29. November 2015

Wie wir den Tod (nicht) überleben


Das eigene Ableben und das unserer Mitmenschen

Wir haben Todesangst, das gehört zum Menschsein dazu. Aber ängstigen wir uns vielleicht vor dem falschen Tod, dem eigenen? Es dürfte kaum überraschen, dass die Unsterblichkeit der Seele, die Wiedergeburt oder ein Weiterleben in Himmel und Hölle zu den Top 3 der ewigen Fragen der Menschheit gehören (zusammen mit "Gibt es einen Gott?" und "Wo muss ich drücken oder ziehen, damit diese Scheißverpackung aufgeht?"). Es scheint so, als hätten wir uns intellektuell damit abgefunden, dass unser Erleben (fühlen, denken, ängstigen, hoffen) zusammen mit unserem Körper seinen Geist aufgibt, dass wir also nach dem Tod nicht weiterleben, sondern in eine totale kognitive Finsternis eintreten, vergleichbar höchstens mit einem ganz tiefen Schlaf oder einer Vollnarkose. Das kann zwar ein tröstender Gedanke sein, aber offenbar reicht er uns nicht, denn wir können unsere Abwesenheit schlicht nicht denken.

Die allermeisten Menschen, die je gelebt haben, sind heute tot
Catacombes De Paris von Albany Tim (CC BY 2.0)

Was von uns bleibt

Die moderne Erkenntnis, dass Körper und Geist nicht getrennt voneinander zu haben sind und ein Erleben nach dem Tode daher nicht möglich ist, hat uns zwar so wie der "Tod Gottes" ernüchtert, aber sie hält uns nicht davon ab, nach Schlupflöchern des Weiterlebens nach dem Tod zu suchen. So zum Beispiel im neuen Philosophie Magazin mit dem Titel Gibt es einen guten Tod? Auf die Frage, was von uns bleibt, gibt der aufgeklärte und von "religiösen Phantasmen" freie Autor drei mögliche Antworten:

  1. Ewige Energie: Energetisch sind wir unsterblich, denn wie schon seit Helmholtz' Energieerhaltungssatz klar ist, kann Energie nicht verloren gehen. Vielmehr wird sie ständig umgewandelt, z.B. von kinetischer Energie in Wärme und Licht (z.B. im Dynamo) oder von Kalorien in Bewegung (kinetische Energie), Wärme und elektrische Impulse (z.B. im laufenden und denkenden Menschen). Wenn der Mensch nun aufhört zu laufen und zu denken, sich niederlegt und stirbt, dann wird auch seine Energie auf vielfältige Weise (z.B. durch Zersetzungsprozesse) umgewandelt und an die Umwelt abgegeben. Aber ist es ein Trost, zu wissen, dass unsere Energie in Tieren und Pflanzen weiter existiert? Würden wir das ein Leben nach dem Tod nennen?
  2. Unsere Kinder: Für Richard Dawkins sind unsere Körper lediglich die Überlebensmaschinen, die unsere Gene benötigen, um sich zu teilen. Einige erfolgreiche Gensequenzen werden identisch in unseren Kinder weiterleben und somit ein Stück von uns. Man könnte also sagen, dass so eine Gensequenz, die besonders erfolgreich war und weiterlebt, ein wesentlicher Teil von mir ist, der mich zu überleben vermag. 
  3. Das Denken: Für Philosophen wie René Descartes und später den Zeichentheoretiker Charles Sanders Peirce ist das, was den Menschen ausmacht, sein Denken. Anders als bei Descartes ist das Denken bei Peirce jedoch keine Substanz (res cogitans), die dem Körper (res extensa) entgegenstünde, sondern ein fortlaufender Zeichenprozess. Wenn wir uns also wesentlich als Teile eines Denk- und Sprachprozesses verstehen, dann gibt es hier die Hoffnung, dass wir im unendlich fortgeschriebenen Zeichenprozess weiterleben, wenn wir zu Lebzeiten zu ihm beitragen.

Fühlen wir uns jetzt ein bisschen besser? Tröstet uns das über den Tod hinweg? Nein. Und warum nicht? Weil es uns nicht darum geht, dass "etwas" von uns überlebt, sei es Energie, ein Stückchen DNA oder Wörter und Gedanken. Es geht uns darum, dass wir jeweils als ein Ich überleben. Selbst in Daniel Horns experimenteller Philosophie von der Unsterblichkeit der Sterblichen, in der wir als radikal neue Ich-Entwürfe in der Zukunft wiedergeboren werden können, fehlt aufgrund der Benommenheit, dem Fehlen jeglicher Erinnerung, die personale Konstanz. Was alle die genannten Ansätze ausklammern müssen, ist das Wesentliche eines als fortdauernd sich selbst verstehenden Individuums: das Erleben von etwas, das Fühlen, die Qualität des Gegenwärtigen oder ganz konkret die Sensationen, das Prickeln auf der Haut, der Geschmack im Mund, das Gefühl der Luft in den Lungen, ein schüttelnder Orgasmus, Sehnsucht, Freude. Die genannten Philosophen sind in ihren Ansätzen völlig verkopft, während das Leben zwischen Fußsohle, Bauch und Haarspitzen stattfindet. Ich fürchte, wir müssen uns mit der kognitiven Finsternis abfinden oder doch in die Magie flüchten, wenn wir partout nicht auf ein Weitererleben verzichten möchten.

Ich selber halte es mit Mark Twain, der gesagt hat, dass er kein bisschen darunter gelitten hatte, Milliarden Jahre lang nicht geboren worden zu sein. Nichts hat uns gefehlt und es war auch nicht unangenehm, als wir noch tot waren. In diesen Zustand der Schmerz- Freud- und Begierdelosigkeit - so stelle ich mir das vor - werden wir einfach wieder übergehen. Die kognitive Finsternis als absoluter Frieden, als die Versöhnung mit der Welt, egal wie sehr wir uns zuvor geplagt haben mögen.

Trauer oder was von den Anderen bleibt

Das bringt uns noch auf ein anderes Thema: Der eigene Tod hat im Grunde keine große Tragik, wenn man wie Twain oder Epikur rangeht. Der Tod der Anderen ist eine ganz andere Sache. Stellen wir uns vor, ein Kind wurde nicht geboren. Und stellen wir uns dann vor, es wurde als unser Kind geboren und musste dann als Kind sterben. Das ist ganz klar nicht dasselbe. Dass ein Kind stirbt, ist hinterher für uns etwas ganz anderes, als wenn es nie geboren wurde. Der Literaturwissenschaftler Philippe Forest schreibt im Philosophie Magazin über den Tod seiner vierjährigen Tochter. Er selbst bezeichnet sich als untröstlich und als jemanden, der gegen den Tod als sinnlosen Skandal ein Leben lang aufbegehren wird:

Ob man selbst stirbt oder ein anderer stirbt, das sind zwei ganz unterschiedliche Erfahrungen, zwischen denen eigentlich keine Beziehung besteht. Ich bewundere Epikur, für seine Kraft, wenn er sagt: "Der Tod ist nichts", denn Epikur spricht hier ja von seinem eigenen Tod. (...) Ich kann mir durchaus vorstellen, meine eigene Sterblichkeit zu akzeptieren, niemals jedoch die meiner Mitmenschen. (Philosophie Magazin Nr. 1 / 2016, S. 57)

Die Kluft zwischen Individuum und Spezies ist, wo wir selbst zum Menschen werden. Täglich sterben Kinder auf die sinnloseste und grausamste Art. Und wir wissen das, ohne dass wir auch nur eine Minute um unseren Schlaf gebracht werden. Stirbt jedoch unser Kind, dann ist das eine Tragödie, über die wir nie hinweg kommen werden. Dieser Schmerz findet täglich statt und er fand immer statt und er wird nie aufhören. Er ist für uns als Spezies ganz normal und für uns als Individuen ein grausamer Skandal, den wir nie akzeptieren können. Dabei ist es eine sehr moderne Entwicklung, dass wir nur wenige Kinder in die Welt setzen, diese uns dafür aber überleben. Noch vor hundert Jahren war es eher die Regel, dass die meisten Kinder als Säuglinge starben.

Der Philosoph Thomas Macho sagt im Philosophie Magazin, dass das Wesentliche am Tod der Anderen der Abbruch der Kommunikation zu ihnen ist. Schon deshalb muss uns der Tod eines vierjährigen Kindes härter treffen, als der eines Säuglings oder der all der uns fremden Kinder, mit denen wir nie kommuniziert haben. Wenn alte Menschen sterben, unsere Eltern oder Großeltern zum Beispiel, mit denen wir oft eine lange Kommunikationshistorie haben, sind wir eher bereit, das als Lauf der Dinge hinzunehmen. Trotzdem: Das Unverständliche und nicht Diskutierbare an der plötzlichen Nichtexistenz eines Menschen, der immer da war, bleibt und reißt uns aus den gewohnten Sinnzusammenhängen.

Mit Epikur können wir also einerseits sagen: "Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr" (Brief an Menoikeus, 125). Darüber hinaus ist es so, dass der eigene Tod unser Denken in Widersprüche führen muss, weil dieses Denken an uns als Subjekt gebunden ist und von unserer personalen Identität gerade als selbsterfahrene Kontinuität im Denken nicht absehen kann.

Der eigene Tod ist also nichts für uns. Andererseits ist der Tod der anderen die große Herausforderung in unserem Leben. Wie wäre es damit, dass wir uns weniger um den eigenen Tod sorgen, anstatt um die Menschen, die wir um uns haben und die wir eines Tages vielleicht unsäglich vermissen werden. Ein reiches gemeinsames Erleben schafft den furchtbaren Skandal des Todes nicht aus der Welt, aber es kann uns trösten zu wissen, dass wir etwas Schönes aus der kurzen zeitlichen Überschneidung unserer Existenzen gemacht haben.



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Kommentare:

  1. In sozialen Netzwerken würde ich nur ein (y) geben, hier verleite ich mich hingegen zu einem Beitrag in einem Satz: eine wirklich treffliche Zusammenfassung (mit 2 Ausrufezeichen)!!

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    1. Ein "y" wie "Why??"?

      Danke jedenfalls für das Kompliment :)

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    2. Das " (y) " steht für den Daumen hoch, das "Gefällt mir" (zumindest im 'soz. Netzw. FB". ;-)

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  2. Auf Facebook ein Y setzen für den Daumen hoch? Das finde ich wirklich witzig. Also dieser fest installierte Button mit dem Daumen hoch, den übersehe selbst ich nicht. Warum dann ein Y??
    Im Sterben oder Tod kann ich nur das Traurige darin erkennen, dass es für mich das Abschiednehmen, die Trennung von den Geschichten und Personen ist. Ich meine damit aber eher die "Lebensleichen" Wenn ich das Gefühl hatte, da ist ein enges Band zerrissen. Manchmal scheint es mir so, ein Knall ohne Vorzeichen. Keiner wird je mehr vom anderen etwas wissen können, weil so gewollt. "Wie gewonnen so zerronnen." Da verrennt man sich in eine geniale Welt, aber hat nicht bemerkt, dass Welten dazwischen lagen. Manchmal erscheint mir das fast wie vorgezeichnet. Es wäre schön, wenn man die Dinge mit Gewissheit immer auch rückwärts versteht. Aber wenn es sich vorwärts ganz anders entwickelt, ja dann hat man noch ein Glück, wenn das Vorwärts zwar in eine andere Richtung geht, aber auch dieses ganz andere Vorwärts sich dennoch irgendwie überraschend gut anfühlt. Das Alte musste man zurücklassen und das Neue ist auch gar nicht schlecht - ein Glücksfall eigentlich. Man macht das wieder heil, was kaputt war, aber an einer anderen Stelle. Nur bleibt es vom Verstand her einfach nicht erklärbar. Das Geheimnis dieser für mich eigenartigen Lebensströme, auf die man beim besten Willen keinen Einfluss hatte. So dass es mir fast scheint, dass mein Leben vorbestimmt ist von irgend wo her. Ich war aber oft schon auch sehr wütend auf Personen, so wütend, dass ich Momente hatte, wo ich tatsächlich dachte, also auf diese Person könnte ich bis auf weiteres verzichten. Vermissen würde ich gar nichts. Und als dann tatsächlich eine Befürchtung einsetzte, dass etwas passiert sein könnte, die Erkenntnis gleichzeitig, dass mir diese Person wichtig ist. Der Tod im traurigsten Sinne ist für mich die Trennung für immer, ein Band das für immer zerbrochen ist. Wenn ein Gefühl zurück bleibt, jetzt ist es völlig aus. Manchmal könnte ich auch meinen, dass die Gene identisch sind mit den Gefühlen. Man spricht ja auch von den Bindungsgenen. Eigenschaften und Gefühle, die so stark ausgeprägt sind, die man mit Eltern oder Freunden so intensiv verwirklicht und geliebt hat, dass sie wie eingemeißelt sind in meine Natur und mich unmerklich doch begleiten. Vielleicht ist das ja die Libido. An ein absolutes Nichts als Tod kann ich nicht glauben. Es übersteigt meine Vorstellungskraft. Wohl gibt es Zustände, da ist das Leben während des Lebens wie eingefroren, gefühlt wie eine Totenstarre, nichts geht mehr vorwärts. Dann ist es eine Depression. Aber das kann doch nur vorübergehend sein, denn auf die Depression folgt im natürlichen Sinn wieder ein neuer Zustand. Also gar nichts mehr zu fühlen, das wäre der absolute Tod, ein nicht spüren des Lebenswillens und eines Sinns, gefühlt für die Zukunft oder geschöpft aus der Vergangenheit. Die Bedeutung in der Bedeutungslosigkeit zu empfinden. Das ist schrecklich. Aber ein Dauerleiden und die schrecklichsten Schmerzen, da kann der Tod eine Erlösung sein. Kann eine sein, muss aber nicht. Nach dem Tod, glaube ich, geht es weiter in einer anderen Lebensform. Das Leben ist zu kurz, da kann es nicht sein, dass man die Versäumnisse und Fehler nicht in einer neuen Form wieder aufnimmt und was Neues draus wird. Man hat eigentlich niemals die Macht oder die Verfügungsgewalt. Es gibt immer Einflüsse, die man nicht wissen kann. Sonst wäre die Lebensgeschichte von mir selbst bis ins Detail berechnet. Wie eine Leere, denn Erfahrungen sind überflüssig, weil die Rechnung schon abgeschlossen ist. Wozu dann alles? Dann könnte man ja auch gleich sofort sterben. Interessant ist für mich, dass diese Ungereimtheiten mich ungemein reizen, die in meiner Lebensgeschichte für mich nicht offensichtlich sind. Was für mich momentan eine Tatsache ist, ist diese: Dass mich andere Personen, da bin ich mir sicher, ganz anders sehen und einschätzen, wie ich mich selbst einschätze. Und anders herum genauso. Das sind diese verflixten Projektionen. Ein toller Begriff.

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  3. Es gibt ein Leben im Diesseits und im Jenseits, die alten Schriften sprechen zur Genüge davon, nur unsere materialistische Gesellschaft meint, es kein Jenseits gibt, man die Seele ja nicht sieht, also gibt es sie nicht. Die Philosophie müsste sich grundsätzlich mit dem Tod beschäftigen, nur, die Philosophie glaubt seit der Aufklärung, nur an das, was man sieht, sie ist heute nur noch materialistisch orientiert, ein Armutszeugnis für die Philosophie, sie einem Seelenleben nichts mehr anzufangen weiß, leider.

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    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar, Herr Notz!

      Ich kann Ihre Diagnose zur Philosophie jedoch nicht unwidersprochen lassen. Denn viele Philosophen sind eher Agnostiker, d.h. sie maßen sich gar nicht an zu behaupten, es gäbe das nicht oder es gäbe jenes nicht. Das gilt auch für Gott oder ein Leben nach dem Tod. Agnostiker sagen, dass sie weder das eine noch das andere glauben, solange es dafür keine Gewissheit gibt. Es besteht darüber große Einigkeit, dass man die Existenz oder Nichtexistenz Gottes nicht streng beweisen kann. Es gab in der langen Philosophiegeschichte nicht einen einzigen Gottesbeweis, den man als solchen gelten lassen konnte. Auch, dass alte Schriften davon zur Genüge sprechen, ist kein Beweis. Es gibt auch alte Schriften von Schneewittchen und den sieben Zwergen, ohne dass wir daraus ableiten können, dass es sich um Fakten handelt.

      Ich selbst kann mir im Moment nicht vorstellen, dass es ein Jenseits, ein Leben nach dem Tod oder einen Gott gibt. Aber das heißt nicht, dass ich anderen deswegen ihren Glauben nehmen möchte.

      Womit Sie jedoch ganz und gar Unrecht haben, ist mit ihrer Behauptung, die Philosophie wisse mit einem Seelenleben nichts mehr anzufangen. Das Gegenteil ist der Fall: Im Grunde kommt die Philosophie aus der Frage nach der Seele. Was ist das Ich, das Bewusstsein, die Psyche und wie können wir ein gutes Leben führen, eines das die Seele zumindest im Diesseits beflügelt. Sehen Sie sich nur in meinem Blog um, dort geht es überall um die Psyche und das gute Leben. Inwiefern ist das ein Armutszeugnis?

      Mit besten Grüßen,

      Gilbert Dietrich

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