13. Dezember 2015

Die negativen Folgen positiver Psychologie

All You Need is Love... Oder?

Wir alle sind Kinder der Idee, dass ein junger Mensch nichts weiter als ein gesundes Selbstwertgefühl benötigt, um ein guter Erwachsener zu werden. Diese Idee kommt aus einer Bewegung, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegen die pessimistische Überlieferung wandte, die dem Menschen eine Erbsünde anlastete. Selbst die Begründer der modernen Psychologie wie Sigmund Freud waren davon überzeugt, dass der Mensch in seinem zivilen Verhalten gerade so die finsteren tierischen Triebe maskieren kann und dass er strenge Institutionen benötigte, um sich ihn vom Intrigieren und Morden abzuhalten.

Amerikanische Psychologen wie Nathaniel Branden und Carl Rogers begründeten dagegen eine positive humanistische* Psychologie, nach der jedes Menschenkind von Natur aus gut sei und nichts weiter wolle, als sich entfalten und die beste Variante seiner selbst werden. Hingegen sei vor allem ein geringes Selbstwertgefühl für Gewalt und Scheitern im Leben der Menschen verantwortlich. Das gipfelte beispielsweise darin, dass man Kindern in der Schule keine schlechten Noten mehr geben konnte, um ihr Selbstwertgefühl nicht zu unterminieren. Eine Generation von jungen Menschen wuchs mit dem Gefühl auf, etwas besonderes zu sein, ohne dafür etwas tun zu müssen.

Manieren beibringen durch strenge Institutionen? (Bundesarchiv, Bild 183-R79742 / CC-BY-SA 3.0)

Billiges Selbstwertgefühl und Narzismus

Es ist dem Psychologen Roy Baumeister zu verdanken, das Missverständnis der positiven Psychologie aufzuklären. Er belegte anschaulich, dass nicht ein schwaches Selbstwertgefühl für die Übel der Gesellschaft verantwortlich ist. Im Gegenteil: Seinen Untersuchungen zufolge sind gerade unter den eher aggressiven Menschen viele mit einem sehr hohen Selbstwertgefühl. Die positiven Korrelationen, die Baumeister im Zusammenhang mit einem hohen Selbstwertgefühl fand, waren größere Zufriedenheit und ein größerer Tatendrang. Und wenn wir an Figuren wie Stalin und Hitler denken, bei denen sich ein enormes Selbstwertgefühl in einen enormen Tatendrang übersetzt hatte, dann wird schnell ganz klar, dass ein hohes Selbstwertgefühl nicht das alleinige Rezept geglückter Gesellschaften sein kann.

Baumeister und seiner Schüler fanden heraus, dass vielmehr ein unbegründetes und überzogenes Selbstwertgefühl das Problem ist. Man nennt das Narzissmus. Ironischerweise führte die Popularisierung der positiven Psychologie von Nathaniel Branden und Carl Rogers dazu, dass eine ganze Generation von Narzissten aufwuchs. Denn der Gedanke, dass man den Kleinen bloß ein großes Selbstwertgefühl einzupflanzen hatte und der Rest würde von ganz alleine kommen, hat einen Nachwuchs hervorgebracht, der ganz unbegründet ein hohes Selbstwertgefühl hatte. Wenn man gute Noten bekommt, ohne sich anstrengen zu müssen, dann fühlt sich das vielleicht gut an, aber es führt in der Regel nicht dazu, dass das gute Gefühl auch durch tatsächliche Leistung untermauert wird. Hinzukommt, dass die Kritik, die in der realen Welt auf solche gehätschelten Kinder wartet, die nichts leisten können, von diesen Kindern kaum ertragen wird. Denn sie sind es nicht gewohnt, für mangelnde Leistung bestraft zu werden.

In den 50er Jahren haben sich 10% der Teenager für etwas Besonderes gehalten und zum Ende der 80er Jahre waren es 80% (Generation Me, Jean Twenge). Und wir wissen ganz genau: Sie sind nichts besonderes, sie sind Kids, die man zu Narzisten gemacht hat. Auf solche Menschen wartet vor allem die Enttäuschung im Alltag.

Begründetes Selbstwertgefühl gibt es nicht umsonst

Um Branden und Rogers Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Natürlich hatten sie mit ihrer empfohlenen Selbstentfaltung etwas anderes gemeint, als unbegründet unser Selbstwertgefühl aufzublasen. Es ist lediglich das, was dabei rauskommt, wenn wir aus Faulheit meinen, es reicht, sich toll zu fühlen, ohne dafür etwas zu leisten. Diese Faulheit ist auch das, was wir heute in all den Motivationssprüchen noch sehen, die uns sagen, wir müssen nur uns selbst lieben und alles wird gut. Es wäre natürlich schön, wenn das so einfach wäre. Ist es aber nicht. Um wirklich sein Potential zu entfalten, muss man lange und hart an sich und seinen Fähigkeiten arbeiten. Und das geht einher mit viel Frust und Enttäuschung. Aber wer will so etwas schon hören? Dann doch lieber so einen Quatsch wie "Wenn Du Dich im Spiegel ansiehst, lächle Dir zu und die Welt wird Dich lieben" auf Facebook liken, das ist einfacher, als ehrlich zu sein und an sich zu arbeiten.

Um noch mal auf unsere Kinder zu sprechen zu kommen: Eltern werden wissen, dass der romantische Gedanke, wir alle sind im Grunde gute Menschen Blödsinn ist. Gerade Kinder zeigen unbegründete Aggressionen, Grausamkeiten gegeneinander oder Tiere, einen Zerstörungswillen und puren Egoismus gepaart mit Abwesenheit jeglicher Geduld. Vieles davon liegt an noch nicht vollendeter Hirnphysiologie, aber die richtige Entwicklung emotionaler Intelligenz geht nicht ohne elterliche Grenzziehungen. Ersparen wir unseren Kindern die Enttäuschungen später im Leben, indem wir sie schon früher etwas enttäuschen. Liebe und Erfüllung sind nicht umsonst und überall zu haben und es spricht nichts dagegen, dass Kinder das lernen, meint auch der Philosoph Alain de Botton:

Die menschliche Natur kommt mit einem starken und größer werdenden Drang das zu tun, was sofort angenehm ist und Spaß macht. Genau deshalb ist die unvermeidliche Aufgabe liebender Eltern, dem Kind im Interesse der langfristigen Erfüllung die sofortige Belohnung zu verweigern. An dieser Stelle wird es immer den Krieg im Kinderzimmer geben. (Why – When It Comes to Children – Love May Not Be Enough)

All das heißt nicht, dass wir zu kalten Duschen und Arschversohlen unserer Großeltern zurückkehren sollten. Aber ohne Schmerzen, ohne Grenzen und ohne Enttäuschungen zu einem emotional reifen Menschen aufzuwachsen, ist nicht möglich. Ein gesundes und begründetes Selbstwertgefühl kommt nicht ohne Anstrengungen. Sowohl Kinder als auch Erwachsene merken, wie gut es sich anfühlt, wenn wir eine wirkliche Schwierigkeit überwunden haben, wenn wir etwas erreicht haben, das nicht leicht war, wenn wir uns gequält haben und dann eine Goldmedaille gewonnen oder eine gute Note bekommen haben. Wer das nicht als Kind lernt, wird auch als Erwachsener nicht durch das Tal der Tränen gehen können, das jeder Wissenschaftler, jeder Künstler oder Schriftsteller kennt. Werden wir erwachsen und erkennen wir an, dass ein wahres Selbstwertgefühl die Folge von Entfaltung und Leistung ist und nicht umgekehrt.


*Dank an Psyche und Arbeit für die Präzisierung!

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Kommentare:

  1. Danke für den guten Artikel. Ich finde aber, da geht manches noch etwas durcheinander, ich versuche das mal (auch für mich) nachzusortieren: Selbstliebe vs. Selbstwertgefühl. Das hört sich so nach dem Gleichen an, ist es aber womöglich nicht.

    Ein "gesundes" Selbstwertgefühl entsteht meines Erachtens durch eine realistische Rückmeldung durch die Eltern. Ich kenne Menschen mit labilem Selbstwertgefühl, denen die Eltern nie was Positives gesagt haben – aber auch welche, die von ihren Eltern quasi angehimmelt wurden. Beides trägt nicht, denn beides sind keine realistischen, verlässlichen Rückmeldungen. Klare, verlässliche Rückmeldung ist also meiner Meinung nach gefragt, negativ wie positiv.

    Die Selbstliebe hingegen ist finde ich trickreicher, denn wo ich Selbstwertgefühl noch im Erwachsenenalter ganz gut mit Verstand und Abgleich mit äußeren Einschätzungen justieren kann, da ist das doch mit der Liebe viel schwieriger. Und diese Selbstliebe entsteht vermutlich am ehesten durch eine Elternliebe, die von der Leistung eben nicht abhängt. Und sie macht am Ende robust gegen all das, was durch Leistung, durch "Erwirtschaften" von Selbstwertgefühl nicht zu kompensieren ist: Wenn das Leben einen mit zwischenmenschlicher Enttäuschung und Verlust bombardiert, wenn die Liebe von außen ausfällt.

    Es hat mit Liebe nichts zu tun, unbegründet gute Noten zu geben. Das ist schlicht Betrug. Aber es hat mit Liebe zu tun, wenn man als Kind eine schlechte Note heimbringt, und die Eltern vermitteln können: Bub, das war jetzt echt kacke, aber unsere Liebe bringt das niemals in Gefahr.

    Und der Narzissmus? Ich bin mir unschlüssig. Ist der ein übersteigertes Selbstwertgefühl? Oder ein Konstrukt eines überkompensierten Mangels an Selbstwertgefül? Oder doch was mit Liebe, das ich in meinem obigen Gedankengang ja trenne? Ist Narzissmus nicht eher die Unfähigkeit, sich selbst zu lieben und daher im Äußeren um so mehr "gut" rüberkommen zu müssen? Das darf noch sortiert werden…

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    1. Danke für den Kommentar, Toc6!

      Ich glaube, du triffst den Nagel auf den Kopf: Weder unbegründete positive Rückmeldungen noch das Vorenthalten jeglicher positiver Rückmeldungen ist gut. Der zweite Punkt ist im Text vernachlässigt worden, denn es geht ja gerade um den ersten Punkt. Ich hoffe, dass heute wohl kaum noch Eltern so drauf sind, ihren Kindern Liebe zu verweigern. Mir schwant aber gerade, dass ich da sicher eine "peer bias" habe, denn vielleicht trifft das auf die sozialen Gruppen um mich herum zu, aber sicher nicht auf alle in unserer Gesellschaft.

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    2. Mh, "peer bias" und soziale Gruppen… ich hab nicht so die Ahnung davon, vermute aber, dass vieles auch einfach über Generationen weitergegeben wird. Zum Beispiel beim Urvertrauen, bei dem man davon ausgeht, dass es durch die verlässliche Zuwendung durch die Eltern vor allem im frühen Kindesalter entsteht. Und dann sehe ich Leute, die von sich selber sagen, sie hätten wenig Urvertrauen und zugleich: "Ach ich lass das Kind jetzt mal brüllen, das muss lernen dass das nix bringt." … und schon "vererbt" sich die Geschichte. Es gibt viele Gründe, warum Eltern ihren Kindern Liebe eher vorenthalten. Vielleicht können sie ihre Liebe auch einfach nicht zeigen, wie die Elterngeneration Kriegskinder. Urvertrauen ist leider nicht gerecht verteilt. Aber ob solche Dinge von sozialen Gruppen abhängen, weiß ich nicht.

      Aber um einen Haken zurück zu schlagen – Warum ich diese Unterscheidung so wichtig finde zwischen Selbstwertgefühl und Selbstliebe: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wenn wir (Selbst)Liebe an Leistung koppeln, dann geht das schief. Denn leisten kann ich in dieser Gesellschaft prinzipiell nie genug. Dennoch ist diese Kopplung natürlich auch wünschenswert, denn wer (Selbst)Liebe mit Leistung kompensiert, macht das potenziell bis ins Letzte, und das freut natürlich den Leistungsempfänger. Und der Betroffene wir dann nach dem Zusammenbruch eben ersetzt.

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