11. Dezember 2015

Carl Sagans 9 Punkte Quatschdetektor

Wie wir uns gegen falsche Überzeugungen schützen können

"Dein Bewusstsein ist das Zentrum
expandierender Zeitlosigkeit."

Wem das hier vorangestellte Zitat gefällt, sollte unbedingt weiter lesen... Und alle anderen bitte auch.

Immer wieder finde ich mich durch E-Mails oder Kommentare mit ziemlich aggressiven Lesermeinungen konfrontiert. Ganz besonders beliebt sind bei solchen Kommentatoren Themen wie Leben nach dem Tod und Geist ohne Körper. Dabei habe ich gar nichts gegen Argumente, die meinen Überzeugungen zuwider laufen. Im Gegenteil: es ist die Voraussetzung jeglicher Wissenserweiterung, dass wir unsere Überzeugungen hinterfragen und die falschen zurücklassen. Ich habe aber etwas gegen eine bestimmte Art von Scheinargumenten und zwar besonders dann, wenn sie auch noch aggressiv sind. In einer Studie kanadischer Psychologen und den Grundsätzen des amerikanischen Astronomen Carl Sagan habe ich jetzt einige gute Anhaltspunkte für mein Unbehagen gegenüber solchen Kommentaren gefunden.

Carl Sagan: "Nicht dumm, aber ohne das richtige Werkzeug" (Bild: Sagan Viking von JPL, Public Domain)

Nur Quatsch ist leicht konsumierbar

Psychologen der kanadischen University of Waterloo haben zeigen können, dass diejenigen, die besonders leicht an Paranormales, Verschwörungstheorien, pseudophilosophische Motivationssprüche und pseudowissenschaftliche Theorien (wie in der Esoterik) glauben, statistisch gesehen weniger intelligent sind. Besonders lustig fand ich an ihren psychologischen Tests, dass Lebensweisheiten von Esoterik-Gurus wie Deepak Chopra mit Computer generierten Sinnsprüchen gemixt wurden und Chopras "tiefsinnige" Sprüche nicht von den sinnentleerten Sprüchen des Computers unterschieden werden konnten (wer will, kann das hier auf Englisch ausprobieren). Somit klärt sich auch, woher das "Zitat" oben stammt: Aus einem Bullshit-Computer-Algorithmus.

In der erwähnten Studie zeigte sich, dass einige von uns den sogenannten "Bullshit" (Aussagen, die eindrucksvoll klingen, aber ohne Rücksicht auf die Wahrheit konstruiert wurden) nicht besonders gut von glaubwürdigen Aussagen unterscheiden können. Die Autoren halten fest:

"Teilnehmer der Studie, die empfänglicher für Bullshit sind, sind weniger reflektiert, haben geringere kognitive Fähigkeiten (z.B. verbale, logische und rechnerische Fähigkeiten), glauben eher an paranormale Phänomene und Verschwörungstheorien, sind eher religiös und favorisieren alternative Medizin." (On the reception and detection of pseudo-profound bullshit)

Nichts gegen alternative Medizin, aber irgendwie hat mich das an die Leser erinnert, die so allergisch auf jene Artikel reagieren, in denen ich zum Beispiel bezweifle, dass es einen Geist ohne Körper geben kann. Was mich wundert ist, dass diese Kommentare so aggressiv sein müssen. Ist das nicht eher ein Indiz dafür, dass bei der kommentierenden Person etwas anderes als der Wille zur Wahrheit im Vordergrund steht? Ist es vielleicht der Wille, um alles in der Welt die eigenen Überzeugungen nicht hinterfragen zu müssen? Haben sie Angst davor, dass wir mit solchen Aussagen noch das letzte "Geheimnis des Seins" aus unserer Welt verbannen und ihnen somit das letzte Fitzelchen Sinnhaftigkeit genommen wird? Das ist eine verständliche Angst.

Aber ich denke, dass es auch ohne Magie, Leben nach dem Tod und entleibte Geister eine Menge Sinnhaftes in unserer Welt gibt. Sei es in den vielen ungeklärten Phänomenen unseres Universums, sei es in unserer eigenen Psyche, in der Liebe, der Kunst und Literatur. Das Problem mit dieser Art von Sinnhaftigkeit mag sein, dass sie schwieriger zu erarbeiten ist. Aber ein esoterisches Zitat wie "Dein Bewusstsein ist das Zentrum expandierender Zeitlosigkeit" ist eben keine Weisheit, kein Geheimnis, sondern eine Aneinanderreihung von irgendwie tief klingenden Wörtern. Das ist leicht zu konsumieren, man muss sich nicht anstrengen, das zu verstehen (es gibt daran schlicht nichts zu verstehen) und man kann es toll auf Facebook teilen. Im Grunde ist es - wie vieles, was leicht konsumierbar ist - absoluter Quatsch. Wie können wir uns gegen solchen Nonsense wehren?

Der 9 Punkte Quatschdetektor

Der 1996 verstorbene Wissenschaftler Carl Sagan (Astronom, Astrophysiker, Exobiologe), ein Verfechter der gesunden Skepsis bei gleichzeitiger Offenheit gegenüber den bisher nicht erklärten Dingen, meinte hingegen, unsere Neigung, an Quatsch und Fiktionen zu glauben, mache uns nicht zu dummen oder schlechten Menschen, sondern sie zeige einfach, wie wichtig es ist, dass wir uns mit den richtigen Werkzeugen gegen solche falschen Überzeugungen ausstatten müssten. Und er hat uns  in seinem Buch Der Drache in meiner Garage. Oder die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven gleich einen wissenschafts- und zum Teil alltagstauglichen Werkzeugkasten dafür mitgeliefert. Hier sind Carl Sagans neun Tests aus seinem "Quatsch-Erkennungs-Werkzeugkasten", mit denen wir Esoterik, Pseudowissenschaft und Verschwörungstheorien entlarven können:

  1. Wenn möglich muss es eine vom Behauptenden unabhängige Bestätigung der behaupteten "Fakten" geben.
  2. Eine substantielle Debatte der kundigen Vertreter aller Positionen muss gefördert werden (d.h. wenn immer jemand - ein Guru z.B. - das zu unterbinden versucht, ist Vorsicht angesagt).
  3. Argumente, die sich nur auf die Autorität des Behauptenden berufen sind zweifelhaft. Auf dem Gebiet des Wissens gibt es keine Autoritäten, sondern nur Experten.
  4. Untersuche mehr als nur eine Hypothese, schau dir alle möglichen Erklärungen an und versuche sie alle (besonders deine Lieblings-Hypothese) zu widerlegen. Die Hypothesen, die übrigbleiben, haben die besten Chancen zur richtigen Antwort zu werden.
  5. Verlieb dich nicht in eine Hypothese, weil sie von dir ist. Frag dich, warum eine Hypothese dir besonders gefällt und versuche Gründe zu finden, die gegen sie sprechen.
  6. Alles, was vage und "qualitativ" (im Gegensatz zu quantitativ) ist, kann durch alles mögliche erklärt werden. Versuche, deine Hypothese mit Zahlen und harten Fakten zu belegen.
  7. Wenn es eine Argumentationskette gibt, dann muss jedes Kettenglied funktionieren (inklusive der Prämisse) und nicht nur die meisten.
  8. Occam’s Razor: "Steht man vor der Wahl mehrerer möglicher Erklärungen für dasselbe Phänomen, soll man diejenige bevorzugen, die mit der geringsten Anzahl an Hypothesen auskommt und somit die 'einfachste' Theorie darstellt." 
  9. Stell sicher, dass das Gegenteil deiner Hypothese wenigstens prinzipiell gezeigt werden kann. Aussagen, die gegen Widerlegung immun sind, sind nicht viel wert. (Z.B. sagen Verschwörungstheoretiker ihren Skeptikern gegenüber, dass sie ohnehin zu naiv sind, um ihre Argumente zu verstehen, mit anderen Worten, eine Widerlegung ihrer Thesen ist von vornherein ausgeschlossen, weil nur sie selbst und ihre Anhänger den nötigen geistigen Zustand einnehmen können.)

Diese Werkzeuge kommen aus den Naturwissenschaften und sind so nicht alle im Alltag anwendbar, aber wenn man sich vielleicht drei bis vier Grundsätze zu eigen macht - etwa 1., 3., 4. und 8. - dann kann man mit großer Wahrscheinlichkeit den Verschwörungstheorien, esoterischen Motivationssprüchen und pseudowissenschaftlichen Theorien aus dem Wege gehen, die uns über kurz oder lang eben doch verblöden und zu dummen Menschen machen. Und wenn ihr gern aggressiv gegen jeden wettert, der eine andere Meinung hat und euch zu anstrengendem Denken auffordert, dann sagt einfach vor euch hin: "Mein Bewusstsein ist das Zentrum expandierender Zeitlosigkeit." Das hilft beim Runterkommen.


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