige Persönlichkeit darzustellen.
    Kunst im Original als ein Gegenpol zur modernen Bindungslosigkeit. Die perfekten Worte, um die Sehnsucht der heutigen Gesellschaft zu beschreiben.

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    1. Danke Julia, für diese tolle Ergänzung. Kunst ist "genau dass, wonach im Grunde jeder Mensch strebt." Sehr schön gesagt! Und eine tolle Website hast du da!

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  3. Hallo Gilbert,
    schön, dass ich Deinen Blog entdeckt habe. Ich finde Du hast die Denkansätze zur Kunst-kaufen-Frage wunderbar beschrieben.
    Meine ersten Kunstwerke habe ich mir im Thailand-Urlaub gekauft, denn dort wirkten die Galerien so einladend und offen, ich war einfach begeistert von dem Bild und hab gar nicht groß drüber nachgedacht.
    Hierzulande ist oftmals die Hemmschwelle groß, in eine Galerie zu gehen, wenn man kein Kenner der Kunstszene ist; zumindest geht es mir so. Hinzu kommt die Sorge, sich auf Grund der immensen Auswahl falsch zu entscheiden, da man alles richtig machen möchte, und das Kunstwerk genau passen muss (Manche denken bei einer Tätowierung nicht so lange nach). Gelähmt vor Entscheidungsangst lässt man es dann einfach bleiben. Dabei sollte man einfach achten, was einen selbst berührt, und danach entscheiden.
    Mein Projekt ist es, einen Kunst-Laden zu öffnen, der insbesondere Menschen anspricht, die Kunst mögen, jedoch weder erfahrene Kunsthistoriker noch Galeriegänger oder Kunstsammler sind. Ich würde gern in meinem Blog von Deinem Beitrag: "Soll man Kunst kaufen?" berichten, wenn ich darf?

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    1. Hallo Susanne,

      danke für deinen Kommentar! Deine Idee ist großartig, so einen Kunst-Laden ohne "Türschwelle" wäre großartig. Obwohl ein bisschen Kunsttheorie auch beim Genuss helfen kann und dabei, sich besser zwischen "Schrott" und "Kunst" orientieren zu können.

      Ich würde mich freuen, wenn du auf meinen Artikel hinweist, aus ihm zitierst und/oder ihn verlinkst. Lass mich wissen, wie dein Projekt voran geht und sende mir einen Link, wo du über meinen Artikel berichtest, dann kann ich das in den sozialen Netzwerken teilen.

      Ich bin leider aus Leipzig weggezogen, aber wenn ich mal wiederkomme, schaue ich bei deinem Laden vorbei.

      Liebe Grüße!

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    2. Hallo Gilbert,
      ganz vielen Dank. Hier ist mein kleiner philosophischer Blog-Eintrag:
      http://blog.beuteltier-art.de/19-soll-man-kunst-kaufen
      Die Eröffnung ist erst für November16 geplant, wenn denn alles klappt. Falls Du in Leipzig bist, schau einfach rein!
      Herzliche Grüße Susanne

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