23. August 2015

Vom Leben, das wir nicht gelebt haben

Das, was wir nicht werden konnten, macht uns zu dem, was wir sind

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich blicke schon öfter auf mein Leben, auf mich heute und bedaure, wie durchschnittlich das alles ist. Ich bin nichts besonderes. Es ist sicher irgendwie kindisch, aber ich wäre gern ein Rockstar geworden oder der berühmteste Maler unserer Zeit oder Literaturnobelpreisträger. Statt dessen arbeite ich jeden Tag in einer Firma irgendwo in Berlin. Aber noch quälender und daher auch viel wichtiger als meine Berühmtheitsfantasien ist die Frage, was eigentlich gewesen wäre, wenn...

Egal wie bunt und aufregend, es geht immer nur im Kreis... (Creative Commons C00)

An einem Punkt in meinem Leben stand ich vor der Entscheidung, entweder das Abitur zu machen oder eine Stelle in der Prignitz anzutreten, wo ich im Naturschutz arbeiten und zunächst Horste von Fischadlern observieren und schützen sollte. Oft denke ich daran und bedaure, dass ich kein Leben näher an der Natur führe, es fehlt mir. Oder: Wer wäre ich jetzt, wenn ich damals vor 12 Jahren nicht aus den USA zurückgekehrt wäre, sondern dort eine Doktorandenstelle angetreten hätte? Oder warum habe ich damals nach den vielversprechenden Anfängen im Studium nicht alles gegeben, um es zu Erfolg in der Fotografie oder der Schriftstellerei zu bringen?

Warum ist Justin Bieber kein Tischler?

Die endlos vielen Parallelmöglichkeiten, die wir heute zu haben scheinen, sind ein sehr modernes und westliches Phänomen. In eine ländliche Ständegesellschaft, in starre religiöse Strukturen oder Kasten hineingeboren zu werden, bedeutete, nur dieses eine mögliche Leben entweder als Knecht oder als König zu haben. Heute ist es anders: Justin Bieber und mein Neffe - beide 21 Jahre alt - unterscheiden sich von einander nicht einmal äußerlich. Es ist völlig unklar, warum Justin Bieber nicht Tischler geworden ist und mein Neffe einer der berühmtesten Popstars unserer Zeit.

Diese gefühlte Ungerechtigkeit, die aus der relativ großen gesellschaftlichen Gerechtigkeit kommt, denn jeder scheint heute "seines eigenen Glückes Schmied" sein zu können, lässt uns nur schwer ertragen, dass wir nicht eines der besseren Leben führen können, die das Universum der Möglichkeiten für uns bereit gehalten hatte. Es gibt für jeden von uns zahllose Leben, die wir nicht gelebt haben. Diese ungelebten Leben können zu einer Quelle von Reue und Unzufriedenheit im gelebten Leben werden.

Wahl und Auswahl als moderne Verdammnis

Adam Philips schreibt in seinem Buch Missing Out: In Praise of the Unlived Life, dass sich unsere ungelebten Leben vor allem im Neid auf die bemerkbar machen, die vermeintlich ein besseres Los gezogen haben. Der amerikanische Soziologe Parker Palmer meint daher: "Wenn Sokrates sagte, das ungeprüfte Leben sei nicht wert, gelebt zu werden, dann stimmt es gleichermaßen, dass das ungelebte Leben es nicht wert ist, geprüft zu werden." Das ist freilich nur ein Bonmot und keine Erkenntnis, der Schluss folgt nicht nicht einmal aus der Prämisse und die Prämisse selbst ist nicht evident. Aber dieses Bonmot ist eine Erinnerung daran, dass wir uns besser auf das Leben konzentrieren, das sich durch uns hier und jetzt manifestiert, anstatt einem Phantasma hinterherzutrauern, das nie realisiert wurde und keine Chance auf Realisierung hat. Sollten wir nicht lieber das schätzen, was wir zur Verfügung haben, als darüber zu lamentieren, was uns fehlt? Dazu gibt es mächtige philosophische Unterstützung, etwas von Leibnitz, der die Welt - wie grausam sie auch sei - als die beste aller möglichen Welten beschrieb oder Hegel, der meinte, dass nur das Vernünftige wirklich und das Wirkliche vernünftig sei. Es lässt mich auch an Angela Merkels Alternativlosigkeit denken und wie schnell solch vermeintliche Notwendigkeiten als Totschlagargument gegen Veränderung und als Deckmäntelchen für Stillstand herhalten müssen.

Ebenso modern wie die Verdammnis zur freien Wahl der eigenen gesellschaftlichen Position ist der Druck, das Leben möglichst auszufüllen, damit es ein erfülltes Leben wird. Die vielen Möglichkeiten, die wir haben, drängen uns zur Nutzung all dieser Potenziale. Auch das lässt uns vor allem danach schauen, was unserem Leben fehlt und macht so den Genuss des Lebens unwahrscheinlicher.

So sehr ich für die Weisheit bin, die aus der Akzeptanz des Lebens und seiner Umstände kommt, so sehr würde ich aber auch dafür plädieren, dass wir Alternativen haben, dass wir wählen können und unser Leben aktiv gestalten sollten. Sicher macht es nicht viel Sinn, den Entscheidungen hinterherzutrauern, die wir damals nicht getroffen haben. Aber - so auch Adam Philips - der Fakt, dass diese nicht gelebten Möglichkeiten uns weiterverfolgen, sollte uns zu denken geben. Vielleicht sprechen diese unrealisierten Parallelwelten zu uns und sagen uns etwas Wichtiges, das wir zur Kenntnis nehmen sollten.

Das ungelebte Leben als Bereicherung des Gelebten

Unsere leisen Seelenqualen spornen uns dazu an, die Realität kritisch vor der Folie dessen abzugleichen, was in uns als tiefer Wunsch oder als Leidenschaft schlummert. Das ungelebte Leben mahnt uns dazu, uns nicht voreilig mit dem zufrieden zu geben, was gerade ist. Vielleicht finden wir im ungelebten Leben eine Zutat, mit der wir unser gelebtes Leben bereichern können. Ebenso sind die vielen Möglichkeiten ein Segen, wenn wir es verstehen, sie selektiv zu realisieren und uns nicht über die grämen, die wir dann doch ungelebt lassen müssen.

Die Sehnsüchte, die aus unseren ungelebten Leben sprechen, sagen viel darüber aus, wer wir sind und wer wir werden können. Anstatt unter dem Ansturm der Reue zu leiden, die uns manchmal überfällt, sollten wir diesen Sehnsüchten zuhören, sie zur Kenntnis nehmen und sie in die Waagschale des zukünftig noch zu gestaltenden Lebens werfen. Mich nur selbst dafür zu bemitleiden, dass ich irgendwann einmal eine Entscheidung treffen musste, bringt gar nichts. Aber diesen Mangel im Heute zu erkennen und in den Entwurf des Morgen einzuflechten, das bedeutet wirkliches Gestalten meines Lebens. Wer sagt denn, dass ich es nicht schaffe, viel mehr Natur in den nächsten Teil meines Lebens zu bringen, selbst wenn ich die Entscheidung von damals gegen ein Leben mit den Tieren in der Prignitz und für ein Leben in Berlin nicht mehr zurücknehmen kann?



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Kommentare:

  1. wir sind der oder diejenige, die wir durch die Prägung unseres Umfeldes geworden sind. Wenn wir uns diese Prägung vor Augen führen und die Tatsache, dass unsere Bewertung von Lebensentwürfen durch unsere Mitmenschen entsteht, dann merken wir schnell, dass es nicht unendlich viele Möglichkeiten gibt, da wir in einem ganz bestimmten Umfeld aufgewachsen sind und heute leben, das uns laufend weiter prägt. Wollen wir also jemand anderes sein, müssen wir unser Umfeld ändern. Und grämen wir uns, dass wir nicht ein anderes Leben leben, dann sollten wir akzeptieren, dass wir eben in einem eigenen Umfeld aufgewachsen sind, dass uns geprägt hat und zu dem gemacht hat der wir sind, egal ob wir das wollen oder nicht und sollten versuchen zu schauen, welche Stärken und Möglichkeiten uns dadurch gegeben sind, die andere nicht haben.
    Ich habe zu diesem Thema auch kürzlich einen Artikel auf meinem Blog geschrieben
    http://lebenimwandel.net/2015/08/23/eigenertext-identitaetsentwicklung-selbstfindung-und-der-weg-zu-sich-selbst/
    (früher hieß der Blog: proceeding-alteration)

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  2. WHY is it a 'westlich' phenomenon to think so? Because the 'West' is 'modern' and the rest of the world not so? Do you think it would not occur to 'other' people who live in 'non-western' societies to think about the path their lives have taken and ask themselves 'what if...' .
    The 'what if...' is a question for all of us. it it the result of the damned and disastrous development of human consciousness, which as Schopenhauer says " The ability to contemplate the past and anticipate the future makes humans subject to new forms of suffering. Humans can be haunted by the past and have feelings of remorse and regret”.
    The idea that to what extent what we become is determined by us, our 'free will', our decisions and our abilities and to what extent by elements of chance and 'luck', and the corresponding issue of 'moral luck' (see Thomas Nagel on that), has begleitet me almost all my life....and the more I have thought about it, the less clear it has become. There are just too many 'variables' at work here. What if I had not been tossed by force of circumstances in this distant continent, what if I had remained where I was, usw. Exactly I live two lives, the real one, and the one which should have been....As for Adam Phillips, well...I have aversion towards 'self-help' type of books, perhaps I am being a bit unkind to Phillips, but what is the point of telling people to get on with their lives and ignoring the hopelessness of it all? No, this is the worst of all possible worlds. (And in passing, isn't Hegel's view to which you refer, rather off the mark? As I understand it, Hegel is rejecting 'das-ding-an-sich' Kantian notion – he did not think such a distinction between reality and appearance made sense; he was not telling us to 'get real').
    You seem to be still too young to look back and get an overview as such – wait for another couple of decades or so ....when a certain threshold is crossed.... Minna

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    1. Hi Minna, I appreciate your very passionate comment. I didn't want to offend anyone when I said bounty of options is a western/modern phenomenon. That doesn't mean everybody is not and wasn't in the past thinking about options. Of course everyone is and was.

      I don't appreciate you jumping to conclusions about my ability to look back and my age. I think this is not a proper way to discuss philosophy. This seems you are aiming for making things personal. I wouldn't mind in general, I just don't know you well enough to engage in personal.

      Best,

      Gilbert

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    2. Entschuldigung if I offended you. I did not mean to be personal at all, but I can see now how it has come across. We also say to people as well, for example, that you cannot write your 'memoir' as you are still too young. and I meant it in that light and not questioning your 'ability' at all. If fact, this was a Trost too - if you not yet too late to make changes....regards Minna

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    3. Hey Minna. No hard feelings. Written communication in a short form is challenging to us. I'm currently traveling but I'd love to give your thoughts on Hegel some try later when I'm back with time. Thanks!

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  3. Ein schöner Post, der mich zum Nachdenken, Mitfühlen und wieder zum Nachdenken anregt. Ja, ich glaube jeder von uns ist schon mal an diversen Scheidewegen in seinem Leben gestanden - egal ob in unserer westlichen Welt, aber auch in Südostasien, in Afrika, immer haben wir es mit Gelegenheiten und Entscheidungen zu tun. Der Luxus, den wir hier haben, ist, dass wir diese Entscheidungen reflektieren können, weil wir die Zeit und die Umstände dazu haben. Was für ein Geschenk! Was für eine Chance! Ich hänge zwar scheinbar zum momentanen Zeitpunkt an etwas fest, erkenne die Zusammenhänge und kann aus heutiger Sicht trotzdem in mein aktuelles Leben eingreifen. So wie du es formulierst: "Wer sagt denn, dass ich es nicht schaffe, viel mehr Natur in den nächsten Teil meines Lebens zu bringen..." Ich wurde auf ein Zitat aus dem Film "Kungfu Panda" aufmerksam gemacht: "Yesterday ist history, tomorrow is a mistery, but today is a gift. That's why it's called a present." Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, dass "Gegenwart" und "Geschenk" auf englisch dasselbe Wort ist. Ich habe jeden Tag die Möglichkeit, den Moment der geistigen Gegenwart zu nutzen und eine Erkenntnis in die Tat umzusetzen. Und ich persönlich finde es im Nachhinein immer schlimmer, wenn ich die Erkenntnis nicht genutzt habe, nicht die damals getroffene Entscheidung selbst. Was mich jetzt dazu bringt, gleich mal über eigene Erkenntnisse und nicht umgesetzte Absichten nachzudenken... ;o)

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    1. Danke Claudia, für deinen schönen Kommentar. Interessant, diese sprachliche Parallele von Gegenwart und Geschenk. Und in der Tat ist uns die Gegenwart ja auch einfach "gegeben", egal wie viel wir zuvor geplant und verhindert haben. Lass uns wissen, was beim Nachdenken über die eigenen Erkenntnisse und Absichten rauskommt.

      Alles Liebe!

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